Stiller Taxi-Alarm

… und wie das mit der Öffentlichkeitsarbeit richtig geht.

Ein paar eher ernste oder sachliche Themen fristen bei mir eher ein Schattendasein im Blog. Einfach, weil’s mich im Alltag wenig betrifft. Das ist auch beim stillen Alarm in Taxis der Fall. Den erwähne ich vor allem in den FAQ, ansonsten eher nicht. Ich selbst habe weder damals in der 1925, noch jetzt in der 72 einen solchen Alarm gehabt. Natürlich bin ich mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Alarm ausgestattet, aber das ist eben jener „nicht ganz so stille“, der aus dem Auto einen halben Rummelplatz macht, weil alles blinkt und blökt, was nur geht.

Nun bekam ich letzte Woche eine nette aber fast schon panische Mail von der Machermama.

Sie schilderte mir etwas, was so vielen passieren könnte: Sie sah ein Taxi, an dessen Schild rote LEDs blinkten, wunderte sich und fuhr weiter. Erst beim Googeln am Abend erfuhr sie dann, dass dies besagter stiller Alarm ist und hatte nun Angst, einen Fehler gemacht zu haben, weil sie niemanden informiert hatte.

So weit, so doof. Anscheinend ist aber nichts passiert. Und die Gewissensbisse hab ich zumindest mal versucht zu nehmen, denn in der Tat ist es ja so, dass die Alarmknöpfe im Taxi auf gute Bedienbarkeit ausgelegt sind, so dass fälschliches Aktivieren durchaus oft vorkommt, wahrscheinlich wesentlich öfter als der Ernstfall. Dennoch: Wenn man ein Taxi mit rot blinkenden Lichtern auf dem Dach sieht, sollte man die Polizei rufen und mitteilen, wohin das Taxi gefahren ist – oder fährt, man kann ja vorsichtig hinterher, falls man gerade selbst motorisiert ist.

Das hätte es schon gewesen sein können und ich persönlich hab mich vor allem gefreut, jemandem diese Infos geben zu können. Aber es ging noch weiter! Bereits wenige Tage später bekam ich wieder eine Mail von Machermama und sie berichtete, dass sie just jetzt wieder ein Taxi mit Alarm gesehen hätte und es der Polizei gemeldet hätte. Sogar den Nervenverschleiß durch eine „Verfolgungsjagd“ hat sie auf sich genommen und die Polizei, die das umgehend ernst nahm, von unterwegs zielsicher zum Taxi lotsen können, wo es dann gestoppt wurde. Glücklicherweise war es wohl wieder nur ein Fehlalarm. Puh!

Die Ereignisse vermutlich noch nicht ganz verdaut, postete Machermama bei Facebook einen Hinweis auf diesen weithin unbekannten Alarm. Und wurde geradezu überrollt. Fast 30.000 Leute haben die Meldung bislang geteilt, es dürften also nun etliche Menschen mehr Bescheid wissen, was diese komischen Lichter bedeuten. Selbst die üblichen Fake-Warn-Seiten für Facebook haben inzwischen bestätigen müssen, dass das nicht bloß eine blöde Masche war, Likes zu generieren, sondern dass was dran ist an diesem ominösen Taxi-Alarm.  Das hätte ich mit GNIT vermutlich nie geschafft. Deswegen – vermutlich im Namen aller Kollegen – ein Danke an Machermama für ihren Einsatz!

Und Ihr, liebe Leser, wisst jetzt auch Bescheid. Rot blinkende LEDs am Taxischild sind ein Alarm! Ruft die Polizei! Bleibt gerne in der Nähe, aber seid auch nicht vorschnell übermütig! Was im Taxi genau passiert, kann man von außen oft nicht sehen, also überlasst das den Spezialisten! Natürlich kann das ein Fehlalarm sein, aber wie das Beispiel von Machermama eben auch zeigt: Niemand nimmt Euch den Notruf übel und vielleicht helft Ihr mit dem Anruf einem Taxifahrer, der ganz alleine in seinem Auto sitzt und einer wie auch immer gearteten Bedrohung ausgesetzt ist. Wir schalten diesen Alarm nicht zum Spaß ein.

Also teilt den Facebook-Eintrag von Machermama ruhig weiter oder tut das mit diesem hier. Jeder, der sich das mit dem Alarm merkt, kann vielleicht  mal zufällig ein Leben retten. Das sollte Motivation genug sein.


PS: Wie in den Kommentaren angemerkt und von mir blöderweise vergessen: Es gibt auch stillen Alarm, der die Taxifackel als ganzes blinken lässt, ohne rote LEDs. Die Bedeutung ist die selbe. Und ja: einige Alarmanlagen informieren auch von sich aus die Polizei oder die Zentrale. Aber eben nicht alle.

„Gegen die Vorschrift“

Manche Piepmätze des Nachtlebens tauchen ja auch immer im richtigen Moment auf. Ich hatte um 1:20 Uhr beschlossen, mich nicht ans Berghain zu stellen. Sicher, da kommt man weg. Aber um die Uhrzeit fast nur mit kurzen Touren zu den umliegenden Clubs. Die Leute, die nicht reingelassen wurden eben. Also bin ich zum Ostbahnhof, wo reger Publikumsverkehr war und 6 Autos vor mir. Dauert vielleicht etwas länger als die halbe Stunde am Berghain, aber dafür hatte ich wenigstens eine reelle Chance, mit einer längeren Fahrt wegzukommen. Nun ja.

Die Zeit verging und es sind tatsächlich einige Kollegen weggekommen. Sogar deutlich mehr als sechs, ein guter Teil aber eben hinter mir. Und nun stand ich schon eine geschlagene Stunde dort. Es war nasskalt, alles irgendwie bäh. Aber um eine zu rauchen, bin ich dann doch kurz ausgestiegen. Den Motor hab ich in diesem Moment laufen lassen. Die Kiste war langsam ausgekühlt, ein wenig Nachheizen konnte nicht schaden. Und im Gegensatz zur E-Klasse hat mein Auto keine Restwärmeschaltung. Mal davon abgesehen, dass selbst die Kollegen um mich rum ihre Kisten haben vor sich hintuckern lassen.

Kaum dass ich den ersten Zug meiner Zigarette nahm, steuerte ein einsamer Polizist auf mich zu. Er tat sich zunächst etwas schwer, fuhr mich dann aber barsch von der Seite an:

„Das ist im Übrigen gegen die Vorschrift, den Motor im Stand laufen zu lassen!“

Während ich ihn sicher nicht sehr begeistert angesehen hab, hab ich fieberhaft überlegt, welche Vorschrift er genau meint. Sicher, irgendwas gab’s da bestimmt, aber meine Fresse: Hier kotzten die Leute auf die Straße, pöbelten und randalierten und der muss mich blöd anlabern, weil ich als einziger in seiner Reichweite stehe und er zufällig bei meinem Auto die Abgase sehen kann, weil sie auf seiner Seite unter dem Auto rauskommen …

Und er wollte es scheinbar wirklich wissen:

„Ich meine, echt jetzt! Warum muss denn bitte Ihr Motor laufen, wenn Sie draußen stehen und eine rauchen!?“

Ich kenne das leider. Der wollte sich jetzt unbedingt aufspielen. Die Frage hätte man auch einfach freundlich stellen können, aber nein. Schlechten Tag gehabt, Mami hat wieder Leberwurst auf die Stulle geschmiert und da steht so’n Taxifahrer, der sicher vor Uniformen kuscht.

Ich hab mich ganz lässig und gelangweilt aufs Autodach gelehnt, mit einer hochgezogenen Augenbraue zu ihm runtergesehen und gefragt:

„Zum Heizen? Wird auf Dauer leider etwas kalt.“

Und dann ist Papa Schlumpf mit hochgezogener Nase, aber sichtbar verunsichert, weil ihm nix mehr eingefallen ist, davonmarschiert. Ich war in der Versuchung, ihn nochmal nach den Vorschriften zu fragen, aber ich konnte mich beherrschen.

Hey, seine Frage war ok. Es ist ja auch Blödsinn, Sprit für nix und wieder nix rauszuballern, da kann man sich gerne drüber unterhalten. Aber kein besoffener Jugendlicher ist mir in den letzten zwei Monaten so verächtlich und nervig dahergekommen wie diese Flitzpiepe, das muss dann ja wohl auch nicht sein!

Und ICH mach mir Sorgen, dass ich anderen mal auf die Nerven gehe, wenn ich frustriert bin …

Schnell-Reparaturen

*Klack. Klack. Klackklackklack!*

„Oh, haben Sie das richtige? Viele nehmen das falsche, das passt nicht.“

Die Gurtschlösser! In vielen Punkten mag ich mein Auto wirklich sehr und ich verteidige es hier und da gerne mal gegen allzu fiese Angriffe. Aber bei den Gurtschlössern hat Opel Scheiße ohnegleichen gebaut. Das heißt: Die Schlösser selbst mögen an und für sich ganz gut sein und sie entsprechen bestimmt allen Sicherheitsanforderungen. Aber die Plastikummantelung der Teile ist derart billig, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% irgendwann bricht. 100%.

Das zumindest sagen die anekdotischen Daten. Inzwischen umwickelt unser Firmenschrauber die Teile nämlich gleich nach dem Kauf des Autos mit reißfester Folie. Das sieht sogar viel professioneller aus als es sich anhört und es ist bitter notwendig, denn bisher haben die Teile noch in jedem Zafira klein bei gegeben.

Das Problem dabei ist, dass sobald sich die Ummantelung leicht lockert, das Schloss selbst tiefer hinein rutscht und nicht mehr benutzt werden kann. Obwohl es für sich gesehen intakt ist und die Sicherheit keineswegs gefährdet ist. Aber man kommt schlicht nicht mehr ran und kann da auch mal eben so nicht viel ändern. Und mein erster Fahrgast gestern Abend stellt mal eben fest, dass gleich zwei der Gurtschlösser dementsprechend lädiert waren. 🙁

Nun kann man natürlich theoretisch durch Sitzplatztetris die Fahrgäste ggf. anders im Auto verteilen, aber lustig fand ich die Idee nicht. In der Firma war ausnahmsweise mal niemand zu erreichen und ich hatte nun den Salat. Zu Hause hab ich zuerst mit einem Schraubenzieher rumhantiert; am Ende hat Ozie, mit Gaffa-Tape und Cutter bewaffnet, fast im Alleingang kurz mal für eine fast perfekte Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand* gesorgt. Die Order, dass das heute auch nochmal richtig gemacht werden soll, ist schon raus. Und ich konnte wenigstens noch ein paar (leider viel zu wenige) Kunden einsammeln gestern.

Manchmal braucht’s dann eben doch ein wenig Fingerspitzengefühl als Taxifahrer. Und Gaffa-Tape sowieso, das ist ja klar.

*es war ein kleiner Traum von mir, die Formulierung mal jenseits von juristischen Texten zu verwenden. 😉

Südost rulez!

Ich hab’s ja nun wirklich nicht mit Lokalpatriotismus, aber es ist witzig zu sehen, dass an den letzten beiden Donnerstagen jeweils eine Fahrt vom Ostbahnhof in den tiefsten Südosten Berlins mir die Schicht gerettet hat. Und hey, wir haben Januar, da muss man sich seine Schicht gelegentlich von einzelnen Touren retten lassen!

Vor nicht einmal 48 Stunden war es eine nette Frau, die mich damit überraschte, nach Rahnsdorf zu wollen. Nachdem sich anfangs eher ein bisschen unangenehmes Schweigen im Taxi ausbreitete, haben wir dann doch mit unbekannten Berliner Stadtteilen und den Tücken von Navis ein Thema gefunden, das zwar ein wenig absurd für Außenstehende anmutet, zwischen Fahrer und Fahrgast aber durchaus mal vorkommt. Die Tour endete mit 34,60 € auf der Uhr – ein Betrag, den mancher Kollege in der Nacht in 5 Stunden auf der Straße nicht zusammengefahren hat. Das aber war nicht alles. Ohne irgendeinen Anflug von Unsicherheit wurde mir ein Fünfziger gereicht mit der Bitte, doch 8 € rauszugeben. Ein Aufrunden auf 40 € wäre schon weit überdurchschnittlich gewesen, nochmal ein Zweier mehr war aber völlig jenseits jeder Erwartung. Vielen Dank dafür!

Fast punktgenau den gleichen Betrag brachte die Tour eine Woche zuvor nach Müggelheim: 34,40 €. Wie die andere somit irgendwo in den Top-10% meiner Fahrten, würde ich sagen. Die Kundschaft war ein Ehepaar, irgendwo zwischen 50 und 65 Jahren. Außer der Länge war an der Tour nichts spektakuläres, abgesehen davon vielleicht, dass ich nach Vollendung kurz eine Pause am Müggelsee gemacht hab, um ein wenig den etwas dunkleren Sternenhimmel dort draußen bei einer Zigarette zu genießen.
Unterhalten haben wir uns wohl, aber im Gegensatz zur ein oder anderen Party-Besatzung am Wochenende konnte man das gerade als absolute 08/15-Dienstleistung abtun, ohne besondere Sympathien oder dergleichen. Umso überraschter war ich, als mir am Ende der bei dieser Fahrtlänge ja völlig normale Fünfziger gereicht wurde, dieses Mal sogar mit der Bemerkung „Stimmt so.“.

0.o WTF?

Das sind Größenordnungen, die ich sonst fast ausschließlich von Lesern oder – ohne da einen Zusammenhang konstruieren zu wollen – völlig unzurechnungsfähigen Gestalten gewöhnt bin. Und „gewöhnt“ meint auch hier nur „kommt mal vor“.

Meinetwegen könnte man daraus gerne eine Serie machen. Jetzt bin ich aber erst mal gespannt, ob die anderen Ecken der Stadt das vielleicht aufholen wollen. 😉

Mindestlohn im Taxigewerbe

Da hat sich die Tage also die werte Frau Hasselfeldt aus der CSU zu Wort gemeldet und Taxifahrer mit dem seltsamen Argument, sie bekämen keine Stundenlöhne, auf eine Stufe mit Ehrenamtlichen gestellt. Um damit zu suggerieren, ein Mindestlohn im Taxigewerbe würde nicht funktionieren. Das ist natürlich Blödsinn. Zum einen arbeiten in vielen Orten Deutschlands Taxifahrer nach fixen Stundenlöhnen, zum anderen sind wir nicht die einzige Branche, die erfolgsbasierte Bezahlung kennt. Was Taxifahrer indes recht einzigartig macht, ist der Anteil der Beschäftigten, der im Niedriglohnbereich arbeitet (siehe z.B. hier). Da schlagen wir sogar die gerne ins Feld geführten Frisöre.
Dass unser Umsatz schwankt, ist ebenso inhaltsleere Ablenkung, denn das trifft selbstverständlich auch auf den Handel in all seinen Formen und so gut wie jede andere Dienstleistung zu. Dass sich bei der Bezahlung im Taxigewerbe unbedingt was ändern muss, ist seit Jahren klar, schließlich fahr ich im Januar gerne mal mit einem errechneten Stundenlohn von 4 € nach Hause. Unbegreiflich, dass ausgerechnet die Taxifahrer bei einem Mindestlohn ausgeklammert werden könnten!

Was bloß ist an der Vorstellung, wir könnten fair entlohnt werden, so absurd? Geht da tatsächlich gleich das Abendland unter?

Die folgenden Betrachtungen beziehen sich hauptsächlich auf die Berliner Verhältnisse, gelten teilweise aber auch anderswo.

1. ALLGEMEINES

1.1. Wenn der Mindestlohn keine Folgen hätte, würde er ja nix bringen.

Man muss natürlich der Tatsache ins Auge sehen, dass der in Berlin erwirtschaftete Umsatz sicher nicht reichen wird, wie bisher 10.000, dann aber besser bezahlte Taxifahrer zu beschäftigen. Völlig erfolglose Fahrer werden vermutlich ein Kündigungsschreiben kriegen, andere vielleicht die Auflage, zu unlukrativen Zeiten nicht mehr rauszufahren. Die Frage ist am Ende doch aber, ob es wirklich besser ist, ca. 10.000 Jobs mit überwiegend beschissenem Einkommen zu tolerieren, als 7.000 zu gesellschaftlich als akzeptabel eingeordneten Bedingungen zu schaffen. Auch nicht vergessen sollte man hier die Tatsache, dass der Mindestlohn flächendeckend sein soll. Das könnte uns einerseits mehr Kunden bringen, zum anderen vielleicht auch Fahrer in andere Branchen locken.
Ich möchte die Problematik von Entlassungen nicht leichtfertig beiseite wischen. Auch mein Job wäre damit in Gefahr und auch unabhängig davon mag ich meine Chefs sehr und für Unternehmer ist es noch viel schwerer abzusehen, ob sie zu denen gehören, die am Ende übrig bleiben. Die sozialen Folgen ließen sich im Übrigen schmälern, wenn bereits jetzt keine neuen Konzessionen vergeben würden und keine neuen Fahrer eingestellt. Wie hart der Umschwung die Branche treffen würde, hängt auch stark davon ab, was im Vorfeld geschieht.

1.2. Wir würden kein Schlaraffenland verlieren.

So sehr wir das bestehende Modell liebgewonnen oder uns schöngeredet haben: Es hat dazu geführt, dass sich die Taxifahrer gegenseitig im Kampf um die letzten paar Euro stundenlang die Räder platt stehen. Obwohl sicher auch Privilegien wegfallen werden (siehe 2.2), werden wir Freizeit gewinnen dadurch, dass künftig auch unseren Chefs wichtig wird, in welcher Zeit wir den Umsatz erwirtschaften. Belohnung von Fleiß in allen Ehren, aber wie sinnvoll ist es, dass heute noch der Taxifahrer als besser gilt, der 150 € in 12 Stunden einfährt, als der, der 120 € in 6 Stunden schafft?
Bislang ist die Zahl der Taxen in Berlin fast kontinuierlich gestiegen – mit besonderen Sprüngen nach Tariferhöhungen. Der ach so hoch geschätzte freie Markt hat im Taxigewerbe genau eines bewirkt: Dass etliche Unternehmer immer mehr Fahrer und Fahrzeuge auf die Straße gelassen haben, um ein größeres Stück vom Kuchen zu bekommen. Ungeachtet der negativen Entwicklungen für den einzelnen Fahrer.

1.3. Unfreiwillige Unsicherheit als Angestellter? Wieso eigentlich?

Durch die in Berlin übliche ausschließlich umsatzbasierte Bezahlung haben die Angestellten bislang einen großen Teil des Unternehmerrisikos mitgetragen. Ohne Grenze nach unten. Eine eigentliche Selbstverständlichkeit für Angestellte ist zumindest die Sicherheit eines gewissen Grundeinkommens. Eines bezifferbaren! Dass wir im Gegenzug auch an Gewinnen beteiligt werden, ist eine Sache, die man durchaus davon trennen muss, da das Risiko eines Verlustes (in unserem Fall Arbeitszeit, die wir „für umme“ raushauen) eigentlich ganz eindeutig Unternehmersache ist. Eine Rückkehr der Verantwortung selbiger für ihre Arbeitnehmer würde hoffentlich mehr als heute den vernünftigen Arbeitgebern zugute kommen.

1.4. Das klappt doch gar nicht, weil so viele Fahrer sowieso selbständig sind!

Das würde ich nicht zwingend sagen. Obwohl es die Sache natürlich verkompliziert. Natürlich kann man Selbständigen keinen Lohn vorschreiben. Auf der anderen Seite haben die Selbständigen auch kaum etwas von ihrem eigenen Unternehmen, wenn sie schlechter verdienen als Angestellte. Über kurz oder lang und ungeachtet einzelner Ausnahmen werden sich auch die Verdienste der Selbständigen auf einem Niveau einpendeln, das dem Einkommen angestellter Mindestlohnempfänger ähnelt. Während der ein oder andere anfangs sicher noch zu unlukrativen Zeiten rausfährt, wird langfristig kaum die Mehrheit freiwillig weniger Geld einfahren, als sie in einem Unternehmen als Angestellte garantiert bekommen würden.

1.5. Und in den Unternehmen? Jeder 8,50 € und fertig? Wozu dann Umsatz einfahren?

Glaube ich nicht. Die Unternehmer hätten nach Einführung eines Mindestlohnes ein gesteigertes Interesse daran, dass ihre Fahrer guten Umsatz machen. Viele denken da jetzt vorschnell an immensen innerbetrieblichen Druck. Dabei könnte der Anreiz derselbe bleiben. Der Mindestlohn muss nicht das Aus für umsatzbasierte Bezahlung bedeuten, er ist erst mal nur eine Untergrenze. Wenn sich alles eingespielt hat, ist durchaus Platz für Bonuszahlungen – die ja auch in anderen Branchen durchaus üblich sind. Nur werden sie sich dann wohl am Umsatz pro Stunde messen. Die befürchtete Horde fauler Taxifahrer wird sich vermutlich in Grenzen halten, da die Unternehmen (im Gegensatz zu heute!) ein Interesse haben werden, nur gute Fahrer zu behalten.

2. DIE PRAXIS

2.1. Die Ausgestaltung macht’s!

Entscheidend wird am Ende sein, wie genau die Regelungen zum Mindestlohn an sich sind und wie das Gewerbe sie allgemein umsetzen wird. Dazu die folgenden Anmerkungen.

2.1.1. LABO, Zoll, etc. Sprich: Schwarzarbeit.

Ein ganz entscheidender Punkt gleich zu Beginn der Einführung wird die Schwarzarbeit sein. Die vielen nicht legal arbeitenden Betriebe sind bislang zu einem Teil für die Misere der Branche verantwortlich und es ist die Frage, inwieweit sich da neue Schlupflöcher ergeben würden, bzw. ob z.B. die Aufmerksamkeit aufgrund von Verstößen gegen die Zahlung des Mindestlohns mal wieder das Taxigewerbe in den Fokus rücken würde und dann durch Kontrollen das ein oder andere schwarze Schaf auffliegt. Denn auch das könnte Teil der Reduktion der Arbeitsplätze sein. Viel zu erwarten ist da nach der Tiefschlafphase in den letzten Jahren zwar nicht, aber man sollte die Hoffnung nicht aufgeben. Interessant wäre aber zum Beispiel auch, ob das 2017 (wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Mindestlohn) einzuführende Fiskaltaxameter auch die Arbeitszeiten loggt. Sollte das der Fall sein, wäre das vermutlich schon die halbe Miete.

2.1.2. Tricksen die Unternehmer?

Da zunächst ein Verdrängungswettbewerb zu erwarten ist, steht zu befürchten, dass die Unternehmer z.B. die Arbeitszeiten schönrechnen. Gerade das Taxifahren mit den vielen auftragsfreien Zeiten bietet ja z.B. lustige Optionen wie das Anrechnen von Standzeiten als Pause. Über die Rechtmäßigkeit brauchen wir nicht zu streiten, denn das ist nie und nimmer eine Pause. An einem Stand darf man nur stehen, wenn man sich bereithält, aber ich befürchte derartiges. Und da die Mühlen der Justiz langsam mahlen, könnten sich so unseriöse Arbeitgeber eventuell in der heißen Phase einen Zeitvorsprung verschaffen. Das ist zwar hochspekulativ, könnte aber auf den Ausgang gravierende Auswirkungen haben.
Will heißen: Natürlich ist es wichtig, dass darauf geachtet wird, dass nicht nur auf dem Papier alles schnieke aussieht.

2.1.3. Und die Taxitarife steigen dann um 250%, was?

Das sicher nicht. Eigentlich wäre eine Steigerung sogar ziemlicher Unsinn. Bei guter Auslastung sind im Taxi bei den bisherigen Tarifen auch in Berlin gut 12 bis vielleicht 16 € Stundenlohn möglich. Und durch eine Tariferhöhung alleine ist die Kluft zwischen dem jetztigen und dem für einen Mindestlohn von beispielsweise 8,50 € erforderlichen Umsatz sowieso nicht zu erreichen. Es müsste so viel draufgeschlagen werden, dass auf der anderen Seite eine Menge Kundschaft wegfällt. In der Tat wird aber immer gesagt, dass Mindestlöhne im Taxigewerbe nicht sinnvoll wären, da wir die Preise nicht selbst bestimmen könnten. Das ist allenfalls teilweise wahr. In den letzten Jahren ist der Berliner Senat vor allem dadurch aufgefallen, dass er Tarifforderungen des Taxigewerbes meist wohlwollend aufgenommen hat. Wenn sich daran nichts ändert, ist zu erwarten, dass nach dem Gesundschrumpfen der Branche über die Tarife recht schnell eine Möglichkeit besteht, kleinere Defizite zu beheben. Mehr nicht, aber mehr war auch bisher nicht drin.

2.2. Weniger Freiheit? Ja, puh …

Der Wegfall der ein oder anderen Freiheit für uns Fahrer ist das, was ich selbst mit am meisten fürchte. Meist werden da Dinge genannt, wie dass wir während der Arbeit ja dieses oder jenes noch privat machen könnten. Aber mal im Ernst: Das wird doch nur eine Umstellung sein! Ich wette, ich kann das nach Einführung eines Mindestlohnes (einen netten Chef vorausgesetzt natürlich) immer noch. Tatsächlich wird der Unterschied halt sein, dass ich diesen Einkauf künftig eben als Pause deklarieren müsste – was, wenn wir ehrlich sind, eigentlich nur eine Formalie ist. Schließlich habe ich mich bislang auch damit abgefunden, in dieser Zeit kein Geld zu verdienen.
Und was sonst? Es wird sie sicher geben, die Unternehmer, die den Fahrern bestimmte Halten befehlen o.ä. Aber mal im Ernst: Es gibt heute Unternehmen, die ihren Fahrern 12 Stunden Arbeitszeit vorschreiben. Für solche Leute arbeitet man gefälligst nicht mehr, anstatt sich über den Mindestlohn zu beschweren.

FAZIT:

Natürlich gibt es hier und da Unwägbarkeiten. Es werden Jobs verloren gehen und es ist leider nicht hundertprozentig sicher, dass am Ende auch wirklich die besten Arbeitgeber und die besten Angestellten von einem Mindestlohn im Berliner Taxigewerbe profitieren. Was aber sicher ist: Dass mehrere tausend Angestellte bessergestellt sind als zuvor. Und bessergestellt bedeutet, dass sie dann endlich Jobs haben werden, die bei der Bezahlung wenigstens die Mindest-Anforderung (nicht weniger sagt ein flächendeckender Mindestlohn aus!) an eine gerechte Entlohnung erfüllen. Ich verstehe die Sorgen und Ängste der Unternehmer, bin aber doch sicher, dass sich das sehr schnell einpendeln wird. Es ist weiterhin keine schöne Vorstellung, dass der ein oder andere Kollege seine Arbeit verlieren wird. Auf der anderen Seite wird Taxifahren dann vielleicht endlich wieder ein Job sein, bei dem auf der anderen Seite auch kein Fahrer mehr gezwungen ist, trotz Arbeit nebenher beim Amt als Aufstocker betteln zu gehen. Und es bleibt sogar die leise Hoffnung, dass das insgesamt die Qualität auch des Gewerbes – nicht nur der Arbeitsplätze – erhöht.

Eingedenk der oben genannten Aspekte bleibt die Frage an Frau Hasselfeldt und ihre Fangemeinde, weswegen also ausgerechnet wir Taxifahrer eine einsame Ausnahme bilden und weiterhin weniger verdienen sollten als das gesellschaftlich anerkannte Minimum. Was soll unseren Job denn jetzt noch so besonders machen, dass wir uns mit Ehrenamtlichen messen sollen, die freiwillig Aufgaben übernehmen, mit deren Entlohnung sie nicht leben oder gar eine Familie ernähren müssen?

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Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Mindestlohn-„Nachbesserung“

Ach, sieh an! Wie überraschend!

In der Debatte um Ausnahmen beim voraussichtlich kommenden Mindestlohn meldet sich die CSU-Landesgruppenchefin Hasselfeldt zu Wort und merkt an, dass z.B. auch Taxifahrer ohne Stundenlöhne arbeiten würden …

Die Befürchtung, dass unser Gewerbe eines derjenigen sein wird, das eventuell einer Ausnahmeregelung zum Opfer fällt, hatte ich die ganze Zeit. Nun bin ich mal gespannt, wie es weitergehen wird.

Ich hab schon seit einem Monat vor, mal was über den Mindestlohn und die Auswirkungen dazu zu schreiben, leider ist das eine ziemlich umfangreiche Sache. Gibt es denn spezielle Fragen, die Euch interessieren würden zu dem Thema? Wenn ja, dann rein in die Kommentare! Ich würde mich darüber freuen, denn dann könnte ich einen eventuell langen Artikel danach gliedern oder in entsprechende Teile zerlegen.