Plätze …

Zum Mariannenplatz wollte der Kerl. Ein schon etwas älterer Mann, ein bisschen alternativ angehaucht, ein Künstler vielleicht. Die Route vom Ostbahnhof aus stellte mich vor keine sonderlich große Herausforderung. Sie ist scheiße, weil sie gut dreimal so lang ist wie die Luftlinie, aber man muss eben sowohl die Spree als auch den dem ehemaligen Grenzverlauf folgenden „Mittelstreifen“ (eher ein kleiner Park) zwischen Engel- und Bethaniendamm umfahren. Wie man das macht, ist im Wesentlichen egal, ich bevorzuge die Manteuffelstraße anstelle der Adalbert.

Dort angekommen war er – obwohl zeitweilig in Berlin lebend – etwas irritiert. Diesen Platz meinte er nicht. Er wolle dahin, wo es etwas zu essen gibt, das wäre doch noch ein paar Meter weiter.

Nicht nur, dass dann der andere Weg (geringfügig, sehr geringfügig!) kürzer gewesen wäre: Nein, besagter Platz heißt auch nicht Mariannen-, sondern Heinrichplatz. Obwohl er an der Mariannenstraße liegt. Allerdings ist es auch nicht der Oranienplatz, obwohl er ebenso an der Oranienstraße liegt.

Ein gutes und dennoch triviales Beispiel dafür, wie kniffelig diese ominöse „Ortskunde“ im Detail sein kann und weswegen man sowas tatsächlich monatelang lernen muss, wenn man Taxifahrer werden will …

Hier eine Karte. (Ostbhf. oben, leicht rechts der Mitte / Mariannenplatz zentral (grün) / Heinrichplatz als kleines Straßenquadrat südlich davon)

4345665vvio7jo9

„Würdest Du mich zum U-Bahnhof Hermannstraße bringen?“

„Sicher doch.“

„Ich hab nämlich keinen Bock, bis ganz da hoch zu laufen …“

Und zumindest bis zum ersten Taxi am Ostbahnhof hätte er tatsächlich noch ein Stückchen zu laufen gehabt, denn er winkte mich noch hinter der letzten Rücke ran. Ich war noch in freier Fahrt, durch die Nähe zur Halte hatte ich aber eher erwartet, er suche jemanden, der sich erbarmt, ihn für eine Kurzstrecke mitzunehmen. Um ehrlich zu sein: So war mir das noch lieber. Mir passte das nicht nur so gut, wie zahlende Kundschaft natürlich immer passt, es war einfach ein Tag mit elendig langen Wartezeiten. Und er war nun meine dritte Tour in Folge. Und außerdem der Garant für die 50 €, die ich auf jeden Fall in ein paar möglichst wenigen auf der Straße einfahren wollte. Es ist schön, dass ich mir Donnerstags nur den halben Umsatz einfahren muss, aber noch schöner ist, wenn ich dazu nicht Vollzeit zu arbeiten habe.

Zumal mir meine Coffees fehlten. Neue sind zwar bestellt, aber die DHL ist mit der Transparenz ja noch nicht so weit. Ich schätze, es war ein Update, das die Packstation außer Gefecht setzte und diesen Ladebalken anzeigte, als wir es ein paar Stunden zuvor abholen wollten. Gesagt hat das niemand, der Bildschirm versprach eine Verfügbarkeit binnen „weniger Minuten“. Offenbar sind „wenige“ mehr als zehn, denn so lange sind Ozie und ich in der Gegend rumgestanden und haben Maulaffen feilgehalten. Wäre es wenigstens ein Ladebalken gewesen, der ein ersichtliches Ende gehabt hätte – oder wäre erkennbar gewesen, ob das mit den wenigen Minuten da vielleicht schon seit einer Stunde steht … muss man ja nicht machen. War sowieso unwahrscheinlich, dass ausgerechnet jetzt jemand ein Paket abholen will, nach 19 Uhr! -.-

Aber egal, wach genug für die Tour war ich dann schon noch. Mein Fahrgast quasselte und quasselte auf erfrischend normale Art, insbesondere übers Taxifahren. Von einem Kollegen, der – auf die fünfte Ehe angesprochen – gesagt haben soll, er hätte ja schließlich auch die Autos immer mal wieder gewechselt und und und …
Ich mag es, wenn Fahrten so schnell vorübergehen. Am Ende standen wir da, ausgelassen, wieder wach und am Ziel. Da wollte er dann nochmal was wissen:

„Sag mal, kann es sein, dass am Wochenende nachts die Fahrten teurer sind?“

„Nee, definitiv nicht. Also klar, um ein paar Cent kann es mal schwanken …“

„Aber jetzt gleiche Strecke …“

„Nicht mehr als ein paar Cent. So genau sind die Taxameter auch nicht.“

„Ich hab irgendwie das Gefühl, am Wochenende kostet’s immer ein paar Euro mehr.“

„Das dürfte nicht sein.“

„OK, dann war ich wohl einfach zu betrunken.“

„Das wäre auch ein Lösungsansatz.“ 🙂

… oder er hatte mal einen dieser speziellen „Kollegen“ erwischt. Mein Preis war ihm – trotz neuem Tarif  – offenbar nicht zu hoch, denn er verabschiedete mich freundlich und mit Handschlag, Trinkgeld und stellte in Aussicht, dass wir uns vielleicht mal wiedersehen würden.

„Wie war nochmal dein Name?“

„Sascha.“

„Sascha? Hat mich gefreut, Sascha. Ich bin Umut.“

Hat mich auch gefreut. Und hoffentlich bis bald, Umut! Allerdings erst nach der nächsten Coffee, ich schlafe hier am Schreibtisch gerade sprichwörtlio117389n ioi1öioöääääääääääääääääääää

Auch mal meckern!

Weil muss.

Ich habe inzwischen mehrere vergnügliche Unterhaltungen mit meiner Kundschaft gehabt und bin auch hier und da schon einen Umweg gefahren deswegen. Eigentlich gibt es also keinen Grund, sauer zu sein auf den Umstand, der das verursacht. Ich find’s trotzdem angebracht.

Es geht um die Ampelschaltung am Kotti.

Ich weiß nicht, ob die übergangsweise so ist, oder ob das so bleiben soll. Meiner Kundschaft gegenüber sage ich inzwischen wortwörtlich:

„Die Schaltung ist so scheiße, das müssen Sie gesehen haben!“

Und mit einem Fahrgast habe ich sogar zu erörtern versucht, ob das vielleicht nicht sogar ein Kunstprojekt ist.

Klar, Ampelschaltungen sind mal doof. Lässt sich auch nicht immer vermeiden. Aber zumindest wenn man Abends von der Adalbertstraße kommend durch den Kreisverkehr will, ist das nicht zu fassen. Zunächst steht man an der ersten Ampel mitunter mehrere Phasen, weil beim besten Willen vier, im Normalfall höchstens drei Autos durchkommen. Wenn es sich irgendwo um 22 Uhr staut, kann das nicht normal sein. Die nächste Ampel, keine 20 Meter entfernt, schaltet auf rot, 2 Sekunden bevor man bei der vorherigen grün bekommt. Dort steht man also garantiert. Um die dritte Ampel dann bei grün zu erreichen, sollte man schon sportlich fahren. Dann schaffen es auch zwei oder drei Fahrzeuge, aber wenn einer nicht Ampelduell-erprobt ist, steht man wieder garantiert. Man kann für die vielleicht 70 Meter bei nur ein paar Autos vor einem durchaus mal 5 Minuten brauchen, das ist keine Übertreibung.

Nun ist alles gut, so lange man – wie ich im Normalfall – nach Süden Richtung Neukölln will. Dann hat man eine grüne Rechtsabbieger-Ampel. Die paar armen Gesellen, die auf die Skalitzer Richtung Schlesisches Tor wollen, müssen allerdings noch einen Stopp einplanen, denn eigentlich schaltet diese Ampel auch auf rot, bevor die vorherige grün gibt.

Gut, vielleicht ging es nur so, damit es bei den anderen Fahrtrichtungen gut läuft. Vielleicht ist das eine Art Verkehrsberuhigung oder ja tatsächlich Kunst. Und ja, es gibt Möglichkeiten, den Platz (zumindest in dieser Richtung) zu umfahren. Ich als Taxifahrer sollte aber genau das ja eigentlich nicht machen. Und auch wenn es im Wesentlichen natürlich kein Problem ist, die Kundschaft zu fragen, so bleiben dann doch zumindest jene unangenehme Gesellen, die hinter der Frage eine Lüge vermuten, um auf dem Umweg mehr Geld zu verdienen.

Also wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, was am kommenden ersten Mai am Kotti abgefackelt werden soll … 😉

Die kleinen Pannen …

Was halt so passiert, wenn der Tarif geändert wird.

Ich will jetzt gar nicht davon erzählen, dass meine Chefs … obwohl, könnte ich schon. 🙂

Ihr wisst, dass ich meine Chefs sehr mag und das jetzt passt mir nur gerade vom Thema her. Soll keine böse Kritik sein. Im Großen und Ganzen ist mit der Tarifumstellung alles gut gelaufen, aber bei allem Trara ist eine kleine Bestellung untergegangen. Und zwar die der Aufkleber für die linke Türe, auf denen die Taxitarife in Kurzform stehen. Will heißen: Derzeit fahre ich noch mit einem eigentlich ungültigen durch die Gegend. In dem Fall bin ich mir aber sicher, dass nicht ich das Bußgeld bezahlen würde, falls nach jahrelanger Abstinenz mal irgendwer auf die Idee kommt, Taxen auf sowas hin zu kontrollieren. 😉

Aber eigentlich wollte ich von einem Kunden erzählen. Ein junger Kerl, sogar noch halbwegs fähig zu laufen. Diese Fähigkeit einzusetzen hatte er nach dem Abend allerdings nicht mehr im Sinn und er nahm – wie wohl öfter mal – ein Taxi nach Hause. Das Zuhause lag nicht weit weg, genau genommen vielleicht 500 Meter Luftlinie vom Ostbahnhof. Da allerdings Parkplätze, Höhenunterschiede, Hausmauern und nicht zuletzt die Spree gewisse Hürden sind, ist der Weg im Taxi über einen Kilometer lang gewesen.

Ich sattelte also die paar halblebigen Pferde unter der Motorhaube der 72 und fuhr nicht übermäßig glücklich los. Ihr wisst, ich lasse das keinen Kunden merken, aber natürlich möchte man als Taxifahrer nach fast einer Stunde Wartezeit gerne mehr als 5 € Umsatz. Gab es jetzt, Tariferhöhung sei Dank, quasi auch. 5,40 € standen auf der Uhr und das war natürlich etwas, womit mein Fahrgast nicht gerechnet hatte. Als offenbar häufiger Nutzer hatte er das Geld – inklusive Trinkgeld – gleich zu Beginn der Fahrt abgezählt. Kann ich gut verstehen, mache ich mehr oder weniger auch so, wenn ich eine mir halbwegs bekannte Strecke fahre.

Nun ist sein Trinkgeld halt keines der Oberklasse gewesen, gemeinhin bezahlte er wohl die 5 € mit 5,50 €. Das sind die durchschnittlichen 10%, fasst das nicht als Meckerei meinerseits auf! Aber bei 40 Cent Preiserhöhung blieben dann halt nur noch 10 Cent übrig, was ihm sichtlich unangenehm war. Aber er hat’s sportlich genommen und sich nicht etwa geärgert, sondern mir sein letztes verbliebenes Rotgeld vermacht.

„Is‘ leider nur noch Bronze, sorry!“

Witziger Nebeneffekt: Bei dieser Tour hat mir persönlich die Tariferhöhung gar nix gebracht. Ich hatte zwar von den 40 Cent mehr auf der Uhr 18 Cent mehr brutto, dafür aber ein um ca. 20 Cent geringeres Trinkgeld. Ich hoffe, meine Chefs investieren ihre paar gewonnenen Cent sinnvoll. Ein Aufkleber mit den aktuellen Tarifen wäre z.B. eine gute Idee. 😀

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

War eine schöne Schicht. Hier die Karte von allem, was passiert ist, NACHDEM ich mein Umsatzziel erreicht hatte und Feierabend machen wollte:

Ich hatte schon ganze Schichten, in denen weniger los war. Quelle: Sash

Ich hatte schon ganze Schichten, in denen weniger los war. Quelle: Sash

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Beschäftigungen am Taxistand

Für gewöhnlich lese, schreibe, zocke ich irgendwas am Stand. Dieses Mal kam es etwas anders. Als ich heranfuhr, diskutierte der Kollege vor mir gerade mit einer Frau. Als er mich kommen sah, fragte er gleich:

„Hast Du Kabel?“

Starthilfe also.

„Nee, leider nicht. Ich darf mit der Erdgaskiste keine Starthilfe geben …“

„Der selbe Quatsch bei mir. Hat angeblich sofort einen Elektronikschaden.“

Was will man machen? Also hat er der Frau, deren Auto schon mit geöffneter Haube auf der anderen Straßenseite stand, die Nummer einer der Zentralen gegeben und ihr nochmal die genaue Adresse genannt, an der wir uns befinden. Damit hätte es gut sein können, doch während ich mich ins Auto verzog, kam die Frau zum Kollegen zurück. Er schloß daraufhin seinen Wagen ab, was mich zum Nachsehen animierte.

„Ich schieb ihr die Kiste jetzt kurz an, hier den Hügel runter. Der Kollege würde wohl mindestens 20 Minuten brauchen.“

Also hab ich es ihm gleichgetan. Auto abgeschlossen und beim Schieben geholfen. Im Wagen selbst nahm ab kurz vor der Steigung der Kollege Platz, weil die Frau sich unsicher war, ob sie das Auto starten könne. Ich hab das ja auch noch nie selbst gemacht und es damals, als ich in der Situation war, einem Kollegen überlassen.

So stand ich also plötzlich hinter einem Auto und neben der Frau, der dieses Auto gehörte, und schob.

„Ich weiß ja nicht …“

„Keine Sorge, das klappt eigentlich immer.“

„Naja, aber wie man sieht …“

sagte sie, als der Kollege mit ihrer Kiste lautlos den Hügel hinabrollte. Aber – großes Wunder! – der Motor jaulte kurz daraufhin auf und die Scheinwerfer erwachten. Der Kollege wendete umgehend und stieg aus dem tuckernden Kastenwagen aus. Ihr Dank war groß, der Kollege und ich jedoch beeilten uns zu unseren Autos, da vor uns nun bereits erheblich Platz in der Schlange war.

„Wir stehen hier sonst ja eh nur rum …“

meinte ich zu ihm.

„Eben.“

erwiderte er.

Während wir unsere Wagen starteten, um vorzurücken, schoß ein hupender Kastenwagen an uns vorbei. Morgen retten wir dann wieder die Welt. Für heute Nacht hat es gereicht, das mal wieder mit dem Ruf der Taxifahrer zu machen. 😉