Aus der Reihe „Unterschiedliche Wahrnehmungen“

Ich hatte eine wirklich total fantastische Tour. Vom Berghain zu Tom’s Bar, der Klassiker schlechthin. Viel interessanter war aber der Typ, ein eigentlich recht typischer Vertreter der Kundschaft, die sich von diesem Club zu dieser Bar fahren lässt: Dunkel gekleidet, war sicher auch etwas Leder dabei. Dazu ein modischer Bart und dieses ultrarelaxte Auftreten, das im Taxi gefühlt nur die schwule Kundschaft an den Tag legt.

Netter Kerl jedenfalls, kam von der amerikanischen Westküste. Ich hab keine Ahnung, ob er nur zum Feiern hier war, jedenfalls war ihm die Schlange am Berghain zu lang und er wollte den Abend vor dem Heimflug dann lieber gemütlich ausklingen lassen und hat zu diesem Zwecke eine recht interessante Diskussion zur NSA-Affaire und der deutschen Innenpolitik angefangen. Und ja, auch jenseits des großen Teiches leben vernünftige Menschen!

Dann kamen wir an, er freute sich kurz über die schnelle Fahrt, mich, Gott und die Welt und drückte mir einen Zwanziger in die Hand:

„Keep the change!“

„Oh, well …“

Auf der Uhr standen 16,40 €.

„I know, it’s not much.“

Darauf ist mir dann auch nix mehr eingefallen. Ein paar Unterschiede gibt es dann wohl doch noch. 😀

Erstaunlich passend.

Das mit dem Taxitarif ist ja so ein Ding, über das man sich – so man will – leidenschaftlich streiten kann. Er ist halt erkennbar ein Kompromiss und es liegt damit wohl in der Natur der Sache, dass viele Fahrer ihn sich gerne höher wünschen und viele Kunden niedriger. Und wieder andere andersrum. Ist ja auch kein Thema, das voller einfacher Wahrheiten wäre. Lustig isses aber, wenn man ausgerechnet nach einer eigentlich fast schon bescheuerten Tour denkt, dass es erstaunlich gut passt.

Bei mir war das eine Gruppe von Partygängern, die mir am Ostbahnhof ziemlich weit hinten in der Reihe ans Auto gelatscht kamen und mich fragten, ob ich sechs Leute mitnehmen könnte. Kein Problem soweit – zumal ich hier mal sagen möchte, dass ich in den letzten Wochen ausgesprochen gute Erfahrungen mit großen Gruppen hatte. Einen der Zusatzsitze hatte ich schon ausgeklappt, der Rest ging dann schnell.

„Alles klar, wo soll’s denn hingehen?“

„Zum Kater Holzig.“

„Aber Ihr wisst, dass das nicht weit ist?“

„Ja, wir wollen nur nicht laufen.“

Dann isses ja ok. Wenn mein Taxameter nicht plötzlich das Zählen verlernt hat, dann sind das offenbar nur rund 800 Meter. Fahrpreis 4,60 €. Plus zweimal 1,50 € Zuschlag für Person 5 und 6. Das ist jetzt pro Kilometer natürlich horrend. Aber Kilometer beschweren sich nicht. Die Jungs haben für ihre Faulheit jeder 1,27 € gezahlt. Das schüttelt man ja wirklich mal aus dem Ärmel. Da sind 50 Cent Aufpreis für Käse auf dem Döner ähnlich bekloppt oder eben nicht. Und ich war für ein paar wirklich winzige Arbeitsmomente und durchaus auch noch für ein paar Minuten Warten eigentlich recht gut entlohnt. Selbst mein Chef kann sich nicht beklagen, denn dank kaum vorhandener Betriebskosten bei so einer Strecke bleibt von der Tour unterm Strich recht viel übrig.

Eigentlich wäre es toll, wenn jede Taxifahrt diese Bilanz hätte. Was natürlich leider nicht klappt. Wenn man alleine unterwegs ist, wird es schnell teuer für die Fahrgäste. Warte ich lange, ist mein Lohn zu niedrig und fahre ich ewig auf der Suche nach Kundschaft rum, zahlt mein Chef bei den Betriebskosten drauf. Irgendwas ist halt immer.

Aber jetzt freu ich mich einfach mal für den kleinen Moment der Ausgeglichenheit. 🙂

Tour des Tages

Vorwort:

Um ehrlich zu sein, wollte ich diesen Artikel heute nicht schreiben. Ich hatte zwar genug Stichworte und Erinnerungen hier rumliegen, aber mir war danach, es an meinem Geburtstag mal gut sein zu lassen. Nicht ohne Grund höre ich an meinem Geburtstag immer als erstes dieses Lied. Ich bin ja immer da und mache dieses oder jenes, aber auf meinen Geburtstag freue ich mich immer noch wie ein Kind und lasse es mir gut gehen. Momentan trinke ich ein Bier und höre Musik, heute Abend geht’s dann ins Kino (Gravity – den man schon wegen dieses absolut grandiosen „Verrisses“ von Eugen Reichl ansehen muss.). Und dann mal sehen. Was leckeres kochen vielleicht.
Naja, Schreiben kam da eigentlich nicht drin vor. Aber während im großen Hohlraum unter meiner Schädeldecke die Beats von Lars Ulrich miteinander Fangen spielten, ist mir doch ein wenig unwohl geworden bei dem Gedanken. Dass ich da so sitzen konnte, verdankte ich dem Leser oder der Leserin, der/die mir die neuen Kopfhörer geschenkt hat. Ihr seid meinem Aufruf fleißig gefolgt und auch wenn ich dieses Vorwort hier ziemlich breittrete, kann ich gar nicht alle Geschenke aufzählen. Haufenweise interessante Bücher, daneben praktische Helferlein für die Küche, neue Spiele, Chilis, Socken, und und und … das sich über Geburtstage freuende Kind in mir ist jedenfalls überglücklich. Und es ist noch nicht einmal alles angekommen.
Naja, irgendwie kam ich mir jedenfalls doof vor, ausgerechnet heute nicht zu bloggen, wo mein heutiger Tag doch auch durch Euch so großartig ist. Also hab ich eben die Herren Hetfield und co. um eine Pause gebeten und den Tab mit WordPress geöffnet. Fühlt sich fast noch besser an. 🙂

So, jetzt aber! Blogeintrag:

Ich kam am Berghain an. War ein günstiger Zeitpunkt. Es lief dort gut, die Schlange am Eingang war lang. Ergo: Viele Leute, die abgewiesen werden und woanders hin müssen. Sicher, das sind nicht die dicken Touren, aber wenn man schnell wieder weg ist von der Halte … und manchmal sind ja auch Glücksgriffe dabei. Meiner war etwas sonderbar.

Eine fünfköpfige Truppe Jungs, meiner bescheidenen Interpretation nach Kanadier. Die Interpretation stützt sich vor allem darauf, dass sie französisch sprachen, mit mir aber in gutem Englisch reden konnten. Etwas, das ich bei Franzosen noch nie erlebt habe, der Akzent ist immer unter aller Sau – allerdings auch so unglaublich witzig! 🙂

Naja, ist ja auch egal. Die Jungs fragten mich, ob ich sie alle mitnehmen könnte, was ja kein Problem ist. Wie zu erwarten war, wollten sie in einen Club.

„Do you know the Twister?“

„No, sorry guys. Do you have a street for me?“

An dieser Stelle kann mich vielleicht ein Berliner Kollege aufklären. Ich hab noch nie von einem solchen Club gehört und auch die oberflächliche Google-Suche spuckte nur ein Tattoostudio aus.

„Well, no. I, I call my friend. He’s inside …“

Na gut. Soll mich ja mal nicht stören. Ich hab die Uhr noch nicht angemacht, bislang war ja wirklich noch nicht klar, ob das was werden würde. Bis auf einen der Jungs saßen schon alle im Auto, ich hab die Fackel mal ausgemacht, damit die anrückenden Kollegen vorbeifahren. Vor uns war inzwischen Platz frei geworden und ich stand blöd im Weg. Die folgenden Ereignisse auf ihrer Seite kann ich nicht so gut nachvollziehen, denn mein Französisch ist wirklich festgerostet inzwischen. Der Typ hinten rechts, der etwa so aussah wie Justin Bieber an einem Bad Hair Day, telefonierte zwar kurz mit seinem Kumpel, aber irgendwas klappte nicht. Dann wartete er darauf, zurückgerufen zu werden.

Vor uns wurde die Taxischlange kürzer und die Jungs begannen, sich zu entschuldigen. War alles noch im grünen Bereich, aber mit der Zeit wurde ich etwas genervter. Klar wäre es ok gewesen, das Taxameter schon anzumachen, aber das Geschrei wäre sicher groß gewesen, wenn das mit dem Club ausgefallen wäre und sie nur zum Ostbahnhof hätten laufen wollen. Nachdem das Schauspiel aus Telefonieren, Googeln und Warten fünf Minuten anhielt, hab ich einfach mal recht scharf dazwischengefragt, ob das noch was wird und dass ich zwar gerne die ganze Nacht warte, aber dann doch die Uhr anmachen würde.

Mir wurde wirklich aufrichtig geknickt mitgeteilt, dass das bestimmt gleich klappen würde und der schlacksige braunhaarige Typ auf dem Beifahrersitz legte mir eine Zwei-Euro-Münze aufs Armaturenbrett mit der Bitte, die Warterei zu entschuldigen. Eigentlich wirklich herzallerliebste Kerle. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sie allerhöchstens 20 waren und schon getankt hatten.

Das mit dem ominösen Twister, das sie „on the internet, damnit!“ gefunden haben wollen, löste sich in Wohlgefallen auf. Aber sie hatten eine neue Idee:

„You know a place called Fits? Fits Club?“

„Do you mean Fritz?“

„Yeah! Filitz-Club!“

Ich wollte, ich hätte mich verhört. Der Fritz-Club liegt – die meisten von Euch wissen das wahrscheinlich inzwischen – direkt am Ostbahnhof, keine 700 Meter entfernt. Wäre ich skrupellos gewesen, hätte sich da sicher was machen lassen, denn die Jungs hatten keine Ahnung:

„Would that be far?“

„You’re serious? This is 400 meters from here.“

Ich war nicht so angepisst, wie das niedergeschrieben vielleicht aussehen mag, aber offenbar war ihnen das selbst etwas unheimlich.

„Uh! That is bad! Shit, man! We let you wait and then …“

„Guys, keep cool. I’ll bring you there, no problem. But it will cost around 6 € for only a few meters …“

… und ich wäre schnell wieder hier, wo sich die Schlange so langsam auf wenige Wagen verkürzt hat. Als wir uns dann letztlich vom Acker gemacht haben, hatte ich sicher ein paar Minuten länger gewartet, als wenn ich einfach in der Schlange vorgerückt wäre. Aber: So ganz mein Schaden sollte es nicht sein. Denn in ihrer Sorge, das mit dem Fritz-Club wäre zumindest mal für mich scheiße, haben sie schnell noch das Ritter Butzke ins Spiel gebracht. Mit grob einem Zehner ist das zwar keine Hammer-Tour, aber immer noch besser als die üblichen Verdächtigen der abgelehnten Berghain-Kundschaft (Watergate, Tresor, Kater Holzig, RAW, Suicide Circus …)

Außerdem hatte ich ja noch die zwei Euro auf dem Armaturenbrett. 🙂

Ein sehr spätes erstes Mal

Man sagt ja gerne vom Zeichnen, es sei die Kunst des Weglassens. Manche sagen das auch übers Schreiben. Vielleicht trifft es in gewisser Hinsicht auf die meisten Künste zu. Was dann ein Hinweis darauf wäre, dass Taxifahren keine Kunst ist. Viel weglassen kann man da nicht, damit es besser wird – manche Kollegen erproben das seit Jahrzehnten anhand des Beispiels der Manieren recht ausgiebig und die Ergebnisse sind verheerend.

Aber auch und gerade in Sachen Ortskunde trifft das zu. Als Taxifahrer tut man gut daran, einfach alles zu kennen. Wirklich alles. Ob es einem nachher bei der Wegfindung, der Fahrgastunterhaltung oder beim Zwischenstopp für eine Mahlzeit hilft: Mehr Wissen schadet von der Sache her nie*.

Bei der Arbeit wäre es einfach nur cool, sagen zu können:

„Aha, das Dorint-Hotel. Hoffentlich nicht Zimmer 206. Da stört die Wand vor dem Fenster und der Wasserhahn tropft. A prospos Tropfen: Wenn sie den Haupteingang nicht mittig durchqueren, treffen sie die besonders dicken Tropfen vom Fenstersims der 102 nicht, wenn Andrea wieder mit Blumengießen dran ist …“

Die Realität, *hüstel*, ist da manchmal ein bisschen anders. 😉

Die Adresse, die mir der Kunde ansagte, war gar kein Problem. Das Borchardt, ein immerhin im Ortskundekatalog stehendes Restaurant, definitiv eine der Locations, die nicht zu kennen knapp am Kapital-Fail als Taxifahrer vorbeischrammt. Zu den Top-100-Adressen in der Stadt kann man es wahrscheinlich zählen. Das war also nicht das Ding, obgleich sich der Kunde immerhin erfreut zeigte, dass ich keine Nachfrage hatte. Mir ist dann auf dem Weg dorthin aber aufgefallen, dass ich tatsächlich noch nie in den nunmehr 4 Jahren und 11 Monaten dahin gefahren war. Also direkt, um jemanden vor der Türe abzuladen. Und binnen fünf Jahren gegenseitiger Nichtbeachtung hat sich der Schlingel von Restaurant doch in meinem Kopf tatsächlich um fast einen ganzen Block verschoben …

[Beginn verstörend stammelnder Einschub]

Und das kann ich – etwas unbeholfen, aber in Ansätzen – sogar erklären: Ich habe geistig verschiedene Kartenausschnitte vor Augen, wenn Kunden eine Zieladresse nennen. Gröbere, genauere, manche mit dem Fokus auf eine bestimmte Ecke, manche aus der Perspektive der Straße, auf der ich meistens dort vorbeikomme. Denken in Karten – eine Geschichte für sich, ganz ehrlich! Da mein Gedächtnis aber eben alles andere als perfekt ist, passen die einzelnen Ausschnitte mitunter nicht zusammen. So habe ich die Friedrichstraße als wichtige Nord-Süd-Strecke fix im Kopf. Und das Borchardt liegt östlich davon in der französischen Straße. Viel öfter in der Ecke fahre ich allerdings über die Charlottenstraße – eine weiter östlich – an den Gendarmenmarkt heran, schon alleine weil die Friedrichstraße immer gesperrt ist. Friedrichstraße und Borchardt sind Ortskundewissen vom Lernen, meine Routen durch die Charlottenstraße Praxiserfahrungen. Und geistig hab ich das Borchardt bei mir jetzt einfach östlich der Charlottenstraße platziert, weil diese gerade „meine wichtige Nord-Süd-Strecke“** da ist. Dumm nur, dass das Restaurant zwischen Charlotten- und Friedrichstraße liegt …

[Ende verstörend stammelnder Einschub]

Wie dem auch sei: Am Ende hab ich dann doch nach DEM Borchardt Ausschau gehalten, weil ich es zu früh erwartet hatte. Dafür bin ich ja jetzt hingefahren: das schlägt sich alles nieder! 😀

Aber gut, ich hab mir meine Verunsicherung nur unwesentlich anmerken lassen. Und der Kunde war auch cool. Dass ich bei der Ecke unsicher war, keine Ahnung, ob er es bemerkt hat. Dass ich fürchtete, er wolle seine (mit gutem Trinkgeld) auf 16,00 € lautende Rechnung mit einem Fünfziger bezahlen, schien er jedoch zu erahnen. Er kramte ein wenig in den Jackentaschen und verkündete spannungsaufbauend:

„Aber jetzt … jetzt! Warten Sie, gleich. Passen Sie auf! HIER, bitteschön!“

Drei Fünfer und eine Euro-Münze. Hach, so hätte ich Borchardt-Kundschaft gar nicht eingeschätzt. 🙂

*Das Tückische ist, dass sich Wissen irgendwie nicht grenzenlos ansammeln lässt. Zumindest nicht ohne dazugehöriges Krankheitsbild mit nicht gerade weniger Stress …

**Falls Kollegen sich wundern: Die meisten Fahrten in die Ecke hatte ich gefühlt aus Richtung Osten zum Sofitel in der Charlottenstraße. Wahrscheinlich hat jeder von uns dort eine andere Hauptroute, also nicht wundern. 😉

Ja, wow und so, ne?

Ich stand so mit einem Kollegen aus meiner Firma am Ostbahnhof. Er hatte nur kurz auf der Durchfahrt angehalten, ein kleiner Luxus der Nachtschicht. Da bleiben die Taxifahrer schon mal in zweiter Reihe stehen, um zu quatschen. Ich selbst stand auf Position vier, hatte also noch ein wenig Wartezeit vor mir. Dachte ich zumindest. Denn unser Gespräch wurde recht jäh unterbrochen von einem jugendlichen Kerl, der mich mit folgenden liebenswerten Worten anquatschte:

„Was‘ los, bisse frei? Machnwer Erkner?“

Ja, scheiß doch die Wand an! Prima Tour ins Umland, auf dem berüchtigten Silbertablett serviert. Die Verabschiedung des Kollegen fiel quasi komplett aus – auch etwas, das man lernt als Taxifahrer. Wir haben unglaublich viel Zeit, „während der Arbeit“ miteinander zu quatschen, dann aber kommt wer und das Gespräch endet schonmal so in etwa:

„Nee, und ganz interessant bezüglich des neuen Navis ist, oh Kundschaft, man sieht sich!“

Und die ganz große Herausforderung für uns alle ist, unseren Freunden und Partnern zu erklären, dass wir auch Telefongespräche mal derart beenden müssen. 🙂

Aber man will so eine Tour ja auch nicht verlieren, nur weil man sich noch ausquatschen muss. In dem Fall hat das gut geklappt und ich hatte den Fang bei mir im Auto sitzen. Also Erkner. Schon ein paar Mal war ich da, aber ehrlich gesagt trotz Nähe zur Stadtgrenze immer mit Navi. Das ist jetzt echt kein tolles Eingeständnis, aber ich bin halt Zugewanderter. Ich hab wie blöde auf die Ortskundeprüfung gelernt, die aber ist mit komplett Berlin schon umfangreich genug. All mein Wissen übers Umland habe ich nur (!) aus den Fahrten dorthin. Und die sind einfach mal selten. Deswegen schätze ich da heute noch vieles falsch ein. So viel im Vorfeld dazu, dass ich erst darüber nachdachte, über die Autobahn zu fahren. Schließlich gibt es doch auf dem Weg nach Frankfurt einen Abzweig nach Erkner …
Ja, ist Bullshit. Der Umweg ist so groß, dass man keine Zeit spart – das hab ich erst während der Tour von meinem Navi erfahren. Das dadurch anfänglich etwas blöde Umhergegurke beendete ich dann immerhin halbwegs rechtzeitig und der Umweg hielt sich in Grenzen. Aber so ganz ohne Grund war das auch nicht, denn der junge und sehr relaxte Kerl hatte es eilig. Richtig eilig!

Er wollte einen Zug erwischen, für den wir die Strecke in irgendwas knapp über einer halben Stunde hätten schaffen müssen. Deswegen die verzweifelte Suche nach einer schnellen Route.

Hektische Fahrten sind immer mies. Denn hier geraten die eigenen und die Kundeninteressen ganz massiv aneinander. Sicher, die Tour schnell rumbringen wollen wir auch, aber keine einzige Fahrt, die einem durchschnittlich auch nur einmal passiert als Taxifahrer, ist auch nur einen einzigen Monat Fahrverbot wert. Selbst eine Fahrt in meine Heimatstadt Stuttgart ersetzt mir nicht den Lohn eines Monats Arbeit. Und die Fahrt nach Erkner wäre schon für’n Arsch gewesen, wenn auch nur 20 € Bußgeld anfallen würden – was bei einem Blitzer und 11 km/h Übertretung der erlaubten Geschwindigkeit schon der Fall wäre …

Das kann man sich ruhig mal vor Augen halten, wenn man der Meinung ist, der Taxifahrer da fahre doch ein bisschen lahm.
(Und ja: Ich weiß, dass viele Kollegen trotzdem rasen wie die Irren. Dafür, dass nicht alle ganz knusper sind, kann ich auch nix.)

Auf der anderen Seite will man ja auch ein guter Dienstleister und/oder einfach nett sein. Auch mal locker sein. Ein bisschen mehr geben, als es jetzt notwendig gewesen wäre, einen besonders guten Eindruck hinterlassen. Oder dafür Sorge tragen, dass ein Kunde nicht nachts stundenlang auf einem Provinzbahnhof stehen muss.

Ich hab mein Kistchen also unter Einbeziehung aller notwendiger Vorsichtsmaßnahmen so gut befeuert, wie es nur ging. Straßenrand und Tacho im Auge behalten, bei bekannten Abkürzungen kurzen Prozess gemacht, die Gelbphasen bis aufs Letzte genutzt. Und mein Kunde war ein Guter. Ehrlich. Er hat mich nicht zum Rasen gezwungen. Ich hab versucht, es ihm recht zu machen, mehr nicht. Wir haben uns viel unterhalten und er hat sogar ausdrücklich klargemacht, dass es ihm leid tue, dass er mir das jetzt indirekt so stressig machen würde. Sein Onkel Harry sei ja auch Taxifahrer, bei ihm im Dorf, er kenne ja die Geschichten. Aber mehr als den Fuffi jetzt hätte er halt nicht, sonst hätte ich ihn gerne bis ganz nach Frankfurt bringen können, dann wäre die Zeit auch egal …

Traumkunde. Also wenn man vom Zeitplan absieht.

Und hey: Der Onkel ist Taxifahrer, er hat einen Fuffi und die Fahrt wird nur knapp über 40 kosten … ja, man denkt bei solchen Touren auch mal übers Trinkgeld nach. 😉

Diesen Teil hat der Kollege Harry aus einem Kaff bei Oldenburg aber offenbar eher stiefmütterlich behandelt. Denn obwohl die Fahrt stressfrei verlief und wir am Ende unter Ausnutzung einiger wirklich nur sehr schwer noch als grau definierbarer StVO-Grenzbereiche 5 Minuten vor dem Zug am Bahnhof Erkner ankamen, ergab sich folgender Dialog:

„Tja, bitte! Das hätten wir. Gerade so, aber immerhin. Dann wären wir bei 41,80 €.“

„Ja, hier. Mach einfach 42.“

Ja, wow und so, ne? 🙁

Aber gut, der Umsatz war klasse, es ist mal wieder alles gut gegangen, da wollen wir wohl besser nicht meckern.

Kleiner Link am Rande: Eine der tollen Touren nach Erkner war diese hier: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

Gute Tage

Dass ich mich über das gute Trinkgeld der beiden Russen so gefreut habe, ist denke ich verständlich. Es ist wirklich selten, dass die Menschen so viel Trinkgeld geben. Allerdings trifft das auf den vergangenen Sonntag gar nicht zu. Am Ende der nur halben Schicht sollte das gerade einmal das dritthöchste Trinkgeld bei 5 Fahrten gewesen sein. Und damit quasi unterdurchschnittlich.

Platz 1 war eine Lesertour. Das macht sie für mich nicht schlechter, sondern im Gegenteil besser – aber es verfälscht die Statistik natürlich ganz ordentlich, wenn ich jemanden mitnehme, der mir entweder noch fürs Bloggen danken will oder sich zumindest im Vorfeld schon total viele Gedanken übers Taxifahren und die Umstände des Taxifahrers gemacht hat. Ich schreibe das hier ja nicht zum Spaß, in Wirklichkeit ist das hier natürlich nur Teil einer Gehirnwäsche, die vom Taxigewerbe initiiert wurde. 😉

OK, weg vom Offensichtlichen.

Angefangen hatte der gute Lauf schon zu Beginn. Eine Fahrt ins Berghain, ganz lässig Abends um 7 Uhr. Was man in Berlin halt so macht. Wir führten eine nicht viel über Smalltalk hinausgehende Unterhaltung. Wie lange wird gefeiert, wie lange arbeiten Sie, wie läuft das Geschäft? So weit, so gut, aber auch nur eine Tour wie zig andere. Gleich von der Straße weg, 5 Minuten nach Losfahrt, in die „richtige“ Richtung, alles gut. Aber dass er dann die aufgelaufenen 9,80 € – ebenso wie eine Stunde später die Russen – mit glatten 15 beglich, war beeindruckend.

Wenn man trotz eines Nichtgebers am Ende pro Tour etwas über 5 € bekommen hat, dann geht man auch als Taxifahrer mal zufrieden nach Hause. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Vorurteile, mal wieder

Manchen gehe ich wohl ziemlich auf den Keks mit meiner vermeintlich „politisch korrekten“ Meinung. Ich ach so nerviger „Gutmensch“, der irgendwelche künstlichen Werte hochhält, weil: muss ja. Ich könnte das jetzt abkürzen und diejenigen Idioten nennen. Das mache ich gerne immer wieder, durchaus bewusst, und außerdem bin ich mir sicher, dass ich damit genau die Definition eines „Gutmenschen“ erfülle – nämlich ein guter Mensch versuchen zu sein und schlechten Menschen in den Arsch zu treten. So einfach könnte das sein.

Das Dumme ist: In gewisser Hinsicht verstehe ich die Schlechtmenschen (man beachte die hier nicht angebrachten Anführungszeichen!):

Denn ich bewerte Menschen auch nach ihrer Erscheinung.

Das tue ich nicht freiwillig, ich nehme mir immer wieder vor, da doch besser zu sein. Bin ich aber nicht. Ich hab auch meine Vorurteile, und noch dazu stelle ich fest, dass sie wie bei den meisten Idioten ebenso jeder Grundlage entbehren. Ich bewerte als Mann gerne attraktive Frauen höher als hässliche Kerle und stelle tatsächlich auch fest, dass mein Unterbewusstsein versucht, mich in ein rassistisches Arschloch zu verwandeln. Das tut es nicht ganz so normgerecht, ich fühle mich z.B. Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe immer näher als Weißen. Was aber nicht minder blöd ist als andersrum.

Und ich bin vorsichtig bei „Osteuropäern“.

Was für eine Scheiße, mal ganz ehrlich!

Aber ja, liebe „Man wird ja wohl noch sagen“-Menschen: Ich weiß, wie das ist, xenophob zu sein. Ich kenne dieses Gefühl, daran glauben zu wollen,  dass man damit Recht hat. Aber glücklicherweise bin ich keiner von den Evolutionsverlierern, die dann nicht einmal logisch weiterdenken können.

Und so fehlbar, wie ich nun einmal bin, stand ich an der Ampel. Zwei etwas verwegen aussehende junge Kerle machten mir mit Gesten klar, dass sie mit mir fahren wollten. Hervorragend! Sie stiegen ein und nannten in sehr gebrochenem Deutsch eine Zieladresse. Ein wohlbekannter Platz in Lichtenberg, eine gute 10€-Tour, für mich die Freude pur. Und doch hab ich ein bisschen Zweifel gehabt. Einfach so, des Akzents wegen. Ich Idiot.

Aber gut: Der eine konnte wirklich nur sehr schlecht mit mir sprechen, der andere eigentlich ganz ordentlich. Und er war witzig, ehrlich. Untereinander haben sie sich in ihrer Heimatsprache unterhalten, wovon ich nichts verstanden habe. In der Ecke hab ich wirklich keine Anhaltspunkte. Englisch kann ich halbwegs, bei romanischen Sprachen schwingt noch ein bisschen Verständnis mit, im östlichen Bereich kann ich nicht einmal zwischen polnisch und russisch unterscheiden. Und das, obwohl ich in Ostberlin mehr als zehnmal näher an Polen als an England wohne.

Wir legten auf der Tour noch einen Zwischenstopp ein, all das kriegten wir geregelt, trotz Sprachschwierigkeiten. Kein Grund, die Tour schlechter zu bewerten als irgendeine andere. Im Wohngebiet der beiden kannte ich mich fast null aus. (obwohl ich da vor über fünf Jahren fast einmal Pakete ausgefahren hätte, siehe mein eBook). In lustiger Zusammenarbeit zeigten die beiden mir den Weg, am Ende standen wir dort, wo sie hinwollten. Die zwei hatten mich – den Taxifahrer – auf dem kürzesten Weg ganz gut gelotst.

Die Uhr zeigte nun haargenau 10,00 € an. Ich selbst war schon jetzt zufrieden, trotz runder Summe. Ich hatte von den beiden Touren zuvor schon gut Trinkgeld und als nächstes stand eine Lesertour an. Fast perfektes Timing, besser jedenfalls als ich zu hoffen gewagt hatte. Der Tag war super, auch ohne die beiden. Dann aber meinte just der mit den größten Sprachmängeln (zumindest was sein Deutsch angeht):

„Zehn? Mache fünfzehn!“

Fünfzehn!

„Und chabe gute Abend, viel Arbeit und so!“

50% Trinkgeld. Das ist hammerscheißeselten! Überhaupt ist schon ein Fünfer hammerscheißeselten! Und ich saß nun da und hab das angenommen. Von zwei Typen, die ich einfach, weil sie einen bestimmten Akzent hatten, eher negativ eingeschätzt hatte. Manchmal fühlt man sich selbst richtig blöd. In dem Fall zu Recht!

Ehrlich, Leute: Auch ich will nicht bestreiten, dass es Idioten gibt. Und ja, vielleicht gibt es sogar mehr russische Idioten als deutsche. Aber jedes Mal, wenn jemand „die Russen“ scheiße findet, schließt er damit diese beiden witzigen Kerle mit ein, die einfach mal so spontan 99% der Deutschen beim Trinkgeld übertroffen haben. Regt Euch über Arschlöcher auf, so viel Ihr wollt. Da mache ich gerne mit. Aber Rassismus ist und bleibt scheiße, weil er dumm und falsch ist.