Dreimal Trinkgeld

Nr.1

„Das wären dann 9,80 €.“

„Mach zehne. Obwohl, nee. Mach zwölfe! Is’n schlechtes Omen, zu Beginn des Tages geizig zu sein.“

Nr.2

„Dann wären wir genau bei 20,00 €.“

„Haha, nee Du! So kommste mir nicht davon – so nicht!“

*drückt mir einen Zweier zusätzlich in die Hand*

Nr.3

„Ich weiß, ist jetzt nix besonderes, aber immerhin!“

*gibt mir einen Werbekuli von dem Hotel, für das er arbeitet*

Schichtrettung mal wieder

Die Nacht fing langsam an, es tröpfelten nur ein paar kurze Touren herein. Schlimmer noch: Das Trinkgeld war unterirdisch. Keine 50 Cent pro Tour. Und ich kann’s gerade echt gebrauchen.

Zuerst lief das mit den Touren an. Eine lange Tour nach Tempelhof, Winker nach Charlottenburg, ein weiterer auf dem Weg zurück Richtung Osten … aber das Trinkgeld war immer noch mau. Dann eine lange Tour mit netter Unterhaltung, der geplante Umsatz war fast eingefahren. Aber immer noch hatte ich bei 10 Touren und 116 € Umsatz kaum 5 € Trinkgeld zusammen. Die nette Tour hatte diesbezüglich nur 40 Cent abgeworfen. 🙁

Dann noch ein verstrahlter Weihnachtsfeierer.

„Bringst mich nach Pankow?“

„Klar.“

„Was macht das?“

„Boah, hast mich erwischt: Kann ich gerade schlecht einschätzen …“

„Na, ich geb‘ dir’n Zwanni, ok?“

„So teuer wird es nicht werden!“

„Egal, kriegst’n Zwanni!“

Und er hat Wort gehalten. Dabei standen trotz ziemlichen Umwegs (seiner und meiner Verpreilung gleichermaßen geschuldet) am Ende gerade einmal 10,80 € auf der Uhr.

„Ich geb‘ gern Trinkgeld.“

hat er beim Aussteigen gesagt. Und ich konnte nicht lügen:

„Naja, ich nehm’s auch gerne an.“

🙂

Nicht so schöne Touren

Aus der Reihe „Sätze, die ich selten sage“:

„Es tut mir leid. Ich würde jetzt gerne irgendwas aufheiterndes sagen, aber mir fällt nix ein …“

Das war gelogen. Mir wäre jede Menge eingefallen. Nur eben nix, was die Fahrt erträglicher gemacht oder meiner Kundin geholfen hätte. Ihr Problem war eine leider alltägliche Geschichte: Sie war ausgegangen mit ihrem Freund, und der wollte am Ende lieber mit Kumpels weiterfeiern als heimgehen – obwohl das so abgemacht war.

Eigentlich nichts, was man in einer sonst funktionierenden Beziehung nicht irgendwie wieder hinbiegen könnte.

Oder für was man Ausnahmeregelungen hätte treffen können.

Oder überhaupt einmal ergebnisoffen drüber diskutieren.

Aber ich bin ja hoffnungsvoller Optimist bezüglich Beziehungen und wünsche jetzt wenigstens nachträglich guten Versöhnungssex. Und wenn sich sonst keine Gelegenheit zum Reden ergibt, können sie dabei gerne noch darüber diskutieren, wie viel Trinkgeld man im Taxi so gibt, nachdem man zwanzig Minuten die Laune runterzieht … 😉

Scharfe Tour

Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Fahrten ausfallen können. Heute nacht war das höchste Hoch vom tiefsten Tief nicht zu erahnen und umgekehrt. Da insgesamt aber alles gut war, möchte ich heute erst einmal die angenehmste Tour runterschreiben.

Es hat schon damit angefangen, dass sie die vierten Winker in Folge waren – ein guter Lauf, der mir insgesamt über 60 € gebracht hat und mich von Friedrichshain über Neukölln, Tempelhof, Steglitz und Schöneberg bis nach Prenzlauer Berg gebracht hat. Eine wunderbare Stadtrundfahrt mit kaum Pausen. Das junge Pärchen war wie gesagt der krönende Abschluss. Von der Potsdamer Straße bis zur Greifswalder. Nur geradeaus, nicht weit nach draußen, trotzdem über 15 €. Schon finanziell ein Gewinn. Die beiden waren angetrunken, aber auf die bestmögliche Art und Weise: Mit blendender Laune und lustigen Gesprächen auf dem Heimweg. Es ging schnell um Urlaub und darüber, dass die junge Dame Filipina ist und wie lustig es wäre, wenn sie auswärts essen würden.

Laut der Aussage der beiden wird dort viel sauer gegessen, und wie das bei Vorlieben aus der Kindheit so ist, hatte die Dame das nie abgelegt und war bekannt dafür, überall saure Gurken und Rollmops zu essen – was ihr bei seiner Verwandtschaft zunächst den Verdacht einer Schwangerschaft einbrachte. Und dann ihre Schwester: die sei ebenso drauf, nur stünde die halt total auf scharfe Sachen und leere in Restaurants gerne mal die Behälter der Chilis komplett, egal wie klein der Snack wäre … ein gleichermaßen heiteres wie harmloses Thema. Nachdem ich mich dann auch als Capsaicin-Anhänger geoutet hatte, war das eine nette Plauderrunde – das hätte so auch eine Zufallsbegegnung in einer Bar sein können.

Zuletzt kam der junge Mann auf die Idee, er müsse mir unbedingt die geile Soße zeigen, die sie zu Hause rumstehen hätten. Eine von den „Pain is Good„-Saucen (Link zu Amazon), die mir zwar wohl ein Begriff sind, aber zu denen gehören, die ich nie probiert hatte. Müsse ich aber unbedingt, ist sehr geil, meinte mein Fahrgast und sprintete an der Zieladresse gleich los, um mal eben die Flasche aus dem 15. Stock zu holen. Ich unterhielt mich derweil weiter mit der Freundin und sie rundete die Fahrt von 16,60 € großzügig auf 20 € auf. Nach nur kurzer Wartezeit kam der Kerl wieder runter, anbei die Flasche und ein Esstäbchen – was man halt so braucht, wenn man on the fly Chilisauce im Taxi probieren muss. 😉

Ich nahm artig einen Haps und musste zugeben, dass sie wirklich lecker ist. Und gut scharf, aber ich hatte schlimmeres befürchtet, es bedurfte keines Ablöschens. Mal davon abgesehen, dass mir die vollkommene Absurdität der Situation ja auch bewusst war.

„Na dann nimm‘ mit! Wir haben ja noch ’ne Flasche!“,

wurde mir aufgetragen. Und ja, hier ist sie:

Ganz so gucken musste ich nicht, eher ein bisschen dankbar … Quelle: Sash

Ganz so gucken musste ich nicht, eher ein bisschen dankbar … Quelle: Sash

Damit kann ich dann wohl – nach über fünfeinhalb Jahren – die Staffel fürs kurioseste Trinkgeld weiterreichen. Den Stab hielt bisher immer dieser nette Geselle hier.


Ich weiß nicht, ob Menschen das verstehen, die nie Dienstleistungen angeboten haben. Mich jedenfalls freut sowas immer maßlos. Mal abgesehen davon, dass die Sößchen mit über 6 € pro Flasche ja auch nicht mehr ganz in die Kategorie „nicht der Rede wert“ fallen, wenn man mal die durchschnittlichen Trinkgelder ansieht.

Phantombezahlungen

Phantomschmerzen – davon haben die meisten schon gehört. Die suchen Amputierte häufig heim. Das heißt, es werden Schmerzen empfunden an einem Körperteil, das gar nicht mehr existiert. Oder zumindest anwesend ist. Der Gedanke hat mich schon in Kindertagen ein wenig fasziniert, muss ich gestehen.

Gestern hatte ich dann eine waschechte Phantombezahlung, also einen Kunden, der eine Strecke bezahlt hat, die er gar nicht gefahren ist. Eine überaus seltene, aber nette Geste.

Eigentlich wollte er vom Ostbahnhof aus nach Rummelsburg. Wir sind auf seinen Wunsch hin durch den Boxhagener Kiez gefahren und ausgerechnet, als ich endlich den langsamen Bus vor uns überholen konnte, bat er mich, anzuhalten.

„Ich hab da einen Bekannten gesehen, ich steige hier schon aus.“

Kein Problem, warum auch nicht? Das ist ja der Vorteil von Taxis: Man kann sich während der Fahrt noch umentscheiden.

„Dann wären wir bei 7,20 €.“

„Hier, machen Sie mal bitte 11 €.“

Sowas nimmt man gerne an, aber schon das Aufrunden auf einen Zehner wäre ein sehr gutes Trinkgeld gewesen. Dementsprechend hab ich wohl etwas sparsam geguckt. Daraufhin meinte mein Fahrgast:

„Naja, so  viel hätte es doch ungefähr bis nach Rummelsburg gekostet, oder?“

Ich kann nicht ausschließen, dass er das nur gemacht hat, weil er schon an meckernde Kollegen geraten ist. Das wäre natürlich schade. Aber einfach so, in diesem Moment, war es eine verdammt geile Sache für mich. 🙂

Problembewusstsein

„Wofann wi’nnin?“

„Wilde Renate.“

„Boahfagg!“

„Ja Benni, ich glaub auch, Du fährst besser heim jetzt.“

Hat der Benni auf Anraten seines Kumpels auch gemacht. Er hat zwar hier und da noch versucht, zurechenbar zu wirken, aber eigentlich war’s ihm recht, dass er vorher Abschied von der Party nahm. Ein bis fünf Drinks zu viel, das passiert in jungen Jahren halt mal. Und wenn die Lösung so nahe liegt, weil man eh im Taxi sitzt …

„Bringste ihn sicher heim, ja?“

„Selbstverständlich.“

Ich wurde für die Tour bis zum Club bezahlt, die drei Partypeople stiegen aus und Benni hing bei mir am Seitenfenster und schnarchte. Als er aufwachte, hatte er die letzten 5 Minuten völlig vergessen und fragte panisch:

„Alla, hamimi Geld dalassn?“

„Nein.“

„Boahfagg!“

„Aber sie haben die Fahrt bis zur Renate bezahlt. Für dich isses nachher noch ein Fünfer oder so.“

„Boahfagg, dangealla!“

Er hat die für ihn sehr günstige Fahrt dann schwankend mit einem ordentlichen Trinkgeld bezahlt und sich noch dreimal bedankt. Dann war die Sache für uns beide gegessen und für ihn war es sicher besser. Mit anderen „Freunden“ endet das ja gerne mal anders.

Natürlich sind nicht alle Fahrten dieser Art und natürlich nehme ich Geld für meine Dienstleistung – aber manchmal isses auch wichtige Hilfe, die man in dem Job leistet, davon bin ich fest überzeugt.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Vergurkt

Manchmal klappt’s einfach nicht. Jeder hat mal einen schlechten Tag auf Arbeit, ich natürlich auch. Meist merke ich das an geringen Umsätzen – aber selbst da hab ich als Nichtfunker schon mal eine Gefahrenquelle weniger. Fehlfahrten hab ich so gut wie nie. Aber keine Regeln ohne Ausnahmen. Am Freitagabend hab ich mich nach etwas Hin und Her via Twitter (und letzten Endes SMS) mit @luutoo am Flughafen Tegel treffen wollen. Das war ein krisensicherer Plan, das hat bisher immer funktioniert. Er wurde nur geringfügig dadurch beeinträchtigt, dass wir uns nicht darüber unterhalten haben, an welchem Terminal ich warten solle.

Natürlich ist das bescheuert, aber ich hab bisher alle meine Fahrgäste am Terminal A abgeholt und mit der Zeit einfach nicht mehr darüber nachgedacht. Dass mein äußerst netter Leser an Terminal C ankam und fortan wohl etwas irritiert durch den Flughafen irrte – wozu auch ich mit unzureichenden Angaben sicher beigetragen habe – war so nicht geplant.

Dabei waren wir beide ungefähr mit gleich viel Verspätung angekommen, es hätte also alles so gut passen können. Stattdessen war es dann ein klassisch wortkarger Kollege, der mir wohl zumindest mal entfernt ähnlich sah, der keine Anstalten gemacht hat, die Verwechslung aufzuklären und „meinen“ Fahrgast mitgenommen hatte, was ich etwas überrascht mitbekam, als es in einer SMS nunmehr nicht mehr um Terminals ging, sondern darum, dass – sollte ich nach der grandiosen Verpeilung noch Interesse an der Fahrt haben – nun nach Moabit kommen könnte.

Da war er wieder: Der Punkt, an dem ich aufgehört habe, mich darüber zu ärgern, was passiert war, sondern mit geradezu grenzdebilem Grinsen einfach nur gemeint hab, dass das ja nun nach all dem Hickhack auch kein Problem mehr sei. OK, natürlich war das am Ende eine Stunde mehr Zeit als geplant, die Tour war kürzer und auf der Uhr standen nochmal 10 Kilometer mehr. ABER WENN WIR MAL ANFANGEN, EINE TOUR ZU „PLANEN“, DANN ZIEHEN WIR DIE AUCH DURCH! 😀

Und ich hab’s nicht bereut, ehrlich. Der @luutoo ist ein furchtbar netter Zeitgenosse und der Umweg war definitiv besser als die Tour am Ende nicht zu fahren. Und das nicht wegen des Trinkgeldes oder weil es am Ende doch noch wenigstens eine 17€-Tour war, sondern weil’s Spaß gemacht hat. Obwohl oder weil es so schiefgegangen ist. Egal! Und wer von uns jetzt mehr oder weniger verpeilt hat? Egal! Am Ende hat’s auf abenteuerliche Weise dann halt doch gepasst.