Einfach mal fragen

Es war wirklich bescheuert von mir, an den Ostbahnhof ranzufahren. Die letzten Züge waren raus, der McDonald’s hatte bereits zu und von den umliegenden Clubs hatte keiner überhaupt erst aufgemacht. Aussichtsloser kann’s für Taxifahrer nicht mehr werden. Also vor allem für einen Nichtfunker wie mich. Aber ich fuhr gerade so vorbei und da stand ein mir bekannter Kollege. Also hab ich angehalten und ihn mal gefragt, ob hier noch was gehen würde. Die Antwort lautete ungefähr:

„Nee, ganz bestimmt nicht. Gerade kam ein Reisebus an, aber die zwei an der Haltestelle dort vorne sind die einzigen übrigen Menschen hier und die warten wohl auf den Nachtbus.“

Und der kam dann auch und sackte sie ein.

Ich und der Kollege quatschten kurz, dann kam von weiter hinten doch noch ein Pärchen an. Die beiden waren alt und langsam, also sagte ich dem Kollegen, er solle vorfahren – wenn sie tatsächlich kein Taxi brauchen würden, würde ich ihn wieder auf Position eins lassen. Wir waren ja die beiden einzigen dort. Also ist er vorgefahren und hat die Leute tatsächlich eingeladen.

Da hab ich dann aufgegeben. Es waren endgültig alle Menschen weg und der Kollege nun auch. Und ich hatte mich nicht reingesteigert, dort noch eine Tour zu bekommen. Also hab ich noch während des Einladevorgangs der anderen den Kollegen überholt und bin einfach losgefahren. Wohin auch immer. Und dann stand ganz ganz am Ende der Haltestelle noch ein kleiner alter Mann mit großem Koffer und guckte mich skeptisch an. Also hab ich’s riskiert und einfach mal gefragt, ob er zufällig ein Taxi brauchen könnte.

Und siehe da: Er konnte ein Taxi brauchen! 🙂

Es stellte sich schnell raus, dass er wegen seines schweren Asthmas nicht bis zum Stand laufen konnte – von Rufen wollen wir gar nicht reden! Er brauchte auch im Auto noch ein paar Minuten, um wieder ordentlich atmen zu können, aber immerhin hatte er schon eine grobe Ecke in Hellersdorf genannt. Eine 25€-Tour, das tat gut nach langem Leerlauf bei mir. Der überaus lustige Kauz hat mir erzählt, er sei in Südfrankreich gewesen un dieses und jenes und überhaupt. Bis in die Sechziger zurück haben seine Geschichten gereicht.

Das Fahrtziel konnte ich nur auf vielleicht einen Kilometer genau einschätzen, also fragte ich zwischendurch mal nach, ob mein vorgeschlagener Weg ok sei. Er meinte dann, dass er anders fahren würde, er zeige es mir. Ich hab nix gegen solche Ansagen – und der alte Herr hatte mir einige Jahrzehnte Ortskunde voraus. Dass das nicht viel aussagte, wurde mir dann drei Minuten später bewusst, denn er brachte einige Straßen ziemlich durcheinander – was an dem Punkt dann bedeutete, dass wir einen ziemlich gewaltigen Haken fahren mussten und ich vorher doch lieber meinem Instinkt hätte vertrauen sollen.

Aber der freundliche Greis entschuldigte sich noch bei mir und sagte, ich solle die Uhr ruhig anlassen.

„Ick ärger mir, wenn dit’n Fahrer so von sich aus macht. Aber war ja nu auch mein Fehler, so’n bisschen, wa?“

Wir haben uns drauf geeinigt, dass wir ein wenig aneinander vorbeigeredet hätten – auch wenn er wirklich argen Bockmist bei seinen Ansagen verzapft hat. Am Ende war aus der 25€-Fahrt eine Tour geworden, bei der 29,00 € auf der Uhr standen – satte drei Kilometer Umweg. Das war in der lauen Nacht Geschenk genug, ich hab mich in Gedanken mit dem erwarteten einen Euro Trinkgeld zufrieden gegeben. Und dann streckt mir der Vogel einen Fuffi zu und meint:

„Gib’s ma’n Zehner wieder! OK?“

Meine aufrichtigen Dankesworte quittierte er mit den Worten:

„Ach, dit war allet so teuer, da kommt’s darauf och nich‘ mehr an. Man muss dit Jeld unta de Leute bring‘, saick imma!“

Ein Leut dankt! Und ist froh, dass es gefragt hat. 🙂

Gefangenenbesingung

Wir hatten die Silvesterschicht hier noch gar nicht, merke ich gerade. Wobei da auch nur ausgewählte Touren wirklich spannend waren und ich überhaupt für die Nacht der Nächte sehr wenige hatte. Aber gut, hier die vermutlich aufregendste:

Ich stand am Bahnhof Zoo, denn dort hatte ich eben feierwütige Mädels rausgelassen, die mich und sich ununterbrochen mit dem Handy gefilmt hatten. Den Aussagen der Damen nach bin ich jetzt sicher irgendwo als coolster Taxifahrer in Berlin bei Youtube, aber überprüft habe ich das nicht.

Und während ich so noch kurz vor dem McDonald’s stand, hatte ich gleich wieder Kundschaft. Wen wundert’s an Silvester?

„Kannsu fünfe? Machsu fünfe? Korrekt, Digga, ich schwör!“

Es war nicht leicht, die Vorzeige-Gangsta ins Auto zu bekommen, aber mit mehrmaligem Zurechtweisen (Natürlich weisen wir Taxifahrer so echte Hardcore-Gangsta auch mal zurecht, muss schließlich sein! 😉 ) hat das aber dann doch geklappt. Auf Komfort wurde keinen Wert gelegt:

„Ey, wenn Du nach hinten willst, kann ich Dir auch die Sitze vorkl …“

„Haha, nee Alda! Sch’bin Einbrecher, isch komm‘ überall rein!“

Na klar. Am Ende waren alle drin und ich wartete auf ein Fahrtziel.

„Fahr‘ ma‘ andere Seite Bahnhof! Da drüben!“

Also zum Taxistand. (Eigentlich keine 30 Meter entfernt, aber mit dem Auto etwa 200 Meter)

„Haha, Digga, was würdst’n sagen, wenn wir da hin wollen?“

„Dass das die bescheuertsten 6 € sein werden, die ihr 2015 ausgeben werdet.“

Das Gelächter war groß. Dabei war es die Wahrheit. Und ich hätte ehrlich gesagt kein Problem damit gehabt, die Vollspaten nach 200 Metern wieder vor die Türe zu setzen. Mein Kilometerschnitt und damit meine Einnahmen wären super gewesen. Aber die Ansage stimmte nur zum Teil. Gestoppt hab ich am (leeren) Taxistand zwar schon, aber nur, weil einer mal raus musste, um irgendwas zu erledigen. Vielleicht Drogengeschäfte oder so, wer weiß. Die hellsten Kerzen auf der Torte waren sie zwar alle nicht, aber ich habe es zu schätzen gewusst, dass sie irgendwann hinten die Fenster aufgemacht haben. Ehrlich! Denn die Begründung war für Silvester völlig sinnvoll:

„Damit die Leute sehen, dass hier schon wir drin sin‘ un‘ nich‘ leer is‘!“

Der ausgestiegene Typ kam wieder, dann wurde mir ein Fahrtziel genannt. Irgendeine Bar. Von der ich natürlich niemals gehört hatte. Aber die zugehörige Straße sagte mir was, also bin ich nach ein oder zwei Nachfragen in Richtung Westen losgefahren. Die Diskussionen im Auto wurden laut, nicht immer wurden die Sprachen benutzt, die ich kenne – und am Ende wurde das Ziel auf die Kreuzung See-/Beusselstraße verlegt. Na gut, mir brachte die Irrfahrt ja wenigstens Geld …

Dort angekommen dirigierten mich die Jungs weiter in den Friedrich-Olbricht-Damm, direkt an die JVA Plötzensee. Ich muss ehrlich gestehen, dass mir die bisher nicht einmal ein Begriff war. Dort sollte ich das Auto direkt vor der Gefängnismauer parken, denn sie wollten „einen Kumpel grüßen“.

Und das haben sie getan. Und wie! Sie rüttelten an Toren, sprangen wie wild auf und ab und brüllten neben „Frohes Neues!“ einige wirklich nicht zitierfähige Sätze in Richtung der Staatsgewalt. Ringsum gingen die Lichter an, Beamte kamen zum Vorschein und ich war reichlich froh, bereits einen Fuffi („als Sicherheit, Digga!“) auf dem Armaturenbrett liegen zu haben. Hätte gut passieren können, dass sie auch alle mal spontan einfahren …

Am Ende lief – wie so oft – alles bestens. Die Jungs haben sich für mein Warten bedankt, sich noch ein bisschen weiter bringen lassen und den Fahrtpreis am Ende mit einem guten Trinkgeld aufgerundet. Ein klassischer Fall von „Ich hätte schlimmeres erwartet“. Und wo sie ausstiegen, kamen gleich die nächsten Kunden. Touris, zu einem Hotel. Silvester halt.

PS:

Das „Besuchen“ ihres Kumpels fand ich im Wesentlichen eine verdammt geile Aktion, auch wenn ich teilweise blöd dazwischen stand. Ja, ihr Freund wird vermutlich nicht ohne Grund einsitzen. Das kann ich mir bei dem Haufen vorstellen. Aber wir haben uns als Gesellschaft aus guten Gründen vom altmodischen Rachegedanken bei der Bestrafung abgewandt und Gefängnisinsassen haben trotz ihrer Verbrechen eine menschenwürdige Behandlung verdient (die leider oft genug nicht existent ist). Dass Freunde „von draußen“ ihnen ein frohes Neues Jahr wünschen, ist meiner Meinung nach eine völlig legitime Aktion – auch wenn’s in dem Einzelfall für mich ein wenig chaotisch war.

Felschgald

Alle Jahre wieder … so in etwa zumindest ist es mit „Falschgeld“ bei mir im Taxi. Ehrlich gesagt kontrolliere ich das entgegengenommene Geld so gut wie nie – die meisten Kollegen sind da penibler.

Mein Schnitt scheint aber auch ganz ok zu sein. Von Cheffe jedenfalls hab ich noch nix wegen „richtiger“ Blüten gehört – und mir wird eben alle ein bis zwei Jahre mal eine Münze untergeschoben, die weniger Wert hat als die, für die ich sie halte. Und ich weiß im Nachhinein nie, ob das nicht vielleicht auch nur ein Versehen war.

Dieses Mal war es diese Münze, die ich als 2€-Stück entgegengenommen habe:

Schkanndas nisch lesen! Quelle: Sash

Schkanndas nisch lesen! Quelle: Sash

Und ich weiß nicht einmal, was genau es für eine ist. Sei es drum, Shit happens.

„a little extra“

Ich bin immer nett zu meinen Fahrgästen und hab kein Problem mit ihren für mich mitunter unlohnenden Beförderungswünschen, das wisst ihr. Ich hab in der letzten Woche gleich zweimal nach einer Wartezeit von mehr als einer Stunde eine Tour vom Ostbahnhof zum Berghain gemacht und keiner der Kunden hat auch nur mitbekommen, dass er damit meinen Stundenlohn auf einskommairgendwas gesenkt hat für die Zeit.

Aber ich muss dann doch mal meckern: Wieso eigentlich wird man ständig belogen oder mit falschen Versprechungen geködert?

Mir ist schon klar, dass Leute ihr Geld auch für andere Dinge als fürs Taxi ausgeben müssen, aber wieso zahlen 50% der Leute, die „leider leider nur noch einen Zehner“ haben, ihre Fahrt mit einem Zwanziger? Und wieso kriegt man das schlechteste Trinkgeld von Leuten, die besonders viel versprechen?

Andere und miese Kollegen hin oder her: ICH fahre die Leute ja und ich stelle gar keine Ansprüche oder versuche den Eindruck zu erwecken, dass ich das tun würde. Ich freue mich über ein gutes Trinkgeld, natürlich, aber man braucht mich nicht überreden. Und wenn man schon der Meinung ist, es tun zu müssen: Warum hält man sich dann nicht an die eigenen Versprechen?

Kommen wir zum Grund dieses Eintrages. Ich wurde in Neukölln herangewunken. Nun stieg die begeisterte junge Dame aber nicht etwa einfach ein, sondern sagte mir:

„I’m sooo sorry! My friend is very drunk, but would you pleeaaaase take her? I’ll pay you a little extra!“

Und ihre Freundin wurde mir ins Auto gesetzt. Also sie wurde getragen. Völlig hinüber dank in der Bar großzügig verschenkter Jägermeister. Die restliche Fahrt über haben sich die Mitreisenden über ihr Gesicht amüsiert und sich überlegt, was sie machen würden, sollte die junge Frau sterben. Jaja, alles ironisch. Und kotzen würde sie selbstverständlich auch nicht. Da sind sich die Begleiter ja irgendwie immer sehr sicher.

Aber ja, wir hatten Minusgrade, unser Opfer saß zuvor an einer Hausmauer und außerdem ist es mein Job. Natürlich hab ich’s riskiert. Ich hätte ablehnen können, aber man ist ja kein Unmensch. An „a little extra“ hab ich dabei nicht mal gedacht.

Die Fahrt ging nach Friedrichshain und die Mitreisenden hatten die Dame wirklich gut im Griff. Sie hatte den Kopf in einer Tüte und im Schoß einer Freundin. So gesehen war durchaus für etwas Sicherheit gesorgt. Für mich war’s natürlich trotzdem ein ständiges Angespanntsein, man weiß ja nie, ob man nicht plötzlich reagieren muss. Betrunkene machen ja gerne auch mal dumme Dinge wie z.B. vorhandene Tüten wegschmeißen und dann erst losreihern.

Aber gut, die 12 Minuten Stress, die die Fahrt brachte, hab ich mit einem Lächeln weggerockt. Nebenbei bin ich schön sanft und gemütlich um die Kurven, alles ganz im Sinne der Kundschaft. Die Uhr stand am Ende bei besonders Extra-unfreundlichen 15,00 €, natürlich. Gereicht wurden mir dann von der „so lucky“-Lady 15,50 €. Mit dem Hinweis, ich wäre ihr rettender Engel gewesen. Und nicht nur das: Dass ihr Extra wirklich sehr little war (das durchschnittliche Trinkgeld bei so einer Tour liegt eher bei 1,50 bis 2,00 €) hat sie auch erkannt:

„Sorry it’s only 50 cent. But there is more in your car!“

Aha. Nochmal 50 Cent. Die ich mir aus dem Fußraum kratzen durfte. Ich hab fast ein bisschen Schadenfreude empfunden, als die angeschlagende Kandidatin neben meinem Taxi ihrem Begleiter auf den Pulli gekotzt hat … 😉

PS:

Ich weiß, dass das jetzt so klingt, als fände ich einen Euro zu wenig Trinkgeld. Das ist nicht so. Ich krieg haufenweise Trinkgeld in der Höhe, auch bei kürzeren oder längeren Fahrten. Und es ist besser als nichts und ich freue mich entsprechend über alles. Wären sie einfach nur eingestiegen und hätten so bezahlt, hätte ich allenfalls einen Artikel über das Auf-den-Pulli-Kotzen geschrieben. Ich mag wirklich dieses Lügen nicht, schon alleine weil es auch ein bisschen arrogant wirkt: Wir versprechen einfach so ’nem Taxifahrer mal irgendwas, ist ja am Ende egal …

Ich lass mir dadurch sicher nicht insgesamt die Laune verderben – aber Spaß machen solche Touren dann halt auch nicht wirklich.

Silvester 2014

Wie die meisten erahnt haben werden, hab ich mich auch dieses Jahr wieder in der Silvesternacht auf die Straße geworfen. Natürlich vollkommen uneigennützig, um netten Menschen nach Hause zu helfen. Mit dem guten Verdienst hat das natürlich nix zu tun. 😉

Wie üblich bin ich erst um 1 Uhr am Neujahrsmorgen auf die Straße und hab sogar recht früh – um 7:30 Uhr – wieder Feierabend gemacht. Das war mehr einem örtlichen Zufall geschuldet, ich wäre auch in den letzten Jahren von Kaulsdorf aus Richtung Heimat gefahren um die Zeit. Und es hat nunmal keiner mehr gewunken.

Und, wie war’s?

Wie absolut jedes Jahr. Umsatzstark, größtenteils gut, in Teilen extrem stressig – am Ende halt so mittel. So langsam fange ich sogar an, die Kollegen zu verstehen, die Silvester nicht mehr fahren. Nicht, dass ich das schon bald vorhabe, aber irgendwie isses letztlich eine Schicht in der man zweimal so gut verdient wie sonst, die aber dafür auch zweimal so stressig ist. Das Fazit ist so schwer nicht auszurechnen. 🙂

286 € Umsatz in 6,5 Stunden ist natürlich prima. Am Ende hatte ich aber eigentlich gehofft, die 300 zu knacken. Wie üblich waren die Fahrten für meinen persönlichen Geschmack zu lang – wobei das dieses Jahr schon wieder Glück gewesen sein könnte. Denn was hatte ich für eine Silvesterschicht Leerfahrten! Um 5:30 Uhr bin ich sage und schreibe von Falkensee leer bis zur Leipziger Straße/Wilhelmstraße gefahren. Das sind 19,3 km mit angeschalteter Fackel im Stadtgebiet. Aber über den Umsatz an Silvester jammern, wäre schon arg vermessen. Es hat immer noch aufs Doppelte des in dieser Schicht für mich erstmalig geltenden Mindestlohns gereicht.

Der Mindestlohn war natürlich auch Thema im Taxi, ebenso – auf sehr erwähnenswerte Art – Uber. Darüber hinaus natürlich viel „Frohes Neues!“ und eine Menge Dank dafür, dass ich in der Nacht nicht wie alle anderen am Feiern war. So muss das!

Außerdem hab ich Silvester völlig ohne Backup-Navi runtergerockt. Natürlich hab ich hier und da mal auf die Tracker-App geschielt, aber im Wesentlichen hat’s gut geklappt. Am Ende wollten doch fast alle heim und wussten noch, wo das ist. Und in den besonders absurden Fällen wusste ich es dann, manchmal ist Ortskunde schon unheimlich.

Das Auto nach einer 200-km-Schicht gestern dann bei Tageslicht zu sehen, war nicht so erfreulich – aber ich denke, ich hab’s den Kollegen angemessen geputzt zurückgebracht. Nun hab ich wieder meine inzwischen übliche 2925 und das Jahr 2015 kann richtig starten. Die letzte Nacht haben mich heftigste Müdigkeitsnachwehen der letzten Tage von einer richtig vollen Schicht abgehalten, aber ab heute Abend geht alles wieder seinen Gang. So toll Silvester auch ist, back to normal hat auch was …

Fremde Angelegenheiten

Dass Kunden aus einem Taxi aussteigen und anschließend zu einem Taxi laufen, kommt vor. Wenn dann allerdings der Taxifahrer hinterherfährt, kommt meist nix gutes dabei heraus. Und genau so geschah es, als zwei Damen mein Taxi enterten, nachdem sie zuvor bei einem Kollegen ausgestiegen waren – und jener gleich wendete und auch an mein Auto herantrat.

Ich möchte erst einmal ein wenig auf meine Situation eingehen. Ich stand unter der Woche zu ungewohnt später Stunde am Ostbahnhof an erster Position. Was ungünstig war. In gewisser Weise. Laufkundschaft war nämlich, salopp gesagt, alle – das einzige, was uns paar Fahrer noch hielt, war der um anderthalb Stunden verspätete ICE aus München, der in wenigen Minuten eintreffen sollte. Verspätete Züge sind für uns super, denn dann schmeißt die Bahn in der Regel mit Taxigutscheinen, gerne auch mal für Fernfahrten, um sich. Ungünstig war meine Pole Position deswegen, weil in der Regel zuerst die aus dem Bahnhof gestürmt kommen, die sich zuvor nicht um Gutscheine rangeln und entsprechend meist kürzere Touren haben, bei denen es keine Rolle spielt, wer sie bezahlt.

Nun stiegen die beiden jungen Frauen also ein und wollten … zum Berghain.

GNIT-Leser wissen inzwischen sicher, dass das eine ultrakurze Strecke von vielleicht 800 Metern ist. Dieses Mal hätte mir das perfekt gepasst: Schnell binnen zwei Minuten zum Berghain und zurück – und dann an Position 5 oder so anstellen, um eine der lukrativen Ferntouren abzugreifen …

Nun aber kam der Kollege an und forderte die beiden Damen auf, ihre Taxifahrt zu bezahlen. Oha! Zechpreller, ehrlich?

Die folgenden zwei Minuten waren ein einziger Disput rund um mein Auto, wobei es aber nicht um mich ging. Immerhin. Und erstaunlicherweise war das Problem der Anwesenden sogar nachvollziehbar – und dennoch nicht so einfach zu lösen.

Unstrittig war, dass der Kollege die beiden Damen zum Ostbahnhof gebracht hatte, damit sie an einem Geldautomaten Geld abheben können, um letzten Endes die Fahrt zum Berghain bezahlen zu können. Und bezahlt hatten sie nicht. Was eindeutig für den Kollegen spricht. Die Frauen erzählten mir, dass sie den Fahrer gebeten hätten, das Taxameter während des Stopps auszuschalten, was dieser wohl bejaht hatte. Als sie wiederkamen, standen allerdings 3 € mehr auf der Uhr, weswegen sie sich verarscht vorkamen und nicht mehr weiterfahren wollten, sondern lieber einen anderen Fahrer.

Nun wird’s schwierig …

Zunächst einmal gibt es absolut keinen Grund, das Taxameter für so einen Halt zu stoppen. In der Zeit ist man als Taxifahrer gebunden und schon der Begriff „Wartezeittarif“ zeigt ziemlich deutlich auf, dass wir auch Geld fürs Warten nehmen dürfen, wenn es anfällt. Diesbezüglich waren die beiden Damen also rechtlich in ziemlich schwieriger Lage. Andererseits muss man auch mal zu Protokoll geben, dass derartige Taxameterstopps trotzdem gang und gäbe sind. Auch ich hab das schon gemacht. Wenn’s danach noch weitergeht, macht man lieber mal 5 Minuten unbezahlte Pause und raucht eine, bevor die Kunden abspringen. Und wenn man das nicht machen will als Fahrer – was wie gesagt völlig ok ist – dann sollte man wenigstens nicht vorher zusagen, dass man es macht. Weiterer Pluspunkt für die Fahrgäste: Sie waren in der Tat sehr ruhig, während der Kollege Zeter und Mordio schrie. Der erste Satz der einen war tatsächlich:

„Please calm down, so we can talk to each other!“

Ja, nu saß ich da ernstlich zwischen den Stühlen. Dass die beiden die Fahrt zu zahlen hatten, war klar. Zumindest mal bis zum Anhalten, immerhin auch ein ganzer Zehner. Das hab ich auch erklärt. Nun gab es dummerweise aber auch noch Sprachprobleme: Die Fahrgäste sprachen kaum deutsch, der Taxifahrer kaum englisch.

Und überhaupt: Warum ich? Ich bin kein Kollegenschwein, ehrlich. Aber was hätte ich außer vermitteln tun können – was keine der beiden Parteien irgendwie wirklich honoriert hat …

Dementsprechend dankbar hab ich angenommen, was eine der Damen anbot:

„I’m sorry, we leave your cab. OK? I know, you’re waiting for other customers.“

Und – mit Zustimmung des Kollegen – beschlossen sie, die vor Ort ansässige Polizeiwache aufzusuchen. Was mit Sicherheit die bessere Wahl war als mein Taxi. Eine friedliche Einigung wird es vermutlich nicht geworden sein, aber wenigstens eine, die dann hoffentlich alle akzeptieren.

Anschließend hab ich tatsächlich eine Fahrt aus besagtem ICE bekommen. Keine mit Coupon, aber immerhin eine für 17 €. Man will ja nicht meckern, wenn andere sich schon wegen drei Euro in die Haare kriegen …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Taxifahren an Silvester

Die langjährigen Leser werden auf das Revival dieses Textes so sehr gewartet haben wie auf die Best-of-CD von Scooter, den neuen bringe ich hiermit das näher, was einfach gesagt werden muss, wenn Silvester bevorsteht:

Stellt Euch darauf ein, dass es schwer bis unmöglich wird, an Silvester ein Taxi zu bekommen und bleibt trotzdem gelassen!

Damit ist das wichtigste gesagt. Wer alles weitere als lockere Liste haben will, dem sei dieser Text aus dem Vorjahr empfohlen: 10 Tipps zum Taxifahren an Silvester. (ihr dürft das gerne wieder in den Social Networks teilen – wie auch diesen Artikel hier)

Nun aber in der langen Version:

Wie sich die meisten sicher denken können, ist Silvester für uns die lohnendste Schicht. Das ganze Land feiert, fast jeder trinkt – und am Ende müssen alle zu besonders später Stunde und bei kaltem Wetter heim. Das ist natürlich großartig für Taxifahrer, andererseits sind die Ausmaße an Silvester einfach so gigantisch, dass wir schlicht nicht alle Kunden befördern können. Obwohl wir die meiste Zeit des Jahres ewig rumstehen und auf Kunden warten, also in mehr als ausreichender Zahl existieren, wird es an Silvester eng. Das Problem lässt sich auch nicht einfach lösen, denn wo sollen plötzlich mehr Autos und Fahrer herkommen? Für eine einzelne Schicht wohlbemerkt.
Der effizienteste Weg für uns (und die Kunden) ist damit, dass wir einfach alle Kunden aufsammeln, die uns über den Weg laufen und sie schnell heimbringen, dort die nächsten einladen usw. usf. Damit sind fast alle Taxis fast immer besetzt, besser kann man es nicht machen. Was aber dennoch heißen kann, dass man als einzelner Kunde ewig warten muss oder gar kein Taxi bekommt. Das ist natürlich immer blöd in dem Moment (und ich kriege jedes Jahr erboste Hinweise, was für eine Frechheit das doch ist), aber über den eigenen Tellerrand schauend sollte jeder sehen, dass es insgesamt unsinnig wäre, ewig leer zu den Kunden hinzufahren, obwohl unterwegs genügend andere Leute warten und man in derselben Zeit eigentlich doppelt so viele Fahrgäste transportieren hätte können.

Deswegen ist es an Silvester soweit ich weiß überall unmöglich, sich ein Taxi zu bestellen oder gar vorzubestellen. MyTaxi zum Beispiel hat gestern schon eine entsprechende Rundmail rausgeschickt.

Für alle, die keine Möglichkeit haben, mit einem Privatauto (mit nüchternem Fahrer bitte!) oder Bus und Bahn heimzukommen, empfehlen sich also Geduld, warme Klamotten und Wegzehrung für den Fall, dass man kein Glück hat.

Darüber hinaus bringt es überhaupt nichts, zu versuchen, sich vorzudrängeln oder sich gar ums Taxi zu streiten. Ich kenne keinen Taxifahrer, der sich in so einem Fall nicht für die anderen Kunden entscheiden würde. Und auch wenn man persönlich Pech hatte: Bitte lasst das am Ende nicht an dem Fahrer aus, der Euch dann mitnimmt! Wir, die wir auf der Straße sind, wenn alle anderen feiern und uns den ganzen Stress mit streitenden Kunden, Feuerwerk und Glasscherben auf der Straße geben, sind die, die am allerwenigsten dafür können, wenn es bei Euch länger dauert. Schiebt Frust wegen der zu dünnen Fahrpläne der Bahnen, ärgert Euch darüber, dass Ihr zu blau zum Autofahren seid oder dass eure Eltern in so eine blöde Wohngegend gezogen sind. Wir paar Taxifahrer auf der Straße sind die, die all das ausbügeln und ich glaube, ich spreche für alle Kollegen, wenn ich sage, dass wir an dem stressigen Tag trotz 25 € Stundenlohn (die Zahl ist halbwegs realistisch als Maximum) nicht auch noch Lust haben, uns anzuhören, dass wir an der Misere schuld seien.

Im Gegensatz zur privaten Konkurrenz können wir in dieser Ausnahmesituation nicht einmal unsere Preise erhöhen, sondern fahren zuverlässig zu dem Tarif, der auch für die Fahrt am vorletzten Montag gültig war.

Bitte bedenkt das, wenn es Euch selbst gerade nervt: Wir haben es in der Nacht auch nicht leicht, obwohl unser Umsatz gut ist!

Ich schreibe das wie jedes Jahr aber nicht, um Euch vom Taxifahren abzuhalten. Mitnichten! Über verständnisvolle Kundschaft freuen wir Taxifahrer uns an Silvester mehr noch als an anderen Tagen – und unsere Umsätze sind auch nur deshalb so ein guter Ausgleich für den Stress, weil so viele Leute ein Taxi brauchen. Am Ende wird das schon irgendwie. Mit ein bisschen Warten oder umdisponieren kommen am Ende wie jedes Jahr doch alle nach Hause und wir Taxifahrer hatten auch eine gute Schicht. Es wird halt alles nochmal besser, wenn alle ein wenig mitdenken und Verständnis haben.

So gesehen bleibt also alles beim alten: Ihr feiert schön und am Besten ohne Gefahr zu laufen, Brocken zu lachen – und wir Taxifahrer schmeißen uns in unsere Kisten und bringen Euch schnell und sicher heim. Und mit ein wenig gegenseitiger Unterstützung habt Ihr den besten Tag und wir zumindest den besten Arbeitstag des Jahres.

Deal? 🙂

PS:

Für alle, die gerne vergleichen wollen: Hier ist der entsprechende Text aus dem Vorjahr (mit Links zu anderen Silvester-Texten der Jahre davor).