Verzählt

Plötzlich standen sie um mein Auto rum und fragten mich, ob ich auch sechs Leute mitnehmen könnte. Natürlich konnte ich das, sogar die Sitze waren schon ausgeklappt. Zwei Leute schmissen sich hinten rein, dann hab ich die Bank vorgerückt und am Ende verteilte sich der Rest irgendwie im Auto. Der Typ auf dem Beifahrersitz nannte mir ein Fahrtziel, das ich kannte und schon ging es los.

Es war eine nette Truppe englischer Touris und die ganze Zeit wurde wild durcheinandergequasselt. Mit mir, über mich, ohne mich, nur ich … wie das im Taxi mit Partygesellschaft halt so ist. Am Ende der Tour, vor ihrem Hotel, standen dann exakt 12,00 € auf der Uhr – plus Zuschläge. Das habe ich wie immer auch korrekt erläutert:

„OK, as you see, the meter’s at 12,00 € and then we have 3,00 €. This is the extra-fee for the fith and the sixth person – 1,50 € each.“

Mein Beifahrer nickte verständnisvoll, bezahlte die 15 € und gab noch einen als Trinkgeld obenauf. Nach dem Bezahlen machte ich mich daran, die Leute hinten von den Sitzen zu pflücken, um auch die in der letzten Sitzreihe zu befreien. Aber Moooment: Auf der Rückbank saßen zwei Leute. Nicht etwa drei. Ich grübelte noch etwas, ob einer jetzt schon rausgesprungen sei, aber als sie alle ins Hotel gelaufen sind, waren es wirklich nur fünf Leute.

Ich bin ihnen nicht hinterhergerannt, um ihnen die 1,50 € zurückzuerstatten. Die glaubten offenbar selbst daran, dass sie zu sechst waren, also wollte ich sie lieber in dem Glauben lassen 😉

Abgefuckt!

Eine Truppe Partygänger, allesamt alkoholisiert. Zu einem gewissen Grad auch stressig. Wie so viele wollten sie „gute Musik“ und kein Radiosender spielte die. Das hätte ich auch vorher sagen können 😉

Naja, ich war also die ganze Tour neben dem Fahren auch am Suchen nach einem Sender. Und wenn dann einer gefunden war, maulte irgendein einzelner rum, dass ihm das jetzt aber gar nicht passen würde.

Also anstrengend, ja. Aber als Taxifahrer mit Nerven aus Drahtseilen und einer Gutmütigkeit, die noch Mahatma Gandhi in den Wahnsinn getrieben hätte, hab ich sie ganz brav ans Ziel gebracht. Da haben es die Kollegen leichter, die einen gleich rausschmeißen, wenn man was gegen die Musik im Radio sagt, keine Frage. Aber wie üblich war das Ende schön:

„Was kriegste?“

„11,20 €.“

„Na, machste mal 15 – für die abgefuckte Fahrt.“

Panik!!!

Einen kurzen noch, weil mir gerade danach ist:

Der Fahrgast war ein bisschen verplant aber soweit nett. Als wir an der Kreuzung Rosa-Luxemburg-Straße/Torstraße ankamen, fiel ihm beim Blick auf den Kiosk ein, dass er noch Kippen bräuchte.

„Äh, ich spring kurz raus. Ich lass die Tasche hier. OK?“

So wirklich was dagegen sagen wollte ich nicht, aber ich stand auf der Linksabbiegerspur echt ziemlich blöd. Da aber hinter uns frei war, ließ ich ihn raus und rangierte dann ein wenig rückwärts, um das Auto wenigstens rechts an den Fahrbahnrand, bzw. halbseitig auf den Gehweg zu bekommen. Meinen Fahrgast hatte ich bei diesem Manöver erstmal völlig aus den Augen verloren, denn der befand sich jetzt auf der anderen Seite des Kiosks. Da sich aber seine Tasche – offenbar ein Notebook – im Wagen befand, machte ich mir keine Sorgen, dass er jetzt unbemerkt die Fliege macht. Dann allerdings dauerte es. Nach einer Minute sprang das Taxameter wieder an und ich fragte mich, wo mein Fahrgast bleibt. Ein bisschen Nervosität machte sich breit, auf Stress hatte ich ja nun wirklich keine Lust.

Plötzlich kam mir mein Kunde mit weit aufgerissenen Augen von der anderen Straßenseite entgegen. Völlig weggetreten vor Schock. Nachdem er sich unter vielen Danksagungen ins Auto fallengelassen hatte, erzählte er mir dann, dass er ein anderes Taxi hat wegfahren sehen und überzeugt war, ich wäre das gewesen. Und anstatt mal kurz ums Eck zu linsen, wo ich eigentlich stehen sollte, ist er dem wohl noch ein Stückchen panisch hinterhergerannt. Kann man ja mal machen. 🙂

Wie dem auch sei: beidseitige Erleichterung und ein angenehmes Ende mit Trinkgeld. Passt also.

 

Vorführmodell

Dank der gesperrten Karlshorster Straße kam ich gar nicht ohne Umweg bis nach Rummelsburg. Dass diese Tour so ein Glücksgriff sein sollte, ahnte ich aber nicht. Denn am Wochenende ist zwar immer irgendwo Party, aber dass die zwei verstrahlten Jungs ausgerechnet zu einem Open Air wollten, das bereits um 23 Uhr – kurz nachdem wir dort aufschlugen – beendet sein sollte, war Glück. In Berlin alle Veranstaltungen im Überblick zu behalten ist fast unmöglich und ich wäre sicher nicht einfach so auf Verdacht bis fast nach Schöneweide gegurkt, nur um mal zu gucken, was da geht. Aber ich sah dann, dass ein paar Kollegen bereits dort rumstehen und das ist meist ein gutes Zeichen. Also hab ich mich angestellt.

Zunächst war ich ein bisschen enttäuscht vom Publikum dort. Zuerst wollten mich 7 Leute mit ziemlich überheblichem Tonfall davon überzeugen, dass ich sie ja wohl schon alle mitnehmen könnte – mit dem irgendwie für mich sehr zwiespältigen Argument, dass das ja voll ok wäre, weil es nur so eine kurze Fahrt sei. Aber auch wenn ich in Besitz eines gültigen Staplerscheins bin: mir sind solche Fahrten nicht erlaubt. Und schon dreimal nicht, wenn ich sie machen muss, um nicht uncool zu sein.
Als nächstes wurde mein Auto dann einige Zeit verschmäht, weil die Leute lieber Mercedes fahren wollten. Das ist prinzipiell natürlich ok, ich bin nach wie vor ein Fürsprecher für die freie Fahrzeugwahl durch die Kunden. Aber ein bisschen denkt man in solchen Momenten dann doch darüber nach, was die Leute denken würden, wenn ich sie stehen lassen würde und doch lieber die hübschen Frauen oder die schwerreichen Typen einsacke, die mir irgendwie als Kundschaft besser gefallen würden.

(sind übrigens beides nicht ernsthaft die Kriterien, nach denen ich wählen würde, aber es veranschaulicht die Sache ganz gut.)

Aber wie meist, wenn es mal nicht so läuft, kam die Erlösung in Form eines sehr sympathischen Menschen. Er wirkte reichlich verpeilt, aber transportabel. Beliebt gemacht hat er sich gleich vor dem Einstieg, als er einen Blick ins Auto warf und mich fragte:

„Nimmste mich mit oder warteste eigentlich auf ’ne Großraumtour?“

„Nee Quatsch, steig ein!“

Das ist meine Kundschaft: Die, die man vom äußeren nie für Taxikunden halten würde, die aber letztlich durch Freundlichkeit und Verständnis auffallen. Er hatte auch eine gute 20€-Tour bis in die City zu bieten. Zumindest vorläufig. Er telefonierte noch ein bisschen hin und her und es wurde klar, dass er in einer Zwickmühle steckte: Auf der einen Seite hätte er locker noch zwei bis drei Verabredungen zum Weiterfeiern gehabt, auf der anderen hatte er bereits 24 Stunden Party hinter sich und freute sich aufs Bett. Und, wer soll in solchen Momenten bei der Entscheidungsfindung helfen? Der Taxifahrer, na klar!

Zunächst  versuchte er irgendwie, sich von der Rückbank aus im Spiegel über dem Beifahrersitz zu erkennen und zu bestimmen, ob er noch partytauglich wäre. Das misslang allerdings wegen unzureichender Lichtverhältnisse und er fragte mich, ob ich denn der Meinung sei, er würde noch „gut genug aussehen, um wohin zu gehen, wo ich mich präsentieren und vorführen muss“.

Schon der Verkehrslage wegen musterte ich ihn nur kurz und war dann aus Prinzip diplomatisch unschlüssig. Bei jeder WG-Party wäre er nicht weiter aufgefallen, auf der anderen Seite sah man schon, dass die Haare etwas speckig und die Klamotten nicht mehr frisch gebügelt waren. Er nahm es dankbar entgegen, dass ich nicht umgehend rumgeflippt bin und sein Äußeres gelobt habe und befand sich des Bettes eher für würdig.

Und das Bett stand dankenswerterweise auch weiter weg als die Party es gewesen wäre. Ich hatte also auch etwas davon. 😉

Die Leute haben Ideen

Also eines muss man sagen: Kreativ sind Betrunkene ja, insbesondere auf der Suche nach potenziellen Sexualpartnern. Selbst ich gehe ja manchmal dazwischen, wenn ein paar Spinner meinen, sie müssten anfangen, Leuten auf der Straße Obszönitäten nachrufen. Irgendwann ist auch mal gut.

Von der Sorte waren die beiden biertrinkenden Gesellen in meinem Auto glücklicherweise nicht. Sie gönnten sich noch eben schnell die Kurzstrecke mit dem Taxi, ansonsten stellten sie eher melancholisch fest, dass sie ihre Zeit in Berlin sinnloserweise nur mit Arbeit verbracht hätten. Sie bescheinigten sich den Status „chronisch untervögelt“, aber immerhin in Zimmerlautstärke. Bis dann einer eine Radfahrerin auf der Straße entdeckte.

Nun kam ein Satz, der mich beinahe vor Lachen dazu gebracht hätte, just das falsche, äh richtige, also… egal. Einer der Jungs lehnte sich vor zu mir und sagte in lieblich-vertrauensvollem Tonfall:

„Duu? Kannst Du die da mal bitte kurz anfahren?“

Zum Kotzen!

Ich bin ja den betrunkensten Töffeln gegenüber freundlich. Warum auch nicht? Aber nach vielem Kopfschütteln hab ich die Truppe am Ende doch noch zusammengefaltet:

„Ey Leute, das ist nicht euer Ernst jetzt, oder?“

„Was, wieso?“

„Was, wieso? Könnte es sein, dass da ein Teil deines Burgers im Auto liegt?“

Nun seien wir mal ehrlich miteinander: Dreck im Taxi ist eine blöde Geschichte, denn ich muss ihn wegmachen. Unbezahlt, wohlbemerkt. Nichtsdestotrotz kann das natürlich mal passieren. Und auch hier war das im Grunde nicht weiter schlimm. Die Fußmatte wollte ich eh noch abspritzen und die Soße auf dem Sitz … erstens war es nicht viel, zweitens hab ich nicht ohne Grund Ledersitze. Das ist schnell erledigt. Was mich weit über alles andere hinaus aufregt ist, wenn man das einfach mal als selbstverständlich betrachtet. Ehrlich: Selbst Kotzer kriegen eine Portion Mitleid von mir, wenn sie zahlen und/oder mitputzen und es ihnen wenigstens angemessen unangenehm ist.

Diese Truppe allerdings war schon am Start nervig. Statt zu warten, dass ich die Sitze ausklappte, mussten sie sich natürlich in den Kofferraum setzen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich hab zwar nichts wirklich wichtiges dort zu liegen, aber einer der Kindersitze hat gleich mal verdächtig geknirscht. Darauf angesprochen fing das Mädel, das sich offenbar gerne mal auf die Sachen anderer Leute setzt, auch noch an, rumzublöken, sie sei ja gar nicht so schwer, dass das was ausmachen könnte. So dauerte schon das Einsteigen ewig. Und warum ich das nicht lockerer sehe, haben sie natürlich nicht verstanden.

Dass ich beim Burger angemahnt habe, Vorsicht walten zu lassen – ich bin ja wohl voll uncool! Dass ich nicht bei Rot über die Ampel fahre – voll albern um die Uhrzeit! Ein Gespräch kam nicht so recht auf. Der eigentlich noch halbwegs sympathischste der fünf – der mit dem Essen – wollte mich für einen kurzen Moment über die hervorzügliche Qualität seines Soja-Burgers aufklären. Da ich aber voll uncool und so bin, hat die lauteste Mitreisende beschlossen, dass ich für eine Soja-Diskussion nicht geeignet bin und das Gespräch abgeblockt, indem sie – und das meine ich ernst! – von da an die ganze Fahrtstrecke über erzählt hat, dass und wie sie diesen Weg jeden Morgen mit dem Rad zurücklegt.
Zwischen Sätzen wie „Da fahr ich dann auch lang und biege links ab, jeden Morgen, echt jetzt, weißt Du?“ hab ich mir geradezu eine Diskussion über veganes Essen gewünscht. Zur Entspannung, ehrlich! Und ich kenne die Diskussionen!

Am Ende der Fahrt wollte wieder keiner zuhören und so ging im allgemeinen Geblubber mein Hinweis auf den Zuschlag der fünften Person wohl unter, so dass sich einer der Beteiligten wunderbar großzügig vorkam, als er mir sage und schreibe 10 Cent Trinkgeld gab. Dass er selbst wohl glaubte, mir 1,60 € gegeben zu haben, wäre nicht weiter schlimm gewesen, aber er hatte die lauteste Stimme von allen und hat den anderen untersagt, etwas zuzuschießen, weil er ja schon „ausreichend Tip“ gegeben hätte.

Und während sie die Abdrücke ihrer nassen Schuhe überall auf Sitzen und Türverkleidungen hinterließen, blieb dann eben auch noch der Burger liegen, was mir natürlich ins Auge stach.

Ich hab nicht viel gesagt, nur kurz, dass ich es scheiße finde, wie sie sich hier aufführen. Ging natürlich zum einen Ohr rein und zum anderen raus, aber immerhin hat der Soja-Genüssling seinen Burger weggewischt.

Ja gut, es können nicht alle so nett sein wie Lisa und immerhin hab ich mit der Tour Geld verdient (ca. 5 € netto – wow!). Aber ein bisschen Anerkennung muss doch drin sein. Und ich meine kein Lob, kein Mördertrinkgeld oder sowas! Einfach nur ein bisschen Mitdenken, Aufmerksamkeit oder wenigstens nicht völliges Desinteresse. Ich jedenfalls gehe mit den Dienstleistern, die für mich etwas tun, so nicht um – obwohl ich sie bezahle.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Bisschen anstrengend …

„Guten Abend! Wo soll es hingehen?“

„Nach Rummelsburg.“

„Alles klar, wohin da genau?“

„Du, so genau weiß ich das nicht. An die Bucht jedenfalls.“

„Im Wohngebiet an der Hauptstraße?“

„Nein, eher so … von welcher Seite kommen wir denn dann überhaupt?“

„Na wir fahren jetzt hier die …“

„Ach, jajaja! Entschuldigung, ich will da auch nicht aufdringlich sein und so – überhaupt nicht – aber ich muss das jetzt mal ausnutzen, dass Du ja quasi eine Schweigepflicht hast!“

„Hab ich nicht. Wird vielfach falsch vermutet …“

„Na egal. Ich glaub nicht, dass es für Dich schlimm ist oder so, aber weißt Du, ich hab vorher ein bisschen LSD genommen, da muss ich mich jetzt ein bisschen zusammenreissen.“

„OK, kein Problem. Soll ich jetzt da vorne links ab oder doch eher rechts?“

„Du, das war echt nur ein halber Trip, aber sowas ist jetzt echt’n bisschen anstrengend.“

Er hat sich dennoch instinktiv richtig entschieden und wir sind angekommen. War auch nur ein kleiner Trip 😉