Und tschüss, Jungs!

Ich bin ja allgemein doch ein ziemlich umgänglicher Mensch und es ist nun auch nicht so, dass ich bei jeder Regel immer und überall auf die strengste Auslegung wert lege. Aber manche fordern es echt heraus.

Ich hatte am Ostbahnhof schon eine Weile gewartet, allzu viele Taxen standen dennoch nicht da. Ich war gerade zweiter geworden, da quatschte mich ein junger Mann an:

„Sag mal, kannst Du auch fünfe?“

„Klar – also zumindest, wenn nicht alle zwei Meter groß sind.“

„Ah, ok. Cool. Fehlen grad noch drei, wir kommen gleich wieder.“

Und weg war er. Das „Gleich“ waren dann mindestens vier Minuten und dummerweise kamen in der Zwischenzeit andere Kunden. Irgendwie natürlich blöd, dass sonst kein Großraumtaxi dastand, aber das war nicht wirklich mein Problem. Ich hatte nun nämlich eine nette Tour mit zwei älteren Frauen, die mir von ihrer Urlaubsreise erzählt haben.

Man kann ja Absprachen treffen und wenn die Fahrt sicher ist, dann warte ich auch mal ohne Uhr ein paar Minuten. Aber wer gleich wieder wegrennt und meint, ich hätte den ganzen Abend nichts besseres zu tun, als blindblöd jedem dahergelaufenen Spinner zu vertrauen, der muss dann halt damit leben, dass er nicht der einzige ist …

Sympathie ist viel wert …

„Ich hab das jetzt ja auch nur gemacht, weil Du mir, sag ich jetz‘ mal so, sympathisch warst.“

Was gemacht? Mir die Schicht gerettet!

Der Freitag Abend soll ein schlechter Freitag gewesen sein. Nahezu alle Kollegen prahlten selbstmitleidig mit hammerschlechten Umsätzen. Ich stand etwas deplaziert und debil grinsend daneben. Der Grund war meine dritte Tour an dem Abend. Eine, über die ich mich gleich zu Beginn gefreut hatte. Eine junge Frau (tatsächlich ein paar Jahre älter als ich) hat mich im Boxhagener Kiez rangewunken und mit der Aussage, sie möchte keine 10 Minuten auf den Bus warten, zum Ostbahnhof geschickt. Gute Idee, denn da wollte ich sowieso hin.

Während der 7€-Tour kamen wir recht schnell ins Gespräch. Auf den Zug müsse sie noch eine Stunde warten, aber wenigstens gäbe es im Bahnhof Speis und Trank. Am Zielbahnhof würde dann allerdings auch nur wieder ein nasser Motorroller warten. Danach aber – endlich – ein gemütliches Heim mit 3 Katzen und somit der lang ersehnte Ruhepol nach mehr als 12 Stunden Arbeit!

In Fürstenwalde.

Ich hatte dann nur beiläufig erwähnt, dass ich vor kurzem auch in Fürstenwalde gewesen wäre, leider mit einer eher unzufriedenen Kundin, die dem Hunni sehr hinterhergeweint hätte. Der Sieg war meiner, das ahnte ich bereits als sie fragte:

„Echt, ’nen Hunni würde des kosten?“

Als wir am Ostbahnhof auf die Vorfahrt rollten, war der Gedanke so fest eingepflanzt (und nein, ich hab es nicht forciert!), dass ich einfach frech sagen konnte:

„Also ICH würde mich natürlich freuen, sie nach Fürstenwalde zu bringen!“

Die Antwort kam schnell:

„Dann machen wir das doch jetzt einfach!“

Zack, Bombe! Ungelogen 5 Meter vor dem ursprünglichen Ziel hab ich gewendet und bin gen Südosten davongeschossen.

Die selbe Hammertour noch einmal, nun jedoch mit einer frisch verliebten und redseeligen jungen Frau an Bord, mit der wieder sehr schnell die Arbeit nicht mehr wie Arbeit wirkte. Zwischenrein ein Halt an der Tanke für Bier und fortan ein langes Gespräch über Beziehungen und die Liebe nebst vor sich hinratternder Uhr. Herrlich!

Wie viel besser kann es einem als Taxifahrer ergehen, als wenn man nach einer Tour 105 € ausgehändigt bekommt mit der recht eindeutigen Aussage:

„Es war mir ein Fest!“

Genau. Gar nicht! 😀

Fotosession

Kaum hab ich mal guten Umsatz und fahr nach außerhalb …

Naja, GNIT ist wahrscheinlich bald um ein Foto von mir reicher. Mal sehen, ob es vorzeigbar ist, aber das will ich bei voraussichtlich 35 € Kosten doch mal hoffen.

Eine Minute vor dem wirklich fiesen Blitz – nachts kann einen das ja durchaus ermuntern, mal spontan ins nächste Haus zu donnern – hab ich sogar noch darüber nachgedacht, wie viel hier erlaubt ist. Geschlossene Ortschaft ja, aber war da ein 60er-Schild? Offenbar nicht, denn viel mehr hatte ich wohl nicht, als ich geblitzdingst wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen lege ich ja bei Blitzern keine Vollbremsung* hin – ist nur gefährlich und bringt auch nichts mehr, so dass ich danach noch recht gut sehen kann, wie schnell ich war. Mein Tacho stand bei 65, vermutlich waren 50 erlaubt. Tja, dumm gelaufen. Vielleicht reicht es mit Tacho-Ungenauigkeit und Toleranz noch unter die Grenze, vielleicht muss ich halt doch nicht nur 15 € latzen. Mein Fehler.

Ich mach einfach einen Running Gag draus, dass es mich nie in Berlin erwischt. 😉

Und ich bin verdammt nochmal dafür, dass die nachts nur eine Warnleuchte, dafür aber einen Schwarzlichtblitzer nehmen. Ist nicht so praktisch, wenn man mit überhöhter Geschwindigkeit zwei Sekunden lang blind durch die Nacht pfeffert …

*Beim letzten Blitzer hab ich sogar nicht einmal gebremst, obwohl ich ihn gesehen habe. Was sind schon 10 € gegen einen Unfall?

Klappertext

Ja, meine Follower bei Twitter haben es mitbekommen: Autochen war wieder in der Werkstatt. Keine Panik, es ist nichts passiert! Ein paar Macken hat die Kiste nach wie vor, aber im Grunde nichts ernstes. Nur das (bisweilen) nervige Geräusch ist bislang nicht identifiziert worden. Allerdings leider auch gestern nicht. Es tritt recht unregelmäßig auf und scheint bei Nässe eher auszubleiben als bei Trockenheit. Naja, was will man machen?

Der Schrauber aus der Vertragswerkstatt jedenfalls bescheinigt der 1925 vorerst:

„Für den Kilometerstand klingt er echt gut!“

Und sie fährt sich auch super. Anfang der Woche wurde die Kupplung gemacht, nachdem ich die am Wochenende zuvor ordentlich runtergerockt habe und auch Handbremse und Zentralverriegelung tun nun wieder genau das, was sie sollen. Aber eine interessante „Neuigkeit“ hielt der Werkstattbesuch dann noch für mich auf Lager:

Der gerne angerufene Dauerschrauber ist ein Idiot.

Was anderes fällt mir echt nicht mehr ein. Zweimal schon war mein Tagfahrer nur in der Werkstatt, um Zeug wieder festschrauben zu lassen, das die vergessen haben. Namentlich die Radkastenverkleidung. Eine Scheinwerferfassung fiel der fehlenden Abdeckung ebenfalls zum Opfer, da sie schutzfrei durchgerostet ist. Jetzt hat mir der Vertragsschrauberling mal den kompletten Unterboden gezeigt:

Bei einer Halterung am Heck fehlt eine Schraube, eine Radkastenabdeckung vermisst gleich mehrere. Bei der Frontschürze wurde gleich auf das komplette Verbindungsstück verzichtet und der neue Keilriemen vermisst ebenfalls eine Schutzabdeckung gegen Feuchtigkeit. Massenweise Schrauben scheinen die einfach zu ihren Reparaturen rauszudrehen und am Ende nicht mehr reinzumachen. Da wundert es nicht, dass hier und da mal was klappert. Direkt gefährlich ist da zwar nix, aber ich vermute einfach mal, dass nicht alles, was weggelassen werden kann, auch weggelassen werden sollte. Ein bisschen Redundanz mag ja da sein, aber ganz ohne Grund verwendet Opel die Teile ja wohl auch nicht …

Wirklich schön, wenn Leute ihre Arbeit so locker sehen. Aber muss das unbedingt mein Auto betreffen? 🙁

Die Größe Berlins

In meinen kleinen Texten klingt oft nebenbei mit, wie groß Berlin ist. Die Berliner wissen das natürlich und sie lernen, damit umzugehen. Ich bin jetzt selbst seit ziemlich genau 5 Jahren (nämlich seit 5 Jahren und 2 Tagen) in Berlin und was sich mehr als alles andere gewandelt hat, ist das Bild der Stadt, der Umgang mit ihrer Größe.

Irgendwo in diesem ebenso nicht sonderlich überschaubaren Internet steht bereits, dass Berlin mich erschlagen hat zu Beginn. Mein erster Besuch in der Hauptstadt Ende 2005 führte mir die Ausmaße dieser Stadt nämlich recht gut vor Augen. Da ich die Reise zu Ozie damals im Auto angetreten habe und noch kein Navi hatte, versprach sie mich zu leiten. Ich solle am besten gleich in Wannsee von der Autobahn, dort am Bahnhof könnten wir uns treffen. Und dann fuhren wir zu zweit los. Nach Neu-Hohenschönhausen. Das ist einmal fast komplett durch die Stadt durch und hat damals tagsüber rund anderthalb Stunden gedauert.

Mein sehr geschätzter Leser, Kommentator und Literaturzusteller elder taxidriver hatte mir vor einiger Zeit schon eine sehr schöne Grafik zugeschickt, die die Größe Berlins eindrucksvoll mit drei weiteren deutschen Großstädten, unter anderem meiner Heimatstadt Stuttgart, vergleicht. Doch nicht nur das: da ich wegen Urheberrechtsbedenken von einer Veröffentlichung Abstand genommen habe, hat er selbst den Verlag kontaktiert und mir die Erlaubnis beschafft, weswegen ich die sehr alte* aber sehenswerte Grafik hier zeigen kann:

Berlin: Groß. Mit freundlichem Dank an den Verlag Karl Baedeker, Ostfildern, Quelle des Bildes

Beeindruckend daran ist allerdings nicht nur, wie groß Berlin ist. Sondern, dass die anderen Städte deswegen ja nicht klein sind. Und mich als Taxifahrer beruhigt es ein wenig, wenn ich darüber nachdenke, wie viel ich nicht weiß. Da wundert es plötzlich kaum noch, dass die Kollegen aus Stuttgart immer alles zu wissen schienen. Ich denke dann gerne mal:

„Und ich Idiot bin nach Berlin gezogen und hab da die Ortskundeprüfung gemacht.“

Die Tatsache, dass ich diese dann (beim fünften Anlauf) bestanden habe, ist ja aber so schlecht auch nicht.

*Die Zeichnung ist wohl aus den 60er-Jahren, selbst der Verlag konnte offenbar nicht mal eben so rausfinden, von wo das Bild ist 😉

Keine Angst

Der Anfang der Schicht war zum Kotzen verlaufen, inzwischen war aber aus anderen Gründen ein längerer Toilettenaufenthalt von mir ins Auge gefasst worden. Ich war zwar schon mehr in Eile und hab auch einiges an Durchhaltevermögen, aber ich stand eben auch an zweiter Position am Ostbahnhof. So schnell war keine Erlösung zu erwarten.

Aber sie kam dennoch. Und zwar in Form eines gar nicht unsympathischen Kerls, der eine Tour für fast zwanzig Euro an der Hand hatte – er musste nach Neu-Hohenschönhausen. Lange Tour war jetzt zwar eher nicht mein Traum – allerdings wäre von da aus der Weg nach Hause recht kurz und ich könnte gleich noch eine Kaffeepause machen. Also beschloss ich, mich zu freuen.

Die Tour war prima, nette Unterhaltung, mit Trinkgeld gab es sogar über zwanzig Euro und nach Hause war es nicht mehr weit. Kurz über die Pablo-Picasso und die Bitterfelder auf die Märkische – und dann könnte ich meine Wohnung schon sehen, wenn nicht das Eastgate im Weg stehen würde. Darüber hinaus leere Straßen, kaum Ampeln und kein Laufpublikum:

Großes weißes Telefon, ich komme!

Ein kleiner Rest Jagdinstinkt bleibt am Ende aber doch meistens. Fackel ausmachen ist nicht so mein Ding. Und so kam es, wie es kommen musste: Das Oktoberfest in seiner Eastside-Version hat wieder zugeschlagen und als ich schon am Blinken war, um in die Marzahner Promenade einzubiegen, winkte es rechts am Straßenrand. Ich hab mit mir gehadert, dann aber doch den Blinker rausgenommen und das Lenkrad gen rechts eingeschlagen. Das alleine war kaum nötig, denn Hilde und Eugen ruderten mit ausladenden Armbewegungen bereits auf die Fahrbahn. Das war soweit in Ordnung, die Straße war frei, also hab ich sie eingeladen. Großes Juchhei, endlich ein Taxi usw. usf. alles mit eingeschlossen.

„Na immerhin nehmen sie uns mit!“

„Warum auch nicht?“

Sprach’s und presste die Beine etwas enger zusammen …

„Naja, da war doch vorher der andere, ne Eugen?“

„Jaja, der wollte nich!“

„Der hat jesacht: Aber bitte, ich bin doch nicht mehr im Dienst. Aber der war doch an!“

„Jaja, voll an war der, hat aber gesagt, dass er aus wäre. Und bitte, wir sin vielleicht’n bisschen betrunken, aber doch nich so, dass man Angst haben müsste vor uns, ne?“

„Ja, Eugen.“

„Aber sie ha’m keine Angst vor uns, oder?“

Ich hab mir das Bild der beiden beim Einstieg nochmal vor Augen gehalten und mir gedacht, dass abgesehen von Bierfässern wirklich keiner Angst vor den beiden haben müsste. Beide gute zwei Kopf kleiner als ich, ein paar ATÜ Kesseldruck zu viel, ansonsten aber passendes Oktoberfest-Publikum: Jemütlich. Janz jemütlich.

Dass ich die Tour (die im Wesentlichen aus 3 Kilometern Märkische Allee bestand) etwas zügiger als sonst zurückgelegt hab, lag folglich weniger an den beiden. Am Ende war es gerade noch so in Ordnung. Ein Zehner Umsatz war an dem Abend Gold wert, kein Vergleich jedoch zur Erleichterung hinter der geschlossenen Klotüre wenige Minuten später. Nur Angst, Angst hatte ich eigentlich gar nicht an diesem Abend.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Haarscharf …

Hm, die Überschrift könnte mich jetzt dazu verleiten, mich zunächst mal positiv über die Frau in meinem Taxi zu äußern. Dazu gäbe es allen Grund, denn sie sah nicht nur gut aus, sondern war in Kombination mit ihren drei Mitreisenden durchaus eine lustige Besatzung. Es ist etwas unklar geblieben, weswegen wir uns sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch unterhalten haben (letztlich konnten wohl alle Anwesenden Deutsch), aber das hat mich ja nicht gestört. Tragischer war, was am Ende der Fahrt einer jener Mitreisenden gesagt hat:

„Es ist einfach scheiße! Die hübschsten Frauen – die müssen immer kotzen!“

An der Katastrophe bin ich – wie zu erahnen ist – doch noch haarscharf vorbeigekommen. Von Null auf Hundert musste die junge Dame kotzen und natürlich saß sie direkt hinter mir an der Tür mit der Kindersicherung. Dafür haben die Besoffenen ein Händchen, ehrlich. Wir standen zwar „recht praktisch“ an einer Ampel, doch die (sehr sehr kurze) Zeit, die ich brauche, um das Auto in den Leerlauf zu schalten, mich abzuschnallen, rauszuspringen und die Türe zu öffnen, ist stets aufs Neue gefühlt endlos lang.

Aber es hat gereicht.

Gut, es gab Spuren auf dem Sitz (zwei Tropfen), aber – Lederbestuhlung sei Dank! – war das mit einmal Wischen erledigt. Also wirklich. Absolut kein Drama! Dementsprechend hab ich auch keines daraus gemacht. So lange es am Ende so läuft, dass ich weiterfahren kann, bin ich in so einer Situation schon zufrieden.

Wir waren in diesem Fall ohnehin nur noch 500 Meter vom Ziel entfernt und damit war auch geklärt, dass sie den Rest laufen würden. Ist so gesehen auch schon mal angenehm für mich, da brauche ich nicht die letzten Meter noch zittern, ob nicht doch noch was kommt. So gesehen also: Glücklicher Sash, alles soweit ok.

Trotzdem muss ich aber mal anmerken, dass es jedes Mal ziemlich stressig ist, wenn ein Kunde kotzen muss. Jedes Mal! Denn natürlich fürchtet man um seine Schicht, hat Panik und muss nach so einer Situation erst mal wieder runterkommen. Zudem nötigt einen das zu absurd gefährlichem Verhalten im Straßenverkehr, ob das nun Notbremsungen oder das Behüten Betrunkener auf der Fahrbahn ist. Erst letztlich ist ja beispielsweise hier in Berlin eine Frau aus dem Taxi ausgestiegen und überfahren worden. Kurz: Mehr als jeder normale Zeitdruck lässt einen so eine Kotzer-Tour unter Strom stehen. Mal abgesehen davon kann man es auch mit gutem Gewissen einfach eklig finden, wenn einem jemand vor die Füße kotzt, nachdem man in letzter Not die Tür aufgerissen hat. Meiner Meinung nach muss man deswegen nicht in Tränen ausbrechen, es allerdings völlig normal zu finden, halte ich aber auch für eklige Arroganz. Und dann am Ende unbeschreiblich großzügige 20 Cent Trinkgeld zu geben, ist eigentlich wie gerade nochmal neben’s Auto zu kotzen …