Der Anfang der Schicht war zum Kotzen verlaufen, inzwischen war aber aus anderen Gründen ein längerer Toilettenaufenthalt von mir ins Auge gefasst worden. Ich war zwar schon mehr in Eile und hab auch einiges an Durchhaltevermögen, aber ich stand eben auch an zweiter Position am Ostbahnhof. So schnell war keine Erlösung zu erwarten.
Aber sie kam dennoch. Und zwar in Form eines gar nicht unsympathischen Kerls, der eine Tour für fast zwanzig Euro an der Hand hatte – er musste nach Neu-Hohenschönhausen. Lange Tour war jetzt zwar eher nicht mein Traum – allerdings wäre von da aus der Weg nach Hause recht kurz und ich könnte gleich noch eine Kaffeepause machen. Also beschloss ich, mich zu freuen.
Die Tour war prima, nette Unterhaltung, mit Trinkgeld gab es sogar über zwanzig Euro und nach Hause war es nicht mehr weit. Kurz über die Pablo-Picasso und die Bitterfelder auf die Märkische – und dann könnte ich meine Wohnung schon sehen, wenn nicht das Eastgate im Weg stehen würde. Darüber hinaus leere Straßen, kaum Ampeln und kein Laufpublikum:
Großes weißes Telefon, ich komme!
Ein kleiner Rest Jagdinstinkt bleibt am Ende aber doch meistens. Fackel ausmachen ist nicht so mein Ding. Und so kam es, wie es kommen musste: Das Oktoberfest in seiner Eastside-Version hat wieder zugeschlagen und als ich schon am Blinken war, um in die Marzahner Promenade einzubiegen, winkte es rechts am Straßenrand. Ich hab mit mir gehadert, dann aber doch den Blinker rausgenommen und das Lenkrad gen rechts eingeschlagen. Das alleine war kaum nötig, denn Hilde und Eugen ruderten mit ausladenden Armbewegungen bereits auf die Fahrbahn. Das war soweit in Ordnung, die Straße war frei, also hab ich sie eingeladen. Großes Juchhei, endlich ein Taxi usw. usf. alles mit eingeschlossen.
„Na immerhin nehmen sie uns mit!“
„Warum auch nicht?“
Sprach’s und presste die Beine etwas enger zusammen …
„Naja, da war doch vorher der andere, ne Eugen?“
„Jaja, der wollte nich!“
„Der hat jesacht: Aber bitte, ich bin doch nicht mehr im Dienst. Aber der war doch an!“
„Jaja, voll an war der, hat aber gesagt, dass er aus wäre. Und bitte, wir sin vielleicht’n bisschen betrunken, aber doch nich so, dass man Angst haben müsste vor uns, ne?“
„Ja, Eugen.“
„Aber sie ha’m keine Angst vor uns, oder?“
Ich hab mir das Bild der beiden beim Einstieg nochmal vor Augen gehalten und mir gedacht, dass abgesehen von Bierfässern wirklich keiner Angst vor den beiden haben müsste. Beide gute zwei Kopf kleiner als ich, ein paar ATÜ Kesseldruck zu viel, ansonsten aber passendes Oktoberfest-Publikum: Jemütlich. Janz jemütlich.
Dass ich die Tour (die im Wesentlichen aus 3 Kilometern Märkische Allee bestand) etwas zügiger als sonst zurückgelegt hab, lag folglich weniger an den beiden. Am Ende war es gerade noch so in Ordnung. Ein Zehner Umsatz war an dem Abend Gold wert, kein Vergleich jedoch zur Erleichterung hinter der geschlossenen Klotüre wenige Minuten später. Nur Angst, Angst hatte ich eigentlich gar nicht an diesem Abend.
