Alles rächt sich

So, nun sind wir dann so weit: Die kürzeste Schicht der Welt muss jetzt irgendwie wieder reingefahren werden. Ab heute. Um ehrlich zu sein, war ich bei meiner eben erfolgten Durchsicht der Monatsstatistik aber überrascht, wie wenig Stress das machen wird. Vorausgesetzt natürlich, dass das mit den Umsätzen auch halbwegs läuft.

Für den Fall, dass sie das nicht tun, liegen jedenfalls auf meinem Zu-lesen-Stapel eine ganze Menge Bücher, die gut oder zumindest mal vielversprechend sind. Ich sollte also auch die eher langweiligen Stunden in den nächsten Tagen – wenn man sich doch noch mal anstellt, um den einen Zehner noch mitzunehmen – ganz gut über die Runden kriegen. Und ansonsten gibt es ja auch noch Twitter. 🙂

Ich weiß um die Nicht-Spannug der letzten Woche hier Bescheid. Die lag aber ausnahmsweise echt mal nicht daran, dass ich keine Zeit oder Lust hatte zu schreiben, sondern daran, dass die Realität nicht viel hergegeben hat. Wie irgendwann weit in der Vergangenheit mal geschrieben: 90% der Fahrten sind so durchschnittlich, dass sie nicht einmal einen erzählten Witz aus den 80ern oder eine komische Frisur eines Protagonisten hergeben. Die hier auftauchenden 10% sind überwiegend auch nur aus einem ganz bestimmten Blickwinkel blogbar. Im Normalfall fahre ich gerade um die 50 Touren die Woche. Wenn jetzt die Fahrgäste mal überdurchschnittlich langweilig sind und ich auch noch wenig arbeite … ihr könnt besser rechnen als ich. 😉

Aber wie gesagt: Heute Abend wieder. Und ich hoffe ja, dass das auch was lustiges für morgen früh bedeutet. Wie immer gilt: Wenn bei meinem Tracker viel Bewegung zu sehen ist, bedeutet das was gutes. Für mich in jedem Fall, für Euch höchstwahrscheinlich.

Kürzeste Schicht der Welt

Um mich von der Arbeit abzubringen, braucht es zwar nicht viel, aber eigentlich bin ich inzwischen gut genug, es am Ende doch hinzukriegen. Am Freitag hat das mit diesem „eigentlich“ irgendwie nicht funktioniert.

Gut, die Ausgangsbedingungen waren schlecht. Zum einen hatte ich das Auto vor der Haustüre stehen. An und für sich ist das klasse, denn es erspart mir meinen Arbeitsweg und wenn zwischenzeitlich kein anderer gefahren ist, ist an der Kiste bereits alles so eingestellt, wie ich es zur Arbeit brauche. Das ist wirklich hilfreich. Aber es muss irgendeinen unbekannten Prozess, höchstwahrscheinlich psychischer Natur, geben, der mich dann meistens das Arbeiten vertrödeln lässt.
Abgesehen vom Auto hatte ich aber auch einfach keine große Lust. Das wollte ich nicht als Ausrede nehmen und trotzdem arbeiten, bald, gleich, hey, ich hab immerhin schon eine Hose an!

Und dann ist dieses interessante Gespräch immer länger und länger geworden. Es wurde 20 Uhr, 21 Uhr, 23 Uhr, 2 Uhr …

Irgendwann fiel Ozie todmüde ins Bett, ich hätte es ihr eigentlich gleichtun wollen, aber es war 3:30 Uhr und ich wollte eigentlich noch arbeiten. WTF? Es ist nicht so, dass ich das geplant gehabt hätte. Ich hab immer mal wieder zur Uhr geschielt oder großspurig verkündet, dass ich nach dieser Zigarette jetzt aber auf jeden Fall und außerdem und überhaupt und sowieso!

Nun stand ich da. Alleine, müde, unlustig. Eigentlich war mir danach, das Auto einfach nur umzuparken. Auf der anderen Seite müsste ich wohl tanken und natürlich mache ich zur besten Zeit des Tages die Fackel nicht aus, wenn ich eh rumfahre. Sobald Kundschaft kommt, ist ja immer alles super.

Ich war noch keine 400 Meter weit gefahren, stand am S-Bahnhof Marzahn an der Ampel, da stieg mir ein Fußgänger einfach ein. Das Auto war noch kalt, aber er sagte mir, dass seine Bahn nicht kommen würde. Ich sah sie bereits im Rückspiegel …
Aber er wollte mitfahren, es ging nur ein paar Kilometer die Landsberger runter. Mit ein bisschen Smalltalk hatte ich 7 Minuten nach Schichtbeginn 10,40 € auf der Uhr und 1,60 € Trinkgeld. Und einen bombigen Kilometerschnitt.
Nun war das zweifelsohne ein guter Auftakt, aber meine Koffeintablette wirkte noch nicht, das Auto war immer noch etwas kühl, der Abstellplatz lag nur noch einen Kilometer entfernt und die Tanknadel verharrte bei eigentlich erträglichen 3/4. Tatsächlich ist dann zwar mehr als ein Viertel der Füllung weg, aber mit dem Rest kann man bequem eine Schicht fahren und muss zumindest nicht zwei mal tanken. Ich würde meinem Tagfahrer also keinen Stress machen, wenn ich jetzt nicht noch eine Runde bis nach Mitte oder Rummelsburg bis zur nächsten geöffneten Erdgastankstelle gefahren wäre. Es war so verlockend und einfach. Außerdem kam meine Bahn in nur 10 Minuten, was eine optimale Zeit fürs Abstellen des Autos plus eine Zigarette an der Haltestelle war.

Am Ende war die „Schicht“ etwa 12 Minuten lang. Vom Umsatz her war ich für die Zeit sehr zufrieden und mein Schnitt lag bei 1,73 € pro Kilometer.

Aber natürlich werde ich das bereuen, wenn ich das fehlende Geld diese Woche zusätzlich einfahren muss. 🙁

Hinter den Kulissen

Taxigeschichten sind gerade sonderbar rar. Ich hab den letzten Monat eigentlich für meine Verhältnisse fleißig gearbeitet, aber die Kundschaft war oft schweigsam, einsilbig oder wollte einfach nur auf dem schnellsten Weg heim.

Vielleicht sollte ich mal wieder duschen.

OK, Scherz beiseite. Im Gegensatz zum Rasieren – und selbst da lebe ich den Traum und mache das allerhöchstens zweimal die Woche – dusche ich durchaus, wenn ich sollte. Laut einigen Lesern falle ich damit schon mal positiv auf. Nun ja.

Wie gesagt: Geschichten von der Kundschaft sind rar, da muss eben mal wieder die andere Seite ranhalten: die Chefs.

Einige im Gewerbe schaffen es ja recht gut, die Fahrer zu vertreiben, ich bin trotz hundertfacher Konkurrenz ja immer noch da, wo ich angefangen habe. Dass ich mit den Leuten in der Firma gut klarkomme, wissen ja alle. Will ich auch gar nicht so drauf rumreiten, weil es immer ein bisschen wie Werbung klingt. Tatsächlich muss ich aber auch eines sagen: ich gehöre wahrscheinlich inzwischen zu der Minderheit an Taxifahrern, die es gar nicht so leicht bei der Jobsuche hätten. Bei mir ist zwar nix mit dem Führerschein, dem P-Schein, dem Punktekonto oder dem Vorstrafenregister im Unreinen, ja selbst mein Stundenumsatz ist verhältnismäßig gut. Ich stelle auch keine hohen Ansprüche ans Auto, bräuchte nicht einmal einen Funk und gucke sogar relativ knuffig, wenn ich im Büro aufschlage.

Aber eines mache ich nicht: viel arbeiten. Und das gilt irgendwie immer noch als Schlüsselqualifikation im Gewerbe. Da der Mindestlohn noch fern ist, ist das in aller Regel die erste und oft einzige Zahl, auf die die Unternehmen schauen: Wie viel fährt man monatlich ein? Und da schwirren Zahlen rum, die mir Bauchschmerzen verursachen. Ein Kollege hat sich bei einer anderen Firma verpflichtet, 4.500 € einzufahren. Verpflichtet! 150 € täglich bei einem 30-Arbeitstage-Monat oder wie?
Klar, der macht das, weil er dann ein Auto für sich alleine hat. Und ich weiß, dass er die Kohle ohnehin braucht. Aber wenn da mal jemand die Arbeitszeiten anschauen würde …

Bei mir frisst die Schreiberei Zeit. Eine Menge – und das meist auch noch unproduktiv passiv. Etwas, das meinen Chefs getrost am Arsch vorbei gehen könnte. In meinem Arbeitsvertrag stehen 40 Wochenstunden, so isses halt. Ich müsste das Schreiben hinschmeißen oder mir mühsam andere Chefs suchen, wenn meine die Zeilen auf dem Papier auch nur ansatzweise durchsetzen wollten, da sitze ich am kürzeren Hebel.

Stattdessen bin ich bei der letzten Abrechnung reingekommen und einer der beiden hat mich zum letzten Interview beglückwünscht und alles dazu wissen wollen. Ich war es dann, der eingeworfen hat, dass ich die Zeit beim Fotografen als Taxitour abgerechnet habe – anstatt dass ich gefragt wurde, wieso ich während meiner ohnehin spärlichen Arbeitszeit mit dem Firmenwagen für den Stern posiere. Obwohl es sie Monat um Monat Geld kostet, steht außerhalb der Familie kaum jemand so hinter meinen literarischen Ambitionen wie meine Firma. Das ist nicht mehr einfach nur nett, sondern regelrecht beeindruckend, wenn man davon ausgeht, dass das in erster Linie eine Geschäftsbeziehung ist oder sein „müsste“.

Ich will das auch nicht schönreden. Ja, ich hatte letztes Jahr Gespräche über meinen sinkenden Umsatz. Und ja, wir haben uns auf einen Mindestumsatz geeinigt (was meines Wissens nach kein Kollege je gemacht hat). Aber genau: wir haben uns geeinigt. Und ich hab besagten Umsatz auch schon untererfüllt und dennoch keine Er- oder gar Abmahnung bekommen.

Obwohl mich das frühe Aufstehen und die einstündige Fahrt zum Büro nerven: Jedes Mal (!) wenn ich Abrechnung mache – also meinen Chefs die Hälfte von meinem eingefahrenen Geld abgebe – laufe ich zufriedener wieder raus als ich reingelaufen bin.

Das klingt jetzt auch schon wieder schwülstig, als hätte ich vor, das Ganze mit Herzchen anstelle von i-Punkten und dazu parfümiert in einen Umschlag zu stecken und als Liebesbrief abzuschicken. Und das kommt mir komischer vor als euch. Aber wenn ich meine Chefs hier oder auch wann anders mal lobend erwähne, dann liegt das – ironischer Zirkelschluss der Geschichte – genau daran, dass ich die Möglichkeit habe, Texte wie diesen (und die anderen, interessanteren, natürlich!) zu schreiben. Mit anderen Worten: Ihr müsstet meine Chefs eigentlich genauso mögen wie ich.


PS: Morgen arbeite ich wieder. Dann passiert hoffentlich mal wieder was interessantes. 🙂

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„Würdest Du mich zum U-Bahnhof Hermannstraße bringen?“

„Sicher doch.“

„Ich hab nämlich keinen Bock, bis ganz da hoch zu laufen …“

Und zumindest bis zum ersten Taxi am Ostbahnhof hätte er tatsächlich noch ein Stückchen zu laufen gehabt, denn er winkte mich noch hinter der letzten Rücke ran. Ich war noch in freier Fahrt, durch die Nähe zur Halte hatte ich aber eher erwartet, er suche jemanden, der sich erbarmt, ihn für eine Kurzstrecke mitzunehmen. Um ehrlich zu sein: So war mir das noch lieber. Mir passte das nicht nur so gut, wie zahlende Kundschaft natürlich immer passt, es war einfach ein Tag mit elendig langen Wartezeiten. Und er war nun meine dritte Tour in Folge. Und außerdem der Garant für die 50 €, die ich auf jeden Fall in ein paar möglichst wenigen auf der Straße einfahren wollte. Es ist schön, dass ich mir Donnerstags nur den halben Umsatz einfahren muss, aber noch schöner ist, wenn ich dazu nicht Vollzeit zu arbeiten habe.

Zumal mir meine Coffees fehlten. Neue sind zwar bestellt, aber die DHL ist mit der Transparenz ja noch nicht so weit. Ich schätze, es war ein Update, das die Packstation außer Gefecht setzte und diesen Ladebalken anzeigte, als wir es ein paar Stunden zuvor abholen wollten. Gesagt hat das niemand, der Bildschirm versprach eine Verfügbarkeit binnen „weniger Minuten“. Offenbar sind „wenige“ mehr als zehn, denn so lange sind Ozie und ich in der Gegend rumgestanden und haben Maulaffen feilgehalten. Wäre es wenigstens ein Ladebalken gewesen, der ein ersichtliches Ende gehabt hätte – oder wäre erkennbar gewesen, ob das mit den wenigen Minuten da vielleicht schon seit einer Stunde steht … muss man ja nicht machen. War sowieso unwahrscheinlich, dass ausgerechnet jetzt jemand ein Paket abholen will, nach 19 Uhr! -.-

Aber egal, wach genug für die Tour war ich dann schon noch. Mein Fahrgast quasselte und quasselte auf erfrischend normale Art, insbesondere übers Taxifahren. Von einem Kollegen, der – auf die fünfte Ehe angesprochen – gesagt haben soll, er hätte ja schließlich auch die Autos immer mal wieder gewechselt und und und …
Ich mag es, wenn Fahrten so schnell vorübergehen. Am Ende standen wir da, ausgelassen, wieder wach und am Ziel. Da wollte er dann nochmal was wissen:

„Sag mal, kann es sein, dass am Wochenende nachts die Fahrten teurer sind?“

„Nee, definitiv nicht. Also klar, um ein paar Cent kann es mal schwanken …“

„Aber jetzt gleiche Strecke …“

„Nicht mehr als ein paar Cent. So genau sind die Taxameter auch nicht.“

„Ich hab irgendwie das Gefühl, am Wochenende kostet’s immer ein paar Euro mehr.“

„Das dürfte nicht sein.“

„OK, dann war ich wohl einfach zu betrunken.“

„Das wäre auch ein Lösungsansatz.“ 🙂

… oder er hatte mal einen dieser speziellen „Kollegen“ erwischt. Mein Preis war ihm – trotz neuem Tarif  – offenbar nicht zu hoch, denn er verabschiedete mich freundlich und mit Handschlag, Trinkgeld und stellte in Aussicht, dass wir uns vielleicht mal wiedersehen würden.

„Wie war nochmal dein Name?“

„Sascha.“

„Sascha? Hat mich gefreut, Sascha. Ich bin Umut.“

Hat mich auch gefreut. Und hoffentlich bis bald, Umut! Allerdings erst nach der nächsten Coffee, ich schlafe hier am Schreibtisch gerade sprichwörtlio117389n ioi1öioöääääääääääääääääääää

Die kleinen Pannen …

Was halt so passiert, wenn der Tarif geändert wird.

Ich will jetzt gar nicht davon erzählen, dass meine Chefs … obwohl, könnte ich schon. 🙂

Ihr wisst, dass ich meine Chefs sehr mag und das jetzt passt mir nur gerade vom Thema her. Soll keine böse Kritik sein. Im Großen und Ganzen ist mit der Tarifumstellung alles gut gelaufen, aber bei allem Trara ist eine kleine Bestellung untergegangen. Und zwar die der Aufkleber für die linke Türe, auf denen die Taxitarife in Kurzform stehen. Will heißen: Derzeit fahre ich noch mit einem eigentlich ungültigen durch die Gegend. In dem Fall bin ich mir aber sicher, dass nicht ich das Bußgeld bezahlen würde, falls nach jahrelanger Abstinenz mal irgendwer auf die Idee kommt, Taxen auf sowas hin zu kontrollieren. 😉

Aber eigentlich wollte ich von einem Kunden erzählen. Ein junger Kerl, sogar noch halbwegs fähig zu laufen. Diese Fähigkeit einzusetzen hatte er nach dem Abend allerdings nicht mehr im Sinn und er nahm – wie wohl öfter mal – ein Taxi nach Hause. Das Zuhause lag nicht weit weg, genau genommen vielleicht 500 Meter Luftlinie vom Ostbahnhof. Da allerdings Parkplätze, Höhenunterschiede, Hausmauern und nicht zuletzt die Spree gewisse Hürden sind, ist der Weg im Taxi über einen Kilometer lang gewesen.

Ich sattelte also die paar halblebigen Pferde unter der Motorhaube der 72 und fuhr nicht übermäßig glücklich los. Ihr wisst, ich lasse das keinen Kunden merken, aber natürlich möchte man als Taxifahrer nach fast einer Stunde Wartezeit gerne mehr als 5 € Umsatz. Gab es jetzt, Tariferhöhung sei Dank, quasi auch. 5,40 € standen auf der Uhr und das war natürlich etwas, womit mein Fahrgast nicht gerechnet hatte. Als offenbar häufiger Nutzer hatte er das Geld – inklusive Trinkgeld – gleich zu Beginn der Fahrt abgezählt. Kann ich gut verstehen, mache ich mehr oder weniger auch so, wenn ich eine mir halbwegs bekannte Strecke fahre.

Nun ist sein Trinkgeld halt keines der Oberklasse gewesen, gemeinhin bezahlte er wohl die 5 € mit 5,50 €. Das sind die durchschnittlichen 10%, fasst das nicht als Meckerei meinerseits auf! Aber bei 40 Cent Preiserhöhung blieben dann halt nur noch 10 Cent übrig, was ihm sichtlich unangenehm war. Aber er hat’s sportlich genommen und sich nicht etwa geärgert, sondern mir sein letztes verbliebenes Rotgeld vermacht.

„Is‘ leider nur noch Bronze, sorry!“

Witziger Nebeneffekt: Bei dieser Tour hat mir persönlich die Tariferhöhung gar nix gebracht. Ich hatte zwar von den 40 Cent mehr auf der Uhr 18 Cent mehr brutto, dafür aber ein um ca. 20 Cent geringeres Trinkgeld. Ich hoffe, meine Chefs investieren ihre paar gewonnenen Cent sinnvoll. Ein Aufkleber mit den aktuellen Tarifen wäre z.B. eine gute Idee. 😀

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Bin mir nicht sicher …

Hin und wieder hat man Fahrgäste mehrmals. Im Normalfall fällt das sofort auf, ich bin aber nicht der Normalfall. Ich muss es gelegentlich erwähnen: Ich hab Schwierigkeiten, mir Gesichter zu merken. Menschen, die ich ich nur einmal als Fahrgast hatte, erkenne ich schlicht nicht wieder. Einzelne Ausnahmen gibt es, aber ich sehe es schon kommen, dass ich irgendwann einen Fahrgast kurz in ein Lokal reinspringen lasse und mir anschließend ein anderer einsteigt, ohne dass ich es merke. Das wird ein super Tag, da bin ich mir sicher! 😉

Während das aber wenigstens hier und da mal klappt mit dem Erkennen, ist es echt schwierig bei Leuten, die ich dazwischen ein paar Wochen oder gar Monate nicht gesehen hab. Das geht so weit, dass ich selbst Leute nicht erkenne, die ich schon dreimal gefahren habe. Was zugegeben aber noch seltener ist, als dass ich Leute dreimal im Auto habe und es keine Leser sind, die ich nicht wenigstens an Netz-Avataren oder so erkenne.

Und nun hatte ich so eine Fahrt. Am Ostbahnhof stieg mir relativ weit hinten in der Schlange ein Mann zu. Er konnte kaum deutsch, hat einen stark osteuropäischen Akzent und fragte – soweit eigentlich nicht ungewöhnlich, aber dennoch seltsam vertraut:

„Und? Wie geht?“

Nach zwei Floskeln dann das Fahrtziel: „Osler Strass“ – Osloer Straße. So weit, so unspektakulär. Dann aber meinte er:

„Erst fahre Kolleg. Kollege swei, dann Osler Strass.“

Und obwohl das jetzt wirklich ein absolut übliches vereinfachtes Deutsch von Zuwanderern war, war ich schlagartig hellwach. Denn es war nicht das erste Mal, dass ich vom Ostbahnhof eine Tour hatte mit einem Mann, der mit diesen Worten von zwei Kollegen sprach. Und das war nicht irgendeine Tour! Das war eine Tour, die mir nicht bezahlt worden war (nachdem zugegebenermaßen ICH die Hoffnung aufgegeben hatte – kann man hier und in den folgenden zwei Artikeln ausführlich nachlesen.) und die mein Nervenkostüm nachhaltig geschädigt hat. Waren die Indizien bis dahin noch dünn, so ging es nun auch just noch in einen jener Hinterhöfe, durch die ich mit dem damaligen Fahrgast auf der Suchen nach „Kollege swei“ gestreift war. Verdächtig über alle Maßen.

Aber ich hab leider keine Ahnung, ob meine Vermutung richtig ist.

Sicher, ich hab überlegt, ob ich es ansprechen sollte. Aber ich hatte hier einen netten Kerl, der zumindest dieses Mal nicht betrunken war und wusste, wo die Kollegen wohnen. Und als die kamen war alles noch viel einfacher. Einer sprach passables Deutsch, die Fahrt war absolut problemlos und am Ende wurde ich mit angemessenem Trinkgeld bezahlt. Hätte ich da wirklich mit dem vagen Verdacht ins Haus fallen sollen, der Typ würde mir Geld schulden?

Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich es ja bekommen. Aber der Kerl war damals so hacke, eigentlich war es unwahrscheinlich, dass er sich – guten Willen sowieso vorausgesetzt – überhaupt hätte erinnern können. Und abgeschrieben hatte ich die Tour ja auch schon längst. Aber ein bisschen wurmt der Gedanke, dass er es war.

Naja, ich schätze, dass ich nächstes Mal wenigstens keine Sorgen haben werde. Ich bin schon beim ersten Kandidaten nicht von Absicht ausgegangen, und dieser jetzt war eindeutig in Ordnung. Wie schlecht also sollten die Chancen beim nächsten Verdacht meinerseits sein?