Vorhersagen

Insbesondere, dass die Karfreitagsschicht noch gut wird, war nicht von Beginn an abzusehen. Im Gegensatz zu mir haben ohnehin viele Kollegen gejammert, vielleicht war ich ja sogar ein ausgesprochen einsamer Glückspilz. Lustig war das Gespräch, das ich anlässlich dieses Themas mit @chris87de auf Twitter führte:

 

 

 

 

… und dann nahm die Nacht ihren Lauf. Als sie so langsam zu Ende war, stellte ich mich noch einmal an den Ostbahnhof, wo mir nach kurzer Wartezeit bereits drei Kunden einstiegen und einer von ihnen sagte:

„Wir müssten zwei Stops einlegen. Der erste wäre in Friedrichshagen …“

Der erste … und das sind ja bald schon 30 € bis dort. Am Ende musste ich morgens noch einen Tweet raushauen:

 

 

Mal eben die Bude ausräumen …

Er winkte mich gleich auf meiner ersten Runde durch den Kiez an die Straßenseite. Dort wusste er dann aber nicht so sicher, wie er mir beibringen sollte, dass das eine eigentlich total tolle Tour werden würde:

„Sag mal, geht das auch, dass wir, ich meine, könnten wir auch in der xy-Straße anhalten. Meine Freundin hat mich gerade rausgeschmissen und ich müsste mein Zeug holen und danach nach Lichtenberg. Kriegst auch’n Fünfer extra!“

Wofür verschloss sich mir zwar, aber man will sein Glück in so einer Situation ja auch nicht überstrapazieren. 🙂

An besagtem Haus angekommen konnte ich gut vor der Einfahrt halten und hab eigentlich hauptsächlich eine geraucht. Seine Koffer und Taschen hab ich ihm an der Haustüre abgenommen, ein paar wurden auch von einer Frau rausgetragen. Dem Gesichtsausdruck nach könnte es die Freundin gewesen sein. Der Aufenthalt dort war kurz, unkompliziert und das Gepäck hat prima in den Kofferraum gepasst:

„Geil, dass Du mit so ’ner geräumigen Karre unterwegs bist!“

Dann kurz nach Lichtenberg, ein paar Koffer vor den Hauseingang stellen, fertig. Echt kein großer Deal, wenn ihr mich fragt. Auch er hat mich das nicht gefragt, sondern sein Versprechen wahr gemacht. 14,20 € standen auf der Uhr und er meinte:

„Wären 20 jetzt wirklich ok für Dich?“

Ja, vielleicht hätte ich ihm das mit dem Wartezeittarif noch mal genauer erklären können – oder das Hilfe beim Gepäck eigentlich selbstverständlich ist. Aber Himmel, der wurde gerade rausgeschmissen, den wollte ich doch nicht mit Details über den Taxitarif belästigen … 😉

PS: Ich mach das ja selten, zu meinen Gunsten bei solchen Fragen schweigen. Aber hier war das ok. Der hat die Frage ohnehin gestellt, als würde er mir ohne weiteres auch 25 oder 30 € geben. Er war sichtlich überrascht und erfreut über die problemlose Abwicklung und dass das alles insgesamt so günstig und stressfrei war. Das hat ihm sichtbar den ansonsten ja nicht ganz so optimal verlaufenen Tag erleichtert. Das sind so Momente, da nimmt man ein tolles Trinkgeld auch einfach mal an. Der wird sich nicht am nächsten Morgen gedacht haben: „Scheiße, ich hätte dem Fahrer doch auch nur 16 € geben können!“

PPS: Heute Abend bin ich hoffentlich wieder fit genug zum Arbeiten. Bisher sieht es gut aus, aber das ein oder andere Daumendrücken schadet sicher nicht. 😀

Das Glück ist mit den Unvorsichtigen

Als er aus dem Wagen gesprungen ist, um Geld zu holen, ist mir erst aufgefallen, wie scheißblöd ich doch bin. Vertrauen in die Kundschaft halte ich nicht für meine schlechteste Eigenschaft, aber es gibt so Momente, da sollte man vorsichtig sein als Taxifahrer. Dass ich ihn an einem Club eingesammelt hab: geschenkt. Dass er voll war: geschenkt. Aber er brabbelte die ganze Fahrt über schwer verständliches Kauderwelsch über eine Jacke, die ihm abhanden gekommen sei und dass er später zurückmüsse, um sie zu suchen. Abgeranzt mit kaum Klamotten am Leib gab er mir dann umständlich zu verstehen, ich solle an der Tankstelle kurz vor der Lichtenberger Brücke halten – sein Haus wäre gegenüber.
An für sich ist das somit schon noch „vor der Tür“, aber eben locker 100 Meter entfernt. Die Frankfurter Allee ist schweinebreit da draußen und ich wäre gar nicht so schnell legal auf die andere Seite gekommen. Sich so ohne zu bezahlen zu verdrücken, wäre nicht schwer gewesen.

Und ich hatte nicht daran gedacht, ihm ein Pfand abzutrotzen.

Dabei war der Kerl so hinüber, der hätte auch mitten auf der Straße oder bei sich in der Wohnung einpennen können, es muss ja nicht einmal böse Absicht sein. Mir kam der Gedanke wie gesagt erst als er in Richtung Straße rannte. In mir rasselten dann schnell die Überlegungen durcheinander: Sollste hinterher? Warteste? Rufste ggf. die Cops oder vergisste’s einfach?

Aber da plötzlich stoppte der Kerl seinen torkelnden Lauf und kam zurück. Stolz und selbst sichtlich überrascht zeigte er mir einen Zehner, den er zerknüllt in seiner Hosentasche gefunden hatte. Bis auf den Cent genau der Betrag, der auf der Uhr stand. Gut, die Fahrt war damit zwar trinkgeldlos, aber immer noch besser als alles, was ich mir 3 Sekunden vorher ausgemalt hatte. 🙂

Mit solcher Kundschaft wird das aber auch nix, sich Vorsicht anzutrainieren. Echt jetzt!

Alt werden lohnt auch nicht mehr …

Eigentlich wollte ich von der Schillingbrücke nur kurz rüber zum Ostbahnhof fahren, um endlich mal meine Scheiben wieder zu putzen. War zwar nur das Kalkwasser von der Waschanlage, sah trotzdem aus wie ein Graufilter. Da reckte an der Ampel eine alte Frau ihren Arm zaghaft in die Höhe, woraufhin ich kurzerhand die durchgezogene Linie ignorierte um zu wenden und in ihrer Fahrtrichtung auf der Hotelvorfahrt zu halten.

Ich möchte an dieser Stelle einen kurzen Einschub bringen: Es war die Donnerstagsschicht. Eine meiner zwei halben pro Woche. Ich war seit 3 Stunden auf der Straße, nach weiteren dreien sollte ich schon in der Bahn nach Hause sitzen. Großer Luxus. Ich kann ihn mir diesen Monat eigentlich nicht leisten, meine Kohle ist gerade so knapp, dass ich ausnahmsweise mal wieder hier und da auf Kleinigkeiten verzichte, die mir das Leben schön machen. Auf der anderen Seite brauche ich die Zeit zum Schreiben und hoffe, dass das auch irgendwann mal genau diese Probleme beseitigt. Und das ist auch Arbeit, keine Frage. Meine Woche hört bei 80 Stunden nicht zwangsweise auf, es ist nur manchmal schwer, zwischen Arbeit und Vergnügen zu trennen. Und nun zurück zu meiner Winkerin!

Sie begrüßt mich freundlich, als sie die rechte Hintertür öffnet und quält sich mühsam auf den hohen Sitz. Meist ist es das ältere Semester, das die Sitze zu schätzen weiß, weil man nicht so tief einsinkt und sich wieder hervorgraben muss. Aber sie ist optimistisch geschätzt 1,50 m groß gewesen, eine Klischee-Oma im gepflegten Kostüm. Mit Hut, Brille, Kurzhaarfrisur und erkennbar mehr als 80 Sonnenumrundungen auf diesem Planeten zu Gast.

„Brauchen Sie Hilfe?“

„Nein, nein. Aber meine Beine sind so schwer heute. Sagen Sie, junger Mann, reicht mir eine Kurzstrecke bis zur Annenstraße?“

„Selbstverständlich, das ist ja nur …“

„Ja ja, nur geradeaus. Aber meine Beine machen das nicht mehr mit.“

„Nur keine Sorge, dafür sind wir ja da.“

„Wissense, ich nehm‘ ja fast nie ’ne Taxe. Aber heute, nach 13 Stunden Arbeit …“

WHAT THE FUCK?

Aber ja: Rente geht so, aber zu mehr als zum zu Hause vor dem Fernseher sitzen reicht’s halt nicht. Und glücklicherweise sei sie ja noch fit genug, um ein bisschen was zu tun. Aber sie lasse sich halt manchmal von Cheffe „ein bisschen zu viel“ aufschwatzen. Man ist  ja froh, wenn es überhaupt was zu tun gibt …

Altersarmut ist was abstraktes. Für die meisten hier. Für mich auch. Dabei weiß ich, dass mir das auch blüht, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt. Die Rentenkasse teilt mir auch immer freudig erregt mit, dass ich bei meinem Lohn irgendeinen Betrag weit unter der Grundsicherung haben werde. Noch besser sogar: Um auf eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu kommen, müsste ich bloß das Essen und Trinken einstellen und das Geld dafür in eine private Vorsorge stecken. Na klar, mach ich doch sofort! 🙁

Bezahlt hat die betagte Dame die Kurzstrecke mit 6,50 €. Damit für mich auch noch was übrig bleibt.

Keine Pointe.

Einer kommt selten allein …

oder eben gerade doch.

Ich hatte es kürzlich erst: Wer nicht zahlt, fährt nicht mit!

Das hat mich noch belustigt und gewissermaßen erschreckt. Aber heute Nacht gab es ein zweites Beispiel – und das war erschreckend verständlicher für mich, obwohl der Fahrgast selbst so lala war.

Ich hab die erste Stunde Arbeit mit privatem Gedöns zugebracht. Ich hab vom Start an gen Heimat gezielt, um mit Ozie ein paar Pakete von der Packstation zu holen. Der Weg ist zwar nicht weit, aber da wir beide öfter mal Sendungen kriegen, sammeln wir gerne mal eine Woche und holen sie dann auf einen Rutsch mit dem Auto ab. Ich bin sehr froh, dass meine Chefs sowas ausdrücklich erlaubt haben. Das erspart einem diese Heimlichtuerei, wie sie in der Realität dann ja doch bei den meisten Jobs mit Dienstfahrzeug zu finden ist.

Naja, nachdem die Pakete sicher zu Hause verstaut waren, war es schon fast 20 Uhr und umso erfreuter war ich, als mich nur ein paar hundert Meter nach meiner Haustür am Bahnhof ein Typ ranwinkte. Ein bisschen Klischee-Marzahner war er schon, eher ein Proll, weiße Trainingsklamotten, Sonnenbrille, Goldkettchen. Mit voller Einkaufstüte. Immerhin ohne Flaschenklimpern. Während ich erwartungsvoll hielt, tauschte er sich noch mit jemand anders aus. „Na komm‘, Fünfer mindestens!“ hörte ich nebenbei, dann war die Sache aber offenbar schon geklärt und ich startete auf seinen Wunsch Richtung Hohenschönhausen. Nicht mal die schlechteste Tour, am Ende sollten das 15 € werden.

„Der wird sich jetzt janz schön ärjern, wird er!“

„Er wollte nicht mit?“

„Logo wollt‘ er. Aber ick zahl doch nich‘ immer alleene!“

Dieses Mal sah die Sache wohl anders aus als bei meiner letzten Tour zum gleichen Thema. Hier war Geld offensichtlich nicht das Problem. Der Kumpel hatte wohl durchaus welches, hatte aber keinen Bock, jetzt noch was dazuzulegen. Sogar im Grundsatz waren mein Fahrgast und ich am Ende einer Meinung. So sagte er:

„Wenn eener keen Jeld hat, dann jeb ick jerne. Schon, damit er dabei is‘, is ja logo. Aber wennde merkst, dit is‘ nur ’ne Masche um die eijenen Kohlen zusamm’zuhalten – leck mir am Arsch, Kolleje!“

Da kann ich mitgehen. 🙂

Schön war dann das Telefonat kurz vor Ende der Fahrt:

„Du bis‘? Wat is‘, stehste noch da? Schön. Ick bin in zwee Minuten zu Hause.“

Und dann hat er sich bei mir entschuldigt, dass er leider nur noch einen Euro Trinkgeld in klein hatte. War eigentlich ganz ok, die Tour …

Wertschätzung

Mein Chef hat mal gesagt, wir müssten der Kundschaft zeigen, dass es das wert ist, dass sie bei uns das zigfache eines Straßenbahntickets hinblättern für die selbe Fahrt. Was natürlich schwierig ist, wenn die Fahrgäste gleich mit dem Preis ins Haus fallen. In dem Fall ist die Kundschaft eher aus dem Haus – dem Sisyphos – ins Taxi gefallen. Und sagte:

„Machste auch Kurzstrecke zum Ostkreuz?“

Ihr wisst, dass ich das vom Stand aus nicht tue. Auch nicht von improvisierten Ständen nachts vor Veranstaltungen. Im Gegensatz zu Kollegen, die außer einem „Verfatz‘ da!“ nix dazu zu sagen haben, liegt mir jedoch etwas daran, dass die Kunden das verstehen. Es ist ja auch nicht schwer: Die Kurzstrecke ist ein vergünstigter Tarif, den wir dafür gewähren, dass wir für die Tour keine Wartezeit oder Anfahrtskosten auf uns nehmen mussten. Ich hab mir da schon „Fick Dich!“ anhören dürfen, bin der Lüge bezichtigt worden, was Menschen halt so machen, wenn sie mal eben 3 € sparen wollen. In dem Fall war es glücklicherweise anders.

„Nein, tut mir leid. Nicht vom Stand, ich hab ja nun schon auf die Fahrt gewartet.“

„Was macht das dann?“

„Genau 6,80 €. Ist bei der Strecke ungünstig, ich weiß. Aber …“

„Ach, dafür bist Du ja auch ein netter Fahrer. Is‘ schon ok.“

Ich hab dann noch erfahren, dass der nette Kollege auf dem Hinweg, obwohl rangewunken, die ganze Zeit nur gemeckert hätte. Gut, da musste ich offensichtlich nicht viel tun, um positiv aufzufallen.

„Weisste, is‘ ja eigentlich entspannt. Ihr müsst auch von was leben, also machste auf jeden Fall mal 8 €, ok?“

Vier oder fünf ehrliche, freundliche Sätze. Und plötzlich war die nervige Taxifahrt eine angenehme, die mal eben 60 bis 100% mehr Geld wert war.

Ja, ich hatte auch schon Idioten im Auto, die die Diskussion nicht wert waren. Aber bevor ich mir solche Kunden wie oben vergraule, traue ich mich doch tatsächlich, auch mal ein Lächeln aufzusetzen.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wahre Freundschaft

Auch unter Freunden lässt sich nicht immer alles ganz locker klären. Und Geld ist natürlich auch ein schwieriges Thema, schon klar. Als Taxifahrer kriege ich das bei meinen Fahrgästen ja meistens nur beim Bezahlen mit. Wenn dann alle Leute brav ihre 3,40 € zahlen sollen, anstatt dass einer den Zehner vorschießt zum Beispiel. Aber das von diesem Freitag war meines Wissens nach neu.

Ich war recht froh, auf dem Rückweg von einer längeren Tour noch Winker bekommen zu haben. Zwei Mädels, ein junger Kerl. Eine etwas sonderbare Truppe, schon weil die Damen geschätzt 10 Jahre älter waren als er. Aber gut, als ich auf das freundliche Winken hin anhielt, wurde ich gefragt, was es zum Matrix kosten würde. Ich schätzte ungefähr 15 €.

Gegen den Preis hatte niemand was einzuwenden, nur der junge Mann musste eingestehen, keinen Fünfer mehr zu haben. Woraufhin zu meiner Überraschung entschieden wurde, dass er dann eben nicht mitfährt. 0.o
Also versteht mich nicht falsch: Ich als Taxifahrer bestehe ja auch drauf, dass mir meine Dienste bezahlt werden. Wieso aber jemand draußen stehenbleiben muss, weil er nix beisteuern kann … ist ja nicht so, dass die Fahrt für die Frauen deswegen jetzt noch billiger geworden wäre.

Aber ok, vielleicht hat er sie ja davor schon genervt, was weiß ich.

Kurz darauf sollte dann die Dame auf der Rückbank ihren Anteil an der Fahrt schon mal rausrücken, beschloss meine Beifahrerin. Die kam nun ein wenig in Erklärungsnot, denn ganz offensichtlich hatte sie auch nichts mehr. Oder zumindest nicht die 8 € Anteil für die Fahrt, die ausgemacht waren. Ergo:

„Schmeißen Sie sie bitte an der nächsten Ecke raus!“

Und tatsächlich: an der nächsten Bushaltestelle, als ich gerade an einer Ampel hielt, wurde die ach so gute Freundin dann abgesetzt. Was für eine fröhliche Truppe …

Und was die Feierlaune anging:

„Is‘ ja jetzt auch scheiße! Wenn ich jetzt alleine zum Matrix fahr, hab ich ja auch nur noch’n Zehner übrig. Lässte mich an der nächsten S-Bahn-Station raus?“

Meinetwegen gerne. Und für mich war die Sache damit dann ja auch durch. Einen knappen Zehner hat’s immer noch gebracht und mein Kilometerschnitt war wieder im Reinen. Aber mit einer so kurzen Fahrt mal eben den Abend von drei Leuten versaut zu haben – die dann alle irgendwo einsam und angepisst in der Prärie rumstanden – das kann ich mir wahrscheinlich auch erst seit diesem Wochenende auf die Fahnen schreiben. 0.0