Das Glück ist mit den Unvorsichtigen

Als er aus dem Wagen gesprungen ist, um Geld zu holen, ist mir erst aufgefallen, wie scheißblöd ich doch bin. Vertrauen in die Kundschaft halte ich nicht für meine schlechteste Eigenschaft, aber es gibt so Momente, da sollte man vorsichtig sein als Taxifahrer. Dass ich ihn an einem Club eingesammelt hab: geschenkt. Dass er voll war: geschenkt. Aber er brabbelte die ganze Fahrt über schwer verständliches Kauderwelsch über eine Jacke, die ihm abhanden gekommen sei und dass er später zurückmüsse, um sie zu suchen. Abgeranzt mit kaum Klamotten am Leib gab er mir dann umständlich zu verstehen, ich solle an der Tankstelle kurz vor der Lichtenberger Brücke halten – sein Haus wäre gegenüber.
An für sich ist das somit schon noch „vor der Tür“, aber eben locker 100 Meter entfernt. Die Frankfurter Allee ist schweinebreit da draußen und ich wäre gar nicht so schnell legal auf die andere Seite gekommen. Sich so ohne zu bezahlen zu verdrücken, wäre nicht schwer gewesen.

Und ich hatte nicht daran gedacht, ihm ein Pfand abzutrotzen.

Dabei war der Kerl so hinüber, der hätte auch mitten auf der Straße oder bei sich in der Wohnung einpennen können, es muss ja nicht einmal böse Absicht sein. Mir kam der Gedanke wie gesagt erst als er in Richtung Straße rannte. In mir rasselten dann schnell die Überlegungen durcheinander: Sollste hinterher? Warteste? Rufste ggf. die Cops oder vergisste’s einfach?

Aber da plötzlich stoppte der Kerl seinen torkelnden Lauf und kam zurück. Stolz und selbst sichtlich überrascht zeigte er mir einen Zehner, den er zerknüllt in seiner Hosentasche gefunden hatte. Bis auf den Cent genau der Betrag, der auf der Uhr stand. Gut, die Fahrt war damit zwar trinkgeldlos, aber immer noch besser als alles, was ich mir 3 Sekunden vorher ausgemalt hatte. 🙂

Mit solcher Kundschaft wird das aber auch nix, sich Vorsicht anzutrainieren. Echt jetzt!

2 Kommentare bis “Das Glück ist mit den Unvorsichtigen”

  1. elder taxidriver sagt:

    ‚Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Maß an Verrücktheit‘.

    Erasmus von Rotterdam

  2. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Da hat er sehr wahrscheinlich Recht.

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