Die Kunden sind Könige

OK, unlängst hab auch ich mich in der Gegend mal übelst verfranzt. Aber das lag ja nun auch mehr an meiner Unkenntnis bezüglich der Hausnummer. Ansonsten kenne ich mich in der Ecke ja doch gut bis sogar sehr gut aus …

Hat mir am Wochenende nicht viel geholfen, denn die Kunden wollten diesen unnötigen Umweg. Sie stiegen an der Warschauer Ecke Boxhagener zu und wollten zum Senefelderplatz. Alle drei Hipster vor dem Herrn und mit blendender Laune. Davor sollte es allerdings noch zur Sparkasse gehen. Da besteht in Berlin ja nunmal Auswahl, zwischen Friedrichshain und Prenzl’berg ohnehin. Die, die sie wählten, wäre mir nicht einmal in den Sinn gekommen: Danziger Ecke Greifswalder. Zumindest die am Bersarinplatz kannten sie auch, aber die wollten sie nicht. Na gut, warum nicht neben der Lieblingskneipe und dem Lieblingsclub auch eine Lieblingsbank haben?

Der Umweg hat mir knapp einsfuffzich mehr in die Kasse gespült, bei ihren weiteren Plänen hab ich die drei Glatzköpfe dann aber dezent zu ihren Gunsten manipuliert. Zwischenkasse vor der Bank und eine Weiterfahrt über die Danziger bis zur Schönhauser schien mir dann irgendwie doch ein bisschen zu viel des Guten. OK, ich hätte sie vielleicht gewähren lassen, hätte ich nicht sowohl schnell pinkeln müssen als auch langsam mal an Feierabend denken … 🙂

Hier noch einmal in grafisch:


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Wozu frage ich eigentlich?

Ich hab ja neulich mal geschrieben, dass man als Taxifahrer am Besten immer alles mögliche fragt. Auf die Zieladressen trifft das sehr sehr oft zu, auf die Strecken ein bisschen weniger. Klar, es gibt auch eine Menge gleichwertige Strecken zwischen zwei Punkten. Und so manche Strecken, bei denen fragen eigentlich … nun ja.

Eine von mir vergleichsweise oft gefahrene und doch immer wieder gerne gesehene Fahrt ist die vom Ostbahnhof zum Flughafen Schönefeld. Eine erstklassige 30€-Tour, die mir schon das ein oder andere Mal ganz zuletzt noch teilweise die Schicht gerettet hat – oder für einen guten Start gesorgt, je nach Uhrzeit. Für diese Strecke gibt es so viele halbwegs vernünftige Routen, das ist nicht mehr normal:

1. Die Touristen-Route

Das ist eine schöne Route, die von vielen Touristen – allerdings auch Berlinern – geliebt wird. Sie ist einfach, weil es fast immer nur geradeaus geht und es zudem die ausgeschilderte Strecke ist. Auf allen anderen Pfaden biegt man irgendwann mal „falsch“ ab. Dabei ist die Route definitiv die längste von allen.

2. Die schnellste Route

Ohne großes Bohei immer auf den Hauptstraßen bis zur Autobahn – und dann ab dafür! So fahre ich in 90% aller Fälle, natürlich nach Absprache mit den Kunden. Denn auch wenn sie kürzer als die Touristen-Route ist, ist sie immer noch lang. Die Argumente „Autobahn“ und „schnell“ werden aber gemeinhin bei Flughafenfahrten immer gerne gehört. Auch von Menschen, deren Flieger erst in 7 (!) Stunden geht …

3. Die vorbildliche Route

Nochmal ein paar Meter kürzer ist dieser Weg, den viele Kollegen offenbar gerne fahren. Der Preisunterschied zu meiner ist marginal und ich mag sie deswegen nicht, weil die Ecke über die man abkürzt, so düster ist, dass man regelmäßig ängstliche Kunden im Auto hat, die einen fragen, wo man jetzt bitte sei und ob man nicht anders fahren könnte. Dabei ist sie wirklich eine Top-Strecke!

4. Die kürzeste Route

Das ist die definitiv kürzeste Strecke, das ist die, die wir bei der Ortskundeprüfung wissen müssen. Der Fahrpreisunterschied zur Touristen-Route liegt bei fast 4 €. Das Problem ist, dass sie einmal quer durch die Herzen von Kreuzberg und Neukölln führt, ein einziges Stop-and-Go vor den zahlreichen Ampeln. Sie dauert mindestens so viel länger, wie sie weniger kostet. Ich hatte in 4 Jahren noch keinen Fahrgast, der das ernsthaft bis zum Schluss durchziehen wollte …

(alle Beispiele unter Einbeziehung der derzeitigen Sperrung der Oberbaumbrücke)

Ich muss zugeben, dass ich die Frage nach der Route oft wertend stelle. Ich frage selten einfach sachlich „Günstig oder schnell?“. Meist sage ich: „Ich würde die Strecke über die Autobahn bevorzugen, die ist sowohl schnell als auch nicht die teuerste.“ Wenn ich das gesagt habe, gab es noch nie einen Widerspruch, außerdem kommt man hier bei der Ansage „30 €“ tatsächlich auf 29,80 bis eben 30,00 €. Aber wirklich immer mache ich das dann halt auch nicht. So auch neulich.

Der Kunde hatte Zeit, obwohl er der Kleidung nach geschäftsmäßig unterwegs war. Das roséfarbene Hemd spannte ziemlich über der Wohlstandsplauze, die Krawatte in dunkelblauem Satin schlackerte unwirsch nach links und rechts. Der hellgraue Anzug darüber hinterließ mich einmal mehr mit der Frage, warum Business-Outfits offenbar von farbenblinden Ottifanten designt, bzw. zusammengestellt werden. Sein auch nicht gerade schmales Gesicht wurde von einer viel zu kleinen Brille betont, etwas lässig wirkte da schon der sauber rasierte schmale Bart über die gesamte Kopfbreite. Hübsch war vielleicht was anderes, aber zum einen hätte ich in dem Outfit noch schlimmer ausgesehen, zum anderen war er ja nicht da um mich zu heiraten. Ich hab’s ihm also durchgehen lassen. 😉

Er wollte, mit lässiger Distanz betont, „keine Umwege“ fahren, ansonsten solle ich tun, was ich für richtig hielt. In Anbetracht der obigen Auswahl dann halt doch eher eine verwirrende als klärende Aussage. Also hab ich ihm die Wahrheit gesagt: dass ich meine Lieblingsstrecke hätte, es allerdings auch wesentlich kürzer gehen würde:

„Es sind locker drei Kilometer weniger, wenn ich über Neukölln fahre, aber dann …“

wollte ich schon zum Verteidigungsmonolog ansetzen.

„NEUKÖLLN? Also so mitten durch, das, also, das ist ja ein UNFUG sondersgleichen! Nein nein, fahren Sie mal über Treptow!“

Ich sag’s ja. KEIN EINZIGER Kunde in vier Jahren. Und was haben wir in der Taxischule diese blöde Strecke gelernt …

Maria, was ’ne Strecke!

„Ey Du, sorry. Kannste uns sagen, wo’s Magdalena is?“

Das Magdalena, ehemals Maria oder ADS, direkt beim Joseph oder so. Eine Ahnung, was da hinterm Zaun wann genau wie hieß – aber wo’s ist, ist nicht so schwer zu erklären vom Ostbahnhof aus:

„Na, das ist – vereinfacht gesagt – direkt da drüben!“

„Und wie kommen wir da hin?“

„Am einfachsten hier bis zum Ende, dann links, noch über die Kreuzung und dann ist da links im Zaun …“

„Fährste uns auch?“

„Klar, kann ich machen. Kostet aber auch gleich vier Euro.“

„Alles prima. Hauptsache nicht verlaufen!“

„Auf der Strecke?“

„Man weiß ja nie.“

Also gut. Die Straße war frei, die einzige Ampel grün, die Fahrt dauerte rund 30 Sekunden.

„Und wo ist das jetzt genau?“

„Hier durch’n Zaun, dann ist nach ein paar Metern Weg der Eingang.“

„OK, cool Mann! Kurze Frage noch!“

„Jepp, was is‘?“

„Haste uns ’ne Nummer? Dann könn‘ wir dich anrufen und Du kannst uns später wieder zurück zum Bahnhof bringen!“

Also bei aller Liebe zu kurzen Touren …

„Jungs, hier fahren genug Taxen vorbei. Da müsst ihr euch notfalls einen Kollegen ranwinken!“

Dessauer Straßenkenntnisse

In die Dessauer hätte ich die beiden ja gerne mitgenommen, das wäre gefühlt schon fast außerhalb Berlins und außerdem nicht unweit meiner Heimat hier gewesen. Aber sie haben sich nur als Dessauer Bürger zu erkennen gegeben und wollten von der Boxhagener Straße lediglich zu einem der bekannten Hotels am Alex. Damit blieb die Tour unter 10 €, aber gerade bei Winkern würde ich mich ohnehin nie auch nur ansatzweise über die Streckenlänge beschweren.

Es war ein Pärchen, Ende 30 vielleicht und vermutlich so in etwa der letzte lebende Manta-Witz. Er eher prollig gekleidet, Oberlippenbart und Vokuhila, sie mit knappem Jeans-Röckchen und blonder Dauerwelle allerdings nicht weniger klischeebeladen. Für das Auftreten waren sie aber wirklich angenehme Fahrgäste. Wir fanden schnell ins Gespräch und im Grunde wollten sie sich nur über die Großartigkeit Berlins unterhalten. So ganz ohne eigenes Wissen mussten sie auch gar nicht auskommen, die Einfahrt auf die Karl-Marx-Allee kommentierten sie selbst völlig richtig und ihnen schien vor allem daran gelegen, die Größe der Stadt zu bewundern:

„Na, det is ja nu richtich weit, ne?“

„Sagen wir es so: für Berlin ist es ein recht kurzer Weg.“

„Nu ja, wir fahr’n ja aber nu schon ewich hier lang.“

„Ach, ewig. Insgesamt sind das so um die drei Kilometer.“

„Drei? Das waren doch mindestens schon fünfzehn! Durch Dessau wären wir da schon lange durch!“

Der witzige Nebeneffekt ihrer falschen Einschätzung war, dass sie meine Ortskenntnis für diese wirklich lehrbuchhaft einfache Fahrt so gnadenlos überschätzten, dass ich am Ende ungelogen beklatscht worden bin dafür, dass ich ihr Hotel gefunden hab. Bei nur 4 mal abbiegen!

Dass sie mir mit ziemlich überschwänglicher Geste erlaubten, aus den 8,40 € ganze neun zu machen, hab ich abschließend einfach mal versucht, mit Dessauer Verhältnissen zu erklären. Ich wäre dankbar, wenn mir niemand diese Illusion raubt.

Wenn man einmal nicht aufpasst …

Berlin ist tricky mit seinen Straßennamen. Das weiß man inzwischen ja wahrscheinlich schon, wenn man hier mitliest. Viel besser noch weiß ich es also selbst. Es gibt so viele Doppel- und Mehrfachbenennungen, von ähnlich klingenden mal ganz zu schweigen. Mir ist da inzwischen auch nichts mehr grundsätzlich peinlich:

„Ich würde gerne in die Torstraße.“

„Die in Mitte oder gibt’s da noch eine zweite?“

„Unter den Linden bitte.“

„Sicher, dass sie nicht ‚Unter den Eichen‘ meinten?“

„Einmal in die Köpenicker.“

„Allee, Chaussee, Landstraße, Straße und wenn ja, welche von den acht?“

Irgendwann frage ich wahrscheinlich aus Gewohnheit beim Potsdamer Platz noch nach. Überraschenderweise fällt die Fragerunde dennoch oft aus, das sind dann die Punkte, bei denen sowas wie wirkliche Ortskunde meinerseits zu erkennen ist. Meist geben die Fahrgäste ja dann doch Tipps:

„In die Torstraße kurz hinterm Rosenthaler.“

„Unter den Linden, Ecke Friedrichstr.“

„Köpenicker, da beim A&O-Hostel.“

Und irgendwie kam ich nicht sofort auf die Idee, die beiden Jungs würden eventuell nicht in ein Marzahner Industriegebiet wollen, als sie mich baten, in die Meeraner Straße zu fahren. Die Ecke ist mir halt vertraut, nach der Straße ist eine Haltestelle benannt, die ich stets passiere, wenn ich zu meinen Chefs fahre. Nach 300 Metern auf der Leipziger in Mitte hat es mich dann aber doch kurz durchzuckt oder so, jedenfalls holte ich die Frage nach:

„Nur nochmal zur Sicherheit: wir reden über die in Marzahn!?“

„NEIN! Schöneberg.“

Ich hab’s versucht, professionell zu handhaben:

„Oh, gut. Dann wende ich wohl mal besser hier.“

Die Meraner Straße. Anders geschrieben, klar. Aber eben nicht gesprochen. Hätte ich das Navi eingeschaltet, hätten wir das Ganze vielleicht früher geklärt gehabt – aber ich war mir ja so sicher!

Die beiden Jungs haben es grundsätzlich mit Humor genommen, es entspann sich auch umgehend eine Spaßdiskussion darüber, dass sie ansonsten ja wohl gesagt hätten, sie müssten in die „Meheeeeraner Straße“, völlig logisch. Kleiner Wermutstropfen war der ernste Einwurf von einem, dass er selbstverständlich keinen Cent gezahlt hätte, wären wir in Marzahn gelandet. Da bin ich persönlich durchaus anderer Meinung, trotz Teilschuld. Das wäre sicher ein unangenehmer Abendverlauf geworden.

Aber gut, wurde es nicht. Es war nett, es gab Trinkgeld, alle sind dort gelandet, wo sie wollten und ich vergesse das nächste Mal sicher nicht das fragen:

„In die Meraner Straße.“

„Welche?“

„Da gibt es zwei?“

„Natürlich. Einmal in Marzahn und einmal in Schöneberg.“

„Das wusste ich auch nicht …“

„Dafür weiß ich ja Bescheid.“

Und man wird sich freuen, meine Ortskenntnis wird gelobt werden, das volle Programm. So gesehen freue ich mich eigentlich darauf. 🙂

Glück mit kurzen Touren (2)

Gar nicht lange nach dem ersten Glücksfall bekam ich eine nur etwas längere Strecke. Vom Ostbahnhof in die Cuvrystraße. Normalerweise unter sieben Euro, dank der gesperrten Oberbaumbrücke leicht darüber. Aber nichts, was den Kohl fett machen würde, wie man so sagt. Der Kunde war nett, alles in allem eine unspektakuläre Sache. Smalltalk, zwei Ampeln, sieben Euro, einen noch als Trinkgeld, fertig.

Als ich ihn jedoch rausließ, stand auf der anderen Straßenseite ein älteres Pärchen, das mich aus vier Augen glücklich anstrahlte:

„Sind Sie jetzt etwa frei?“

„Ja, so sieht es aus.“

„Ach, das ist ja hervorragend! Würden Sie uns nach Kleinmachnow bringen?“

Eine Anschlussfahrt, dreimal so lang wie der Durchschnitt …

Ich bin so langsam an einem Punkt, wo es mich kaum noch ärgert, dass Kollegen kurze Touren ablehnen. Sollen se die ruhig alle zu mir schicken. In den meisten Fällen passiert mir in letzter Zeit irgendwas Gutes in dem Zusammenhang, also nur her damit!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Glück mit kurzen Touren (1)

„Wie weit is’n bis zum Kater?“

„Kater Holzig?“

„Ja.“

„Ungefähr ein Kilometer.“

„OK, danke. Ähm … sag mal: würdeste uns da auch hinfahren?“

„Logisch.“

[…]

„Ey Sven, gibt dem Mann auf jeden Fall ’n Zehner, wenn er uns schon für die kurze Strecke mitnimmt!“

Aber das war noch nicht alles an dem Abend …