„New Berlin“

Aus der Reihe Fahrgastbuchstabierwettbewerbe:

„Do you know, where our hotel is?“

„Which one?“

„I don’t know, the name was like ‚New Berlin‘ or something …“

„I know the ‚New Berlin‘. It’s at Petersburger Straße. Is it that one?“

„Not sure. The name starts with an U …“

Wie ‚New Berlin‘. Quasi. Oder doch wie U-Bahn?

Am Ende war’s das Upstalsboom. Aber ja, fängt mit U an.

Blaues Auto, blaues Auto!

(Alle, die den Film „K-PAX“ gesehen haben, haben jetzt eine Ahnung, wie man die Überschrift zu lesen hat)

Es war eine kurze Tour, Winker noch dazu, alles prima. Die Straße, zu der die Leute wollten, kannte ich aus dem Kopf, eine grobe Peilung, zwischen welchen Querstraßen das Ziel genau liegt, wurde mir auch vermittelt. Zudem die Hausnummer: 102. Gut, die alleine hilft ja nicht viel, am Nachmittag, an dem wir die in der Taxischule durchgesprochen haben, war ich ja bekanntlich nicht da. 😉

„Da steht so’n blaues Auto vor der Tür!“

meinte einer der Fahrgäste.

„Vadder! Du könntest auch die Kirche nennen oder die Kneipe gegenüber, das besetzte Haus oder …“

hieß es alsbald von der anderen Seite. Ich befuhr die Straße indessen, die Kirche sah ich schon und suchte mehr oder minder unauffällig nach der Nummer 102. War im Grunde bei so vielen Hinweisen auch nicht schwer zu finden. Nach ungefähr drei „Halten Sie einfach hier!“-Rufen bugsierte ich die 72 an den Straßenrand und nahm schon mal die ersten Münzen entgegen. Woraufhin „Vadder“ einwarft:

„Und siehste: Hier steht auch das blaue Auto!“

Die Tour zur Flasche

OK, so ganz unkommentiert will man ein Fläschchen Wodka als Trinkgeld ja dann auch nicht stehen lassen. Zumal es eine in alle Richtungen (im wahrsten Sinne des Wortes) angenehme Fahrt war.

Herangewunken wurde ich kurz vor dem Ostbahnhof, direkt an der Schillingbrücke. Zwei junge Kerle mit guter Laune und erkennbar wenig Lust auf nun endende Party.

„Ins Sisyphos bitte!“

Schöne Tour, aber …

„Hat das nicht zu?“

„Wieso?“

„Naja, ich bin in letzter Zeit öfter dort und soweit ich weiß macht das nur alle zwei Wochen auf. Und da ich letzte Woche da war …“

Damit war ich natürlich der Launenverhagler vom Dienst. Also quasi. Wirklich übel nehmen einem Fahrgäste hilfreiche Tipps ja eher selten, aber davon hören wollten sie trotzdem nix:

„Na, fahr uns mal hin. Wenn nicht ist das About Blank ja da auch direkt ums Eck.“

Diese Form von Pragmatismus mag ich ja. 🙂

Unterwegs wurde mir der Wodka vermacht:

„Nimm‘ Du die mal. Verschenk‘ sie an irgendwen. Hab ich gerade gekauft, krieg‘ ich aber vor dem Club nicht mehr weggetrunken.“

Zwischenrein ein nettes Gespräch, viel Gescherze, es war die reinste Freude. Zumal ich davor ewig an der Halte gestanden war und mir eine Winkertour nur gelegen kam. Am Sisyphos angekommen habe ich natürlich Recht behalten. Es war zu. Statt nun aber zum About Blank zu fahren, kamen die beiden auf die Idee, lieber ins Ritter Butzke zu gehen. Da hätten sie wohl freien Eintritt. Ich an ihrer Stelle hätte mich richtig geärgert, denn nun waren wir rund vier Kilometer in den Nordosten gefahren und das Ritter Butzke liegt von der Schillingbrücke eher zwei Kilometer im Südwesten (Hab das jetzt nicht genau ausgerechnet). Die Fahrt hätte sie also statt der letztlich aufgelaufenen 23,20 € nur vielleicht 8 € kosten können. Von der Differenz wird man hier oder da sogar Eintritt zahlen können. Die beiden aber nahmen es locker.

Gut, einmal wäre mir (ohne dass es mich gestört hätte) der Wodka fast nochmal abgenommen worden, weil die Fahrt ja nun viel länger dauerte.  Aber wie gesagt: fast. Am Ende gab es Trinkgeld, Wodka und natürlich nur die besten Wünsche. Wenn ich wem noch eine angenehme Partynacht wünsche, dann doch solchen Kunden. 🙂

Teh Parteeey!?

Was viele Berliner ja gar nicht ahnen, ist, wie eigenartig diese Stadt wirklich ist. Ich als Zugezogener und nur mäßig begabter Städtekenner will da jetzt auch keinen vom Pferd erzählen über die vielen interessanten Besonderheiten Berlins. Was aber wirklich für viele Touristen nicht einfach zu begreifen ist, ist die flächige Verteilung dessen, was gemeinhin als „Innenstadt“ gilt. Und tatsächlich liegen hier selbst die drei angesagtesten Clubs (welche immer man da im einzelnen nennen will) ein ganzes Stückchen auseinander. Schlimmer noch: zwischen ihnen liegt nicht einmal immer noch irgendwie belebte Gegend.

Natürlich ist das einer der Gründe, warum in Berlin viel Taxi gefahren wird. Bzw. warum ich als Taxifahrer das so oft zu hören kriege. Aber mich hat’s auch erstaunt, als ich mich ein bisschen mit der Stadt beschäftigt hab. Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie irritiert ich in einer meiner ersten Schichten war, als ich entdeckte, dass das pralle Leben am Ku’damm nachts völlig zum Erliegen kommt – weil es halt eher eine Einkaufs- als eine Partymeile ist.

Und nun hab ich – eigentlich schon auf dem Heimweg – am Potsdamer Platz noch Winker gehabt. Zum nh-Hotel „Alexanderplatz“. Schöne Winkertour, zwar nicht übermäßig lang, aber nicht einen Meter abweichend von der Strecke, die ich sowieso fahren wollte. Ich begrüßte die drei jungen Männer wie so viele:

„Hey, guys. Let me guess: The party’s over for tonight?“

Die eher unerwartete Antwort war:

„Party? Tell us were’s teh parteeey!?“

Aber ja, nachts ist der Potsdamer Platz heute noch manchmal so trist wie zu Mauerzeiten. Also bevölkerungsmäßig.

Am Ende habe ich ihnen ein paar noch offene Clubs genannt, war aber froh, dass sie ihren Plan nicht noch einmal geändert haben. Manchmal braucht es halt mehr als einen Abend, um sich daran zu gewöhnen, dass das Clubhopping hier in Berlin auch Taxifahrten einschließt. 🙂

Knallharte Vorteile

„Da, hier! Genau in den Laden wollten wir!“

„Ah, ok. Ich dachte, Ihr meint den hier auf der anderen Seite.“

„Nee. Oder … ist der besser?“

„Keine Ahnung.“

„Na, dann gehen wir hier rein, da krieg ich Rabatt, weil ich heute Geburtstag hab.“

Wer sich so seine Stripclubs aussucht, feiert auch Geburtstag bei McDonald’s, oder? 😉

Tagfahrermomente

Ich hab ja wirklich – und das ist kein Scherz! – einen Heidenrespekt vor den Kollegen, die den Job tagsüber machen. Denn abgesehen von den sozial etwas verträglicheren Arbeitszeiten kann ich darin keinerlei Vorteile erkennen. Der Verkehr macht die Fahrten viel komplizierter und zeitaufwändiger und ich würde wetten, die Kundschaft ist keineswegs einfacher. Sicher, das Bangen ums Ins-Auto-Kotzen entfällt vielleicht, dafür entsteht viel mehr Stress durch Gepäck, kurze Touren, schwierige Haltesituationen, eilige Termine, gestresste Leute etc. pp.
Und dem Hörensagen nach ist am Ende der Verdienst durchschnittlich noch einmal schlechter als in der Nacht.

Gewiss ist das eine Gewohnheitssache. Ich hab ja jahrelang in Stuttgart zur Hauptverkehrszeit Behindertenfahrdienst gemacht, dagegen ist die Berliner Rush-Hour gemütliches Cruisen. Und ich hab’s eigentlich gerne gemacht und mich wenn dann nicht über den Verkehr geärgert.

Nun, warum schreibe ich das? Weil mich neulich tatsächlich so ein bisschen Tagfahrer-Feeling gestreift hat. Nicht nur, dass ich meinen Tagfahrer-Kollegen heimgebracht habe und dann sehr früh (und bei Sonnenschein, ih!) angefangen habe. Nein, ich hatte als erste Tour ausgerechnet eine Fahrt, wie sie bei mir – und natürlich ist das meine Klischeevorstellung! 😉 – irgendwie immer ausdenke, wenn ich an die Arbeit während der Sonnenstunden denke:

An einem Taxistand am Straßenrand fuhr gerade ein Kollege weg, dahinter stand ein älterer Mann und winkte mich heran. Er konnte nur schlecht gehen, ich hielt also möglichst passend vor ihm. Noch bevor er einstieg, begann er zu fluchen:

„Haben Sie das gesehen? HABEN SIE DAS GESEHEN?“

„Was denn?“

„Da hat der mir das Taxi weggeschnappt! Dieser Junge Schnösel! Und der Fahrer nimmt den auch noch mit!“

Jetzt aber, glücklich mit eigenem Taxifahrer, beruhigte er sich schnell wieder. Er sagte eine Zieladresse an, für die er wirklich an eine seltsam doofe Ecke gewatschelt war. Also klar, zum Taxistand. Aber 50 Meter vorher hätte er zumindest besser einen der durchaus zahlreich anzutreffenden Kollegen ranwinken können. Er hätte allerdings auch eine Kurzstrecke verlangen können und das hat er auch nicht.

Die eigentlich nur zwei Minuten Fahrt wurden verhältnismäßig kompliziert, damit länger und waren vollständig von seiner medizinischen Geschichte bestimmt. Eine Leistenbruch-OP hätte er bald und er überlege, ob er das wirklich machen sollte. Über die Zahl solcher Eingriffe und der Komplikationen wusste er bestens Bescheid, aber er musste das jetzt loswerden und wollte – natürlich, man nenne mir mal bessere Experten! – einen Rat von mir als Taxifahrer.

„Gut, Sie sind ja nun ooch noch nicht janz so alt wie ich, keine Ahnung, ob sie da eine Meinung haben …“

„Naja, ich hatte immerhin schon eine Leistenbruch-OP.“

„WAS SIE NICHT SAGEN!“

Ihr seht: Ich bin auch für Rentner-Smalltalk bestens gerüstet! 😉

Und dann stand ich wirklich zum Sonnenuntergang am Ende noch 5 Minuten vor der Haustür meines 76-jährigen Kunden und hab mich mit ihm über Schmerzen in den Hoden unterhalten. Und wisst Ihr, was? Es war eigentlich mal eine ganz nette Abwechslung. Und er war danach sichtlich hoffnungsvoller:

„Na wenn dit schon vor 20 Jahren nur eine kleine Sache war, dann glaub ick mein‘ Arzt da besser mal, wa?“

Gut, wirklich neiden werde ich den Tagfahrern diese Kundschaft jetzt nicht unbedingt. Auf der anderen Seite hat mir die Tour am Ende auch gute 2 € Trinkgeld gebracht und das Gefühl, dass unser Job nicht umsonst ist. Und meistens reicht das ja schon, um die Arbeit zumindest mal ok zu finden.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Will ich’s wissen? (2)

Da stand ich also. Mitten in einem Industriegebiet, der Regen wurde stärker und meine Kundin war um’s Eck. Abgehauen? Ich glaubte nicht daran. Sicher, dass sie offenbar kein Geld zum Bezahlen dabei hatte, davon war auszugehen. Aber sie würde ja kaum heulend und brüllend am Telefon hängen und durch den Regen stromern, wenn sie sich nur gerne mal umsonst von A nach B (noch dazu ein äußerst uneinladendes B) hätte bringen lassen wollen.

Als ich gerade ein paar Meter vorfahren wollte, um mal einen Blick ums Eck zu werfen, gab es ein Lebenszeichen von ihr. Nicht das beruhigendste, aber immerhin: eine Autoalarmanlage heulte auf und die Nische, in der sie verschwunden war, strahlte gelb-blinkend rhythmisch auf. Das war mir dann ehrlich gesagt zu sehr Tatort-Klischee, um es noch bedrohlich zu finden. 🙂

Während es aus der Nische hupte und blinkte, nahm ich in anderer Richtung, in 300 Metern Entfernung, eine Bewegung war. Eine trostlos müde Gestalt schleifte sich über den schlecht asphaltierten Boden in meine Richtung. Nicht ganz zombiehaft, aber doch ausreichend ähnlich, um mich zu amüsieren. Die Alarmanlage erlosch, startete kurz darauf erneut und erlosch wieder. Der Zombie kam immer näher. Ich stand inzwischen neben dem Auto und hab eine geraucht. Wenn schon versteckte Kamera, dann will ich wenigstens cool rüberkommen!

Zunächst tippelte ein Waschbär von rechts nach links über die Straße. Der Rücken krankhaft krumm, aber die Reaktion blitzschnell, als ich versonnen zweimal aufs Autodach trommelte. Und schon war er wieder weg! Der Zombie entpuppte sich beim Näherkommen schnell als desinteressierter Hausmeister, ganz offensichtlichen das Vorbild für Scruffy aus Futurama. Als er dann letztlich kraftlos an mir vorbeischlurft, trafen sich unsere Blicke kurz und beide sagten sinngemäß:

„Na, Du hast Dir ja auch ’ne bescheuerte Lokalität zum Arbeiten ausgesucht heute!“

Kurz darauf stapfte meine inzwischen klatschnasse Kundin wieder auf mich zu, offensichtlich unzufrieden. Ich öffnete ihr vorsorglich die Türe und sie nahm die Einstiegsmöglichkeit dankbar an. Ich selbst habe Kundschaft, die noch nicht bezahlt hat, ja auch lieber im Auto als irgendwo in einem Hinterhof.

„Soll es noch wo anders hingehen?“

flüstere ich geradezu.

„Ja, aba ei‘ Moment no‘!“

Weiterhin schluchzte sie vor sich hin und telefonierte. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt Interesse daran hätte, herauszufinden, was Sache war. Da sie aber mit Mühe versuchte, sich mir gegenüber normal zu verhalten, war ich inzwischen sicher, dass mir kein Ungemach drohte. An ihrer Stelle wäre mir vermutlich so langsam komisch vorgekommen, dass der Taxifahrer so ruhig bleibt. Aber für mich war das nur logisch: Zum einen hatte ich sicher 10 Minuten Wartezeit verschenkt, sah aber die Möglichkeit, für die Anschlussfahrt die Uhr mit Einstiegspreis und teureren ersten Kilometern wieder starten und den Verlust so amortisieren zu können. Zum anderen war ein ordnungsgemäßes Ende der Tour überall wahrscheinlicher als hier in diesem trostlosen Hinterhof, der von der Zivilisation so weit entfernt schien wie der Mond, der in diesem Moment hinter dicken Regenwolken gar nix zu melden hatte.

Es dauerte noch rund drei Minuten. Ich saß auf dem Fahrersitz, die Kundin direkt hinter mir. Ihr Gesicht im Innenspiegel erkennbar verheult und von ihrem Smartphone-Display erleuchtet, wenn sie nicht gerade telefonierte. Der Motor summte leise und der eklige Nieselregen plätscherte uninspiriert lautlos aufs Autodach. Gelegentlich schaltete ich den Scheibenwischer ein, einfach um diesen seltsamen Moment dramaturgisch wertvoller zu gestalten.

„OK, wi‘ gehe‘ zu’ück.“

„Zurück? Wieder zur Torstraße?“

„Ja.“

Bevor ich meine Zustimmung äußern konnte, hatte meine rechte Hand das Taxameter wieder eingeschaltet. Sehr gut, so eine zuverlässige rechte Hand zu haben!

Während die Kundin abermals telefonierte, hochaufgeregt und immer wieder mit Phasen des Weinens, fuhr ich recht stumm gen Innenstadt zurück. Mir war klar, dass ich gerade eine Nebenrolle in irgendeinem größeren Drama spielte und dass das eine der Fahrten sein würde, die niemand je schätzen zu lernen würde: Hinfahrt, erfolglos irgendwas versuchen, Rückfahrt. Am Ende sollten es 28,60 € Taxifahrt für ganz offensichtlich nix und wieder nix sein. Im Gegensatz zu so vielen Touren, bei denen man als Fahrer helfen kann oder Leute glücklich machen.

Natürlich war die Frage der Bezahlung immer noch offen. Dementsprechend hätte ich angespannt sein können. Wie bei der letzten Fehlfahrt z.B.
Aber um ehrlich zu sein: Ich war es nicht. Natürlich hätte ich mich aufgeregt, hätte ich das Geld nicht bekommen. Und natürlich wäre die gute halbe Schicht eine beschissene halbe Schicht geworden. Aber mir war das egal. Vollkommen. Vielleicht eine unterbewusste Blockade – ICH wäre es immerhin nicht, der die Nacht flennend durch Berlin rennt. MEIN Tag wäre immer noch besser als ihrer, selbst wenn sie mich jetzt abzockt …

Was für ein Drama sich da zwischen Mitte und Lichtenberg letzten Sonntag abgespielt hat, weiß ich immer noch nicht. Ich will’s vielleicht wirklich nicht wissen. Das Ende für mich jedoch war unspektakulär. Ich hielt, wo mir geheißen wurde, und meine Kundin zückte mit einer beachtlichen Selbstverständlichkeit ihr Portemonnaie, als ich bei 14,60 € die Uhr das zweite Mal an diesem Abend stoppte. Insgesamt 28,60 €, hier sind 30, stimmt so. Mein Tagessoll war damit erfüllt, und das sogar recht früh. Nur tanken musste ich immer noch. Aber irgendwas ist ja immer …