Die andere Seite

Wenn man sich die Nachrichten anschaut, hat man schnell genug von der Welt. Mord und Todschlag allenthalben, und wenn nicht vor der eigenen Türe, dann irgendwo anders. Man hat das Gefühl, die Ellenbogengesellschaft ist so langsam auf dem Höhepunkt angelangt und ohne Stress und Nerverei sei man ohnehin doch der letzte Doofe auf der Welt. Und dann sowas:

Als der Arm kurz vor dem Ostbahnhof in der Straße der Pariser Kommune hochgeschnellt ist, hab ich mich nur bedingt gewundert. Hier war Endstation für Ersatzbusse, die zwischen dort und der Warschauer Straße einmal blöd im Kreis fahren mussten. Und nun eine ältere Frau, oh nee, Moment mal! Ein Typ in meinem Alter mit zwei Kindern war auch noch dabei.

„Sagen Sie, haben Sie zwei Kindersitze?“

„Ja, hab ich.“

„Wie viel würde das denn kosten, wenn Sie ihn und die Kids zum Hauptbahnhof bringen würden?“

„Ich sag jetzt sicherheitshalber mal 15 €.“

„Und danach in’n Tiergarten?“

„Im schlimmsten Fall kommen da 20 zusammen, aber wahrscheinlich deutlich weniger.“

„Das ist ok. Ich hab halt auch nur noch 25 dabei …“

So weit, so gut. Nachdem wir die Kids – und zudem einen ganzen Berg Gepäck – verstaut hatten, lief die Fahrt wie jede andere. Nette Kundschaft, kein Stress. Erst währenddessen hab ich so langsam mitgekriegt, was Sache war. Die Frau und der Typ gehörten nicht zusammen. Sie hatte ihn mit einer Freundin zusammen aufgelesen. Er kam mit seinen zwei Kids aus Marokko, um seine Freundin, die Mutter der beiden, zu besuchen. In Wolfsburg. Nun hatte sein Flieger drei Stunden Verspätung gehabt, was ihn ohnehin seinen Zug verpassen lassen hat. Zu allem Überfluss war er aber just in Berlin gelandet, als der Schienenersatzverkehr gerade seinen Höhepunkt erreicht hatte; und das Chaos für einen einzelnen Mann mit quasi null Deutschkenntnissen, einem schlafenden und einem heulenden Kind, sowie drei Koffern ein klitzekleines Bisschen zu viel wurde. Bis zur Warschauer Straße war er wohl gekommen, wusste dann aber absolut nicht weiter. Überfordert und auf das kleine weinende Kind einredend wurde er dann von den beiden Damen gefunden. Und die beschlossen, dass das ja kein Zustand wäre. Zunächst haben sie dem Dreiergespann den Weg zum Ersatzverkehr gezeigt und ihm beim Tragen geholfen. Als sich die Wege der Freundinnen trennten, beschloss meine jetztige Beifahrerin dann, dass sie ja auch mal ein Taxi nehmen und zwischendurch den fertigen Mann am Hauptbahnhof absetzen lassen könnte. Dem war der Rummel um seine Person zwar vermutlich auch ein bisschen zu viel, aber kaum im Auto, fielen ihm auch hier und da mal die Augen zu. Ein bisschen Entspannung tat ihm sichtlich gut.

Am Bahnhof wartete ich dann ein paar Minuten; die resolute Dame ließ es sich nicht nehmen, ihn eigenhändig zum Schalter zu führen, wo ihm dann (hoffentlich) weitergeholfen wurde.

Auf der weiteren Fahrt zu ihr bedauerte sie, dass es offenbar sonst niemanden interessiert hat, dass der Typ da so verloren war. Als sie anfing, sich bei mir zu bedanken, hab ich trotzdem unterbrechen müssen. Ich hatte ja nun wirklich nichts getan, was nicht meiner Arbeit geschuldet war. Ich ließ mich von ihr ja bezahlen und die Tatsache, dass ich meinen Kunden hier und da beim Gepäck oder dergleichen behilflich bin, ist nun wirklich eine andere Nummer, als wildfremde Leute auf eigene Kosten durch die Stadt zu begleiten. Am Ende sollte ich dennoch ein gutes Trinkgeld bekommen. Mehr noch hat mich, so kitschig das auch klingen mag, an dem Abend aber gefreut, dass es solche Leute wie die zwei betagten Damen noch gibt. Ja, am Ende hab ich mir gedacht, dass ich es eigentlich in genau solchen Ausnahmefällen doch auch mal nicht so genau nehmen sollte mit der Bezahlung.

4 Kommentare bis “Die andere Seite”

  1. Clemens sagt:

    Keine Kommentare?!
    Da hat die Blitzer-„Abzocke“ wohl zuviel Aufmerksamkeit gezogen… Ich find den (fast) letzten Satz keineswegs kitschig, und denk mir das immer wieder. Einfach ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für den anderen, ab und an mal fünfe g’rade sein lassen, und schon läuft vieles in der Welt entspannter.

    Auf noch viele so schöne Erlebnisse – aktiv und passiv!

  2. das landei sagt:

    Ich find sowas auch schön und freu mich darüber, dass es eben diese Menschen auch noch gibt. Denn irgendwann kommt fast jeder einmal in die Situation, wo er froh ist, wenn jemand wildfremdes reagiert.

  3. Dicker Mann sagt:

    Schon schmeckt der Kaffee noch ein bisschen besser. Zwei richtig coole Mädels (‚tschuldigung; meine natürlich zwei sehr nette Damen. Daumen hoch für die beiden und mächtig Applaus … Applaus … Applaus.Auch Daumen hoch für dich Sash, dass du uns die nette Geschichte geblogt hast.

  4. jule_ sagt:

    Sehr schön. So muss es sein, danke fürs Bloggen!

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