Drei auf einen Streich (1)

Ich hatte zweifelsohne schon vertrauenserweckendere Kundschaft im Auto gehabt. Immerhin brauchte ich keine Sorgen zu haben, dass er irgendwelchen größeren Ärger macht: er schien nüchtern genug, um seine Fluchtmöglichkeiten einschätzen zu können. Und er ging an Krücken. Ich bin gleich aus dem Auto raus, ich hatte ohnehin viel zu viel Zeit mit Rumstehen vergeudet, sicher eine gute Stunde!

Auf dem Gehsteig am Taxistand bemerkte ich dann, dass ich den leicht angeschlagenen Zausel um locker zwei Köpfe, wenn nicht mehr, überragte. Ich bot ihm Hilfe an, sofern er sie benötigen würde und er drehte mir den Rücken zu:

„Na, erstmal muss dat Dingens ab. Vorsicht, is richtich schwer.“

Er rollte die R’s leicht, seine Sprache hatte einen norddeutschen, hamburgerischen Einschlag – ohne allerdings gleich einen kompletten Dialekt zu imitieren. Ich griff nach dem ausgebeulten lilafarbenen Adidas-Rucksack, der bereits zu klimpern anfing, als mein Fahrgast sich noch aus den Trägern herauswand. Ich musste an meinen grünen Schulrucksack denken, der hatte 2002 nach der letzten schriftlichen Abiprüfung ein ähnliches Verhalten an den Tag gelegt, damals befanden sich etwa 15 Flaschen Bier darin. So ähnlich war es jetzt wohl auch, der ungefähr 50-jährige Mann grinste verschmitzt, er hätte noch eingekauft, „zu essen und trinken“.

Ich wuselte zu meinem Sitz, um ihm seinen nach hinten zu stellen. Er packte die Krücken und sein steifes Bein in den Fußraum und meinte unmittelbar nach dem Einstieg:

„Biste heut noch lang unterwegs?“

„Wahrscheinlich. Schätze mal, so bis um 6 Uhr  etwa.“

Ich dachte mit Schrecken daran. Die Schicht verlief unterirdisch, aber ein paar Kröten wollen dann ja eben doch verdient sein. Eines jedenfalls war klar: in dieser Nacht würde ich alles annehmen!

„Dat klingt gut, gut. Ich müsste um 4 Uhr, oder vielleicht 4.15 Uhr noch nach Lichtenberg zum Bus.“

Für einen Moment habe ich meine Zusage bereut. Seine jetztige Fahrt ging schon einmal in die Richtung – zum Boxhagener Platz – was jede einzelne Fahrt auf sicher unter einen Zehner schrumpfen ließ. Außerdem roch er etwas unangenehm. Aber wie gesagt: Januar, hauptsache Kohle! Außerdem schien er nett zu sein und er schien mich zu mögen …

Mit nur 6,60 € auf der Uhr ließ ich ihn am Boxi raus, für diesen Tag recht feierliche 1,40 € Tringeld hat er noch obenauf gepackt. Er erklärte, duschen, essen und etwas schlafen zu wollen und wollte dann am frühen Morgen zum Fußball. Na denn.

(Fortsetzungen kommen noch diesen Vormittag!)

2 Kommentare bis “Drei auf einen Streich (1)”

  1. Tk sagt:

    Lass mich mal raten…….er roch noch genauso.

  2. Sash sagt:

    @Tk:
    Wie Du nun siehst: Nein. 🙂

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