Besorgnis

Ich hatte gerade noch so ein wenig Glück. Ich stand am Bahnhof auf der letzten Rücke und ich bekam die letzten Fahrgäste aus dem vor fünf Minuten dort angekommenen Reisebus – was bedeutete, dass ich meine unbezahlte Wartezeit vielleicht um eine halbe Stunde verkürzt habe damit. Die Besetzung war ungewöhnlich: ein forscher Endzwanziger mit Kurzhaarschnitt und Kapu, daneben eine Seniorin in hellgrauem Mäntelchen.

Er bedeutete mir gleich, dass es nach Prenzlauer Berg gehen würden, wir seine Oma allerdings zuvor in einer der umliegenden Straßen absetzen könnten. Kein großer Umweg, da an sich kein großer Weg. 500 Meter Fahrtweg, maximal.

Entgegen meiner ersten Vermutung ist sie allerdings nicht mitgekommen, weil die alten Knochen nicht mehr so gut für Fußmärsche geeignet waren, sondern auf sein Drängen hin:

„Omi, guck doch! Hier ist kein Schwein.“

„Ach und?“

„Was ach und? Wenn Dich hier jemand absticht, kriegt das keiner mit!“

„Ach, nu komm …“

„Nix nu komm! Das ist gefährlich!“

„Aber es wird doch keiner so eine alte Frau …“

„Aber hallo! Gerade so alte Frauen. Nee nee, wir bringen Dich jetzt nach Hause.“

Das war eine fast schon niedlich umgekehrte Rollenverteilung. Ich gebe zu, ich halte es da eher mit der rüstigen Seniorin und ich hab dazu auch vor langer Zeit schon mal was geschrieben: Big Bad City | Berlin

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