Ob man es glaubt oder nicht: Es gibt viele Kunden, die glauben, dass Taxifahren mehr kostet als ohnehin schon. Ich möchte mal wieder auf einen alten Artikel verlinken – und damit auf eine Fahrt, die mir klar gemacht hat, dass wir mit unseren Tarifen eher werben sollten, als sie kleinlaut unter den Tisch zu schieben:
Kundenschreck im Fußraum
Worum könnte es sich bei einem Kundenschreck im Fußraum handeln? Nun: Um diesen kleinen Kerl hier:
Es geht hier gar nicht um den vielen Dreck – den ich zwar auch nicht angenehm finde, der sich aber bei matschigem Wetter immer irgendwann einstellt – es geht um den kleinen unscheinbaren Knopf. Das ist der Knopf für die Alarmanlage. Der hat gute wie auch schlechte Seiten. Die gute ist: Ich kann ihn zu jeder Zeit erreichen. Egal, was ein potenzieller Räuber auch tut – ich habe noch nie gehört, dass einer mit Fußfesseln angefangen hat…
Der Nachteil – insbesondere, wenn man wie ich mit Quadratlatschen in Größe 50 unterwegs ist – besteht darin, dass man durchaus auch mal versehentlich dagegenkommen kann. Derletzt ist mir das ausgerechnet passiert, als ich prominent in erster Position am Ostbahnhof stand und ich mich aus dem Wagen schwingen wollte, um einem Kunden beim Einladen des Gepäcks zu helfen. Hat einen prima ersten Eindruck gemacht, wie das Taxi plötzlich anfing zu heulen und der Fahrer erstmal zur Motorhaube gestürzt ist…
Denn: Der Alarm lässt sich nur ausschalten, indem man das Gegenstück zu diesem Knopf drückt. Und der ist praktischerweise im Motorraum untergebracht. Mein Kunde hat es mir – wenn auch mit riesigen Fragezeichen auf der Stirn – nachsehen können. Danach bin ich dann ganz gelassen ums Auto gewuselt, hab ihn mit einem Lächeln begrüßt und gemeint, dass das eben das Problem an gut erreichbaren Alarmknöpfen ist 😉
Im Übrigen, falls sich jetzt jemand Gedanken über potenzielle Taxiräuber macht: Diese Alarmknöpfe sind selbst bei den Opel-Taxen in unserem Betrieb nicht überall an derselben Stelle untergebracht. In vielen Taxen gibt es neben dem (vorgeschriebenen) lauten Alarm auch noch einen stillen. Das grobe Wissen hier bringt einen also nicht wirklich weiter…
Tassi!!!
Donnerstag Abend, 19 Uhr etwa:
Die Taxischlange am Ostbahnhof ist vollzählig. So ziemlich jeder Kollege, der sich gelegentlich hier anstellt, ist da. Aus der Luft betrachtet ist die komplette Bahnhofsvorfahrt, sinnigerweise mit dem Straßennamen „Am Ostbahnhof“ versehen, Stück für Stück mit wartenden Taxen besetzt.
Gegenüber der letzten Nachrücke, direkt neben dem InterCity-Hotel tritt schwankt ein Mann auf die Straße. Aus seiner Sicht müsste die Straße nun quasi ein einziges durchgängiges Taxi sein. Zumindest, wenn man seinen Alkoholpegel in die Betrachtungsweise miteinbezieht. Nichtsdestotrotz macht er einen Schritt auf die Fahrbahn, lehnt sich gefährlich weit zurück und ruft gen Himmel in martialischer Lautstärke:
„ICK WILL ENN TASSI!!!“
Kollege Torben, gerade mit mir an der frischen Luft, um eine zu rauchen, hat sich mit mir zusammen dem Kerl angenommen. Nach einer kurzen Anfrage, wo es genau hingehen sollte (immerhin nach Gesundbrunnen!), hat Torben ihn eingesackt. Soll eine Tour mit gutem Trinkgeld geworden sein. Ich überlege mir noch, ob ich vielleicht das gleiche mal umgekehrt versuche:
„ICK WILL ENN KUNNEN!!!“
😀
Schlafen
Da ist es endlich mal Wochenende. Hauptverdienstzeit! Um 20 Uhr sitze ich im Taxi, der Feierabend ist für etwa 6 Uhr geplant. Hier und da mal eine Pause, aber volles Programm bis in die Morgenstunden. Und dann ein Kunde: Nett, anspruchslos, zufrieden. Und er verabschiedet sich um 22:30 Uhr mit folgenden Worten:
„Danke fürs Heimbringen! Schlaf gut!“
Äh…
Ausweise und Zufälle
Gestern schreibe ich noch groß in den Artikel über Ausweise als Pfand, dass bei mir auch gerade einer rumliegt. Manchmal aber ereilen einen Zufälle, die man kaum glaubt. Unmittelbar vor der Veröffentlichung des Artikels meldete sich der junge Mann bei mir…
Gut, was war eigentlich passiert?
Es ging um eine Tour von der schon so ziemlich versauten Silvesternacht dieses Jahr. Darüber hatte ich noch nichts geschrieben, weil der Ausgang ja noch offen war. Ich hatte damals am Unfallkrankenhaus Berlin eine junge Frau und ein kleines Mädchen aufgesammelt. Das Mädchen hatte sich offenbar an einem Feuerwerkskörper verletzt und die beiden sind ziemlich ziellos durch die Nacht geirrt und mussten nach Weißensee. Beim voraussichtlichen Fahrtpreis von 20 € musste die Mutter zwar schlucken, aber sie hatten keine große Wahl, de facto wussten sie quasi nicht einmal, wo sie gerade sind.
Sie haben sich von mir zu ihrem Freund (oder einem Freund) chauffieren lassen und mir rechtzeitig gesagt, dass das Geld nicht reichen würde, der Freund aber runterkommen würde. Kein Ding!
Dummerweise hatte jener auch nicht genug Geld…
Er hat allerdings gleich vorgeschlagen, mir seinen Ausweis im Tausch gegen meine Handynummer zu überlassen. Er würde sich melden, dann würden wir das mit dem noch übrigen Geld schon klären. Ein sympathischer junger Kerl, sichtlich in Nöten, die Ereignisse dieser Nacht irgendwie auf den Plan zu kriegen. Mal abgesehen davon, dass ich wenig auf Stress stehe, hatte ich in der Silvesterschicht auch keine Lust, mehr als eine Zigarettenlänge Pause für ein paar Euro einzulegen. Das hätte sich ja ausgerechnet finanziell eben nicht gelohnt…
Ab da war dann Ruhe. Ich hab zwischenzeitlich mit Christian im Büro darüber gesprochen, er hat allerdings bei der Erwähnung des Wortes Ausweis gleich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Soweit ich weiß, ist in der Firma seit Gründung eine beachtliche Sammlung unausgelöster Ausweise zustandegekommen. Und es sind eben nur selten Beträge dabei, die den Aufwand eines Rechtsstreits lohnen.
Ich hab den Ausweis wieder mitgenommen und mir überlegt, ob ich ihn mit einem nicht abzulösenden Aufkleber mit der Beschriftung „Danke du Arschloch“ einfach beim Bürgeramt einwerfe. Ich hab es gelassen. Wirklich Hoffnung hatte ich aber kaum. Bis gestern eben.
Just zu dem Zeitpunkt, als ich kurz mal aufgestanden war, um das große weiße Telefon im Bad zu benutzen, rief er an. Ich war zu spät am Handy, rief zurück:
„Hallo, ich hab den Anruf gerade verpasst…“
„Ja, äh hier ist Matthias Zwergenstengel (Name geändert). Sie haben doch meinen Personalausweis. Haben sie den immer noch?“
„Ja klar, was denn sonst?“
„Ja, ich war in U-Haft, ich konnte mich nicht melden!“
Also der Preis für die beste Ausrede des Jahres ist ihm schon mal sicher 😀
Kurz und knackig: Wir haben uns in der Stadt getroffen, Ausweis gegen Geld getauscht und gut ist! Damit ist meine Quote an Fahrten, über die ich mich im Nachhinein aufgeregt habe, wieder signifikant gesunken. Da ich einen guten Lauf zu haben scheine: Kann vielleicht nicht jetzt irgendwann in meinem Beisein einer der Klischeebestätiger von damals beim Kacken von einem Blitz getroffen werden oder so? Bitte? Dann wäre ich mit der Welt fast wieder im Reinen 🙂
Arschtritte
Zwei Frauen hatte ich an Bord, wie üblich eine angeschlagener als die andere. Also im wörtlichen Sinne: Die eine war etwas angeheitert, die andere völlig hinüber. Ich hatte kurze Bedenken, Magensäfte und so, aber die fittere warf gleich in den Raum:
„Mach dir kein‘ Kopf! Die kotzt nicht. Das kann die gar nicht!“
Aber: Betrunkene, Kinder, Wahrheit – diese Geschichten:
„Waaas? Klar kann ich kotzen!“
Aber sie war ohnehin am Einschlafen, ich hab dem Frieden erstmal getraut. Zu Recht: Während der ganzen Fahrt hat sich die Holde während meines Smalltalks mit ihrer Begleitung nicht nur zusammengerissen, sondern gar nichts gesagt. Sie hat geschlafen. Unser Ziel lag rund vier Kilometer entfernt, eine durchschnittliche Tour für einen Zehner. Dort angekommen meinte die wache der beiden Frauen:
„So! Eigentlich müsste sie hier ja noch weiter, aber ich nehm sie mal besser mit zu mir. Die kriegen sie ja nachher hier nicht raus.“
Ich hatte dazu noch keine ausgeprägte Meinung. Die Dame war zwar erstmal unauffällig, aber sie alleine noch länger herumfahren? Obwohl es natürlich von der Kohle her schon gut gewesen wäre. Ich war hin- und hergerissen, hab mich also nicht sonderlich für eine der beiden Optionen engagiert.
„Mausi komm, du pennst bei mir!“
„Nee!“
„Doch, dich kriegt man ja nicht mehr wach.“
„Looogoooo! Bin ich wach?“
„Ja, dann komm doch mal aus dem Taxi.“
„Nee!“
„Mausi, wenn ich dich nicht hier rauskriege, wie soll es dann nachher der Taxifahrer schaffen?“
Sie rappelte sich auf und meinte zu mir:
„Wenn ich nicht aussteigen will, dann geben sie mir ’nen Arschtritt!“
„Sowas mache ich aber ungern.“
„Alles andere können se vergessen. Gib mir’n Arschtritt!“
„Nein, das werde ich nicht tun. Wie sieht denn das aus?“
„Dann penn ich halt hier!“
Sprachs und verschwand mit der Freundin. Ihr Fazit des Ganzen:
„Pah! Männer…“
Nee, is klar. Jetzt bin ich der Bösewicht, weil ich sie nicht treten will. Respekt für die Logik!
Ausweise als Pfand…
Inzwischen gibt es ja nichts mehr daran zu deuteln:
Es ist nicht erlaubt, einen Fahrgast dazu zu zwingen/nötigen/überreden, seinen Personalausweis als Pfand für eine unbezahlte Fahrt zu hinterlegen – wie gestern noch einmal Rechtsanwalt Udo Vetter im Lawblog geschrieben hat.
Ebenso hat er aber auch beschrieben, dass es allerorten anders gehandhabt wird. Wir Taxifahrer wurden nur am Rande erwähnt, sein Interesse galt vor allem den Gefängnissen und den Kunstsammlungen in Düsseldorf. Aber klar ist es bei uns Gang und gäbe! Dabei mache ich mich noch nicht einmal im Wortlaut des Bundespersonalausweisgesetzes (ja, sowas gibt es wirklich!) §1 strafbar.
Denn: Ich habe noch nie verlangt, einen Ausweis zu erhalten!
Ein Perso(nalausweis) ist einfach ein bequemes Pfand. Er ist den Inhabern zumindest halbwegs wichtig – ein neuer kostet heutzutage ja auch ordentlich Geld – außerdem habe ich gleich Name und Adresse des potenziellen Zechprellers vorliegen. Natürlich ließe sich das alles umgehen, ich könnte ja auch nur einen Blick auf den Ausweis verlangen und als Pfand die Hose behalten, im allgemeinen Umgang hat sich der Perso als Pfand bewährt.
Ich hab auch derzeit noch einen rumliegen von einem Idioten, dem die um ein vielfaches höhere Gebühr es seit der Silvesternacht offenbar wert ist, 4,40 € übriggebliebene Taxikosten nicht zu zahlen…
Er – wie auch alle anderen – haben ihn immer freiwillig und ohne einer Bitte danach rausgekramt, um zu untermauern, dass sie es ernst damit meinen, jetzt noch kurz Geld holen zu wollen.
Wenn es rein nach meinem praktischen Empfinden als Taxifahrer gehen würde, würde ich sagen, dass das ein dummdreiste Ausgeburt der Bürokratie ist – was soll der Scheiß? Tatsächlich hat aber insbesondere der neue Personalausweis (vor allem, wenn die Online-Funktion freigeschaltet ist) prinzipiell eine enorme Missbrauchsqualität.
Also: Auch wenn derzeit Taxifahrer, Kneipiers, Gefängnisse und Museen gegen dieses Gesetz verstoßen: Führt doch irgendwas anderes mit, das ihr notfalls als Pfand nutzen könnt. Ein (ausgeschaltetes) Handy, Schmuck, whatever. Oder – kurioser Vorschlag, ich weiß! – nehmt doch einfach genug Geld fürs Taxi mit 😉
