Where did you suck?

Ich hab schon öfter geschrieben, dass ich das Radio meistens aus habe, wenn Kundschaft an Bord ist. Das hat nicht nur rationale Gründe. Natürlich stört Musik bei der Unterhaltung, natürlich trifft sie vielleicht nicht immer den Geschmack von Kunden … vor allem aber mache ich meine eigene Musik meist aus, weil ich das für eine private Sache halte. Wenn ein Kunde – zu dem ich erst einmal eine rein geschäftliche Beziehung habe – gleich mit meiner Musik konfrontiert wird, hat er unter Umständen ein Bild von mir, das ich in dem Moment nicht haben möchte. Selbst wenn es vielleicht realistisch sein sollte. Zudem enthalten gerade die Sampler, die ich oft im Auto höre, eine so bunte Mischung, dass alles zusammen kaum jemand außer mir gefallen dürfte.

Da mag jemand ja auch gerne wie ich Metallica hören, aber wenn danach auf der CD erst Joint Venture und anschließend Atari Teenage Riot laufen, ändert sich die positive Stimmung doch recht zuverlässig.

Nun sind Fahrgäste aber eben ein aufmerksames Pack. 😉

Denn wenn ich eine mp3-CD im Player hab, werden die aktuellen Titel eben auch im Display des Radios angezeigt. Zumindest mal so weit, wie es die Auflösung zulässt. Und so kam dann folgende Frage auf:

„Hey, da steht ‚Where did you s …‘, was heißt das?“

„Where did you suck!?“,

warf seine Begleiterin auf der nur eine Kurzstrecke umfassenden Fahrt ein.

Nach zwei Fragerunden hab ich mich erbarmt, das Radio laut gestellt und auf die fragenden Gesichter im Rückspiegel geachtet.

„Uh, Singer-Songwriter …“

Sie waren meinem Alter nicht so fern, also hab ich einen Tipp gegeben:

„Naja … war in den Neunzigern mal ziemlich populär …“

Sie haben’s noch vor dem Piepsen des Taxameters rausgefunden. 🙂

Ich hab das Lied erst etliche Jahre nach dem Tod von Kurt Cobain kennengelernt. Nachts im Wald an einem Lagerfeuer, so wie es sich gehört.

Hab das erste Mal den roten Knopf gedrückt!

OK, der Knopf ist nicht wirklich rot, rot ist nur das LED, das leuchtet, wenn man ihn gedrückt hat. Es geht um die Verriegelung des Taxis. Und ich habe sie in Anspruch genommen wegen einer Betrunkenen.

Nun kennen mich die meisten hier recht gut und wissen, dass ich nix gegen Betrunkene hab. Hin und wieder war ich ja sogar selbst schon betrunken. Die meisten, die einen im Tee haben – und derer hab ich inzwischen ja viele im Taxi gehabt – sind nett und froh, dass sie jemand ernst nimmt und heim bringt.

Besagte Kandidatin aber hat vor mir bereits einige Taxis abgeklappert und ist schlicht und ergreifend mehrmals den Kollegen gegen das Auto gelaufen, hat andere Fahrgäste belästigt und hat binnen einer Minute mehr Ausfallschritte getätigt wie ich und alle meine Kollegen während einer kompletten Weihnachtsfeier zusammen. Und da sie auch immer gleich anfing, an den Türen der Taxis zu rütteln und zu zerren, hab ich eben abgesperrt, als sie auf mich zukam.

Ich hab dennoch nett geguckt und das Fenster runtergemacht, aber das brachte eben nix. Ich hab nicht einmal verstanden, was sie wollte – was aber auch daran gelegen haben könnte, dass sie während des Sprechens einen Knutschfleck an der Beifahrerscheibe hinterlassen hat. Und das nicht freiwillig, sie ist einfach mal mit dem Mund voran gegen’s Auto gelaufen.

Ich hab sie nicht einmal wirklich abgelehnt, sondern einfach nicht gewusst, was sie wollte, da ist sie schon beim Kollegen hinter mir gewesen. Dort ist sie dann „endlich“ umgekippt und wir hatten einen Grund, wenigstens die Cops herbeizuwinken, von denen wie immer ein paar rauchend und interessiert auf den Taxistand guckend am Fenster ihrer Wache standen.

Nachdem die Dame von den Cops in Obhut genommen worden war, hat ein Flaschensammler, der der Szenerie die ganze Zeit beigewohnt hatte, noch erzählt, dass sie ihm anvertraut hatte, nicht zu wissen, wo sie wohne. Ich helfe ja gerne, aber für manche Probleme sind wir Taxifahrer dann halt vielleicht auch einfach nicht mehr zuständig …

Routen, die Kunden vorschlagen

Ich sag’s immer wieder: Die Kunden bescheißen sich selbst viel besser als ich es je könnte …

Eine gute Route – wenn man denn Geld loswerden will. Quelle: osrm.at

Eine gute Route – wenn man denn Geld loswerden will. Quelle: osrm.at

Am Ende lief das dann so, dass ich gefragt hab:

„Äh, und wie wär’s, wenn wir die Fahrt einfach genau so, nur in kurz machen würden?“

Daraufhin meinte der Kunde:

„Mach ruhig, ick vatrau Dir! Obwohl, lass ma‘! Bring mir zum Berghain.“

PS: Die Mehreinnahmen durch Umwege sind ja eine tolle Sache. Aber stellt Euch mal meine psychische Belastung vor, wenn mir jemand fortwährend erzählt, dass das die beste Strecke ist … 😉

Das Rauchverbot im Taxi

„Darf man bei Dir rauchen?“

„Nein.“

„Ach bitte!“

„Nein. Hey, ich verkneife mir das Rauchen im Auto den ganzen Tag, da werdet Ihr’s doch die eine Fahrt schaffen!“

„Du bist Nichtraucher!?“

„Nein. Aber ich rauche nicht im Auto.“

Diese leidige und unnötige Diskussion. Denn was war am Ende das Ergebnis:

„Ich versteh‘ schon, dass das andere stören könnte. Finde ich echt cool, dass Du das durchziehst!“

0.o

Ich hab als selbst Betroffener natürlich irgendwo Verständnis für die Bedürfnisse von Nikotin-Junkies. Aber für eine Taxifahrt? Für in dem Fall 13 Minuten eine große Diskussion starten?

Ja, ich weiß: In der Praxis hat sich das mit dem Rauchverbot im Taxi noch nicht so wirklich durchgesetzt. Der ein oder andere Kollege trotzt dieser neumodischen Regelung, die 2007 eingeführt wurde – und ein paar quarzen mit schlechtem Gewissen hier und da mal eine. Und ich bin auch nicht fehlerfrei und hab auch schon zwei, drei Ausnahmen gemacht, wenn’s z.B. mal weit ins Umland ging. Aber eigentlich haben doch gerade wir im Alltag genügend Pausen für unser Laster. Und hier und da mal ein Lob, dass es gut riecht im Auto, ist gerade für Raucher doch eigentlich was wirklich kleidsames fürs eigene Ego. Und ja, da spreche ich aus Erfahrung.

Sich besaufen bis der Arzt telefoniert

An sich hab ich den Schlenker über die Frankfurter Allee ja nur gemacht, um vielleicht noch Winker zu finden. Was ich stattdessen sah, hab ich besser mal ignoriert. Da hatte zwar jemand die Hand auf die Straße gestreckt, allerdings hielt er gar nicht nach Taxen Ausschau, sondern schwankte einfach in Fahrtrichtung vor mir her. Als ich neben ihm an einer Ampel halten musste, stellte sich heraus, dass er das wirklich für winken gehalten hatte, denn er stieg ein. Eigentlich fiel er eher.

„Guten Abend.“

„Sh. Ssse sml ls amlsllalalss …ssss!“

Ich hab mir selbst auf die Schulter geklopft, dafür einen Umweg gefahren zu sein.

Der junge Mann hielt ein Smartphone am Ohr und hauchte hinein:

„cajutoaim? Cajutoooaim!?“

Na dann gib halt her! Ich weiß, die meisten lesen jetzt Bahnhof – und zwar auf vogonisch. Tatsächlich war mir in dem Moment klar: Ich hatte es mit einem Briten (beim Ausüben des inoffiziellen Nationalsports) zu tun, der seinen Kumpel am anderen Ende der Leitung bat, mit mir zu reden. Can you talk to him – so schwierig ist drunken english dann ja auch nicht. 😉

Ich nahm mir das Telefon und der Kumpel am anderen Ende hatte immerhin etwa 2 Promille weniger. Für gänzlich fehlerfreie Kommunikation hat’s nicht gereicht. Er bat mich, seinen Freund zum nächsten Krankenhaus zu bringen. Komische Bitte, aber irgendwie nur so mittel absurd, wenn man sich den Kandidaten mal angeschaut hat. Ich fragte nach, ob es ein bestimmtes oder einfach nur das nächste sein sollte, woraufhin es in der Leitung raschelte und mich eine ernste Stimme eines Dr. XY wissen ließ:

„Die sind im Klinikum am Friedrichshain. Sie warten dort am Eingang zur Rettungsstelle.“

War der Druffi jetzt ein entlaufener Patient? Nicht ganz. Er hat die ganze Fahrt über weiter telefoniert. Die ersten 2 Minuten hat er seinen Kumpels immerzu erklärt, er wäre in 5 Minuten da. Die letzten 2 Minuten hat er hauptsächlich damit verbracht, mich zu fragen, wie lange es dauern würde. Nach ungefähr 30 Nachfragen (Wie gesagt: 2 Minuten!) stellte ich am Tor der Rettungsstelle fest, dass leider kein Arzt wartete. Noch besser: Statt den Spezialpatienten abliefern zu können, hatte ich jetzt noch zwei zusätzliche:

„Could you bring us to our hostel? We, we would give you money!“

Na, mit dem Geschäftsmodell haben sie mich aber überrascht. Und was sollte es schon. Das waren nochmal 5 Minuten und 5 € mehr – und ich hatte mich so langsam dran gewöhnt, bei jeder Rechtskurve den Ellenbogen hochzuhalten, um den Kerl neben mir wieder zurückzuschubsen, weil er ein wenig zum Umkippen neigte. Der Wortführer war auch wirklich noch erträglich betrunken. Der zweite auf der Rückbank klagte indessen über mörderische Kopfschmerzen und der neben mir hatte auf nichts mehr Zugriff, was nicht unmittelbar der Lebenserhaltung diente. Mit der Zeit hab ich mich sogar gefragt, ob ich mir nicht unnötig Sorgen machte und er einfach sogar zum Kotzen zu blau sein könnte.

Ohne größere Verluste haben wir es dann bis zum Hostel geschafft und mit 12,40 € war das Ganze für eine Familienzusammenführung im Krankenhaus mit anschließender Heimreise sogar noch bezahlbar für die Jungs. Der eine, der das noch konnte, entschuldigte sich auch tausendfach und dankte mir in einem fort. Beim Bezahlen preschte er mit einem Zehner voran, legte auch den Zweier gleich obenauf und wollte dann Geld von den beiden Lädierten haben. Mein Beifahrer entzog sich der Zahlung durch einen Sturz auf den Gehweg, dem ich in Gedanken wegen des Torkelns zuvor und der eleganten Landung eine 9,5 in der B-Note gab. Der zweite konnte zwischen seinen Kopfschmerzattacken erst einmal nur ein 10-Cent-Stück rausrücken. Dann nach einigem Gefluche und auf Nachfrage noch ein zweites. Als er ausgestiegen war, konnte er noch ein Drittes entbehren.

Während ich darüber sinnierte, ob das jetzt nicht ein wunderbares Ende für die Fahrt wäre – dass ihnen läppische 10 Cent zum Begleichen der Rechnung fehlen – warf der Nüchterndste dann einfach nochmal einen Zweier hinterher und bat mich abermals um Entschuldigung.

Die werden heute Schmerzen haben, für die ich mir nicht einmal Worte ausdenken könnte. Und ich hab 14 € und bin eigentlich ganz zufrieden. 😀

Ich bin für Olympia in Berlin!

Großes Thema gerade: Die olympischen Spiele in Berlin!

Oder etwa doch eher nicht?

Der gesunde Menschenverstand

Natürlich sind olympische Spiele in Berlin für alle halbwegs klar denkenden Menschen eine bescheuerte Idee. Während die Stadt auf einem historischen Schuldenberg sitzt, nicht einmal Schulen trockenlegen oder Flüchtlinge unterbringen kann, sollen also Milliarden in den Aus- oder Neubau von Sportstätten fließen, wobei das auch von Sportvereinen dringend erhoffte Plus nur zu geringen Teilen anschließend auch nutzbar bleibt. Es fehlt in Berlin an allem: An sozialem Wohnungsbau, an Bildung oder auch nur an groben Vorstellungen, ob geplante Flughäfen auch ungefähr innerhalb der ersten hundert Jahre nach Baubeginn eröffnen sollen. Man will sich gar nicht ausmalen, was bei einem so enormen Großprojekt wie Olympia alles schieflaufen könnte.

Was man als Taxifahrer davon halten sollte

Die olympischen Spiele werden zunächst jahrelange Großbaustellen bedeuten. Noch mehr Zeit in noch mehr Stau. Man braucht als Taxifahrer eigentlich gar nicht recherchieren um sich sicher zu sein, dass am Ende ein Verkehrskollaps im Raum steht. Die Verantwortlichen, die bisher fünf (!) Taxihalteplätze vor dem Berghain für ausreichend erachten, würden das Verkehrskonzept für diese internationale Veranstaltung erstellen.

Egal, trotzdem!

Als nicht funkender Nachtfahrer, den Baustellen nicht kratzen und der sich einfach nur über die vielen Touris und Sportler in der Stadt freuen kann, kommt man aber kaum umhin, die Idee für ziemlich geil zu halten. Ich gehöre erstmals zu den grob geschätzten 0,03%* der Berliner Bevölkerung, die hier politisch hofiert wird. Das lasse ich mir doch nicht entgehen! Olympia! \o/

*hab von den sicher über 10.000 Taxifahrern in Berlin mal 10% unterstellt, dass sie nur nachts und hauptsächlich am Wochenende arbeiten.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wird es in 50 Jahren noch Taxifahrer geben?

Alle Spatzen pfeifen’s von den Dächern: Selbstfahrende Autos gibt es bald!

Da sind sicher einige überhypte Berichte dabei und viel Wunschdenken. Andererseits hat die Computertechnik in den letzten 50, 30 oder 10 Jahren – je nachdem, wie weit man ausholen will – schon so einiges umgekrempelt, von dem man vorher dachte, es könne gar nicht umgekrempelt werden. Warum also nicht auch das Autofahren, beziehungsweise ganz speziell die Personenbeförderung?

Meine Meinung: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Tage des Berufs Taxifahrer angezählt sind. Vor allem, wenn man mal wirklich 50 Jahre als Horizont sieht. Die Technik wird nunmal besser und gerade beim Autofahren wird sie uns Menschen über kurz oder lang überholen. Wir sind einfach zu schlecht darin, jetzt mal völlig emotionslos pragmatisch und ökonomisch gedacht. Und in der Personenbeförderung wird das selbstfahrende Auto genau deswegen recht schnell Fuß fassen: Dort, wo für die Fahrten, bzw. auch für die Fahrer, bezahlt wird, werden sich auch die ersten teureren Modelle rechnen.

Aber natürlich bleiben viele Fragen offen. Wann wird es soweit sein und in welcher Branche beginnt es? Oder gibt es doch Gründe, weiter einen Fahrer anzustellen? Und wenn das der Fall ist: Wird das dann wirklich den öffentlichen Nahverkehr betreffen oder eher eine Art Zusatz-Luxus sein, den Premium-Dienste anbieten? Oder eine noch wildere Theorie: Werden handgesteuerte Autos gar ein Indiz für Armut werden? Und wenn es so oder anders kommt: Wie wird die Umsetzung aussehen, was machen die Versicherungen, wer haftet bei Hackerangriffen, wird die Verkehrstotenstatistik besser?

Ich finde das ein interessantes Thema zum Diskutieren. Und Ihr so?