Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“

*hug*

„Haha, you accept hugs as tip?“

„That depends on the total amount.“

„Haha. The amount of hugs?“

„Sure. More than five are quite boring.“

Der Dialog fand statt, nachdem ich bereits einmal wieder aussteigen musste, um eine der Mitreisenden zu umarmen. Gesamtergebnis: 2 Umarmungen und 70 Cent. Ausbaufähig, aber ok. 😉

Führerscheinentzug bei Raub?

Sehr interessante Gedanken über den im Koalitionsvertrag festgehaltenen Passus mit dem Führerscheinentzug bei Straftaten, die nicht mit dem Verkehr in Verbindung stehen, macht sich Tobias Glienke aus der Kanzlei Hoenig. Und ich schließe mich seiner Meinung an: es ist schon eine ziemliche Frechheit, Leuten eine andere Strafe aufzuerlegen, nur weil sie zufällig im Besitz einer Fahrerlaubnis sind.

Sicher mache ich mir da grundsätzlich auch Gedanken aus Sicht des Taxifahrers, denn als beruflicher Fahrer sind die denkbaren Konsequenzen einer entzogenen Fahrerlaubnis ja noch einmal ganz anderen Kalibers. Aber das greift zu kurz. Denn eigentlich bin ich dem fast schon gegnerischen Lager zugehörig. Ich fahre gerne Auto und ich versuche, es gut zu tun. Und mit „gut“ ist hier nicht nur gemeint, mein Fahrzeug zu beherrschen, sondern mit den sozialen und psychischen Komponenten des Straßenverkehrs angemessen umzugehen. Und diesbezüglich bin ich, im Gegensatz zu dem Part mit der Fahrzeugsicherheit, wirklich überzeugt davon, überdurchschnittlich gut zu sein.
Es gehört hierzulande fast schon zum guten Ton, sich über andere Verkehrsteilnehmer aufzuregen. Sei es, weil sie Fehler machen, sei es, weil sie komischerweise eine andere Art der Fortbewegung vorziehen. Jemanden aus Rache für ein Bremsmanöver nochmal schnell zu schneiden gehört zu einem Verhaltensrepertoire, das – nur weil es der Straßenverkehr ist – nicht nur Psychopathen vorbehalten ist. Vom alltäglichen Hupen, Drängeln etc. gar nicht zu sprechen.
Kurzum: Ich bin tatsächlich der Meinung, man sollte den Führerschein hierzulande nicht als so heilig einstufen, wie es bisweilen getan wird. Da draussen fahren eine Menge Leute rum, die streng genommen die Kriterien für eine Teilnahme am Verkehr nicht erfüllen, dennoch verlieren nur sehr wenige Menschen ihren Führerschein dauerhaft.

Natürlich wäre es bei diesem Standpunkt auch noch irgendwie logisch zu sagen:

„Na gut, der Herr Fuffelbraus hat bei zwei Amokläufen 18 Leute umgebracht und zudem Jahrzehntelang seine Nachbarschaft durch gelegentliche Bedrohungen mit seiner Schusswaffe terrorisiert, der is‘ vielleicht ein bisschen aufbrausend, um im Berufsverkehr auf die Menschheit losgelassen zu werden …“

Tja, nun. Das würde ich an und für sich auch unterschreiben. Aber mit welchem Recht bekommt Herr Fuffelbraus nun entweder zusätzlich seinen Führerschein entzogen (während ein anderer Amokläufer diesbezüglich weniger bestraft wird) – oder mit welchem Recht darf er sich ein paar Tage Haft, ein paar Euro Geldstrafe oder dergleichen ersparen, nur weil er irgendwann eine Fahrerlaubnis gemacht hat, die er nun zusätzlich abgeben darf?

Natürlich ist ein Amoklauf kein brauchbares Praxisbeispiel. Und wahrscheinlich werden bestimmt Wiederholungstäter bei Ladendiebstählen oder sowas als Beispiel gebracht. Aber die Logik „Wenn eine Geldstrafe als Abschreckung nicht reicht, dann nehmen wir halt noch den Führerschein ab.“ greift wirklich nicht, so lange nicht jeder einen Führerschein hat. Und die Zahlen der Neuerteilungen sind meines Wissens nach in Städten schon mal rückläufig.

Aber ja, wahrscheinlich wird hier wieder genau von dieser Logik ausgegangen:

„Jeder hat doch einen Führerschein! Und jedem ist der doch gleich wichtig! Ist hierzulande halt so.“

Isses aber nicht. In meinem Bekanntenkreis finden sich zig Leute ohne Führerschein. Und die meisten davon beabsichtigen auch nicht, ihren noch zu machen. Schön zu wissen, dass diese bei gemeinsam begangenen Verbrechen anders bestraft werden sollen als ich …

Deswegen teile ich die Ansicht des Anwalts.

Diskussion ausdrücklich erwünscht. 🙂

Schicksal, alte Arschkrampe!

Ich liebe es so, wenn mal alles läuft, wie es soll. Ich stand auf der Danziger, Ecke Kollwitz. Fahrtrichtung Osten. Während die Ampel noch rot war, schiebt sich ein ebenfalls freier Kollege auf die linke Spur neben mir. Kaum, dass die Ampel grün wird, drückt er das Gaspedal voll durch und zieht mir davon …

Zunächst dachte ich, er will vielleicht 100 Meter weiter links ab in die Prenzlauer Allee. Aber nix da. Er hat die Ampel einfach mal genutzt, um mich überholen zu können. Was mal unter aller Sau ist. Außer egoistischem Arschlochgeprolle gibt es nichts, was dafür spricht, sich nicht an die Regel, keine freien Taxen zu überholen, wenn man selbst frei ist, zu halten. Natürlich nerven einen auch mal Kollegen, die gefühlt zu langsam vor einem herzuckeln, aber dann ist das halt so.
Die Situation dort vor Ort ist noch dazu in anderer Hinsicht doof. Zu manchen Stunden sind die Ampeln dort so scheiße geschaltet, dass man von der Ampel an der Kollwitzstraße direkt auf die an der Greifswalder trifft, wenn sie auf Rot schaltet. Man muss auf den 100 Metern schon auf 60 oder 70 hochbeschleunigen, um sie bei der Schaltung gerade noch bei Gelb zu kriegen. Das schaffe ich zugegebenermaßen mit meinem Auto gar nicht. Oder ja, vielleicht irgendwie ganz knapp gerade so … es war mir immer zu eng, um es zu versuchen.
Was, bei allem Ärgernis übers Warten, immer noch kein Grund ist, mich zu überholen. Ich bremse schließlich auch manchmal, um mich hinter einem Kollegen einzureihen. Wäre ja noch schöner, wenn künftig die Motorgröße oder die zufällige Anfangsgeschwindigkeit über die Vorfahrt entscheidet.

Und was passierte nun?

Naja. Während ich bereits wieder runterbremste, weil die Ampel vor mir auf gelb schaltete, drückte der Kollege, inzwischen gut 30 bis 40 Meter vor mir, nochmal voll das Gaspedal seiner E-Klasse durch. Fast exakt zeitgleich mit seinem Passieren der Haltelinie reckte ein erstaunter Fahrgast am Fußgängerweg der Ampel seine Hand. Ich hab für den Hauch einer Zehntelsekunde die Bremslichter des Daimlers aufleuchten sehen. Aber der „Kollege“ sah wohl ein, dass eine Vollbremsung bei dem Tempo ihn wohl nur irgendwo mitten auf der Kreuzung ins Schleudern hätte geraten lassen. Also bin ich dem über das andere Taxi etwas irritierten Kunden entgegengefahren und habe – die Ampel war ja sowieso rot 😉 – vor ihm gehalten und ihm mit seinem Gepäck geholfen. Soll das Arschloch von Taxifahrer doch Vorsprung haben, so lange ich Kundschaft habe. 😀

Es wurde eine sehr unterhaltsame Tour zum Hauptbahnhof. Nichts aufregendes, aber 11 € plus Trinkgeld, dazu ein in Österreich lebender Amsterdamer auf dem Weg nach München mit viel Reiseerfahrung und netten Berlin-Anekdoten. Hat mir finanziell zudem bis auf 2 € an mein Tagesziel herangereicht. Manchmal zahlt es sich halt doch aus, einer von den Guten und nicht einer von den Schnellen zu sein …

Lautlos

„Das gibt es doch gar nicht!“

Doch, hundertpro! Und zwar wahrscheinlich im Taxi. Auch wenn selbst meine haarsträubendsten Geschichten eigentlich immer noch halbwegs normal sind, meist sogar legal und und und … man lernt beim Taxifahren, dass es nichts gibt, das es nicht gibt. Hier mal wieder was harmloses, aber für mich neues: Ich hab lautlos abkassiert. Also ohne Worte, ohne Klimpern, alles so leise wie möglich.

Das war scheinbar „notwendig“, denn einer meiner Fahrgäste hatte Zoff mit seiner Freundin und musste dieser am Telefon irgendeine nicht so ganz wahre Story auftischen. Also galt kurz vor dem endgültigen Stopp:

„Können wir bitte mal kurz so tun, als seien wir nicht im Taxi!?“

Ich werde mich sicher hüten, für jemanden zu lügen, ohne wirklich Ahnnung davon zu haben, wo ich reingerate. Aber mal die Klappe halten … warum eigentlich nicht? 🙂

Wenn, dann richtig …

Ach herrje! Das war so ein Tag, der scheinbar nicht mehr zu retten war. Und er hatte gerade erst angefangen! Quasi. Ganze anderthalb Stunden stand ich doof am Bahnhof rum und kam einfach nicht weg. So sehr Wartezeit auch zum Job gehört, so wenig hab ich mich in den bislang knapp 5 Jahren daran gewöhnt. Um kurz vor 10 Uhr jedenfalls kam dann doch meine erste Fahrt zustande. Immerhin nicht gerade eine Kurzstrecke: Bis an die Grenze von Pankow sollte es herangehen. Nur die südliche, aber hey – immerhin 16 €!

Und dann überlegte ich, was ich tun sollte. Bahnhof lohnte sich offenbar (noch) nicht, aber auf den Straßen war viel los. Also vielleicht mal die Schönhauser, die Tor- und Oranienburger Straße entlanggurken …

Doof war das nicht, denn bereits in der Schönhauser zuckte ein Arm, woraufhin ich neben einem Mittfünfziger mit Schnauzbart, langen Haaren und Hut hielt. Cowboyesk lupfte er den Hut mit zwei Fingern, begrüßte mich und sagte, er müsse zum ZOB. Nee, is‘ klar! Eine gute 20€-Tour, ohne Wartezeit, nicht nach jwd, es war abgesehen von der katastrophalen Baustellenlage in Mitte absolut nichts, was an dieser Tour nicht perfekt gewesen wäre. Sogar der Typ war recht lustig. Neben seinem etwas kuriosen Auftreten war er nämlich auch noch Bayer mit entsprechendem Dialekt. Und was macht ein Bayer mit Cowboyhut nachts auf der Strecke? Richtig: Heimfahren. Er war auf dem Konzert einer Band, die älter war als er selbst, und nun ging es mit einem Nachtbus zurück zur Familie.

Die Route, die ich mir gedanklich zurechtgepfrimelt hatte, war trotz Baustellen eigentlich ok. Dummerweise standen wir derentwegen ziemlich oft irgendwo in der Gegend rum. Doch während ich den Groll meines Fahrgastes befürchtete, taute der erst einmal auf und freute sich, wenigstens mal wieder kurz in Berlin zu sein. Damals, Studium, West-Berlin, diese Geschichten. Dafür kannte er sich noch ziemlich gut aus, erzählte mit blendender Laune diese und jene Anekdote und verwarf die Sorgen mit der Eile: um 23 Uhr sollte der Bus fahren. Und mehr als eine Dreiviertelstunde würden wir ja auch niemals brauchen.

Wohl wahr, aber ganz alltäglich blieb die Fahrt nicht. Wie schon letztes Mal war es am Ernst-Reuter-Platz, als fast unmittelbar vor meiner Nase abgesperrt wurde, um einer ausgedehnten Polizei- und Limousinenkolonne Platz zu machen. Dieses Mal allerdings dauerte das Ganze noch länger, so dass selbst mein Fahrgast anfing zu überlegen, ob man nicht „mit Wenden und dann da hinten und über die Kantstraße“ irgendwie anders ans Ziel käme. Aber wie immer: Sobald man sich gedanklich ernsthaft an eine Lösung macht, isses auch schon vorbei.

Am Ende waren es wirklich nur noch 10 Minuten, die mein Kunde bis zu seinem Bus hatte. Immerhin kein ewiges Warten. Ich bin auf dem Rückweg Richtung Osten der Kolonne nochmal über den Weg gefahren. Da kam sie gerade aus dem Spreeweg. War also wahrscheinlich der Bundespräsident. Der dürfte meinetwegen auch gerne mal irgendwo warten. Andererseits: Seine Kundschaft wünsche ich mir auch nicht unbedingt …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Terminliches und räumliches

Ob ich heute am Ostbahnhof sein würde, fragte mich der Kollege, es ginge um die Halterung für sein Navi. Das habe er wohl in „meinem“ Auto liegen gelassen. Was halt mal passiert, wenn man öfter unterschiedliche Autos fährt. Es war nicht super-dringend, also hab ich einfach gesagt, dass ich vielleicht mal da bin, ab 0 Uhr aber eher am Berghain – wohlwissend, dass besagter Kollege dort auch öfter aufschlägt.

Und was soll man sagen: Wir haben uns nicht einmal gesehen an diesem Abend.

Am nächsten Tag haben wir uns dann konkret verabredet und das hat auch ganz gut gepasst. Aber eine komplette Schicht aneinander vorbeizufahren (obwohl wir uns sonst mehrmals täglich treffen) ist schon so eine Sache für sich. Was ebenso in diesen Bereich der Arbeit gehört, sind die vielen Anfragen von Kunden:

„Haste ’ne Karte?“

„Nee, gerade nicht. Ich kann Dir meine Nummer geben, aber …“

Über das dann folgende Aber haben sich die wenigsten offenbar vorher Gedanken gemacht, denn die meisten reagieren zwar verständig, aber doch überrascht, wenn ich dann sage:

“ …die Wahrscheinlichkeit, dass das mit der Rücktour nachher klappt, ist gering. Vielleicht bin ich gerade am anderen Ende der Stadt.“

Ja, so banal, schon klar. Aber – siehe mich und den Kollegen – man vergisst schon mal, dass es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist, bei einem fast 900 km² großen Pflichtfahrgebiet vorherzusagen, wo sich ein bestimmter Taxifahrer zu einem bestimmten Zeitpunkt x aufhalten wird. Selbst wenn man wie ich gerne eine bestimmte Halte ansteuert oder bestimmte Lieblingsgebiete zum Durchkämmen hat. Schade ist das natürlich immer. Ich freue mich ja auch darüber, nette Leute wiederzusehen, bzw. eine Tour sicher zu haben. Aber wer will schon 20 Minuten auf ein Taxi warten, wenn die Auswahl groß und die Strecke klein ist. Und ich selbst: Will ich ggf. von Hellersdorf nach Mitte fahren für eine Tour von 7,80 €?

Die meisten verzichten nach einem kurzen Nachdenken darauf, sich die Nummer geben zu lassen. Und selbst ich kann damit leben, so schön Stammkunden auch sind.