„Dann fahren wir einfach zu Dir …“

Das war dann die letzte Stufe:

„Ach komm, dann fahren wir einfach zu Dir!“

Aber da war die Fahrt schon gelaufen. Und zwar sowas von.

Angefangen hatte sie eigentlich super. Die Frau trat am Ostbahnhof an mein Taxi und fragte höflich, ob ich sie nach Hellersdorf bringen könnte, Cottbusser Straße. Na und ob! Als ich irgendwann fragte, welche Nummer genau, antwortete sie freundlich, dass sie mir das gerne zeigen würde. Ich hatte hunderte Touren mit ähnlichem Wortlaut, wirklich kein Grund zur Sorge. Dann aber schlug der Zeiger fast schon schlagartig um auf „Das endet mit der Polizei“:

„Wissense, wir halten besser vorher noch bei Wolfgang. Das ist mein Freund. Ich werde sie sicher nicht komplett bezahlen können.“

Soweit geht das ja fast noch. Aber meine Alarmglocke war angeschaltet:

„Wo wohnt Ihr Freund Wolfgang denn?“

„Na, direkt bei mir ums Eck. Hier, Cottbusser. Oh nein, warten Sie, der ist ja umgezogen. Ich bin heute aber auch durcheinander. Ich war ja vorher mit ihm unterwegs, Wissen Sie, ich bin ja Lehrerin …“

Zu dem Zeitpunkt standen ungefähr 22 € auf der Uhr und es war klar, dass ich die nie kriegen würde. Also zumindest nicht heute und nicht von ihr oder Wolfgang. Oder Hartmut, die Namen hatte sie jetzt auch durcheinander gebracht, heute war aber auch so ein stressiger Tag! Da mir klar war, dass das ohnehin zeitaufwändig wird und es bei nicht erhaltenem Geld völlig egal ist, wie hoch der Betrag ist, hab ich sie noch bis zur Cottbusser Straße gebracht. Natürlich ohne Ergebnis:

„Wissen Sie, das sieht inzwischen alles so anders aus, ich erkenne die Häuser gar nicht mehr wieder. Die bauen hier aber auch so viel neu gerade!“

Weder Wolfgang, noch Hartmut, noch der inzwischen neu in die Gang aufgenommene Sven winkten mich heran, also musste es nun dann endlich sein:

„Wissen Sie was: Das ist gar nicht schlimm. Aber sehen Sie, ich als Taxifahrer bin da jetzt leider etwas überfordert. Ich kann Sie jetzt ja nicht ohne irgendeinen Anhaltspunkt die ganze Zeit durch Hellersdorf fahren. Das wird teuer und es wird ja auch schon dunkel. Ich rufe jetzt mal die Kollegen von der Polizei an, die können sehr schnell rausfinden, wo sie hinmüssen.“

Erfreulicherweise gab es keine Gegenwehr. Puh.

Ich hab den Cops schnell geschildert, worum es geht: Orientierungslose Person, irgendwas um die 70 bis 80 Jahre, Standort, fertig. Und dann ging das Warten los. Und es dauerte. Unter anderem wohl auch, weil Ortskunde eben eine Spezialität von Taxifahrern und nicht von Polizeifunkern ist, die auch mal übersehen, dass es einen Unterschied zwischen Hellersdorfer Straße und Alter Hellersdorfer Straße gibt. Egal. Ich hatte nun also 25 Minuten lang die Bespaßung für eine demente Kundin zu liefern.

Sie war wie gesagt sehr ruhig. Aber wenn dann halt doch wieder mal 5 Minuten Wartezeit rum waren, schlug sie eben neue Ziele vor. Zum Sven, nach Hause, zu Wolfgang. Und am Ende halt auch zu mir:

„Ich penn dann auf der Couch im Wohnzimmer, ich bin morgen früh wieder weg.“

„Da müssen Sie was durcheinanderbringen. Ich habe keine Couch.“

„Ach sicher, im Wohnzimmer! Da hab ich doch letztes Jahr schon mal übernachtet. Ich auf der einen, Du auf der anderen!“

Es war also wirklich ernst.

Über den Punkt des Ärgerns war ich da aber schon lange weg. Ich fand es ehrlich gesagt sogar sehr faszinierend, mal zu sehen, wie das menschliche Gehirn mit einem Fehler wie Demenz umgehen kann. Binnen weniger als einer halben Stunde hatte die Kundin mich, den völlig fremden Taxifahrer, in ihre Story mit eingebunden. Eine Story, in der es völlig normal war, dass sie nicht wusste, wo sie wohnt oder dass ihr Schlüssel und Handy „geklaut“ worden waren. Sie fragte mich, ob denn mein „Kleiner“ jetzt die ganze Nacht alleine sei – und als ich antwortete, dass ich kein Kind hätte, winkte sie gleich ab und meinte:

„Ja sicher, das hat ja deine Ex-Frau mitgenommen.“

Und so traurig das auf Außenstehende eigentlich wirkt: Ich finde es fantastisch. Natürlich ist es schade, dass die gute Frau sich nicht mehr in der Welt zurechtfinden konnte, aber für sie selbst war das alles ok und sie hatte nur einen seltsamen Tag. Und ich war heute halt mal Sven oder Hartmut.

Als die Polizeibeamten dann eintrafen und mein Bedauern über die (inzwischen mehrfach veränderte, aber immer noch hochgradig illegale) Haltesituation beiseite wischten, spielten Sie zudem mein Spiel vollkommen mit: Nach der sehr kurzen und erfolgreichen Personalienaufnahme hat einer der beiden ihr dann freudig erzählt:

„Na, dann kommen Sie mal mit zu uns, Frau XY! Ab jetzt sind wir Ihr Taxi. Wir wissen, wo Sie hinmüssen. Die Polizei weiß eben alles oder kann es zumindest herausfinden. Außerdem haben wir sogar den neueren Opel!“

Grmpf. Auf der 2223 rumhacken wäre aber bei lässigen 122.000 km echt nicht nötig gewesen!

Nein, im Ernst: War geradezu vorbildlich. Das wichtigste und zeitraubendste hatten wir unter vier Augen davor schon geklärt:

„Was würden Sie denn jetzt bekommen?“

„30,90€. Aber das spielt in Anbetracht der Umstände keine Rolle.“

„Sie wissen aber, dass sie – auch gegenüber Angehörigen – das Recht hätten …“

„Ich weiß. Aber erstens hatte ich das schon mal und es ist nix passiert und zweitens geht es jetzt darum, dass die Dame nach Hause gebracht wird.“

„Also … Sie … verzichten …?“

„Ich verzichte. Sehen Sie zu, dass Sie sie gut heimbringen.“

Und wie bereits angedeutet: Das zuständige Pflegeheim war schnell ausfindig gemacht und nach einer freundlichen Verabschiedung von meiner „Kundin“ inklusive Handschlag stieg sie mit den Worten „Ach wissense, ich will ja eigentlich nur noch ins Bett!“ in den Streifenwagen.

War für mich eine Scheiß-Stunde. Abgesehen vom entgangenen Umsatz war’s einfach auch anstrengend. Man will ja nicht falsch reagieren, noch mehr Stress provozieren – und obwohl’s vielleicht keinen Unterschied gemacht hätte – auch nicht dreist lügen. Ich hab danach nochmal eine halbe Stunde Pause gemacht, auch ich brauche manchmal etwas Zeit, um so Dinge zu verdauen.

Wahrscheinlich hat sie mich schon vergessen. Oder sie erzählt Sven beim nächsten Besuch, dass die Polizisten echt nett waren, die er ihr rausgesucht hat, ich weiß es nicht. Und so doof das für mich auch gelaufen ist: Ich hoffe einfach, dass es am Ende wenigstens insofern was gebracht hat, als dass sie in ihrer Welt, die mir leider nur bedingt und kurzfristig offenstand, keinen schlechten Abend hatte und dass sie zur Stunde nicht schlecht träumt von schlimmen Taxifahrern. Mehr bleibt mir in meiner kleinen Rolle da wohl nicht übrig. 🙁

Alltag, leider.

Ich stand mit zwei Kollegen am Ostbahnhof, da kam ein reichlich strammer Geselle dahergewatschelt. Ich überlegte noch, ob ich mutig genug wäre, ihn einzuladen, aber er saß recht schnell im Auto des ersten und das Taxameter wurde angeschaltet. Ich als Dritter gab meine Bedenken auf, inspizierte fortan eine SMS in meinem Handy und war recht erstaunt, dass, als ich aufsah, das Taxi des Kollegen mit offener Tür dastand und der Kunde von dannen watschelte.

Erstaunt war ich nicht alleine, auch die Kollegen vor mir stiegen aus und der zweite fragte den ersten:

„Was war? Wusste er nicht, wo er hin will?“

„Doch, schon. Pallasstraße. Aber er hatte kein Geld dabei.“

Ja, kommt vor. Traurig, aber wahr. Wir Taxifahrer gehören trotzdem zu den wenigen Dienstleistern, bei denen das regelmäßig versucht wird. „Mal rumfahren“ ist ja nicht so wirklich ein Job, beim Bäcker nach kostenlosen Brötchen fragen ist meines Wissens nach eher eine seltenere Randerscheinung.

Und deshalb müssen Taxifahrer alle 5 Jahre zum Arbeitsmediziner

„Ach, auch mal wieder!“

So ungefähr war mein Gedankengang, als Cheffe mir vor einiger Zeit sagte, ich müsse dieses Jahr meinen P-Schein verlängern lassen. Ich will ehrlich sein: Keiner will das Teil sehen, ich selbst spiele auch lieber mit anderen Dingen und lass ihn deswegen im Geldbeutel, ich hätte das durchaus vergessen können.

Also hab ich alle nötigen Termine veranlasst und bin letzte Woche bei der Arbeitsmedizinerin meiner Wahl aufgeschlagen. Ich hab bewusst nicht nach einer der unter Kollegen wohlbekannten Praxen gesucht, bei denen die Tests, ähm, sagen wir: eher Wert auf den theoretischen Teil des Gutachtens legen. Dabei war der Tag alles andere als gut gelaufen, aber die allgmeinmedizinische Überprüfung meiner Fahrtauglichkeit hatte ich schnell hinter mir: Zweimal atmen, einmal nicht „Aua!“ sagen, nie versehentlich umfallen und auf dem Fragebogen bestätigen, dass ich Fragebögen verstehe. Urin in der richtigen Farbe abgeben und das „Bestanden!“-Dokument nicht  vor der Ärztin aufessen, das reicht eigentlich. Was nach inzwischen 25 Wachstunden aber nicht mehr so recht funktioniert hat, war das augenärztliche Gutachten, bzw. genauer gesagt: Die Sehschärfe, ich konnte mich einfach nicht mehr auf eine Richtung zum Hinsehen konzentrieren. Der Rest war gut wie immer, mit meinen 120% Sehvermögen war das ja bisher eher immer so ein Punkt zum Abhaken auf der Liste, kein wirklicher Test.

Also ein paar Tage später einen neuen Termin gemacht, das war dann heute. Ausgeschlafen, hingefahren, in die Röhre geguckt und nicht mehr aus dem In-die-Röhre-gucken rausgekommen. Ja, ich seh immer noch sehr gut, aber wenn man das mal mein linkes Auge alleine versuchen lässt, sieht’s leider etwas anders aus, da krieg ich die erforderlichen 80% nicht zusammen.

Jetzt, wo ich’s weiß, fällt’s mir auch auf. Aber dadurch, dass ich im Alltag selten (und schon gar nicht beim Arbeiten) ein Auge schließe, um mal zu gucken, ob eines nicht reicht, ist mir das nie aufgefallen.

Das ist jetzt zwar nicht unbedingt ein Grund zu überbordender Freude, aber ich hab einfach Nägel mit Köpfen gemacht, war beim Optiker, hab den dritten Sehtest binnen einer Woche gemacht und lasse mir zur Stunde eine Brille fürs Taxifahren zurechtdengeln. Ich hab so gesehen ja das große Glück, dass ich mit einer Kurzsichtigkeit auf einem Auge nun wirklich einen der am leichtesten auszugleichenden Mängel vorliegen hab, das ist am Ende eine leichte Verzögerung des Betriebsablaufs, nix wildes. Muss halt am Ende noch ein weiteres Mal zum Test.

Aber hey, ohne die nötige Untersuchung hätte ich das vermutlich noch eine ganze Weile nicht bemerkt! Man kann’s ja auch mal von der positiven Seite sehen. In meinem Fall also: Rechtes Auge.

Wenn die Brille in zwei Wochen fertig ist, gibt’s auch mal ein aktualisiertes Foto, damit ihr mich am Stand unter all den bärtigen Zwei-Meter-Taxifahrern noch finden könnt. 😉

Ich, das Arschloch auf dem Fahrradweg

„Das is’n Fahrradweg, Du Arschloch!“

Hab ich neulich wieder gehört und der eloquente junge Mann hatte sogar recht. Der Sicherheit wegen werden immer mehr Fahrradwege, bzw. -Spuren direkt auf der Straße angelegt und ich begrüße das auch sehr. Man sieht sich wirklich besser. Wenn ich allerdings Kunden auslade, fahre ich auch auf diese Spur, „ganz“ rechts ran.

Liebe Radler, ich tue das nicht, weil ich denke, dass man Euch eher behindern sollte als die Autofahrer. Das ist mir egal, da hab ich keine Präferenzen. Da ich allerdings nicht dafür garantiern kann, dass meine (gerne mal angetrunkene) Kundschaft beim Türöffnen auf Euch achtet, versperre ich diesen Weg mit voller Absicht.

Sicher ist es nervig und gefährlich, um ein so haltendes Taxi herum zu fahren. Aber Ihr seid die, die gerade aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Ihr müsst schon dem Gesetz nach nüchtern und aufmerksam sein, meine Kundschaft nicht. Links ist die Kindersicherung drin, da springt keiner unerwartet raus, das Halten am äußersten rechten Rand bietet sich da einfach an.

Wir alle ärgern uns über unnötige Hindernisse, schon klar, ich auch. In dem Fall versuche ich aber eigentlich nur dafür zu sorgen, dass die berühmt-berüchtigte plötzlich geöffnete Tür –sicher der Radler-Horror schlechthin – nicht passieren kann. Ich mach’s also auch für Euch, also bitte weniger Beleidigungen!

Ich bremse auch für Pokémon!

Der Hype um das Spiel PokémonGo hinterlässt derzeit immer noch Spuren der Ungläubigkeit. Was ist daran jetzt so toll/neu/besonders? Und die andere Hälfte der Menschheit zockt.

Ich muss für meinen Teil ehrlich sein: Ich spiele das Spiel nicht. Dennoch hab ich weit mehr als Hass oder Mitleid übrig für die Spieler, denn ich finde die Idee eigentlich ziemlich geil. Für mich, mit meinem Jahrgang und meiner Peergroup, sind Pokémon nie interessant gewesen. Man hat es mitgekriegt, vielleicht auch mal belächelt wie die Tamagotchis, aber das war es auch schon. Für echten Hass hat es bei mir nie gereicht, wozu auch? Als ob meine Sozialisation mit Knight Rider, MacGyver und GTA irgendwie weniger peinlich verlaufen wäre!

Und ebenso wie ich heute sehr gerne GTA V zocke, finde ich nix komisches dabei, meine bessere Hälfte auch mal zu begleiten, wenn sie den Weg zur Post ausdehnt, um ein paar Pokébälle zu sammeln. Ich verstehe, dass das das Spiel war, auf das eine halbe Generation unbewusst gewartet hat.

Im Taxi hatte ich letzte Woche das erste unterwegs von der Kundschaft gefangene Pokémon. Und ich weiß auch, dass ich das Spiel gerade mit meinem Job echt rulen könnte. Nicht von ungefähr: Etliche Leser haben mir den Link zu heise.de geschickt, hinter dem der Artikel erklärt, dass für ein Taxi-Unternehmen aus Manchester der Hype um PokémonGo inzwischen zu einer ernstzunehmenden Einnahmequelle geworden ist, weil sie Stundenpreise zu Pokéstops und co. anbieten.

Ganz so einfach wäre das in Berlin  nicht machbar, es gibt schließlich die Tarifbindung und einen Stundenpreis gibt es innerorts eigentlich nur bei stehendem Auto. Andererseits muss man auch anmerken, dass wir hier mit der ziemlich einmaligen Wartezeitunterdrückung (bei jedem Halt des Taxis ist die erste Minute Wartezeit umsonst) durchaus auch einen gar nicht pokémonuntauglichen Tarif haben.

So viel dazu.

Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass wir Taxifahrer uns ja eigentlich selbst nur unwesentlich unterscheiden von all den Gamern:

Sich durch die ganze Stadt wuseln, um irgendwelche Monster aufzuspüren, die einem einen Bonus verpassen? Wer hat’s erfunden? (Nur echt mit gerolltem R und der Ricola-Melodie!)

Die Taxifahrer! 😀

Immer zu Diensten

Eine Winkerin. Gar keine schlechte Fahrt, wenn auch nicht herausragend. Aber hey, 17 € sind 17 €.

„Jetzt … wow, schön, dass Sie angehalten haben. Ich wollte da gerade über die App … und dann kamen Sie aber schon.“

„Schneller als die App, da können Sie mal sehen!“

Da ist Berlin natürlich ein spezielles Pflaster, schon klar. Rund 8.000 Taxis können die wenigsten Städte vorzeigen. Natürlich klappt das mit dem Winken nicht überall so wie hier in der Innenstadt. Aus Sicht der Kunden: Leider. Natürlich.

Andererseits muss ich an der Stelle auch mal wieder anmerken:

Alle Firmen, die in den letzten Jahren mit schneller Fahrtvermittlung Werbung gemacht haben – und da schmeiße ich, ohne sie gleichstellen zu wollen, sogar MyTaxi und Uber in einen Topf – bieten ihre Dienste in genau den Städten an, in denen es so viele Fahrer und so viele Kunden gibt. Aus deren Sicht verständlich, keine Frage. Mehr Umsatz, mehr Gewinn. Kenne ich so aus meinem Alltag auch. Die eigentliche Kunst wäre trotzdem, eigentlich unausgelasteten Fahrern Kunden und lange wartenden Kunden einen Fahrer zu vermitteln.

Insofern auch mal: Danke an all die Kollegen auf dem Land und in kleinen Städten, die den Job auch ohne all das gemeistert kriegen!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

„Das fragen alle, das ärgert mich!“

Eine ganz normale Tour in einer regnerischen Nacht: Ich stehe am Bahnhof, die Kundin möchte in eine mir auf Anhieb nicht geläufige Straße und schiebt dann netterweise nach, dass die im Nachbarstadtteil liegt. Soweit ganz gut, 90% der Straßen dort lassen sich über eine Hauptzufahrtsstraße anfahren. Ich will mich bereits auf den Weg machen, frage aber nochmal kurz nach, wo in dem Stadtteil das genau wäre. Lag natürlich auf der anderen Seite. Kein Ding, doch noch gewendet und losgefahren. Schon beim Reinzoomen auf die Karte ist mir wieder eingefallen, welche Straße das war, läuft also. Dann aber die Kundin:

„Das ist jetzt nicht gegen Sie, aber mich fragen immer alle Taxifahrer, wie man dahin fahren soll.“

„Naja, ist vielleicht unglücklich formuliert. Aber es ist keine große bekannte Straße und wenn man schnell losfahren will, dann ist so eine grobe Richtungsangabe ganz praktisch.“

„Das verstehe ich. Aber da erwarte ich doch, dass jeder Taxifahrer ein Navi bedienen kann.“

„Das können sicher alle. Aber das dauert ja trotzdem. Sehen Sie, hätten sie mir eine Straße in einem Außenbezirk genannt, dann hätte ich ja ewig Zeit, die Feinplanung zu machen, während ich schon mal grob die Richtung einschlage. Wenn man sich zu Beginn entscheiden muss, in welche Richtung man startet, dann ist halt oft ein Tipp hilfreich, den ein Fahrgast, der sich vor seiner Tür auskennt, mal eben schnell geben kann.“

„Jaja, natürlich. Die wollen sich alle die Arbeit leichter machen, das verstehe ich. Aber das ärgert mich, da könnte ich mich ja auch noch selbst hinters Steuer setzen, das ist doch der Job des Taxifahrers!“

Wo soll ich anfangen?

Fangen wir mal damit an:

Natürlich ist es unser Job, die Fahrgäste ans Ziel zu bringen. Und ja, auch das Auskennen. Dass das in Berlin nicht jede kleine Straße umfasst, hat nicht einmal diese Kundin in Frage gestellt. Also passiert es mal, dass wir Taxifahrer was nicht wissen. Meine Strategie (und offenbar auch die der Kollegen) war die, dass ich einfach mal schnell nachgefragt habe, weil die Kundin dort offenbar wohnte, sich also besser dort auskannte als ich. Ich hätte auch gleich am Stand das Navi befragen können, allerdings möchte ich anmerken, dass es dann halt (eine ganze Menge) andere Kunden gibt, die wiederum stört, dass man nicht gleich losfährt oder die es sogar per se unprofessionell finden, wenn wir Taxifahrer ein Navi benutzen müssen. So oder so, irgendwann findet eben mal jemand dieses oder jenes Verhalten falsch, ärgerlich, verwerflich oder was weiß ich.

Und deswegen muss ich da mal grundsätzlich werden:

Ich finde die Einstellung schon ziemlich daneben. Ich glaube, es gibt keine Dienstleistung da draußen, die nicht noch besser ist, wenn sich Kunden und Dienstleister irgendwie entgegenkommen. Wenn ich in ein Restaurant gehe, dann reiche ich der Bedienung auch gerne mal meinen leeren Teller übern Tisch, damit sie nicht deswegen noch einmal drumrum laufen muss. Obwohl sie fürs Abräumen bezahlt wird. Ebenso biete ich Lieferanten gerne mal an, dass sie ihre Lieferung einfach im Hausflur stehen lassen, wenn ich mich in der Lage sehe, die letzten drei Meter selbst zu überwinden. Und wenn ich Taxi fahre, frage ich den Fahrer, ob er die Adresse kennt oder ob ich ihm sagen soll, wie er da genau hinkommt.

Schon alleine, damit das am Ende alles sicher oder sogar besser klappt als ohne meine Hilfe.

Und ja: Ich verstehe schon diesen Wunsch nach einem All-inclusive-Angebot und ich bin mir da als Dienstleister auch nicht zu fein für. Aber wenn es Probleme oder Unklarheiten gibt, dann existieren meist mehrere Lösungswege. Und schon alleine, um abklären zu können, welcher der Kundschaft der liebere wäre, muss ich dieses seltsame Ding namens Kommunikation verwenden. Wen das Fragen schon ärgert … sorry, da muss ich dann wohl unperfekt bleiben!