Party!

So, heute Abend ist wieder einmal Weihnachtsfeier angesagt. Und ich freue mich darauf. Ich müsste das hier nicht schreiben, aber ich tue es, weil ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Gerade jetzt im Dezember landen bei mir viele Fahrgäste von den entsprechenden Feiern anderer Unternehmen teils betrübt im Auto – während die Kollegen aus der Taxibranche nur meckern, dass es bei ihnen seit 3, 6 oder etwa 3150 Jahren keine Weihnachtsfeier mehr gab.

Natürlich hab auch ich den ein oder anderen Kollegen, mit dem ich mich ungerne einen ganzen Abend unterhalten würde. Aber es gibt auch die anderen, mit denen ich dann nach dem ein oder anderen Bier zu viel noch ins Philosophieren komme, wie es damals bei unseren legendären WG-Parties auch der Fall war. Und das trifft sogar auf meine Chefs zu.

Nein, die Feiern bei uns im Betrieb sind was tolles. Man lernt ein paar neue Kollegen kennen und ein paar alte noch besser. Da bei uns sogar die P-Schein-Aspiranten eingeladen werden, kommen zusätzlich auch garantiert immer neue Gesichter dazu. Man bekommt jede Menge Anekdoten mit, kann selbst welche zum Besten geben und im Gegensatz zu manch anderen Betrieben verstummen hier die Gespräche nicht, wenn der Chef ums Eck kommt, sondern sie werden teilweise sogar intensiver, wenn selbiger aus seiner ewigen Erfahrung noch was dazu beitragen kann.

Eine Feier für so einen bekloppten Haufen wie ihn 40 Taxifahrer nunmal darstellen, ist teuer und gewagt. Umso mehr freue ich mich, dass meine Chefs der Meinung sind, das lohne sich trotz bisweilen schlechtem Geschäft.

Ich werde heute Abend eine Menge Spaß haben und anschließend froh sein, dass mir bis zur nächsten Schicht noch ein bisschen Pause bleibt. GNIT wird davon profitieren, denn es werden einige Kollegen denkwürdige Stories erzählen und ich werde selbst den Heimweg selbstverständlich mit einem Taxi antreten. Und zwar – wenn es nach mir geht – erst mit einem Kollegen, der gerade in die Frühschicht startet. 🙂

So sollte es immer laufen …

Das denkt man sich natürlich öfter mal. Und wenn ich eines sagen kann, dann, dass z.B. die Freitagsschicht dieses Wochenende total unwahrscheinlich verlief. Ich war mit Unterbrechungen nur kurz draußen und hab verdammt wenige Touren gehabt. Die waren allerdings dermaßen überdurchschnittlich …

Vom Ostbahnhof hab ich in jener Nacht genau 3 Touren gefahren:

1.  Über Friedrichshain in den Wedding: 22,00 € + 3,00 € Trinkgeld.

2. Nach Teltow:  34,20 € + 5,80 € Trinkgeld.

3. Nach Petershagen: 40,20 € + 4, 80 € Trinkgeld.

Und ja: Das waren wirklich alle! Ich hab da keine der üblichen 6,80€-Fahrten unterschlagen. Dafür musste ich halt jedes einzelne Mal leer in die Stadt zurückgondeln. Der Kilometerschnitt blieb mit 0,73 € über die ganze Schicht sehr bescheiden. Aber irgendwas ist ja immer …

Von Cheffe gerettet

Es gibt ja so Tage, über die man besser nicht spricht. Gestern zum Beispiel. Erst greift Ozie im Übermut in den von der Familie geschickten selbstgebastelten Adventskalender und zieht ein Päckchen Trockenfrüchte heraus. Gut, ausgehend vom letzten Jahr hätte es sie schlimmer erwischen können. Ich begreife den Ernst der Lage dennoch und eile zu meinem eigenen Überraschungskalender. Da gibt es keine Früchte, da ist jeden Tag eine Praline drin. Schokolade, Glücklichmacher, diese Geschichten!
Als Dank spuckt das Pappschächtelchen eine Schokokugel aus, die auf dem Knisterpapierchen „Bratapfel und Vanille“ verspricht. Uff! Die Hoffnung nicht ganz aufgebend teile ich das Schicksalskügelchen mit einem etwas unsauber ausgeführten Messerschnitt. Spachtel, mampf, kau.
Prädikat: Naja, geht gerade noch so … und hat ungefähr 0,00% mit Bratapfel zu tun. Vanille lag immerhin vielleicht im Nebenzimmer, als das Ding kreiert wurde, das könnte schon sein.

Solche Momente im Dezember sind frustrierend. Ein Monat, der neben aus Kälte, Sturm und nicht ganz freiwilligen Weihnachtsfeiern auf der Haben-Seite fast ausschließlich Adventskalender zu bieten hat, kann so nix werden. Is‘ so.

In unserem Fall fruchten diese hinterlistigen Anschläge auf den Schokoladenhunger glücklicherweise nicht, denn uhrwerksgenau bekomme ich von meinen Chefs beim ersten Besuch nach dem ersten Dezember ein Kilo Pralinen geschenkt. Jedes Jahr. Das fünfte Mal jetzt, mein erster Arbeitstag dort war nämlich wierderum vorgestern vor fünf Jahren. Und nach zwei eiligst verabreichten Einheiten Walnuss-Marzipan-Schokolade sieht der Dezember doch gleich wieder besser aus. Da werden wir auch den Sturm Xaver ertragen können, der in den kommenden 48 Stunden das Land in Schach halten soll.

Schon gut, wenn man sich auf seinen Arbeitgeber in so wichtigen Fragen verlassen kann. 🙂

Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“

*hug*

„Haha, you accept hugs as tip?“

„That depends on the total amount.“

„Haha. The amount of hugs?“

„Sure. More than five are quite boring.“

Der Dialog fand statt, nachdem ich bereits einmal wieder aussteigen musste, um eine der Mitreisenden zu umarmen. Gesamtergebnis: 2 Umarmungen und 70 Cent. Ausbaufähig, aber ok. 😉

Terminliches und räumliches

Ob ich heute am Ostbahnhof sein würde, fragte mich der Kollege, es ginge um die Halterung für sein Navi. Das habe er wohl in „meinem“ Auto liegen gelassen. Was halt mal passiert, wenn man öfter unterschiedliche Autos fährt. Es war nicht super-dringend, also hab ich einfach gesagt, dass ich vielleicht mal da bin, ab 0 Uhr aber eher am Berghain – wohlwissend, dass besagter Kollege dort auch öfter aufschlägt.

Und was soll man sagen: Wir haben uns nicht einmal gesehen an diesem Abend.

Am nächsten Tag haben wir uns dann konkret verabredet und das hat auch ganz gut gepasst. Aber eine komplette Schicht aneinander vorbeizufahren (obwohl wir uns sonst mehrmals täglich treffen) ist schon so eine Sache für sich. Was ebenso in diesen Bereich der Arbeit gehört, sind die vielen Anfragen von Kunden:

„Haste ’ne Karte?“

„Nee, gerade nicht. Ich kann Dir meine Nummer geben, aber …“

Über das dann folgende Aber haben sich die wenigsten offenbar vorher Gedanken gemacht, denn die meisten reagieren zwar verständig, aber doch überrascht, wenn ich dann sage:

“ …die Wahrscheinlichkeit, dass das mit der Rücktour nachher klappt, ist gering. Vielleicht bin ich gerade am anderen Ende der Stadt.“

Ja, so banal, schon klar. Aber – siehe mich und den Kollegen – man vergisst schon mal, dass es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist, bei einem fast 900 km² großen Pflichtfahrgebiet vorherzusagen, wo sich ein bestimmter Taxifahrer zu einem bestimmten Zeitpunkt x aufhalten wird. Selbst wenn man wie ich gerne eine bestimmte Halte ansteuert oder bestimmte Lieblingsgebiete zum Durchkämmen hat. Schade ist das natürlich immer. Ich freue mich ja auch darüber, nette Leute wiederzusehen, bzw. eine Tour sicher zu haben. Aber wer will schon 20 Minuten auf ein Taxi warten, wenn die Auswahl groß und die Strecke klein ist. Und ich selbst: Will ich ggf. von Hellersdorf nach Mitte fahren für eine Tour von 7,80 €?

Die meisten verzichten nach einem kurzen Nachdenken darauf, sich die Nummer geben zu lassen. Und selbst ich kann damit leben, so schön Stammkunden auch sind.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Was so erzählt wird …

Die Geschichten der Fahrgäste sind in guten Nächten definitiv die bessere Unterhaltung als Musik. So sehr ich es mag, ein bisschen mit aufgedrehter Anlage durch die Stadt zu fahren – das Gerede macht es doch irgendwie aus.

Schon die Menschen selbst. Da findet sich auf meinem Rücksitz plötzlich ein Kanadier, der mir erzählt, wie gerne er nach Europa wollte, seine Eltern das aber nie zuließen. Nun hatte er heimlich gespart und ist einfach so in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Paris geflogen. Dort ein Monat, dann zwei Wochen Amsterdam. Berlin gefiele ihm noch besser, hier jobbe er nun sogar für einen Monat, um sich anschließend noch eine Weile Prag zu gönnen. Und nebenbei hätte er es auch ausgerechnet von hier aus, der kleinen Bude in Weißensee, zu der ich ihn brachte, geschafft, sich mit seinen Eltern wieder zu versöhnen, so dass er seitdem Unmengen an Fotos mit ihnen austauschte und Orte hier in Berlin besuchte, an denen seine Eltern offenbar selbst in den 80ern mal waren.

Alleine in seinem kleinen Reisebericht lag ein ganzes Romanmanuskript versteckt, obwohl unsere Fahrt keine Viertelstunde dauerte. Mein Interesse an seinen Erzählungen quittierte er mit Abwinken und der Aussage, das sei noch gar nix. Ein Kumpel, mit dem er seit Amsterdam unterwegs sei, hätte eine Japanerin kennengelernt. Diese sei die Freundin eines japanischen Multimillionärs und sei auf eigene Faust in Europa. Mit dem Segen ihres Lebensabschnittsgefährten und dessen Kreditkarte, was sie im zarten Alter von 20 Jahren dazu verführt habe, binnen eines Monats 300.000 € auszugeben. Unter anderem für ein Pony. Was man halt im Urlaub so macht. 0.o
Für besagten Mann aber sei das ok. Der nutze jede Chance, Geld zum Fenster rauszuhauen, weil er selbst von seinen Eltern genötigt worden war, irgendwie innerhalb einer Clique von befreundeten Dynastien zu heiraten, damit das Familienerbe nicht am anderen Ende der Welt landete. Was er mit seinen Freundinnen, derer es wohl mehrere gab, zu umgehen versucht.

Man muss sicher vorsichtig sein, vorschnell als Wahrheit abzutun, was so auf dem Rücksitz des Taxis in der Nacht erzählt wird. Als Unterhaltung jedoch …

Natürlich gefällt einem auch nicht alles, was man hört. Manch einer entpuppt sich auch wirklich als Oberdödel. Aber wieso ausgerechnet die Kollegen so schnell genervt und gelangweilt von dem Job sind, die am Stand rumproleten, dass „die Olle dann zu quasseln angefangen hat, da hab ich gleich’s Radio lauter gedreht …“, glaube ich mit jeder Nacht ein bisschen mehr zu wissen. 😉