Na sag das doch!

„Und wie viel kostet das dann etwa?“

Die Straße lag weit im Süden, ich stand im Osten und war erstmal planlos.

„Puh, das ist jetzt so ’ne Strecke, dich ich grad gar nicht einschätzen kann. Ich würde jetzt aus dem Bauch raus 20 € sagen, aber zwei mehr könnte ich auch nicht sicher ausschließen …“

„Na, ich hab halt noch 25 € dabei. Das muss reichen.“

„Ja, kein Thema. Für 25 kommen wir zumindest fast bis zur Stadtgrenze, also erheblich weiter!“

„Gut, dann fahren sie mal. Ich hab vorher bei so ’ner App geschaut, die hat sogar gemeint, es wären nur 16 €. Und das stimmt eigentlich immer.“

Ich bin ehrlich gesagt ja froh, dass er nicht blind der Technik vertraut. Aber wenn ich – ebenfalls mit allgemein zugänglichen Mitteln wie Google Maps die Länge (und damit den Preis) einer Taxifahrt ermittele und dem Ergebnis nach mehreren Versuchen vertraue – dann steige ich doch nicht bei einem ins Auto, der mit seiner Einschätzung mal eben 30% drüber liegt …

Und es waren am Ende 16. Danke für das Vertrauen! 😀

Kurzes Gespräch

Ich hab gleich vermutet, dass sie ein bisschen Erfahrung haben. Sie sind zielsicher auf mich als Letzten in der Schlange am Berghain zugekommen um mich zu fragen, was es zur Bossestraße kosten würde.

„Hm, ich schätze 7 €, aber vorsichtshalber schließe ich 8 € mal nicht aus.“

Das sind 2 bis 3 Kilometer und ich würde tatsächlich sagen, dass das ein eigentlich fairer Preis für eine Heimfahrt zu zweit mit eigenem Fahrer ist, wenn es draußen regnet und man müde vom vielen Tanzen ist.

„OK, alles klar. Machste 5?“

„Nö. Ganz sicher nicht.“

Dazu ein entwaffnendes Lächeln. Dass sie gleich abhauen, hatte ich nicht erwartet. Meist entspinnt sich ja am Ende doch noch eine Diskussion. Eine Diskussion im Übrigen, für die ich rhetorisch gut gerüstet bin und die ich folglich immer gewinne.

Ich weiß, dass einige das als unglaublich spießig und unflexibel ansehen. Sind ja „nur 2 €“ …

Aber mal im Ernst: Warum soll ich illegalerweise meinen Stundenlohn von irgendwas zwischen 5 und 9 € einfach mal spontan um einen senken, wenn doch die Kundschaft auch „nur 2 €“ mehr zahlen müsste?

100% korrekt = 2% obenauf

Womit Fahrgäste immer wieder zu beeindrucken sind, sind ganz offensichtlich Preis-Ansagen mit Hand und Fuß. Im Laufe der Zeit – insbesondere wenn es zwischenrein keine Tariferhöhungen gibt – wird man als Taxifahrer da natürlich immer besser. Es kommt zwar immer mal wieder vor, dass man sich verschätzt, aber wenn man eben nach der Ansage „11 bis 12 €.“ wirklich 11,20 € auf der Uhr stehen hat, dankt es einem die Kundschaft doch meist mit Erleichterung. Der Glaube, Taxameter zählen irgendwelche Fantasiebeträge, ist wohl noch nicht ganz ausgerottet…

Manche Strecken fahre ich nun aber so oft, dass es mich vor keinerlei Herausforderung mehr stellt, eine Ansage zu machen – auch wenn ich eigentlich noch dabei bin, mich tierisch über die Fahrt zu freuen, weil sie unerwartet lang ist. Am Ostbahnhof abends eine Tour zum Flughafen Schönefeld gekriegt zu haben, war neulich beispielsweise so ein Grund zur Freude. Noch dazu quittierte mein Fahrgast – ein junger Spanier – die Preisansage über 30 € nicht mit gespieltem Schock sondern nickend mit stiller Zustimmung. Wir haben uns – wie eigentlich immer bei der Tour – auf die schnelle und mittellange Route geeinigt und so stimmte meine Ansage auf den Cent genau.

Obwohl die Fahrt wegen einiger Sprachprobleme meist schweigend verlief, griff mein Kunde am Ende sogar noch in sein Kleingeldfach, um den wirklich extrem Trinkgeld-unfreundlichen Betrag ein wenig aufzustocken. Um 60 Cent. Das sind zwar nur 2%, damit allerdings rund 2% mehr, als ich von jungen spanischen Touristen so erwarte 😉

Wie Silvester…

Die Nacht von Samstag auf Sonntag war eine famose Nacht zum Arbeiten. Irrwitzigerweise. Denn obwohl das Wetter extrem mies war, sind einfach viel mehr Menschen auf der Straße rumgerannt – um dort natürlich umgehend festzustellen, dass es zu kalt und zu nass ist und sie deswegen ein Taxi benötigen 😉

Als ich eine Kundin kurz am Ringcenter in die Bank habe springen lassen, bin ich kurz aus dem Auto gestiegen. Hätte ich besser nicht tun sollen, denn während ich das tat, versuchten auf der anderen Seite gleich Kunden einzusteigen. Die waren nicht sehr begeistert darüber, dass ich behauptete, ich sei besetzt. Ich vermute allerdings, dass sie noch weniger begeistert gewesen wären, die bereits aufgelaufenen 10 € auf der Uhr zu bezahlen…

Glücklicherweise kam gleich ein Kollege und hat sie eingesackt.

Dann pfeift es plötzlich von der anderen Straßenseite. Zwei eher mäßig clever aussehende und vor allem in ihrem Habitus nervig prollige junge Typen kamen über die Bahnschienen angesprintet und nutzten die Distanz von nunmehr unter 10 Metern gleich zu einer gebrüllten Zielansage:

„Alter, wir fahren nur kurz Simplonstraße!“

„Nein!“

Hat mich bei den Typen ehrlich gesagt gefreut… 🙂

Danach war meine Kundin glücklicherweise wieder da. Aber 2 Fahrtanfragen in 2 Minuten – das ist schon ein amtlicher Schnitt.

Von nicht so ausgereiften Plänen

Mal kein Geld für die Taxifahrt zu haben ist nicht weiter tragisch. Irgendwelche Lösungen lassen sich meistens finden. Ob man nun an einer Bank hält, ein Taxi mit Kartenzahlung ordert, zu Hause das Geld vom Nachttisch holt – irgendwas klappt immer!

Eine eigentlich ebenso unspektakuläre Variante hat ein Typ am Berghain gewählt: Er würde zu sich fahren und dort würde mir ein Kumpel das Geld geben. Na gut. Ich sollte mich aber möglichst beeilen, denn der andere würde auch mit dem Taxi kommen. Kann man ja mal machen. Die Fahrt führte mich nach Mitte und ich hab nach Möglichkeiten seiner Bitte entsprochen und bin recht zügig gefahren. Abgesehen von meinen Finanzen war das eine eher doofe Idee. Bei ihm vor der Türe angekommen, stellte sich nämlich heraus, dass das zweite Taxi noch ein Weilchen brauchen würde.

Die nächsten 5 Minuten haben wir mit der Lösungsfindung zugebracht. Für mich war die Sache eigentlich klar: Die Uhr läuft, also warte ich halt. Er war inzwischen leider nicht mehr ganz so überzeugt davon, dass sein Kumpel auch wirklich so flott ist wie angedacht (eigentlich sollte er ja schon da sein) und ganz so viel auf der Uhr wollte er dann auch nicht haben. Er hat mir dann sehr kuriose Vorschläge gemacht, wie beispielsweise, dass ich in einer halben Stunde einfach nochmal vorbeikommen und klingeln sollte…

Das hab ich ihm glücklicherweise ausreden können. Er war zweifelsohne eine ehrliche Haut, wollte mir auch zu diesem Anlass seine Wohnung zeigen, Pfand dalassen etc. – aber was fange ich mit einer halben Stunde an? Kundschaft hätte ich da aller Voraussicht nach nicht bekommen – und wenn, dann wahrscheinlich nach Spandau oder ins Umland. Man kennt sein Glück ja.

Also haben wir vereinbart, dass ich warte. Als klar war, dass der Freund nur noch ein paar Minuten entfernt ist, bin ich ihm auch entgegengekommen und hab die Uhr ausgemacht. Dazu gab es nicht wirklich einen Grund, außer dass er halt eigentlich doch ein Netter war. Für mich war es an diesem Morgen ohnehin die letzte Tour.

Ihn hat es allerdings nicht mehr auf der Straße gehalten, er wollte unbedingt in seine Wohnung. Also stand ich letztlich mit inzwischen ausgeschalteter Uhr an meinem Taxi, wartete auf einen gewissen Mario und hatte als Pfand das Handy von Thomas. Mario war glücklicherweise bereits darüber informiert, dass er mich zu bezahlen hatte:

„And look Mario, there is a taxi in front of my door, which you have to pay. The driver is a really tall guy with a beard, I would say he looks like, like a viking!“

Während ich mir noch überlegt habe, ob ich zur besseren Identifikation ein Segel hissen sollte oder sonst irgendwas wikingertypisches tun, kam auch schon ein Taxi an, aus dem Mario umgehend auf mich zugesprintet kam. Während er den Wikinger in mir offenbar gleich erkannte, wurde ich ein wenig enttäuscht. Keine rote Mütze, kein Schnauzbart… alles nicht mehr so wie in meiner Kindheit 😉

Aber bezahlt hat er mich immerhin. Sogar mit etwas Trinkgeld.

Begegnung der dritten Art

Ein paar Jungs vor dem Berghain haben meinen Großraumwagen gesichtet. Ich hab ihnen mehr oder minder schon bedeutet einzusteigen, da fragte mich einer – ich schildere das jetzt auf Deutsch, weil der Dialekt, den die im Englischen hatten ohnehin unter aller Sau war – ob ich ihnen ein Taxi rufen könnte.

Hä?

Naja, insgesamt seien sie sieben Leute. Gut, das packt mein Autochen nicht – zumindest nicht legal – aber so ganz verstand ich ihr Anliegen nicht. Also natürlich wollten sie einen Bus haben, aber warum sollte ich da anrufen? Aber klar: Der Funk! Sie hielten mir ein Kärtchen (von der anderen Zentrale) unter die Nase.

Ich funke ohnehin ungern einfach so. Ich nutze den Funk sonst nicht und hab eigentlich keinen Bock, da immer nur als Bittsteller stellvertretetend für die ganz Eiligen aufzutreten. Außerdem ist das ja kein bisschen stressfreier als dort anzurufen. Also warum sollte ich das machen und nicht die Kunden selbst? Ich hab da keinen geheimen Knopf, der die Kollegen schneller kommen lässt oder sowas in der Art – und natürlich schon gar nicht bei einer anderen Zentrale 😉

Ich hab ihnen das irgendwie zu verklickern versucht, vor allem aber gefragt:

„Warum soll bitte ICH das tun?“

Unerwartete Antwort:

„Wir haben kein Telefon.“

Bitte was??? Im Jahr 2012 am angesagtesten Club der Welt (mindestens!) haben sieben (!) Leute kein Telefon?

Muhaha!

Danach hab ich erstmal nach ihrem Fahrtziel gefragt. Sie haben geantwortet, dass sie zum Alex müssten. Ich hab ihnen dann spontan mal vorgerechnet, dass – egal wer es wann woher ruft – ein Taxi für acht Leute ein wenig brauchen könnte und sie insgesamt höchstens drei bis fünf Euro mehr zahlen würden, wenn sie zwei Taxen nehmen würden. Damit hatte ich dann eine Tour zum Alex…

Wenn jemand noch Fragen hat, weswegen ich das ungerne mache: Bitte in den Kommentaren. Aber davor:

Kein Telefon!!! Muhaha!!! 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Ein Jahr weg…

„Kannste mich zum Maria bringen?“

„Klar – also wenn du das Ex-Maria meinst.“

„Ja nee, also das hier, das Maria am…“

„Ostbahnhof!?“

„Genau. Wieso Ex?“

„Naja, das heißt ja nicht mehr Maria. Erst ADS und jetzt hat es glaub ich schon wieder einen neuen Namen, bin mir aber nicht sicher.“

„Scheiße Alter, ich war ein Jahr im Knast! Hab ich nicht mitbekommen!“

Unter seinen leicht fettigen lockigen Haaren sah er mich recht lieb an, ein wenig auf der Suche nach Zustimmung oder dergleichen. Probleme mit Knackis hab ich keine. Ich wüsste auch nicht, wieso ich welche haben sollte.

Im vorliegenden Fall war ich mir nur unsicher, ob ich es mit einem Spinner zu tun hab. Zum einen hat er es tatsächlich mit einem Verkehrsdelikt und dem anschließenden Versemmeln / Verweigern der Sozialstunden in den Knast geschafft, andererseits hat er auf mich nicht ganz auf der Höhe seiner geistigen Schaffenskraft gewirkt. Aber er war ja auch seine Freilassung feiern.

Viel später als für den direkten Weg notwendig kündigte er an, noch eine bestimmte Bank aufsuchen zu wollen. Den Zehner fürs Taxi hatte er zwar locker einstecken, aber ganz für einen sorgenfreien Abend reichte es eben nicht. Schon gar nicht in einem Club. Und er wollte sich immerhin gepflegt einen hinter die Binde kippen, ein bisschen Koksen, vielleicht noch ein Mädel auf einen Drink einladen, bla keks… das Übliche. Nicht billig. Ich weiß, warum ich mein Bier im Supermarkt kaufe, keine anderen Drogen nehme und meine bessere Hälfte vertraglich an mich gebunden habe 😉

Mein Kunde indes freute sich geradezu auf die Bank und erzählte mir stolz, dass er im Bau auch regelmäßig gearbeitet hätte und deswegen jetzt ein paar Euro auf der hohen Kante hätte. Die Vorfreude auf den ersten Abend in Freiheit war ihm wirklich sehr direkt anzumerken. Die bis dato getrunkenen Bier allerdings auch. An der Bank war dann die Frage, was er als Pfand dalassen könnte. Da er weitgehend ohne sinnvolles Gepäck reiste, schlug ich seine Jacke vor. Ich machte ihn allerdings auch darauf aufmerksam, dass ich – auch wenn es nicht erlaubt ist – einen Ausweis dennoch akzeptieren würde. Bekommen habe ich beides. Na gut.

Der Bankbesuch war an sich auch kurz, allerdings kam mein Fahrgast staunend wieder heraus:

„Mensch, die ha’m die janze Bank umjebaut in dit Jahr!“

Ich stelle mir das dazugehörige Gefühl wirklich sehr seltsam vor…

Im Auto angekommen schnappte er sich seinen Ausweis und pfrimelte sich etwas unbeholfen in seine Jacke. Er biss dabei die Lippen aufeinander, ächzte und zerrte, stöhnte und fummelte. Aus Gewohnheit fragte ich einfach:

„Kann ich losfahren?“

Die Uhr lief, es war als nette Geste gedacht.

„Nee! Sach mal, du kannst doch nich…“

„Was? Was ist los?“

„Ey, Alter!!! Ick bin noch nicht anjeschnallt!“

So sehr ich das zu schätzen weiß, so sehr hat es mich bei einem verurteilten Verkehrssünder amüsiert 🙂

Die Fahrt zum Maria verlief dann unspektakulär und ich hab zu den 16,80 € Fahrpreis (ohne Umweg über die Bank vielleicht ein Zehner!) auch lockere 3,20 € Trinkgeld bekommen. Und ihm viel Spaß gewünscht. Auf die ein oder andere Art hatte er das sicher verdient.