Fahrgäste, die gierig und fies sind.

„Kriegst auch einen Euro Trinkgeld. Oder wären Dir zwei lieber?“

„Das ist jetzt fies.“

„Was ist daran fies?“

„Na komm‘, wenn ich mich jetzt für zwei entscheide, dann klingt das, als wäre ich gierig …“

„Nur keine Sorge. Also ich … ich arbeite für die Pharmaindustrie, ja?“

„OK?“

„Und mein Medikament kostet 2.800 €. Für eine Injektion. Und da machst Du dir Sorgen, wegen einem Euro gierig zu wirken?“

„OK, dann hätte ich gerne zwei.“

„Na also.“

Der eine Euro mehr hat sich im Übrigen als 50-Cent-Münze herausgestellt. Aber das war dem Alkohol geschuldet, da bin ich mir sicher.

PS: Es ging im Übrigen um eine Kurzstrecke. Da ist mehr als der eine Euro schon eher selten. Obwohl ich in den letzten Tagen mehrfach das Vergnügen hatte.

Wie man’s wieder reinholt.

Natürlich ist es unsinnig für mich persönlich, freiwillig die Option Kurzstrecke zu erwähnen. Mache ich auch wesentlich seltener als früher, aber es kommt trotzdem immer wieder vor, dass ein Fahrgast es vergisst, rechtzeitig zu erwähnen und am Ende alle völlig genervt von 3 € Preisunterschied sind. Deswegen hab ich den etwas schüchternen Winker (vom Ostkreuz zum Sisyphos) tatsächlich vorsichtshalber gefragt, ob er jetzt eine Kurzstrecke meinen würde. Eher nicht so wirklich, denn die Antwort war ein überraschtes

„Oh? Äh … ja, das … äh, wäre natürlich toll.“.

Naja. Am Ende hat er dann die Kurzstrecke mit 7 € beglichen, was – es war nicht direkt am Ostkreuz, wo er zugestiegen war – selbst auf den Normalpreis noch einen Euro Trinkgeld bedeutet hätte. So aber eben drei. 🙂

Zur Lage am Sisyphos wollte ich ohnehin noch was sagen: Da scheint die Trinkgeldbereitschaft der Kunden im Vergleich zum letzten Jahr deutlich hochgegangen zu sein, kann das ein Kollege bestätigen?

Wie eine gute Schicht endet

Seit der Tour mit den spendablen SO36-Besuchern waren 15 Touren ins Land gezogen. Für einen Wochenendtag nicht sonderlich viele, aber sie waren länger als der Durchschnitt und so hatte ich meinen Schwan (200 €) voll. Ab Richtung Heimat!
Gut, die Fackel hab ich trotz Morgendämmerung angelassen. Wenn der Tag schon gut läuft …

Und so kam ich tatsächlich am Ostkreuz vorbei und wurde rangewunken.

„Ach ja, wo soll’s schon hingehen?“,

dachte ich einmal mehr.

Was Bullshit ist. Es mag gewisse Wahrscheinlichkeiten geben, nach denen Winker am Ostkreuz in östlicher Fahrtrichtung in Richtung Osten wollen – für eine einzelne Fahrt indes sagt das NICHTS aus!

„Regattastraße.“,

sagte mein Fahrgast.

Ich dachte nach: Grünau, eine lange Fahrt. Nicht direkt zielführend, aber immerhin in den Osten. In diesem Fall Südost statt Nordost – aber da kann man ja trotzdem schnell nach Hause cruisen! Passt also!

„Die in Reinickendorf!“,

warf mein Fahrgast dann ein.

BITTE, WAS?

Aber ja, auch dort gibt’s eine Regattastraße.

Nachtrag: NEIN, NICHT! Fehler meinerseits: Es war wohl nur ein Verhörer und ich hab nicht aufs Straßenschild geschaut. Der Fahrgast meinte die Ragazer Straße. Sorry an alle Kollegen, die jetzt am Suchen waren und danke an @taxijuergen auf Twitter, der mich zum Nachdenken gebracht hat!

Hab ich auch erst durch diesen Fahrgast erfahren. War richtungsmäßig eine mittlere Katastrophe, aber eben auch für gutes Geld. Diese kuriose Taxifahrer-Haltung vor Feierabend („Mist, falsche Richtung – aber immerhin schön weit!“) kam hier voll zum Tragen.

Ich hab es gemacht und dennoch (an angemessener Stelle!) dem Fahrgast mein Leid geklagt. In dem Fall hat sich das sogar gelohnt: Die 24,80 € hat er mit immerhin 28,00 € beglichen.

Dann war aber wirklich Ende. Fackel aus und Sturzflug in Richtung Marzahn! Ich war zwar umsatzmäßig zufrieden, aber eben spät dran …

Wie eine gute Schicht anfängt

„Bringst‘ uns zum SO36?“

„Sicher. Dafür sind wir ja da.“

Eine unspektakuläre Winkertour, knapp ein Zehner vielleicht von Friedrichshain aus, wo ich das Pärchen aufgegabelt hatte. Aber eben genau der Grund, weswegen ich nicht zielstrebig eine Halte ansteuere, sondern über jene Ecken fahre, die winkerträchtig sind.

Es war auch sonst eine 08/15-Fahrt: Nettes Gequatsche, wenig Besonderheiten, mittelprächtiger Verkehr zur frühen Abendzeit. In den meisten anderen Jobs würde man das „Dienst nach Vorschrift“ nennen.

Umso erstaunter war ich, als wir am Ende vor dem SO36 standen. Während der junge Kerl schnell das Auto verließ, drückte die Dame mir für die 9,40 € Fahrtkosten 15 € hin und meinte wie so viele ganz locker:

„Stimmt so.“

Man sollte Touren besser niemals vor dem Ende bewerten. 🙂

„Iist für soo gaajile Kurvää!“

OK, Trinkgeld fürs Heizen hat sicher jeder Taxifahrer schon mal bekommen. Die Kundschaft hat es oft eilig und ein paar von denen, die hohe Tips versprechen, halten sich dann ja doch daran. Nicht viele, aber immerhin.

Hier aber war die Sache ganz anders gelagert.

Die Spaßigkeit der Truppe begann schon mit der Taxiwahl. Ich stand mit zwei Kollegen zusammen am Ostbahnhof und eigentlich hat sich keiner von uns davon irgendwas versprochen. Es war unter der Woche, schon nach drei Uhr; ich hab mich selbst nur in Position zwei eingereiht, weil ich mit dem Kollegen quatschen wollte. Und Nummer drei gehörte dann ebenso zu den üblichen Verdächtigen, ein Kollege aus meiner Firma noch dazu.
Während wir so quatschten, kamen die Kunden. Sie blieben vor meinem Auto stehen und einer der Vier fragte in die Runde:

„Ähm, wir würden gerne den hier nehmen …“

Ich antwortete eloquent:

„Das ist überhaupt kein Problem, und ich freue mich besonders, denn das ist meiner.“

Ich warf dem Kollegen einen gespielt mitleidigen Blick zu, denn er hatte, als er die Kunden als solche ausgemacht hatte, bereits gesagt:

„Ha, jetzt komm‘ ich weg und mach meinen Hunderter voll!“

Und ich hatte den Hunni schon in der Kasse. Auch die Autowahl war fast etwas seltsam, denn jener Kollege vor mir fuhr einen gepflegten Passat, der hinter mir bereits die neuere Zafira-Variante, den Tourer. Aber nein, sie wollten meine alte Gurke. Glaubt es oder nicht: Mich schockt das nicht mehr, die Wege der Fahrgäste sind unergründlich.

Die vier Leute entpuppten sich als drei Nicht-Muttersprachler mit starkem russischen Akzent nebst einem vermutlich deutschen Mitreisenden. Der hielt mir auch schnell eine Dose unter die Nase und fragte:

„Willste ein paar Nüsse?“

„Nee, danke. Aber: Sehr nett!“

Einer der anderen drei lotste mich nur drei Häuserblocks weiter und machte dann den Witz, dass da alle aussteigen würden. Was ich betont cool abtat und ihm erklärte, dass daran eigentlich nix witzig sei und ich selbstverständlich auch kurze Strecken fahren würde. Er stieg dann aus, nicht ohne mir noch schnell die Abkürzungen zu nennen, die ich fortan zu fahren hätte. Denn natürlich mussten die anderen noch ein ganzes Stückchen weiter.

„Und? Party vorbei für heute?“,

fragte ich meinen Beifahrer, der nicht nur das beste Deutsch sprach, sondern auch der nüchternste zu sein schien.

„Na … aber sicher! HALLOHO, ich hab Erdnüsse dabei! Wie würdest Du das einschätzen? Wie oft passiert sowas bitte!?“

„Hmm, da haste Recht.“

Und so war es auch. Den Fressflash nach dem Kiffen oder Saufen kenne ich auch. Aber die meisten Taxifahrgäste fahren noch mit dem letzten Bier heim – alles spätere ist zumindest bei mir eher selten. Wobei das auch daran liegen könnte, dass ich einer der wenigen bin, der die Leute mit Bierflasche auch noch mitnimmt.

Mir wurde nun eine Straße genannt, die mir wirklich gar nichts sagte, aber mir wurde erklärt, dass es bis fast nach Ahrensfelde gehen würde. Ja, geile Scheiße! Nicht nur eine Tour locker über 20 €, sondern vor allem auch noch in meinen Heimatbezirk – direkt zu der Zeit, zu der ich Feierabend machen wollte!

Und während wir auch darüber so quatschten, wies mich die Dame hinten links zurecht, dass ich auf die Märkische abbiegen müsse. Ohne das böse zu meinen. Ich hab mit einem Grinsen geantwortet, dass ich das wisse. Ich hätte meine Lücken im Stadtplan, aber:

„Hier ums Eck wohne ich, hier kenne ich mich aus, keine Sorge!“

Ich weiß nicht, was mich in dem Moment geritten hat. Mit Kunden an Bord fahre ich immer sehr bedächtig, mit betrunkenen noch dazu. Aber gerade da, in der Kurve von der Landsberger auf die Märkische, einer 300°-Schleife, war mir nach Spaß mit der lockeren Besatzung. Ich kenne die Kurve, ich fahre sie zu jedem zweiten Feierabend, meist allerdings mit leerem Auto. Aber ich kenne auch das Auto mit Beladung und hab die Kurve entsprechend in „Höchstgeschwindigkeit“ genommen, was in dem Fall etwa 50 km/h sind. Ist ja nur ein Opel Zafira. Ich nahm wie immer die Sperrflächen mit und schoss astrein, mit dem linken Reifen nur leicht die Spurbegrenzung touchierend und reifenquietschend auf die Märkische Allee auf. Und während ich noch dachte, dass das jetzt vielleicht doch ein wenig zu herb war, um es mit Fahrgästen zu tun, jubilierte es hinter mir plötzlich laut:

„Sooo gaajil! Bin iich noch nie gefahren diese Kurvää soo gaajil! Kriegst Du Eextra von mjir!“

Die gute Frau war höchst verzückt, ich konnte es selbst nicht verstehen. Aber hey, ich hatte offenbar alles richtig gemacht. 😀

Das angesprochene Trinkgeld war nicht wirklich üppig. Sie hat die 23,40 € auf 25 € aufgerundet. Aber sie hat es explizit nochmal erwähnt:

„Kriiegst Du für Kurvää! War so guut, bijn ich voll gaajil!“

Ich weiß nicht, ob sie DAS so sagen wollte – aber es wäre immerhin eine Erklärung für all das. Ich jedenfalls schreibe mir jetzt „geiles Kurvenfahren“ auf meine Referenzliste. 😉

Kann man ja mal vergessen: Die Bezahlung

Nein, böse gesinnt waren die Fahrgäste mir nicht. Aber blöd geguckt habe ich schon, als sich alle drei nach einer kurzen Pause am Ende der Fahrt anschickten, auszusteigen. Ich fragte einfach mal höflich nach:

„Und … wer gibt mir jetzt das Geld?“

Die verstörten Blicke waren reichlich unterhaltsam, und kurz darauf quakten alle drei ungefähr zur gleichen Zeit los:

„Ich dachte, Du hättest bezahlt!“,

jeweils mit einem anderen Adressaten.

Am Ende hatte ich es mir mehr Entschuldigungen als gezahlten Euro zu tun, sie waren alle aufrichtig bemüht, mir zu versichern, das wäre keine Absicht gewesen. Gut, dass ich derartige „Kleinigkeiten“ halbwegs im Blick habe. 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

„Kein Wechselgeldtrick“

Es kam wirklich einiges durcheinander beim Bezahlen der Gruppe. Denn eine von den Frauen wollte eigentlich während der ganzen Rechnerei einen Fuffi kleingewechselt bekommen und das hat die ganze Aktion etwas verkompliziert.

„Sorry, das sollte jetzt nicht so’n Wechselgeldtrick werden, ehrlich!“,

meinte Sie, als wir alles geklärt hatten, zu mir. Was eigentlich schade war, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Fahrt bezahlt, Trinkgeld, dazu den Fünfziger von ihr in der Tasche und den kleingewechselten Schein ebenfalls. Wechselgeldbetrug zum Wohle des „Opfers“ hätte ich voll ok gefunden und ich kann sie nun nur nachträglich anflehen, damit doch auf Deutschlandtour im Taxi zu gehen … 😉