Prima Anfang

Und ich unterhalte mich angesichts des Verkehrschaos auf der Mühlenstr. noch mit einem Kollegen darüber, dass wir jetzt bitte nicht eine Tour vom Ostbahnhof zur O2-World bekommen. Mein Kollege fuhr alsbald nach Hastenichgesehen und ich stand dann da als erster.

Meine Kunden waren total panisch und wollten keinesfalls den Konzertbeginn verpassen, wo sie doch nun sooo spät dran waren…

Ich hab die Fahrt natürlich nicht abgelehnt. Ich habe nur versucht, in den Raum zu werfen, dass es unter Umständen zu Fuß sogar schneller sein könnte, da man als Fußgänger doch wesentlich weniger dazu neigt, sich schon auf einer mehrspurigen Straße zu stauen. Aber um sicher zu gehen, wollten sie mit mir mit. So denn! Nach exakt 4,00 € auf der Uhr habe ich sie an der Einfahrt des Parkplatzes rausgelassen, weil sie davon ausgegangen sind, jetzt zu Fuß doch schneller zu sein. Als hätte ich es geahnt.

Aber gut, ich war nur 500 Meter von meinem Lieblingsbahnhof entfernt. Also ein neuer Versuch! Und siehe da, keine 5 Minuten und ein heilloses Durcheinander später hatte ich wieder eine Kundin im Auto. Ich gebe zu, es wäre jetzt ein netter Gag gewesen, wenn sie auch zur O2-World gemusst hätte. Aber die Realität hat noch was besseres auf Lager:

Das Radialsystem! Liegt Luftlinie sogar nur 300 Meter vom Bahnhof weg!

Dank ungünstiger Wendemöglichkeit bin ich hierbei aber sogar auf 4,60 € gekommen. Ab da habe ich dann einfach beschlossen, dass mich ein paar Leute ranwinken. Was soll ich sagen? 9 Stunden, 183,30 €… war also mal wieder nur der Auftakt komisch 🙂

So kann man es auch machen…

Kennen sie das?

Sie sind Taxifahrer, und warten am Bahnhof. Sie sind der erste in der Schlange, und der Fahrgast, der auf sie zukommt, übertrifft sogar sie selbst noch im Alter. Mit zusätzlicher Sauerstoffversorgung kämpft er sich mühsam bis zu ihrem Taxi.

Wie beginnen sie die Konversation, um zu vermeiden, dieses unwerte Stück Mensch in ihrem Taxi haben zu müssen?

Genau! Sie begrüßen ihn mit den Worten:

„Na, Opa?“

Und: Erfolg! Der alte Mann kehrt ihnen den Rücken zu und schleppt sich zur nächsten Taxe. Gut gemacht! Soll sich doch ein anderer Idiot mit solch unwertem Leben rumschlagen! Und besser noch: Sie können sich jetzt sogar echauffieren, weil sie es ja nur nett gemeint haben. Was haben sie schlimmes gemacht? Sehr clever!

Zugegeben: die Tour war wirklich anstrengend. Ich hab dem alten Herrn noch bei sich bis zur Wohnung hoch geholfen, was ungelogen eine Viertelstunde in Anspruch genommen hat, da er die ihm verbleibende Luft lieber zum Reden als zum Laufen verwendet hat (ich denke, ich darf das schreiben, er hat sich selbst mehrfach darüber aufgeregt 😉 )
Aber er war nett und er hat das auch nicht von mir erwartet. Ich habe es ihm angeboten. Und wenn es bloß war, um das Verhalten meines „Kollegen“ auszugleichen.

Und da am Ende ja auch die Zahl vor dem Komma zählt: 5,80 € Trinkgeld.

So bösartig bin ich übrigens nur, weil ich den Typen langsam kenne: Es war der Fahrer, der auch für diese Touren von mir verantwortlich war. Irgendwann schmuggeln wir ihm Ozie mal als Kundin unter und hoffen, dass sein Verhalten für eine Anzeige reichen wird. Würde mich nicht wundern, wenn der auch kuriose Strecken fährt.

Best Fail / Western Win

Zwei betrunkene Mädels aus dem Matrix. Zum Best Western Hotel am Spittelmarkt wollten sie. Und was macht Sash? Gurkt einfach mal drauf los und hat im Kopf das Novotel dort direkt ums Eck. Als ich gerade ranfahren wollte, fiel mir plötzlich ein, was sie gesagt hatten:

„Äh sorry? Did you say Best Western?“

Klar, natürlich hatte ich mich nicht verhört, sondern verfahren. Argh! Wo war das verdammte Hotel jetzt? Ach ja, Neue Grün… natürlich ein ziemlicher Umweg, den ich da jetzt fabrizieren müsste. Bin schließlich ressourcenschonend auf der grünen Welle am Ostbahnhof vorbeigeritten und nicht gleich mal hinten über die Köpenicker.

Hat mich geärgert. Also hab ich mich entschuldigt, das Taxameter bei 10,40 € ausgemacht, gesagt, dass wir bei 10 € sind und gehofft, dass ich mein Trinkgeld damit nicht überstrapaziere. Die beiden waren kein bisschen sauer und haben am Ende mit 12 € bezahlt. Puh, danke werte Kundschaft! 🙂

Wie so Wochentage mit zwei drei Matrixtouren sind, hatte ich später noch eine weitere Tour zum selben Hotel. Diesmal war ich ja schlauer. Ein Kollege hat den Rest der verbleibenden Feierwütigen mitgenommen und so kam es dann dazu, dass wir an der Oberbaumbrücke getrennte Wege fuhren. Ich über die Brücke zur Köpenicker, er geradeaus, einen anderen Weg nehmend.

Umgehend meldete sich meine Kundschaft und fragte, weswegen wir nun abbiegen und die anderen nicht.

„Compare the prices…“

habe ich ihnen gesagt, und damit war Ruhe im Karton. Wir sind tatsächlich kurz nach der anderen Taxe angekommen und meine Kundschaft ist gleich aus dem Wagen gesprungen und hat die andere Gruppe gefragt, was die Fahrt gekostet hat. Ich lag mit 9,40 € noch unter dem, was ich eigentlich erwartet hatte.

Dann plötzlich spontaner Jubel auf der Straße, nachts um drei Uhr. Freudestrahlende Grimasse eines jungen Mädchens mit erhobenem Daumen und der Bestätigung:

„You won!!!“

Man kann ja wenigstens versuchen, seine Fehler auszubügeln.

Was mich danach am meisten beschäftigt hat, war der Gedanke, dass sie sich mit meinen ersten Fahrgästen unterhalten und am Ende würden die nie darauf kommen, dass das der gleiche Fahrer war 😉

Christies

Ich kann nicht mehr bewerten, ob der junge Kerl wirklich schon blau angelaufen war. Das liegt zum einen daran, dass er tatsächlich blau war, als auch ein himmelblaues T-Shirt trug.

Ja, dies ist keine Geschichte aus dem Sommer! Der Kerl fragte mich tatsächlich am Ostbahnhof in einem himmelblauen T-Shirt bei 5 Grad unter Null, ob ich das Christies Hostel kenne. Wie zu erwarten friert er fürchterlich und sieht mich flehend an. Christies? Nie gehört! Ich frage bei einem Kollegen nach, der aber auch passen muss. Also befrage ich mein schlaues Buch. Nichts. Puh, das ist schlecht…

Ich frage ihn, ob er irgendeinen Anhaltspunkt hätte, wo das Hotel ist. Die ganze Konversation muss man sich übrigens auf Englisch mit einem echt derben Dialekt inkl. Lallen vorstellen. Also recht schwierig. Nach 3 Minuten weiss ich immerhin, dass man das Hostel mit einem wie auch immer gearteten Zug vom Alex aus erreicht. Prima, dann fallen schon mal ca 2,5% der Berliner Adressen weg 🙁

Aber es geht auch genauer. Es war nicht allzu weit und das Hostel liegt, und das muss ich im Original widergeben, „at a Place called ‚Platz‘ „

Wir suchen also ein Hostel das nirgends verzeichnet ist an einem Platz, den man vom Alexanderplatz mit S-Bahn, U-Bahn oder Zug erreicht. Ich hab ihm versucht zu erklären, dass „Platz“ keine ernstliche Ortsangabe ist und ihm ein paar Plätze aufgezählt, die ganz grob in der Innenstadt liegen.

So wirklich zusagen wollte ihm keiner, aber er fragte mich, ob ich ihn zum Potsdamer Platz bringen könnte. Klar kann ich, aber was passiert, wenn das Hostel da nicht ist?

Er meinte, er würde es sicher wiedererkennen und überhaupt und sowieso. Ihm war kalt. Also hab ich mich mit einem mehr als schlechten Gefühl und einem durchgefrorenen Australier auf den Weg zum Potsdamer Platz gemacht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, wie es am Potsdamer Platz aussieht, aber es wurde immer klarer, dass das nicht richtig ist. Wer keine Hochhäuser gesehen hat, wohnt auch nicht am Potsdamer Platz…

Ich hab ihn permanent bitten müssen, langsam und deutlich zu sprechen, weil ich sonst nichts, aber auch gar nichts verstanden habe. Irgendwann sprach er dann vom „Christl’s Hostel“ und vom „Christ Hostel“ Da hab ich ihm dann nochmal etwas schärfer klargemacht, dass ich schon genau wissen müsste, wie das Hostel heisst. Und plötzlich glaubte ich ein „St. Christoph“ zu hören…

„St. Christoph? Do you mean St. Christopher’s Hostel?“

„Uh, yeah! St. Christopher’s!“

„Ok, no Problem, I’ll bring you there…“

Also hab ich mal spontan auf der Leipziger Str. gewendet (hab ich schon mal geschrieben, dass ich gerne nachts arbeite?) und bin zum Alex hochgegurkt. Das St. Christopher’s ist mir nun durch die ganzen Matrix-Gäste mehr als bekannt, und von der Beschreibung her passt es auch: Eine U-Bahn-Station vom Alex entfernt am Rosa-Luxemburg-Platz. Ich möchte übrigens anmerken, dass ich ihm den Platz in weiser Vorausahnung auch genannt hatte.

So viel Freude wie zu dem Punkt, als ich gegenüber des Hostels hielt und fragte:

„Is it that one?“

kann man sich kaum vorstellen. Und er hat die 11,40 € ganz artig mit 17 € bezahlt und ist in sein hoffentlich warmes Bett entfleucht. Glücklicherweise! Denn was hätte ich mit einem Australier in einem himmelblauen T-Shirt bei Minusgraden anfangen sollen?

Mal wieder verschätzt…

Dass man sich bei Kunden verschätzen kann, ist klar. Ich denke, das haben auch Kunden schon mit Fahrern erlebt. Recht selten ist es dann allerdings, dass man Leute ins Auto gesetzt bekommt, die man nie und nimmer für Kunden gehalten hätte.

Während ich so am Lesen am Bahnhof war, schlichen ein paar Jugendliche um die Taxen und fragten hier und da die Fahrer nach irgendwelchen Preisen, die offenbar keinen Gefallen finden wollten. Daneben auf der Bank saßen zwei alte Penner und haben Bier getrunken, während gegenüber die Polizei sowas ähnliches wie einen Großeinsatz plante. Der Ostbahnhof wie er leibt und lebt an einem Wochenende.

Als ich nach einiger Zeit – die Jugendlichen waren schon weg – eine Zigarette rauchen wollte, standen plötzlich die beiden Suffköppe vor mir. Beide schwankend, irgendwo in den letzten 10 Jahren vor dem Rentenalter angekommen und offenbar ernstlich an einer Taxifahrt interessiert.

Gleich vorweg: Ich hab die herabwürdigenden Begriffe nur der „Dramatik“ wegen verwendet. Damit auch jeder weiss, wie man sich die beiden vorzustellen hat. Als sie dann bei mir waren, waren sie die Vorzeigekunden schlechthin. Wenn man über 2 Promille hinwegsehen kann. Der eine sprach mich an und fragte ganz nett, ob ich seinen Kumpel denn nach Neukölln bringen würde. Die Straße hat mir erstmal nichts gesagt, aber er hat dann das Krankenhaus Neukölln als Tipp gegeben, und damit war eigentlich so ziemlich alles klar.

Hinter mir versuchte indes der andere einzusteigen, was seiner Angeschlagenheit wegen eher schwierig war. Also hat sein Kumpel ihm geholfen (lag übrigens nicht daran, dass der kurz vor Koma war, sondern eher an Rheuma oder sowas).

Der Kumpel drückte mir auch gleich einen Zehner in die Hand,

„damit de weisst, wir woll’n dir nich verarschen!“

und selbst mein eigentlicher Kunde machte glaubhaft, dass er noch Geld dabei hat. Als ich gerade was zur Bierflasche sagen wollte, reichte er sie seinem fürsorglichen Freund und meinte

„Nimm du mal det Bier, ick hab jenuch!“

Also ging es irgendwann los, und ich hab einfach gleich mal gefragt:

„Also soll ich einfach über Kotti und Hermannplatz…“

„Nee, nee! Fährste mal… Elsenbrücke kennste?“

„Klar.“

„Ja, dann fährste am Besten da Dammweg oder so. Is schneller.“

Am Dammweg selbst kam er dann noch auf die hervorragende Idee, kurz über die Autobahn zu fahren, und insgesamt hat die Tour sicher 2 € mehr gebracht als auf dem schnellsten Weg. Unter diesen Umständen war der eine Euro Trinkgeld schon wieder recht viel.

Dazwischen lagen einige Minuten nette Unterhaltung und so kann man das Ganze als nicht schlechte, sehr angenehme Tour abtun. Trotzdem würde ich wahrscheinlich auch heute noch skeptisch gucken, wenn die Typen wieder mal anfragen…

Was der jetzt wohl denkt?

„Gott sei Dank isses so gelaufen!“

Mehr hab ich mir nicht gedacht. Ehrlich.

Ich war wirklich froh, dass ich eine nette Truppe an Bord hatte. Am Ostbahnhof eingestiegen, das Fahrtziel lag in Baumschulenweg. Die Truppe war zu fünft, gemischtgeschlechtlich, in Feierlaune aber zurechnungsfähig. Ein Deutscher, der ein paar Engländer noch zu sich eingeladen hat. Klasse Sache.

Dass ausgerechnet das Mädel in der Mitte etwas von „I’m sick…“ anfing zu erzählen, mischte das heitere Treiben dann ein wenig auf:

Blitzstop an der rechten Seite. Aufruf des Beifahrers, der links Sitzende möge aussteigen, Fluch auf die Kindersicherung, Hechtsprung des rechts Sitzenden und künstlerisch wertvolles Kotzen der Mittelsitzerin aus der rechten Tür. Kein Fleck im oder am Wagen! Perfekt! Wenn schon kotzen, dann doch so!

Man sollte meinen, es sei alles in Ordnung…

Weit gefehlt!

Die junge Dame, der ich mit stoischer Gelassenheit ein paar Blatt meiner Küchenrolle zum Abwischen gereicht habe, war mit der Situation geringfügig überfordert. Naja, überfordert… die ganze Sache war ihr so peinlich, dass sie in Tränen ausbracht, und sich geschlagene 5 Minuten geweigert hat, wieder ins Auto einzusteigen. Die Begründung ist dabei mehr als logisch ausgefallen: Was ich jetzt schließlich von ihr denken würde, und sie würde doch lieber ein anderes Taxi zur Heimfahrt nehmen.

Und dem Gedanken, dass ich mir jetzt ernsthaft auf den letzten 2 Kilometern krude Dinge über eine durchschnittlich ruhige junge Frau mache, die nach ein wenig zu viel Alkohol kotzen musste, war einfach nicht so leicht beizukommen. Dass das nicht angenehm ist, verstehe ich ja. Aber dieser Terz um ein paar Magensäfte, die niemanden irgendwie ernsthaft gestört haben… boah tragisch, echt jetzt!

Naja, sie hat es überlebt und 5 Minuten sind auch 2 €…

Die Krönung kam dann aber mit dem Trinkgeld. Der Mitreisende hinter mir flüsterte meinem Beifahrer zum Ende hin zu, er solle doch ein ordentliches Trinkgeld geben. Die Uhr blieb auf 17,10 € stehen. Der Beifahrer kramte in seinem Geldbeutel umher und förderte 16 € ans Tageslicht. Er reichte sie mir mit einem verschwörerischen Grinsen und meinte, ich solle einfach alles einstecken.

Mir war klar, dass er mich nicht verarschen wollte, und so tat ich mich etwas schwer mit der Aussage, dass da leider so oder so noch 1,10 € fehlen. Das hat ihn echt peinlich berührt, und dann hat er einfach noch einen Fünfer hinterher geschoben. Vielen Dank!

Netter Dialog zu diesem Zeitpunkt:

Fahrgast: „That was the cheapest taxi I ever took!“
Sash: „I guess you’re from England…“
Fahrgast: „Ireland. That’s the worst…“

Während nach und nach alle das Taxi verließen, ließ der Hintermann noch ein paar Münzen zum Beifahrer kullern und forderte ihn auf, mir diese auch noch zu geben. Der lamentierte, er hätte mir schon mehr als genug gegeben – wogegen ich gar nichts einwenden wollte. Dank des Drucks von der Rückbank legte er nochmals demütig 4 € in Münzen dazu, sodass ich letztlich mit 25,00 € von dannen gezogen bin, wo die Fahrt ohne alle Unwägbarkeiten gerademal 15 € gekostet hätte. Manchmal liebe ich meine Fahrgäste ja ein wenig…

PS:

Sollte irgendein Anwohner in Baumschulenweg sich über Schreie in den frühen Morgenstunden des 26. September 2009 gewundert haben: Das war nur die würdige Verabschiedung vom „best taxi driver ever“. Manchmal könnte man flennen vor Rührung, ehrlich! 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Was war das denn eben?

Das beschreibt ziemlich gut die Gedanken unmittelbar nach dem endgültigen Aussteigen meines ersten Fahrgastes während der vergangenen Schicht. Wenige Minuten nach dem Losfahren am Straßenrand bei der O²-World eingesammelt, stürzte die Absurdität betrunkener Gedankengänge wasserfallartig in mein Taxi.

Der Kunde dürfte in meinem Alter gewesen sein und begann, während er sich in den Beifahrersitz fallen lies, in einer mir unverständlichen Sprache draufloszureden, mischte das aber mit bekannten Worten und als ich ihn fragte, wo es denn hingehen sollte, entgegnete er mit großen Augen:

„Du bist Deutscher?“

„Ja, bin ich…“

Das ist eine Scheiß-Frage! Immer wieder. Es mag ja sein, dass ein Großteil der Taxifahrer in Berlin seine Wurzeln in irgend einem anderen Staat hat, es ist mir aber immer wieder unbegreiflich, wie sich manche Fahrgäste – natürlich ohne „was gegen Ausländer“ zu haben, darüber freuen können, dass sie bei mir im Auto sitzen. Solche Gespräche würge ich entschlossen und schnellstöglich ab und lasse nie auch nur den geringsten Zweifel daran, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die meisten nichtdeutschen Kollegen hervorragende Arbeit machen, und man die schwarzen Schafe leider nicht an der Nation festmachen könnte – und ich sowohl assige Deutsche als auch vorbildliche Türken als Kollegen kennengelernt habe. Lediglich beim Thema Sprachprobleme bin ich bereit zu akzeptieren, dass gewisse Standards erwartet werden können.

Aber gut, das sollte gestern gar kein Thema werden. Der Kerl laberte erst einmal weiter, und zwar etwa wie folgt:

„Ja, zum Cookies, also Friedrich-Charlotten, Äh Alexander-Dingsbums…“

„Cookies? Friedrichstr. Ecke Unter den Linden?“

(Diesen Absatz überlesen jetzt die zartbesaiteten Seelen unter meinen Lesern am besten)

„Ja genau. WOW! Perfekt!!! Aber erst müssen wir auf meinen, ich meine dieses assige Spanier-Arschloch, diesen Pisser – also das kranke Wichser-Opfer da vorne… also dieser Gehirnamputierte Schwachmat muss auch noch mit!“

(Hier weiterlesen! Er hat nur etwas umständlich ausgedrückt, dass sein bester Freund noch mitfahren will)

Ich folgte seinem Blick und meiner blieb an einer schwankenden Gestalt hängen, die gerade dabei war, beim Pinkeln möglichst der flüchtenden Laterne hinterherzueilen, um sie mit dem warmen Strahl aus seinem Gemächt zu beglücken. Relativ unspektakulär fiel er ins Auto, und wir waren recht bald auf dem Weg.

Nach rund hundert Metern wollten sie Kurzstrecke fahren und glaubten meinen Beteuerungen nicht, dass es mir weder möglich wäre, noch auf Kurzstrecke umzuschalten, noch dass es so oder so nicht reichen würde. Aber: Kein Problem.

Ab hier verabschiedeten sich die Sinne meines Beifahrers völlig, denn nun kam wirklich nur noch Gestammel aus seinem Mund, das bei seiner Entstehung Neuronen nur aus der Entfernung gesehen haben kann. Ich wurde auf absurd freundliche Art bezichtigt, kein Deutscher zu sein. Dazu wurde ich auf kroatisch und italienisch zugelabert, und alles was ich auf meine Nicht-Reaktionen oder gar auf Verneinungen zum Thema zu hören bekam, war ein kurzer Abriss über türkische Marktverkäufer und die Taktik des Sich-einer-Sprache-Verweigerns. Und dass ich Italiener bin. Logo.

Nach einem Kilometer „durfte“ ich dann kurz anhalten, damit er seinem Kumpel hinten „eins in die Fresse geben“ kann. Hier war der Punkt, an dem ich für einen kurzen Moment fast die Beherrschung verloren hätte. Wenn er seinen Kumpel ernstlich geschlagen hätte, wäre die Fahrt hier beendet gewesen. Punkt. Das sich mir nun im Fond bietende Bild hatte aber eher einen komischen Anstrich, zudem wurde mir bewusst, dass bei aller naiven Brutalität des Sprachgebrauchs wesentlich wahrscheinlicher war, dass die beiden binnen der nächsten 5 Minuten zu kopulieren beginnen, als dass sich ernstlich jemand Verletzungen zuzieht.

Also gute Miene zum bescheuerten Spiel: 10 € sind 10 €!

Die Weiterfahrt erfolgte noch bevor das Taxameter in den Wartezeitmodus geschaltet hat. Den folgenden knappen Kilometer versuchte er mir zu erklären, warum dieser Depp hinter ihm wichtiger als seine Freundin ist, obwohl er nicht schwul ist. Die Kernaussage lässt sich völlig unsinnig damit zusammenfassen, dass eben erst die Familie, dann der Schwachmat und zuletzt „ist mir egal“ kommt. Herzlichen Glückwunsch an die Lebensgefährtin mit dem komischen Namen!

Ach so, er hat mir als Rückgriff auf die Kurzstreckendebatte („Du willst keine Kurzstrecke machen, gib’s zu!“) auch noch einen Batzen Geld (geschätzte 500 bis 1000 €) unter die Nase gehalten, um zu zeigen:

„…dass wir solvent sind. Solvent! Verstehst du?“

Ich hatte eigentlich vor, über Unter den Linden zu fahren, aber am Molkenmarkt wurde ich höflichst gedrängt, doch links abzubiegen. Meinetwegen. Soweit ich weiss, schenkt sich das zumindest auf dem Taxameter einen dicken Nullinger, aber der Kunde – und ist er noch so doof – ist König! An der Ampel verbrachten wir dann rund eine Minute, was ausgiebig dazu benutzt wurde, einen anderen Autofahrer nach dem Weg zu fragen – was ich in Anbetracht der Tatsache, dass ich den Weg kenne, für ziemlich unverschämt halte. Schließlich kann man Routenvorschläge besser mit mir selbst klären, zudem lege ich es auch nicht darauf an, von anderen Autofahrern als Idiot betrachtet zu werden, der den Weg nicht kennt. Aber gut, das Duo war so verquer mit seinen Aussagen und verstieg sich bald darauf in italienische Beleidigungen des echt überfordert wirkenden sympathischen Verkehrsteilnehmers, dass wahrscheinlich alle Beteiligten froh waren, als die Ampel endlich grün wurde.

Dann folgte eine – für ihn offenbar kreischend komische – Abhandlung darüber, wie man den Namen Thomas als Schimpfwort gebrauchen kann.

Kurz nachdem ich von der Leipziger in die Friedrichstr. – ganz nach Geheiß der beiden Logikbomber im Gepäck – abgebogen war, stieg der „Spanier“ aus. Aber die Fahrt sollte damit noch nicht zu Ende sein.

Mein Beifahrer leitete mich an, zum Hintereingang des Cookies zu fahren.

„Hintereingang?“

„Ja, hat doch zwei Eingänge…“

OK, so gut kenne ich mich nun nicht aus – und man lernt ja gerne was neues kennen. Links in die Behrenstr., hinter dem Westin Grand rechts, nochmal rechts… und man steht in einer tiefgaragenartigen Lieferanteneinfahrt. Toller Zweiteingang. Er hat mich dann sogar nochmal zurücksetzen lassen, damit ich ihn ja nicht 5 Meter vom Eingang entfernt absetze.

„Das macht dann genau 11 €!“

„Warte mal… hab ich nicht!“

„Ich kann auch wechseln…“

Lieblos schmiss er einen Fuffi auf den Beifahrersitz. Einen Euro hatte er natürlich auch nicht, und so war ein Großteil meines Wechselgeldes mit der ersten Tour bereits weg. Und das ohne Trinkgeld – super!

Ich wende also in der Einfahrt, und bevor ich das vollbracht habe, steigt er auch wieder ein und meint:

„Bring mich mal zum Haupteingang!“

„Ey bitte, was soll das denn jetzt?“

„Ach komm, ich hab dir 13 € gegeben…“

„Nein, du hast mir 11 € gegeben – genau passend!“

„Ach so… warte: Ich geb dir 13! Bring mich mal zum Haupteingang!“

Das Taxameter war bereits aus, und da ich weder auf die 2 € verzichten wollte, noch Lust auf große Diskussionen mit diesem Dialoggenie hatte, hab ich ihn gegen die Aushändigung einer meiner beiden Wechselgeldmünzen also aus der Garage die 100 Meter ums Eck gefahren. Wenn’s hilft…

Ja, und dann stand ich da. Friedrichstr. Ecke Unter den Linden und fragte mich:

„Was war das denn eben?“