Ganz mieses Stadium

Zunächst war ich ganz froh, trotz des hinter mir drängelnden Kollegen halbwegs ordentlich vor dem Winker anhalten zu  können. Als ich ihn dann aber in Augenschein genommen hab: Meine Güte!

Verschwitzt und zitternd stand er da vor meinem Auto, unterbrach jede seiner Bewegungen mit einer noch hektischeren nächsten, konnte sich kaum für eine Tür zum einsteigen entscheiden und fragte in allenfalls Satzfragmente zu nennenden Strukturen:

„Alda, hi, Alda, kennst Du, Du kennst, hier, also fast hier, Flatratepuff, Nähe hier, also, Alda, nicht weit, verstehste, Puff, Alda?“

Obwohl ich da keinen kannte, hat er sich mit sich selbst trotz allen zittrigen Hin und Hers dann doch für eine grobe Adressenangabe in der Nähe einigen können. Irgendwie wollte ich ihm ja nahelegen, dass ihn in dem Zustand kein Laden, egal was für einer, mehr reinlassen würde. Aber das sind dann die Fälle, wo man sich auf den Fahrersitz zurückzieht. Ob der gerade einen Entzug durchmachte oder den Horrortrip seines Lebens: Keine Ahnung. Ihn zu ärgern hielt ich trotz seiner offensichtlichen Harmlosigkeit für eine schlechte Idee.

Also eine kurze 8€-Tour und beim Ausstieg eine Minute Extra-Zeit, damit der sich vergewissern konnte, dass er kein Koks bei mir verloren hat. Was halt so passiert. Ich hoffe mal, jetzt wo ich das schreibe, geht’s ihm besser. Was auch immer das in diesem Fall heißen soll.

Ein Fehler kommt selten allein

Der Tag fing gut an. Aber als ich nach der vierten Tour zum zweiten Mal am Ostbahnhof aufgeschlagen bin und vor dem Auto eine Kippe rauchen wollte, fiel mir auf, dass die Fackel aus war. Also kurz rein und wieder anschalten! Hatte ich wohl einfach vergess … WTF, die war angeschaltet! Aber weder die Fackel noch das Licht am entsprechenden Knopf leuchtete. Scheiße! So eine gute Nacht und dann ein Fehler in der Elektronik!

Ich hätte wie üblich mal nicht so eine Panik machen sollen. Es war mein Fehler, und noch dazu ein sehr klassischer: Ich hatte nach der letzten Tour vergessen, das Taxameter auszuschalten. Das hab ich dann nach zweimaligem Hin und Her auch zielsicher bemerkt. 😉

OK, die Fahrt war nicht weit, aber ungefähr sechs Euro mehr standen inzwischen trotzdem drauf. Kein Drama, das kann ich Cheffe sagen, mal abgesehen davon, dass es für mich selbst ohnehin nur um dreiirgendwas ging.

(Für die Neulinge unter den Lesern: Ich muss meinem Chef natürlich den Betrag abliefern, den ich laut Taxameter eingefahren habe. Sollte ich so einen Fehlbetrag mal vergessen, würde mir das Geld natürlich als ganzes fehlen. Da ich aber einen Teil des Geldes als Lohn wieder ausbezahlt bekommen würde, ist der Verlust insgesamt nicht so hoch.)

Ich hab mich schon etwas geärgert, denn immerhin muss ich mir den Spaß ja merken und für Cheffe ist es auch nicht so leicht, mal eben einen Teilbetrag einer Tour zu stornieren. Eigentlich erlaubt das System nämlich nur das Löschen kompletter Fahrten.

Aber gut, der Tag war noch nicht zu Ende.

Gegen zwei Uhr nachts stand ich dann nämlich bei einem Kunden vor der Haustüre und stellte fest, dass ich vergessen hatte, das Taxameter überhaupt einzuschalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei solche Fails überhaupt nur in einem Monat passieren, ist schon gering. Aber an einem Tag? Wow!

Mit dem Kunden indes hatte ich riesiges Glück. Der hat mir einfach einen Betrag angeboten, der über meiner knappen Schätzung zu Beginn lag, am Ende haben wir uns aber drauf geeinigt, dass er kurz mal bei Google Maps die Fahrtstrecke eingibt und ich den Preis ausrechne. Beim aktuellen Tarif (3,90€ + 2,00€/km) geht das ja fix. Ich hab einen halben Kilometer als Ausgleich für meinen Fehler unter den Tisch fallen lassen, der Kunde hat im Gegenzug keine Überprüfung vorgenommen und mir nochmal Trinkgeld draufgepackt. Das sind so Fahrten, bei denen mir klar wird, dass es ohne all die Aasgeier auf Kollegen- und Kundenseite auch mit Laissez-Faire ganz locker laufen könnte.

Am Ende stand ich dann da und hatte ein paar Euro in der Hand, die ich jetzt einfach mal hätte einstecken können. Im Ernst. Mein Kilometerschnitt war ultrasuper in der Nacht, niemand hätte das bemerkt. Das berühmte lockere Schwarzgeld, das einem immer wieder mit den Worten „Ach, lass doch die Uhr aus!“ angeboten wird. Ich bin kein Heiliger, aber in diesem Punkt doch sehr konsequent: Ich mach das nicht.

Aber nach Aufwand war mir auch nicht. Ich hätte es ja als „Pauschalfahrt“ gesondert notieren können (wie z.B. Ferntouren nach außerhalb). Stattdessen hab ich mich an die vorherige Tour erinnert und beschlossen, das damit auszugleichen. Da das nicht wirklich gepasst hätte, hab ich kurz eine imaginäre Kurzstrecke ins Taxameter gehauen.

Ja, am Ende passt das nicht zu 100%. Ich hab immer noch drei Euro Plus bei der Sache gemacht. Aber da kommen wieder meine Chefs ins Spiel: Die dürfen jetzt nach diesem Blogeintrag bei der nächsten Abrechnung gerne die drei Euro von mir einfordern, das wäre rechtens. Das dürfen all die Hater ihnen auch gerne melden, man findet schnell raus, für wen ich arbeite. Aber zum einen würden mich die drei Euro nicht stören, zum anderen weiß ich auch, dass das Thema sofort vom Tisch wäre, wenn ich sagen würde, dass ich in den letzten paar Monaten locker einen Zehner aus eigener Tasche fürs Aussaugen des Autos ausgegeben habe. Was ich einfach mache, weil ich mir für 50 Cent niemals irgendwo umständlich eine Quittung holen würde, auch wenn diese Kosten prinzipiell natürlich nicht in meinen Aufgabenbereich fallen.

Eine Hand wäscht die andere und ein Fehler gleicht manchmal den anderen aus. So ist das Leben. Am Ende bin ich einfach froh, dass ich keine größeren Probleme hab als sowas. 🙂

Styleberatung?

„Sieht das gut aus so?“

„Äh, ja. Warum nicht?“

Und damit war sie zufrieden. Dann passte das wohl.

Ich hab jetzt halt nicht unbedingt viel Ahnung, was ich eigentlich genau bewertet hatte, denn sie hat sich für die Frage zum Abschluss der Fahrt vor die Beifahrertür gestellt und ich hab im Wesentlichen ihren Bauch gesehen, der allerdings für mein persönliches  Empfinden durchaus kleidsam zwischen Jeans und kurzes Top passte.

Wobei sie eigentlich schon fünf Minuten vorher beschlossen hatte, statt des Schminkspiegels mich zu bitten, zu bewerten, ob ihr Gesicht gut aussehe.

Oder sie glaubte, ich hätte sowieso schon alles weitere gesehen, da ihre ersten Worte nach der Zieladresse „Ich zieh mich kurz um!“ waren und sie das anschließend auch neben mir in die Tat umgesetzt hat.

Ich muss zu guter Letzt allerdings gestehen: Ich bin schon allgemein ein schlechter Berater. Das sieht man mir auch an. Aber richtig schlecht bin ich dabei, wenn – wie dieses Mal – die Person auf meiner ganz persönlichen Attraktivitätsskala schon eine 12 von 10 erreicht und sich im Vorfeld einfach mal halb auszieht.

Dass ich dann „Komplimente“ wie obiges austeile, erklärt vermutlich ganz gut, weswegen ich vor meiner heutigen Beziehung so lange Single war. 😉

Berliner, ganz klar!

Ich bin gerade auf die letzte Standposition zugerollt, da kam er von der Seite angesprintet: Ein kahlrasierter wuchtiger Typ mittleren Alters, Military-Cargo-Shorts und ein grünes Shirt, das folgendes verkündete:

„Ick ♥ Berlin“

So mittel suspekt. Für Vormitternachtsverhältnisse.

Und das war der geilste Typ des Abends. Nicht etwa ein Ostberliner Rechtsaußen-Proll, sondern ein Kopenhagener, der seit 1990 (!) regelmäßig Berlin besucht. Einfach, weil er’s mag. Der war bei der Räumung der Mainzer Straße dabei, hatte die Anfänge des Tresors mitbekommen, der dieses Wochenende das 25-jährige Bestehen feierte, war bei jeder Berliner Loveparade und konnte für jeden Stadtbezirk irgendwas nennen, was er cool fand oder – trotz all des Wandels – immer noch cool findet.

Dieses Mal nur zwei Übernachtungen, aber in zwei Wochen wären er und seine Frau dann ja auch mal wieder länger da. Auf der Oranienburger Straße ist er kurz rausgesprungen, um noch einen Kellner zu grüßen, den er seit 10 Jahren kennt.

Ich weiß, dass Touris auch eine Menge Mist verzapfen in der Stadt und auch unschöne Entwicklungen befeuern. Aber könnte man nicht irgendeinen unbürokratischen Weg finden, solche Leute zu Ehrenbürgern zu erklären? 😀

Die gute Tat …

Ich hatte mich noch kurz an den Bahnhof gestellt. Nicht den Ostbahnhof, sondern Friedrichsfelde-Ost. Nicht mit der Option, länger zu warten, sondern eher eine Kippenpause mit potenzieller Kundschaft. Und dann stand er da, etwas unsicher, ob er mich wirklich ansprechen könnte. Aber nun ja, sie hätten da diese eine, „wirklich ein bisschen arg betrunkene“ Freundin …

Was das bedeutet, war mir schon klar.

Ich hab nachgefragt, wie’s aussehen würde, ob jemand mitfahren würde, etc. pp.

„Ja, wir fahren zu dritt mit, wir passen auf, dass nix passiert!“

„Na dann …“

Ich war etwas vorschnell mit meiner Einschätzung, ich würde schon wissen, was das bedeutet. Denn die junge Dame, die die insgesamt drei Leute dann zwei Minuten später angeschleppt haben, hatte wirklich sämtliche Party-Zustände übersprungen und war bereits vollkommen im Bereich für medizinisches Personal. Sie hat das Kunststück fertig gebracht, keinerlei hilfreiche Regung beim Getragenwerden zu vollbringen, sondern allenfalls gegen die Hilfe anzukämpfen, die ihr da zuteil wurde. Und die Geräuschkulisse hat an ein Best-of einer Tierdoku erinnert, nicht aber an menschliche Kommunikation.

Das war so heftig, dass selbst ich trotz aller Druffis der letzten Jahre soooo kurz davor war, das aus Sicherheitsgründen sofort  abzubrechen und die medizinische Kavallerie anzufordern. Gelassen hab ich’s, weil sich herausstellte, dass die mitfahrende beste Freundin ausgebildete Krankenschwester war, die auch versicherte, dass sie sie zu Hause weiter betreuen und allenfalls in der stabilen Seitenlage würden schlafen lassen.

Die Fahrt an sich war stressfrei. Die anscheinend von nur drei sehr schnellen Cocktails nach langer Arbeit an einem heißen Tag und auf nüchternen Magen (wer macht sowas bitte?) Ausgeknipste fand sich angeschnallt und von zwei Freunden umklammert  mit einem von mir gereichten Tütchen vor dem Mund nur etwas sabbernd im Fond wieder, unter den Umständen hätte sich manch Profi-Kämpfer nicht mehr rühren können. Und die Fahrt war alles andere als atemberaubend weit, einmal nach Marzahn, eine Sache von ein paar Minuten.

Für mich war’s weniger Geschäft als die eine gute Tat nach ein paar wirklich tollen Touren, die Truppe selbst hatte da wohl noch einige Stunden mehr Programm. Die haben ja schon 30 Sekunden für je 10 Meter Fußweg gebraucht.

Leute, seid bitte ein bisschen vorsichtiger mit Drogen!

In dem Fall wird’s hoffentlich bei einem fiesen Kater geblieben sein, aber wer will denn bitte im Krankenhaus aufwachen nach dem Feiern?

Übergabe

Mal eben für eine nahezu 30 € Umsatz bringende Fahrt rausgewunken zu werden, ist immer schön. Noch dazu, wenn der Fahrgast nett ist und am Ende sogar das Trinkgeld stimmt. Das trifft ja selbst an gut laufenden Wochenendschichten nicht auf alle Fahrten zu.

So, und nun hat mein Fahrgast sich also verabschiedet und ist leicht angetrunken zu seinem Häuschen in einer kleinen Stadtrandsiedlung getorkelt. Ich hab die Daten der Tour kurz notiert, als plötzlich 30 Meter hinter mir eine dunkle S-Klasse heranrollt und Lichthupe gibt.

Ich wollte erst losfahren, aber als es nochmal blinkte, bin ich ausgestiegen. Ein junger Mann, groß und kräftigt, aber am Ende doch sehr nett, fragt mich, ob ich ihn gleich nach Neukölln mitnehmen könne. Er hätte nur eben seinen Chef heimgefahren und bräuchte jetzt selbst ein Taxi. Was halt so passiert.

Unnötig zu erwähnen, dass die Fahrt genauso viel brachte wie die erste und nicht weniger nett war. Manchmal hat man dann halt auch Glück.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Was mich aus dem Konzept bringt

Man gewöhnt sich an vieles im Taxi. Fünf gröhlende Jugendliche hier, ein Kotzkandidat dort, Avancen von Rentnerinnen, Belehrungen von 20-Jährigen. Gähn. Alles schon gesehen und niedergeschrieben. Glaube ich zumindest. Diese Woche hatte ich vier angetrunkene Gesellen im Auto, die eigentlich nicht so wirklich was schlimmes gemacht haben. Sie haben sich laut unterhalten, untereinander. Das dumme daran war, dass einer meinen Namen, besser noch: meinen Spitznamen trug: Sash. Genau wie von meinen Freunden auch englisch ausgesprochen.

Und das bin ich einfach nicht gewöhnt. Das letzte Mal, dass da was nahe rankam, das war während der Oberstufe vor nunmehr 15 Jahren, als einer meiner Mitschüler Serge (französische Aussprache) hieß.

Ich hab mich im Laufe der Fahrt bestimmt fünfmal versehentlich umgedreht, weil ich dachte, es ging um irgendwas an mich gerichtetes. Entweder ich brauch mehr Training oder bin für solche Fahrten nicht gemacht.