Blair

„So, what’s your name again?“

„Blair. Like Tony Blair. Blair. That’s my first name.“

„I’m really sorry, I never heard that before!“

„Noone has. I hate my mom.“

Ein gut gelaunter Schotte mit leichten Komplexen wegen seines Namens also. Warum nicht? Nicht einmal zwei Uhr war es, als ich ihn am Berghain eingeladen hab. Und er war sogar drin gewesen, nichts mit nicht reingekommen. Er war einfach nur müde. Wenigstens hatte er am Tag zuvor bis 5 Uhr gefeiert. Sonst hätte ich ihn vielleicht einfach zurückgefahren, damit er Berlin mal wirklich kennenlernt, so ein bisschen Verantwortungsgefühl hab ich dann ja auch … 😉

Aber nein, Blair war absolut begeistert. Das erste Mal in Berlin, völlig überwältigt und in Partystimmung. Außerdem glaube ich, dass er mich anbaggern wollte. Er hat jedenfalls die ganze Fahrt mit mir gequasselt und war am Ende recht perplex, weil wir schon vor seinem Hotel standen:

„Wow! That was fast! And cheap! Holy shit!“

„That’s what we’re here for, mate. And you’ve seen it: 9,40 € …“

„No way, man! Here’s 15. Buy yourself a beer or two!“

Mach ich dann Sonntag oder Montag. Versprochen! 🙂

 

Falsch, falsch, falsch!

Lustige Gesellen hatte ich mir da ins Auto geladen: Ein Vierertrupp, vermutlich Belgier. Ihr Deutsch war gut, man hat halt einen sehr starken Akzent bemerkt. Der Altersschnitt dürfte irgendwas um die 45 betragen haben, der Promillepegel lag glücklicherweise darunter. Ausgelassene Stimmung unter erfahrenen Berlin-Besuchern, eine feine Sache.

Sie wollten zu einem der Hotels an der U-Bahn-Station Güntzelstraße. Hmm, ja, da war was. Schon eine Weile her, dass ich in der Ecke bewusst war, vor allem aber hab ich die U-Bahnen noch weniger im Gedächtnis wie die Straßen. Aber dann fiel mir wieder ein, dass das an der Bundesallee liegen müsste.

Der ein oder andere erwartet vielleicht Wunderdinge von uns, tatsächlich hat man auch mal Lücken im Stadtplan, erschreckend große – selbst wenn das Ziel wie hier nicht weit draußen liegt. Ein schlechtes Gewissen hab ich da nicht, mich quatschen am Ostbahnhof auch regelmäßig Kollegen an und fragen nach dem Berghain oder dem Fritz-Club. Man weiß noch etwa, wo das war, aber bei den letzten 500 Metern guckt man lieber nochmal …
Ich bin das Risiko eingegangen und hab mal grob in die Richtung gezielt. Hab kurz vor dem Ziel dann Güntzelstraße/Bundesallee als Ecke ins Navi eingegeben. Denn irgendwo konnte man da doch … es meldeten sich Erinnerungsfetzen aus der Ortskundeprüfung:

„Krrz … Prager Platz … krrrrz … Prinz…krrrz“

Winzige, an sich unbedeutende Abkürzung, aber wenn schon, dann richtig! Ich folgte meinem Navi, als ein Räuspern vom Beifahrersitz kam. Der weiße Schnauzbart unter den tiefen Augenringen meines Fahrgastes schmatzte irgendwas.

„Alles ok?“

„Ja, ist der falsche Weg, aber ok.“

Für derartige Gelassenheit bin ich eigentlich ja dankbar, aber ich war in dem Moment selbst verdammt unsicher. Ich hatte die zwei Minuten davor schon überlegt, ob die Güntzel- nicht doch bis zur Martin-Luther durchgeht und dort die Haltestelle ist …
Das ist natürlich Blödsinn und mit etwas mehr Ahnung vom U-Bahn-Netz hätte ich das auch gewusst. Aber ich fahr ungefähr zweimal im Jahr U-Bahn, und meist nur mit der U1. In dem Kiez dort hab ich vor Ewigkeiten das letzte Mal Leute abgesetz, vielleicht war es sogar mein Ausflug mit Jo damals (das Foto ist am Bayerischen Platz aufgenommen, Jo hat aber seinen Artikel leider nicht mehr online), bei dem ich letztmals dort im Viertel war. Also WTF?

Ich hab mich irgendwie überreden lassen, umzukehren. Was Unsinn war. Am Ende der Barbarossastraße stand ich auf der Martin-Luther und wusste, dass ich falsch bin. Falsch. Falsch, falsch, falsch!

Die Uhr hatte ich peinlichkeitshalber schon ausgemacht und ich hab mir meine gute Laune bewahrt. Obwohl ich mich geärgert habe. Furchtbar. Zum einen darüber, dass ich mir unsicher war. Sonst hole ich bei so viel Unsicherheit immer gleich noch mehr Infos ein. Zum anderen aber darüber, dass meine Fahrgäste es total witzig fanden, dass ich mich verfahren habe – ohne ihre Bitte, umzukehren, wäre ich auf dem kürzesten Weg an ihrem Ziel gelandet.

Im Nachhinein war es spitze: Die Kundschaft war ausgelassen, hab großzügiges Trinkgeld und es wird allenfalls irgendwo in Belgien oder so eine kleine Anekdote über einen verpeilten Taxifahrer geben. Viel besser als miese Laune, kein Trinkgeld und die herkömmlichen Arschlochlegenden. Wenn ich jetzt bloß noch wüsste, wie ich verhindern kann, mich so beeinflussen und dann vom Ergebnis runterziehen zu lassen …

Hier noch eine Karte vom letzten Wegabschnitt für die Nicht-Kollegen unter Euch:


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„Wir könnten auch …“

Ja, wir hätten auch schneller da sein können. Und billiger. Aber dazu müsste man eben erst einmal eine grobe Ahnung vom Stadtplan haben. Trotz Sperrung der Adalbertrstraße kurz vor dem Kotti: Da wäre was machbar gewesen. Nach der Umhergurkerei hab ich aber gerne entgegengenommen, was meine Beifahrerin gesagt hat:

„Pssst, ich mach das doch mit Absicht, damit Sie auch was ‚von haben!“

 

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Wochenende

Zunächst einmal herzlich willkommen am vermutlich heißesten Tag des Jahres 2013 in Berlin!

Obwohl es gerade einmal kurz nach sieben Uhr ist, schwitze ich bereits, und das wird sich voraussichtlich nicht mehr ändern heute. Ob ich überhaupt schlafen kann bei dem Wetter, bleibt abzuwarten. Des Wetters wegen alleine hab ich schon lange rumüberlegt, ob ich heute arbeiten soll, am Ende hat es doch meine kleine 1925 für mich entschieden. Die war die ganze Woche nicht völlig fehlerfrei unterwegs. Auch wenn es letztlich nur das Quietschen war, das blieb: Jetzt bleibt die Kiste stehen, bis ich sie am Montag wieder zu unserem Schrauber bringen werde!

Ich selbst bin manchmal ein wenig überkritisch, was Fahrzeuggeräusche angeht. Kein Wunder, schließlich weiß ich nach einer sechsstelligen Anzahl an Kilometern ja, wie die 1925 „normal“ klingt. Aber als sich heute morgen um kurz vor halb sechs meine letzte Kundin mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zuhielt, als ich neben ihr bremste, stand für mich fest, dass hier Schluss ist. Für die Schicht war es das ohnehin, aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich gleich kommen werde. Heute ist also Ruhetag, was mir ehrlich gesagt auch gut passt. Immerhin bin ich diese Woche schon am Mittwoch das erste Mal ausgerückt, noch dazu mit extra frühem Aufstehen. Wenn man bedenkt, dass ich das nur noch als 50%-Job mache, sollte das ohnehin genug sein. Vom Wetter mal ganz zu schweigen.

Aber gut, die heutige Schicht.

Lief bombig. Nicht rekordverdächtig, aber ich war immer froh um eine Zigarettenpause, bzw. darüber, überhaupt mal das nassgeschwitzte Hemd vom ledernen Fahrersitz lösen zu können. Da ich derzeit wegen meines zeit.de-Interviews viele neue Leser habe, will ich auch kurz anmerken, was „gut“, bzw. „bombig“ hier in Berlin im Taxigewerbe heißt:

Ich hab in 8 Stunden ziemlich genau 200 € Umsatz gemacht. Ein Rekord wäre es gewesen, wenn ich weniger als fünfeinhalb Stunden dafür gebraucht hätte. Auf der anderen Seite hab ich am Freitagabend 8 Stunden für nicht einmal 110 € Umsatz runtergerissen. Und wer jetzt neidisch guckt, sollte sich vor Augen halten, dass Umsatz nicht gleich Verdienst ist. Mein Verdienst liegt am Ende bei rund 50% der oben genannten Zahlen – Trinkgeld schon eingerechnet.

Natürlich hätte es heute – wie immer – auch besser laufen können. Bestes Beispiel war mein eigentlich letzter geplanter Stopp am Ostbahnhof: Ich wurde gefragt, ob mein Auto ein Großraumtaxi sei, was ich bejahte. Dann aber musste ich verneinen bei der Frage, ob ich das bestellte wäre. Wie so oft fragte die potenzielle Kundschaft dann, ob ich sie nicht fahren könnte. Hätte ich machen können, wäre nur unfair dem wohl gerade auf dem Weg befindlichen Kollegen gegenüber. Also hab ich die Truppe vertröstet und in Aussicht gestellt, dass der Kollege sicher gleich kommt. Man ist ja kein Arschloch.
Aber ich hab auch gesagt, dass ich vorraussichtlich ja noch ein paar Minuten da bin, falls er wirklich nicht auftauchen sollte.
Dann kam das Fiese: Mein Gegenüber wollte von mir wissen, was es nach Dallgow-Döberitz kosten würde. Zwar nicht meine Richtung, aber eine verdammt lohnenswerte Umlandfahrt! Sicher um die 40 € …
Ein bisschen hoffen, dass der Kollege nicht kommt, wollte ich noch – da hatte ich dann aber schon andere Kundschaft. Ein sehr sehr liebenswerter Kerl, sicher 15 Jahre älter als ich, für sein Alter aber drei Hausnummern zu cool. Wir hatten ein glänzendes Gespräch, die Tour hat sehr viel Spaß gemacht – leider ging sie eben nur für 6,20 € zum Frankfurter Tor. Dort hab ich umgehend Kehrt gemacht und bin zum Bahnhof zurück. Aber die Jungs waren natürlich schon weg …

So kann es dann halt auch gehen am Ende einer guten Schicht. 🙁

Lost

„I, I … I somehow got lost.“

„No Problem. That’s what we’re here for. Where should you be right now?“

„Ähm, here, at the Wasrafer Plas.“

Da er an der Station „Warschauer Straße“ ausgestiegen ist, zum „Warschauer Platz“ musste, und ich ihn fast Ecke Kopernikus aufgegriffen habe, kann man ihm durchaus ein wenig Verlorenheit unterstellen. Einfach mal einen Kilometer in die komplett entgegengesetzte Richtung gelaufen ist der junge Mann. Mit schwerem Gepäck. Aber wie ich ihm auch gesagt habe: Dafür sind wir ja da …

Mit einmal ihm zuliebe illegal abbiegen waren das genau 5 €. Ich würde sagen: ein fairer Preis. Und sobald er gelernt hat, wie man das hier üblicherweise mit dem Trinkgeld hält, fahre ich auch freiwillig eine Kurzstrecke ohne Nachfrage. 😉

Der klassische Fall …

Ich hatte eigentlich das Glück im Unglück schon gehabt. Den ganzen Abend dumm in der Gegend rumgestanden und Däumchen gedreht – und danach ging es nach einer Fahrt Schlag auf Schlag. Vier Touren ohne zwischendrin länger anzuhalten, als nötig gewesen wäre, um die Passagiere aus- und einzuladen.

Gut, außer mit Jo. Mit dem hab ich wie immer noch eine Kippe vor der Haustüre geraucht.

Irgendwann ist aber der beste Run vorbei. Und obwohl ich mir gestern keine hohen Ziele gesteckt hatte, wollte ich doch zumindest noch einen Zehner näher an das ranrücken, was noch so halbwegs in Planung war – also umsatzmäßig jetzt.

Nach viel gedanklichem Hin- und Her hab ich mich entschieden, mich nicht vor’m Ostbahnhof, sondern vor’m Kater Holzig, bzw. dem Lichtpark anzustellen. Ersterer war zwar geschlossen, aber zum einen hätte diese Tatsache feierwütige Angereiste ins Taxi locken können, zum anderen wusste ich von Jo, dass im Lichtpark noch was los war. Also hab ich mich in die Schlange gestellt, mal Twitter gecheckt und gewartet.

Nix hat sich bewegt. Die Schlange kam nicht voran und auch auf der Straße schienen nur freie Kollegen rumzufahren. Also hab ich die Flinte ins Korn geworfen und auf den Zehner geschissen. Als ich Marzahn bereits rund einen Kilometer näher war, kam jemand über die Kreuzung gesprintet, an der ich stand. Alle nonverbale Kommunikation half nichts, der Mann schlich sich bedächtig an mein Taxi und stellte die wichtigste aller Fragen:

„Sind Sie frei?“

Nachdem wir diesen komplexen Sachverhalt erörtert hatten, stieg er ein und wollte „zum Mehringdamm nach Schöneberg“. Obwohl es vollkommen entgegengesetzt meiner Richtung war, war ich froh über die finanziell genau passende Fahrt und belehrte ihn nicht, dass der Mehringdamm nicht in Schöneberg, sondern in Kreuzberg liegt. Seine Verwechslung wurde für mich noch lustiger dadurch, dass ich von uns beiden der einzige Zugewanderte war und er gerade nach Hause fuhr. Aber sei es drum, immerhin war er auch keiner der Idioten, der es schlimm fand, dass ich aus Stuttgart komme. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Regeln und Wahrnehmungen

Ich fand’s eigentlich nur lustig gestern Abend. Ich stehe am Ostbahnhof, zweite Position in der Schlange. Dann kommt ein Kollege angefahren und stellt sich mit ausgeschalteter Fackel ein Stück vor den ersten Wagen an die Bushaltestelle. Wir anwesenden Fahrer gucken kurz auf, allerdings ist das jetzt kein allzu großes Ereignis. Da halten immer wieder besetzte Wagen, um Kundschaft abzuladen, manche stellen sich da hin, um einen bestellten Fahrgast abzuholen, oder – und das tat obiger Kollege offenbar – um mal kurz auf einen Burger oder eine Sitzung auf der Toilette beim McDonald’s reinzuspringen.

Gut, dafür ist der Platz jetzt nicht supi, aber er liegt halt direkt an der Türe, ne? 😉

Bald darauf, der Kollege war noch im Gebäude, kam ein Zug an. Und mit ihm reichlich Kundschaft.

Nun gibt es ja Regeln im Taxigewerbe. Ganz offensichtlich werden sie alle für ähnlich unwichtig empfunden. Besagter Kollege verstieß im weitesten Sinne (eigentlich stand er ja schon an der Bushaltestelle) gegen §4 der Taxiordnung, wo es unter (1) heißt:

„Auf einem Taxenstandplatz oder einem als „Nachrückbereich“ ausgewiesenen Taxenstandplatz dürfen nur dienstbereite Taxen stehen. […]“

Die Kunden hingegen kannten wie so viele nicht den zweiten Punkt von §4 TaxO:

„Den Fahrgästen steht die Wahl der Taxe frei.“

Und nun? Sammelte sich eine Traube potenzieller Kundschaft um das leere Auto des Kollegen, der wahrscheinlich nur mal schnell seine Blase entleeren wollte und alle quasselten durcheinander. Besonders schön fand ich folgendes Kleinod, dem Kollegen auf Position 1 entgegengebracht:

„Wat is dat denn? Will dat nich‘ fahr’n?“

Nee, das leere Auto will wirklich nicht fahren. 🙂

Der Spuk war freilich schnell beendet, auch ich konnte mit einem holländischen Ehepaar umgehend eine Tour antreten. Aber es blieb ein bisschen die Erkenntnis, dass in manchen Situationen manche Regeln doch auch ganz ok sein können …