Ortskundefragen

Gleich vorweg: Ja, die Bornitzstraße könnte man kennen. Eine nicht kleine Straße in Lichtenberg. Aber leider auch eine völlig unbedeutende, so lange man nicht wegen Stau ausweichen oder direkt in jene Straße fahren muss. Der Alternativrouten sind gar viele …

„Oh, da haben Sie mich erwischt. Bei der Straße bin ich unsicher.“

„Na, Rathaus Lichtenberg! (mir bekannt) Loeperplatz! (mir bekannt)

„Und, wo kommen Sie her, wenn Sie sich in Berlin nicht auskennen?“

DA hab sogar ich ein bisschen schlucken müssen. Es war sicher nicht besonders böse gemeint und zudem liegt die Straße in einem Gebiet, das ich halbwegs zu kennen glaube, ich hatte also genug Gründe, eher an mir als an der Kundschaft zu zweifeln. Aber bitte: Ich hätte auch aus Charlottenburg kommen können oder erst seit gestern Taxifahrer sein. Ich bilde mir wirklich nichts auf meine Ortskenntnis ein, aber: EINE Straße in Berlin nicht kennen bedeutet eben einfach mal überhaupt nix.

 

Silvester 2014

Wie die meisten erahnt haben werden, hab ich mich auch dieses Jahr wieder in der Silvesternacht auf die Straße geworfen. Natürlich vollkommen uneigennützig, um netten Menschen nach Hause zu helfen. Mit dem guten Verdienst hat das natürlich nix zu tun. 😉

Wie üblich bin ich erst um 1 Uhr am Neujahrsmorgen auf die Straße und hab sogar recht früh – um 7:30 Uhr – wieder Feierabend gemacht. Das war mehr einem örtlichen Zufall geschuldet, ich wäre auch in den letzten Jahren von Kaulsdorf aus Richtung Heimat gefahren um die Zeit. Und es hat nunmal keiner mehr gewunken.

Und, wie war’s?

Wie absolut jedes Jahr. Umsatzstark, größtenteils gut, in Teilen extrem stressig – am Ende halt so mittel. So langsam fange ich sogar an, die Kollegen zu verstehen, die Silvester nicht mehr fahren. Nicht, dass ich das schon bald vorhabe, aber irgendwie isses letztlich eine Schicht in der man zweimal so gut verdient wie sonst, die aber dafür auch zweimal so stressig ist. Das Fazit ist so schwer nicht auszurechnen. 🙂

286 € Umsatz in 6,5 Stunden ist natürlich prima. Am Ende hatte ich aber eigentlich gehofft, die 300 zu knacken. Wie üblich waren die Fahrten für meinen persönlichen Geschmack zu lang – wobei das dieses Jahr schon wieder Glück gewesen sein könnte. Denn was hatte ich für eine Silvesterschicht Leerfahrten! Um 5:30 Uhr bin ich sage und schreibe von Falkensee leer bis zur Leipziger Straße/Wilhelmstraße gefahren. Das sind 19,3 km mit angeschalteter Fackel im Stadtgebiet. Aber über den Umsatz an Silvester jammern, wäre schon arg vermessen. Es hat immer noch aufs Doppelte des in dieser Schicht für mich erstmalig geltenden Mindestlohns gereicht.

Der Mindestlohn war natürlich auch Thema im Taxi, ebenso – auf sehr erwähnenswerte Art – Uber. Darüber hinaus natürlich viel „Frohes Neues!“ und eine Menge Dank dafür, dass ich in der Nacht nicht wie alle anderen am Feiern war. So muss das!

Außerdem hab ich Silvester völlig ohne Backup-Navi runtergerockt. Natürlich hab ich hier und da mal auf die Tracker-App geschielt, aber im Wesentlichen hat’s gut geklappt. Am Ende wollten doch fast alle heim und wussten noch, wo das ist. Und in den besonders absurden Fällen wusste ich es dann, manchmal ist Ortskunde schon unheimlich.

Das Auto nach einer 200-km-Schicht gestern dann bei Tageslicht zu sehen, war nicht so erfreulich – aber ich denke, ich hab’s den Kollegen angemessen geputzt zurückgebracht. Nun hab ich wieder meine inzwischen übliche 2925 und das Jahr 2015 kann richtig starten. Die letzte Nacht haben mich heftigste Müdigkeitsnachwehen der letzten Tage von einer richtig vollen Schicht abgehalten, aber ab heute Abend geht alles wieder seinen Gang. So toll Silvester auch ist, back to normal hat auch was …

Taxifahren an Silvester

Die langjährigen Leser werden auf das Revival dieses Textes so sehr gewartet haben wie auf die Best-of-CD von Scooter, den neuen bringe ich hiermit das näher, was einfach gesagt werden muss, wenn Silvester bevorsteht:

Stellt Euch darauf ein, dass es schwer bis unmöglich wird, an Silvester ein Taxi zu bekommen und bleibt trotzdem gelassen!

Damit ist das wichtigste gesagt. Wer alles weitere als lockere Liste haben will, dem sei dieser Text aus dem Vorjahr empfohlen: 10 Tipps zum Taxifahren an Silvester. (ihr dürft das gerne wieder in den Social Networks teilen – wie auch diesen Artikel hier)

Nun aber in der langen Version:

Wie sich die meisten sicher denken können, ist Silvester für uns die lohnendste Schicht. Das ganze Land feiert, fast jeder trinkt – und am Ende müssen alle zu besonders später Stunde und bei kaltem Wetter heim. Das ist natürlich großartig für Taxifahrer, andererseits sind die Ausmaße an Silvester einfach so gigantisch, dass wir schlicht nicht alle Kunden befördern können. Obwohl wir die meiste Zeit des Jahres ewig rumstehen und auf Kunden warten, also in mehr als ausreichender Zahl existieren, wird es an Silvester eng. Das Problem lässt sich auch nicht einfach lösen, denn wo sollen plötzlich mehr Autos und Fahrer herkommen? Für eine einzelne Schicht wohlbemerkt.
Der effizienteste Weg für uns (und die Kunden) ist damit, dass wir einfach alle Kunden aufsammeln, die uns über den Weg laufen und sie schnell heimbringen, dort die nächsten einladen usw. usf. Damit sind fast alle Taxis fast immer besetzt, besser kann man es nicht machen. Was aber dennoch heißen kann, dass man als einzelner Kunde ewig warten muss oder gar kein Taxi bekommt. Das ist natürlich immer blöd in dem Moment (und ich kriege jedes Jahr erboste Hinweise, was für eine Frechheit das doch ist), aber über den eigenen Tellerrand schauend sollte jeder sehen, dass es insgesamt unsinnig wäre, ewig leer zu den Kunden hinzufahren, obwohl unterwegs genügend andere Leute warten und man in derselben Zeit eigentlich doppelt so viele Fahrgäste transportieren hätte können.

Deswegen ist es an Silvester soweit ich weiß überall unmöglich, sich ein Taxi zu bestellen oder gar vorzubestellen. MyTaxi zum Beispiel hat gestern schon eine entsprechende Rundmail rausgeschickt.

Für alle, die keine Möglichkeit haben, mit einem Privatauto (mit nüchternem Fahrer bitte!) oder Bus und Bahn heimzukommen, empfehlen sich also Geduld, warme Klamotten und Wegzehrung für den Fall, dass man kein Glück hat.

Darüber hinaus bringt es überhaupt nichts, zu versuchen, sich vorzudrängeln oder sich gar ums Taxi zu streiten. Ich kenne keinen Taxifahrer, der sich in so einem Fall nicht für die anderen Kunden entscheiden würde. Und auch wenn man persönlich Pech hatte: Bitte lasst das am Ende nicht an dem Fahrer aus, der Euch dann mitnimmt! Wir, die wir auf der Straße sind, wenn alle anderen feiern und uns den ganzen Stress mit streitenden Kunden, Feuerwerk und Glasscherben auf der Straße geben, sind die, die am allerwenigsten dafür können, wenn es bei Euch länger dauert. Schiebt Frust wegen der zu dünnen Fahrpläne der Bahnen, ärgert Euch darüber, dass Ihr zu blau zum Autofahren seid oder dass eure Eltern in so eine blöde Wohngegend gezogen sind. Wir paar Taxifahrer auf der Straße sind die, die all das ausbügeln und ich glaube, ich spreche für alle Kollegen, wenn ich sage, dass wir an dem stressigen Tag trotz 25 € Stundenlohn (die Zahl ist halbwegs realistisch als Maximum) nicht auch noch Lust haben, uns anzuhören, dass wir an der Misere schuld seien.

Im Gegensatz zur privaten Konkurrenz können wir in dieser Ausnahmesituation nicht einmal unsere Preise erhöhen, sondern fahren zuverlässig zu dem Tarif, der auch für die Fahrt am vorletzten Montag gültig war.

Bitte bedenkt das, wenn es Euch selbst gerade nervt: Wir haben es in der Nacht auch nicht leicht, obwohl unser Umsatz gut ist!

Ich schreibe das wie jedes Jahr aber nicht, um Euch vom Taxifahren abzuhalten. Mitnichten! Über verständnisvolle Kundschaft freuen wir Taxifahrer uns an Silvester mehr noch als an anderen Tagen – und unsere Umsätze sind auch nur deshalb so ein guter Ausgleich für den Stress, weil so viele Leute ein Taxi brauchen. Am Ende wird das schon irgendwie. Mit ein bisschen Warten oder umdisponieren kommen am Ende wie jedes Jahr doch alle nach Hause und wir Taxifahrer hatten auch eine gute Schicht. Es wird halt alles nochmal besser, wenn alle ein wenig mitdenken und Verständnis haben.

So gesehen bleibt also alles beim alten: Ihr feiert schön und am Besten ohne Gefahr zu laufen, Brocken zu lachen – und wir Taxifahrer schmeißen uns in unsere Kisten und bringen Euch schnell und sicher heim. Und mit ein wenig gegenseitiger Unterstützung habt Ihr den besten Tag und wir zumindest den besten Arbeitstag des Jahres.

Deal? 🙂

PS:

Für alle, die gerne vergleichen wollen: Hier ist der entsprechende Text aus dem Vorjahr (mit Links zu anderen Silvester-Texten der Jahre davor).

Unpassendste Tour (oder so)

Meine Stunden waren gezählt. Der Tag war voller Arbeit, das Müdigkeitskonto trotz Coffees voll. Und es waren auch nur noch 10 €, die mich vom absolut perfekten und eher nur scherzeshalber anvisierten Optimalziel trennten. Ich kreuzte auf dem Heimweg noch einmal den Boxhagener Kiez, da könnte ja immer was kommen. Und so war es. Winker, hallo, wo soll’s hingehen? (Vielleicht ja in die Nähe meines Zuhauses?)

„Erst einmal zur Yorckstraße …“

Damn! Runde 7 km in die falsche Richtung!

„dann müssen wir an einem McDonald’s halten …“

Ui. Kein Plan, wo einer in der Nähe liegt. Und 10 Minuten extra sind das locker …

„und am Ende müssen wir nach Siemensstadt.“

Juhu! Ganze 20 km (wenn’s reicht!) von der Heimat entfernt!

Auf der anderen Seite muss man halt mal anmerken, dass man selten 30€-Touren so auf dem Silbertablett serviert bekommt. Und nette und unproblematische Kundschaft war’s noch dazu. 🙂

Zusammengewürfelt

„Würden Sie mich bis in den Grunewald fahren und ihn vorher am Potsdamer Platz rauslassen. Also erst Potsdamer Platz, dann Grunewald?“

„Sicher, kein Problem.“

Isses ja tatsächlich nicht mal im Mindesten. Liegt sogar ziemlich auf dem Weg, wenn man wie wir in dem Fall vom Alex aus startet. Die beiden haben sich gleich dem Gespräch untereinander gewidmet und ich hab vorerst gar nicht hingehört. Etwas irritiert war ich, als irgendwann folgender Satz fiel:

„Du bist lustig, wie heißt Du denn?“

Also dass sich Leute jetzt nicht sooo gut kennen … ok. Aber dann haben sie sich gegenseitig ihre Namen vorbuchstabiert, was witzig war, weil sie beide ziemlich ungewöhnlich waren. Also zumindest für zwei angeschickerte deutschsprachige Mittzwanziger, die man zufällig in Berlin aufgabelt. Und dann haben sie sich erzählt, was sie den Abend über gemacht haben.

Nachdem der junge Mann dann ausgestiegen war und die Frau das Fahrtziel um 180° von Grunewald auf Prenzl’berg geändert hatte, hab ich dann mal nachgefragt:

„Und den Typen, den kannten sie vorher gar nicht?“

„Nee.“

„Wo haben Sie sich denn getroffen?“

„Na, als wir Sie rangewunken haben. Das fanden wir beide so witzig, wie wir da gleichzeitig … da sind wir einfach beide eingestiegen.“

Ähm, na gut. Random-Taxi-Sharing, hat natürlich auch was. Und ist ja auch schön, dass sie sich verstanden haben. Und ich denke ein wenig amüsiert darüber nach, dass, hätte sie gewartet und 5 Minuten später erst ein Taxi – dann gleich Richtung Prenzl’berg – bekommen hätte, ich deutlich weniger Umsatz gehabt hätte und sie trotzdem beide das etwa gleiche hätten zahlen müssen. 🙂


PS: Im Vornherein bin ich bei zusammengewürfelten Fahrten immer etwas skeptisch. Am Ende packt man sich wie mit Osama und Lisa (ff) noch ein kleines Halbdrama mitten in die glückliche Tour …

Schichtrettung mal wieder

Die Nacht fing langsam an, es tröpfelten nur ein paar kurze Touren herein. Schlimmer noch: Das Trinkgeld war unterirdisch. Keine 50 Cent pro Tour. Und ich kann’s gerade echt gebrauchen.

Zuerst lief das mit den Touren an. Eine lange Tour nach Tempelhof, Winker nach Charlottenburg, ein weiterer auf dem Weg zurück Richtung Osten … aber das Trinkgeld war immer noch mau. Dann eine lange Tour mit netter Unterhaltung, der geplante Umsatz war fast eingefahren. Aber immer noch hatte ich bei 10 Touren und 116 € Umsatz kaum 5 € Trinkgeld zusammen. Die nette Tour hatte diesbezüglich nur 40 Cent abgeworfen. 🙁

Dann noch ein verstrahlter Weihnachtsfeierer.

„Bringst mich nach Pankow?“

„Klar.“

„Was macht das?“

„Boah, hast mich erwischt: Kann ich gerade schlecht einschätzen …“

„Na, ich geb‘ dir’n Zwanni, ok?“

„So teuer wird es nicht werden!“

„Egal, kriegst’n Zwanni!“

Und er hat Wort gehalten. Dabei standen trotz ziemlichen Umwegs (seiner und meiner Verpreilung gleichermaßen geschuldet) am Ende gerade einmal 10,80 € auf der Uhr.

„Ich geb‘ gern Trinkgeld.“

hat er beim Aussteigen gesagt. Und ich konnte nicht lügen:

„Naja, ich nehm’s auch gerne an.“

🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Ortskunde bei Fahrgästen

Zwei Touren heute:

Tour 1: Ostbahnhof bis S-Bahnhof Hohenschönhausen.

„Bitte bring mich da irgendwie hin, ich wohn‘ erst seit kurzem in Berlin, da in Hohenschönhausen – und ich hab keinen Plan, wie ich da hinkomme und wo ich hier überhaupt bin.“

Tour 2: S-Bahnhof Hohenschönhausen bis Osloer Straße im Wedding.

„Wenn wir da sind, kann ich dir zeigen, wo ich genau hin will, aber ich hab keine Ahnung, wo ich gerade bin und in welche Richtung ich muss!“

Ich hab an meiner Ortskunde zweifelsohne noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte zu feilen. Unter den Taxifahrern steche ich sicher nicht heraus, da will ich nicht angeben oder irgendwelche Lügen erzählen. Ich hab mich neulich erst wieder verfahren und demütig die Uhr ausgemacht, als ich es gemerkt hab – aber auch ohne das würde ich mich nicht einreihen wollen in die Riege von Vollidioten, die sich selbst Unfehlbarkeit attestieren. Aber gegenüber den Fahrgästen merkt man dann doch sehr schnell, was man mit dem Lernen auf die Ortskundeprüfung tatsächlich für eine Qualifikation erworben hat. Das jetzt – mit so bekannten Zielen – ist da sogar ein schlechtes Beispiel, aber es war so auffällig bei zwei direkt aufeinander folgenden Touren.