Der Taxifahrer, der „ja keine Ahnung“ hatte.

Das mit der Ortskunde macht Spaß. Auch wenn sie einem gerade mal abgeht. Zumindest, wenn man es sportlich sieht.

Ich hatte eine Winkerin in Friedrichshain. Fahrtziel: eine Straße im Wedding, keine sehr große. Ich hab mein Hirn durchgeknetet und mir ist nicht annähernd etwas zum Ziel eingefallen. Aber gut, erst einmal geht’s Richtung Wedding ja geradeaus. Dann trat die Kundin auf den Plan:

„Ist die Chausseestraße noch gesperrt?“

„Ich glaube schon. Ich fahre derzeit immer die Gartenstraße als Umfahrung …“

„Oh, das ist ja super!“

Bingo.

„Und dann könnten wir in die Fennstraße und dann …“

„[Aha, in der Ecke also …] Jaja, so hatte ich das vor.

Soweit fuhr es sich ganz gut. In der Fennstraße dann:

„Jetzt eigentlich nur noch die nächste rechts …“

„Keine Sorge, ich war schon auf der Bremse.“

„Gut, dann lassen Sie mich an der dritten Ecke raus, ok?“

„Ach, schon an der Ecke?“

„Ja, das reicht.“

„Meinetwegen gerne.“

„Ach, ist das schön. Letztes Mal hatte ich einen Taxifahrer, der gar keine Ahnung hatte, wo er hinfahren sollte.“

„Naja, ich war jetzt ja auch …“

„Aber der hatte wirklich GAR keine Ahnung!“

Ach so. Ja, das ist ja dann auch was völlig anderes. Und selbstverständlich nehme ich die 3 € Trinkgeld gerne an … 😉

Ja, auch wir Taxifahrer kochen nur mit Wasser, sorry.

Wären alle Touren so, würde ich hinschmeißen (3)

Nun waren wir also auf dem Weg nach Spandau. Darüber gab es immerhin keine Diskussion. Es hat sogar für das ein oder andere nette Gespräch gereicht – und dass ich die Uhr ausmachen solle, hat auch niemand mehr verlangt. Und das, obwohl sich der Preis durch die Eskapaden bisher natürlich deutlich erhöhte.

„O Gott, mir bekommt das Hintensitzen gar nicht! Mir ist so schlecht! Aber keine Sorge, ich kotz‘ nicht!“

Wie oft ich das im Laufe der Zeit gehört habe, weiß ich nicht mehr. Man darf bei einer Tour wie dieser ja auch nicht vergessen, dass sie ihre Zeit braucht. Nach insgesamt über einer halben Stunde hatten wir dann auch ausführlichst erörtert, dass meine Sitze nicht geeignet wären, um mal eben draufzupinkeln. Denn auch die Blase drückte bei zwei Mitreisenden bereits gewaltig. Aber nein, anhalten musste ich dafür ebensowenig wie für die Dame, der vom Hintensitzen schlecht war. Obwohl sie einfach auf den Beifahrersitz hätte wechseln können.

Die Zeit eilte also vorbei und als wir am Bahnhof Spandau waren, hatte ich die Truppe satte 40 Minuten im Auto. Bis zu ihrem Ziel war es nicht mehr weit, aber bei über 38 € fing die Dame hinten in der Mitte an zu sagen, dass sie nicht mehr sicher wüsste, ob sie nicht doch kotzen müsse.

„Ach, wir sind doch gleich da!“,

warf einer der Begleiter immer wieder ein, während mir das nicht mehr geheuer war. Am Ende stoppten wir 500 Meter vor dem Ziel und gleich drei Fahrgäste entledigten sich außerhalb des Taxis ihrer Körperflüssigkeiten. Zwei stellten sich pinkelnd an einen Verteilerkasten und Madame Miristsoschlecht kotzte mit beeindruckendem Strahl vor eine Bankfiliale. Wie bei allem im Leben gilt wohl auch bei Taxifahrten, dass man genau wissen sollte, wann Schluss ist. Und – bei allem Gezeter – immerhin das wussten sie alle. Ich hab die 39,10 € „großzügig“ auf 40 € aufgerundet bekommen und war am Ende gleichermaßen einfach nur froh, dass es vorbei war, als auch, dass ich die Tour bekommen hatte. So isses halt manchmal.

Wären alle Touren so, würde ich hinschmeißen (2)

„Doch, Oranienstraße! Haben wir gesagt!“

„Nein, Ihr habt Oranienburger Straße gesagt und das ist ein Unterschied!“

„Ach was, niemand hat das ge- …“

„Ach!? Und dass Oranienburger dann der Straßenstrich ist? Also hier …“

Umwege mögen mir ja Geld bringen – aber meine Lust, jetzt einzugestehen, dass das mein Fehler gewesen sei, hielt sich doch in sehr engen Grenzen.

„Ist das denn jetzt sehr schlimm?“

„Sagen wir es mal so: Wir kommen ungefähr von dort!“

Es war tatsächlich der dümmstmögliche Umweg seit langem. Wir hatten da schon 11 € auf der Uhr, obwohl wir für 7 € hätten da sein können. Und ein paar Kilometer Rückweg standen uns auch noch bevor. Das aber war nicht das Problem. Ich hab klargestellt, dass ich für den Mist nun wirklich nichts könne und sie haben es akzeptiert. Nur der Kerl vorne wollte jetzt lieber heim, da er eh am Hackeschen Markt im Hotel untergebracht war. Darüber entspann sich eine gruppendynamische Diskussion, die ihresgleichen sucht. Erst wollte er einfach aussteigen, dann sagten die anderen, dass das scheiße wäre. Dann wollte er ihnen zuliebe mitkommen, woraufhin die anderen ihm sagten, es wäre schon ok, wenn er ginge. Und wenn ich zwischengefragt habe, wo ich jetzt hinfahren solle, bekam ich von allen unterschiedliche Ansagen. Am Ende einigte man sich dann doch auf die Oranienstraße.

„Na, egal wohin! Auf jeden Fall muss der Fahrer die Uhr ausmachen!“

„Ach!“,

hab ich gesagt:

„Das ist ja eine schöne Idee. Ich mach’s sofort, wenn Du mir erklären kannst, was mir das bringen sollte!“

[Stille]

Am Nikolaiviertel ist er dann doch ausgestiegen. Und hatte somit wieder einen stattlichen Heimweg.

Kaum dass er draußen war, ging im Auto wieder die Diskussion los, wie scheiße das doch von ihm gewesen sei. Und außerdem hätte er überhaupt nix fürs Taxi bezahlt. Meine Fresse, ich werd‘ solch stressige „Freundschaften“ nie verstehen …

Aber gut, nun standen ja quasi alle Zeichen auf weitergehende Party. Sollte man zumindest meinen. War aber nicht so. Gerade als ich in die Oranienstraße einbiegen wollte, sagte die erste, dass sie eigentlich gar keinen Bock mehr auf die Party hätte. Und alle stimmten ein.

Seriously?

„OK, is‘ mir jetzt scheißegal, fahr nach Spandau!“,

war die Ansage, die ich dann bekam.

WTF?

Ein zweites Mal umsonst 4 Kilometer in die entgegengesetzte Richtung fahren schafft man wirklich selten bei einer Tour.

(Fortsetzung heute Abend)

Wären alle Touren so, würde ich hinschmeißen (1)

Während ich mich mit einer Kollegin unterhielt, geisterten sie schon am Taxistand rum. Da standen 6 Taxis, ich hatte den einzigen Großraumwagen. Am Ende haben sie mich als letztes gefragt, ob ich sie zu fünft mitnehmen könne.

Dabei hab ich mich bewusst zurückgehalten. Ich hatte die Stunden davor gut zu tun und war froh um eine Pause. Außerdem vermerkte die Kollegin, nachdem sie angesprochen wurde:

„Sei froh!“

Und noch bevor ich die Kunden dann im Auto hatte, war mir klar, weswegen. Seit mindestens zwei Jahren hat sich keine Gruppe mehr so dämlich darum gestritten, wer in der letzten Reihe sitzen muss. Und noch bevor alle saßen, wurde mir schon gesagt, dass ich „’nen guten Preis machen“ muss.

„Ich muss hier vor allem eines: Das Taxameter anmachen!“,

hab ich dem vorlauten Kerl erklärt und ab da war auch erst einmal Ruhe. Also bezüglich des Preises. Die Fahrt versprach insgesamt auch durchaus lukrativ zu werden, denn es sollte erst in die Oranienburger Straße gehen – und dann nach Spandau. Wow. Die grob angepeilten 30 € fanden sie dann schon auch ok, insofern wollte ich das einfach wegrocken. Die Gruppe war bunt gemischt und mehrheitlich nicht aus Berlin. Es wurden kleine Wissensfetzen ausgetauscht, wie beispielsweise, dass die Oranienburger Straße der Straßenstrich sei. Was ja immerhin mal stimmt. Das allerdings war einer der wenigen Teile, der stimmte. Die Dame ganz hinten hatte Kniebeschwerden, der Typ hinter mir zweifelte dann doch wieder das Taxameter an, der vorne war genervt und einer Frau auf der Rückbank war schlecht.

„Aber ich kotz‘ nicht, keine Sorge!“

Na, immerhin!

Und während wir an der Oranienburger die ersten Prostituierten passierten, meinte einer der Helden:

„Sind wir jetzt bald in der Oranienstraße?“

Ich hab geschluckt.

„Das ist jetzt nicht Euer Ernst, oder? Ihr wollt in die Oranienstraße?“

„Äh ja, haben wir doch gesagt!“

„Ähm … nein!“

(Fortsetzung heute mittag)

Einfach mal fragen

Es war wirklich bescheuert von mir, an den Ostbahnhof ranzufahren. Die letzten Züge waren raus, der McDonald’s hatte bereits zu und von den umliegenden Clubs hatte keiner überhaupt erst aufgemacht. Aussichtsloser kann’s für Taxifahrer nicht mehr werden. Also vor allem für einen Nichtfunker wie mich. Aber ich fuhr gerade so vorbei und da stand ein mir bekannter Kollege. Also hab ich angehalten und ihn mal gefragt, ob hier noch was gehen würde. Die Antwort lautete ungefähr:

„Nee, ganz bestimmt nicht. Gerade kam ein Reisebus an, aber die zwei an der Haltestelle dort vorne sind die einzigen übrigen Menschen hier und die warten wohl auf den Nachtbus.“

Und der kam dann auch und sackte sie ein.

Ich und der Kollege quatschten kurz, dann kam von weiter hinten doch noch ein Pärchen an. Die beiden waren alt und langsam, also sagte ich dem Kollegen, er solle vorfahren – wenn sie tatsächlich kein Taxi brauchen würden, würde ich ihn wieder auf Position eins lassen. Wir waren ja die beiden einzigen dort. Also ist er vorgefahren und hat die Leute tatsächlich eingeladen.

Da hab ich dann aufgegeben. Es waren endgültig alle Menschen weg und der Kollege nun auch. Und ich hatte mich nicht reingesteigert, dort noch eine Tour zu bekommen. Also hab ich noch während des Einladevorgangs der anderen den Kollegen überholt und bin einfach losgefahren. Wohin auch immer. Und dann stand ganz ganz am Ende der Haltestelle noch ein kleiner alter Mann mit großem Koffer und guckte mich skeptisch an. Also hab ich’s riskiert und einfach mal gefragt, ob er zufällig ein Taxi brauchen könnte.

Und siehe da: Er konnte ein Taxi brauchen! 🙂

Es stellte sich schnell raus, dass er wegen seines schweren Asthmas nicht bis zum Stand laufen konnte – von Rufen wollen wir gar nicht reden! Er brauchte auch im Auto noch ein paar Minuten, um wieder ordentlich atmen zu können, aber immerhin hatte er schon eine grobe Ecke in Hellersdorf genannt. Eine 25€-Tour, das tat gut nach langem Leerlauf bei mir. Der überaus lustige Kauz hat mir erzählt, er sei in Südfrankreich gewesen un dieses und jenes und überhaupt. Bis in die Sechziger zurück haben seine Geschichten gereicht.

Das Fahrtziel konnte ich nur auf vielleicht einen Kilometer genau einschätzen, also fragte ich zwischendurch mal nach, ob mein vorgeschlagener Weg ok sei. Er meinte dann, dass er anders fahren würde, er zeige es mir. Ich hab nix gegen solche Ansagen – und der alte Herr hatte mir einige Jahrzehnte Ortskunde voraus. Dass das nicht viel aussagte, wurde mir dann drei Minuten später bewusst, denn er brachte einige Straßen ziemlich durcheinander – was an dem Punkt dann bedeutete, dass wir einen ziemlich gewaltigen Haken fahren mussten und ich vorher doch lieber meinem Instinkt hätte vertrauen sollen.

Aber der freundliche Greis entschuldigte sich noch bei mir und sagte, ich solle die Uhr ruhig anlassen.

„Ick ärger mir, wenn dit’n Fahrer so von sich aus macht. Aber war ja nu auch mein Fehler, so’n bisschen, wa?“

Wir haben uns drauf geeinigt, dass wir ein wenig aneinander vorbeigeredet hätten – auch wenn er wirklich argen Bockmist bei seinen Ansagen verzapft hat. Am Ende war aus der 25€-Fahrt eine Tour geworden, bei der 29,00 € auf der Uhr standen – satte drei Kilometer Umweg. Das war in der lauen Nacht Geschenk genug, ich hab mich in Gedanken mit dem erwarteten einen Euro Trinkgeld zufrieden gegeben. Und dann streckt mir der Vogel einen Fuffi zu und meint:

„Gib’s ma’n Zehner wieder! OK?“

Meine aufrichtigen Dankesworte quittierte er mit den Worten:

„Ach, dit war allet so teuer, da kommt’s darauf och nich‘ mehr an. Man muss dit Jeld unta de Leute bring‘, saick imma!“

Ein Leut dankt! Und ist froh, dass es gefragt hat. 🙂

„So ein Glück!“

Berlin im Januar. Obwohl Wochenende ist, läuft es einfach nur endlos beschissen. Stundenlanges Vergammeln an der Halte, kaum mal eine Tour – und wenn dann ums Eck. Als ich, eigentlich fast vier Stunden vor Feierabend, nach zweistündigem Warten eine 6,80€-Fahrt zur Landsberger Allee bekomme, nutze ich deren Verlauf, um unmittelbar nach Hause zu preschen. Bei drei Euro Stundenumsatz ist selbst das Jammern darüber schon unnötige Muskelkraft im Vergleich zum eingefahrenen Geld.

Den Haken über den S-Bahnhof Marzahn lasse ich ja nie aus. Man weiß ja nicht, es könnte doch … und tatsächlich! Eine Kundin, die ihren Straßennamen nur schlecht aussprechen kann, die Straße soll aber „gei-ia“ liegen. „Gleich hier“ also. Marzahner Vietnamesisch für Anfänger. Nach rund 4 Kilometern waren wir dann auch schon am Ziel. Ein Zehner aus dem Nichts, eine Art Himmelsgeschenk oder so in dieser Nacht. Ich fahre wieder zurück, das möchte ich nochmal probieren!

Und schon auf dem Weg zum Bahnhof ein Winker auf der anderen Straßenseite. Ich hab brav gewendet und die Türe aufgemacht. Der junge Mann mit der strubbeligen Frisur sah mich ungläubig an:

„Da-darf ick?“

„Ja sicher.“

„Na dit is‘ ja … also so ein Glück!“

Und für mich erst. Zwei Touren hintereinander. Mit der vom Stand vorhin quasi drei in Folge. So viel hab ich davor in 4 Stunden nicht geschafft.

„Und ick dacht‘ schon, ick müsste loof’n!“

Und so gesehen hatte er sich einer gewissen Fleißaufgabe gestellt. Sein Ziel lag in über 6 Kilometern Entfernung in Hohenschönhausen. So ein Glück! 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Gefangenenbesingung

Wir hatten die Silvesterschicht hier noch gar nicht, merke ich gerade. Wobei da auch nur ausgewählte Touren wirklich spannend waren und ich überhaupt für die Nacht der Nächte sehr wenige hatte. Aber gut, hier die vermutlich aufregendste:

Ich stand am Bahnhof Zoo, denn dort hatte ich eben feierwütige Mädels rausgelassen, die mich und sich ununterbrochen mit dem Handy gefilmt hatten. Den Aussagen der Damen nach bin ich jetzt sicher irgendwo als coolster Taxifahrer in Berlin bei Youtube, aber überprüft habe ich das nicht.

Und während ich so noch kurz vor dem McDonald’s stand, hatte ich gleich wieder Kundschaft. Wen wundert’s an Silvester?

„Kannsu fünfe? Machsu fünfe? Korrekt, Digga, ich schwör!“

Es war nicht leicht, die Vorzeige-Gangsta ins Auto zu bekommen, aber mit mehrmaligem Zurechtweisen (Natürlich weisen wir Taxifahrer so echte Hardcore-Gangsta auch mal zurecht, muss schließlich sein! 😉 ) hat das aber dann doch geklappt. Auf Komfort wurde keinen Wert gelegt:

„Ey, wenn Du nach hinten willst, kann ich Dir auch die Sitze vorkl …“

„Haha, nee Alda! Sch’bin Einbrecher, isch komm‘ überall rein!“

Na klar. Am Ende waren alle drin und ich wartete auf ein Fahrtziel.

„Fahr‘ ma‘ andere Seite Bahnhof! Da drüben!“

Also zum Taxistand. (Eigentlich keine 30 Meter entfernt, aber mit dem Auto etwa 200 Meter)

„Haha, Digga, was würdst’n sagen, wenn wir da hin wollen?“

„Dass das die bescheuertsten 6 € sein werden, die ihr 2015 ausgeben werdet.“

Das Gelächter war groß. Dabei war es die Wahrheit. Und ich hätte ehrlich gesagt kein Problem damit gehabt, die Vollspaten nach 200 Metern wieder vor die Türe zu setzen. Mein Kilometerschnitt und damit meine Einnahmen wären super gewesen. Aber die Ansage stimmte nur zum Teil. Gestoppt hab ich am (leeren) Taxistand zwar schon, aber nur, weil einer mal raus musste, um irgendwas zu erledigen. Vielleicht Drogengeschäfte oder so, wer weiß. Die hellsten Kerzen auf der Torte waren sie zwar alle nicht, aber ich habe es zu schätzen gewusst, dass sie irgendwann hinten die Fenster aufgemacht haben. Ehrlich! Denn die Begründung war für Silvester völlig sinnvoll:

„Damit die Leute sehen, dass hier schon wir drin sin‘ un‘ nich‘ leer is‘!“

Der ausgestiegene Typ kam wieder, dann wurde mir ein Fahrtziel genannt. Irgendeine Bar. Von der ich natürlich niemals gehört hatte. Aber die zugehörige Straße sagte mir was, also bin ich nach ein oder zwei Nachfragen in Richtung Westen losgefahren. Die Diskussionen im Auto wurden laut, nicht immer wurden die Sprachen benutzt, die ich kenne – und am Ende wurde das Ziel auf die Kreuzung See-/Beusselstraße verlegt. Na gut, mir brachte die Irrfahrt ja wenigstens Geld …

Dort angekommen dirigierten mich die Jungs weiter in den Friedrich-Olbricht-Damm, direkt an die JVA Plötzensee. Ich muss ehrlich gestehen, dass mir die bisher nicht einmal ein Begriff war. Dort sollte ich das Auto direkt vor der Gefängnismauer parken, denn sie wollten „einen Kumpel grüßen“.

Und das haben sie getan. Und wie! Sie rüttelten an Toren, sprangen wie wild auf und ab und brüllten neben „Frohes Neues!“ einige wirklich nicht zitierfähige Sätze in Richtung der Staatsgewalt. Ringsum gingen die Lichter an, Beamte kamen zum Vorschein und ich war reichlich froh, bereits einen Fuffi („als Sicherheit, Digga!“) auf dem Armaturenbrett liegen zu haben. Hätte gut passieren können, dass sie auch alle mal spontan einfahren …

Am Ende lief – wie so oft – alles bestens. Die Jungs haben sich für mein Warten bedankt, sich noch ein bisschen weiter bringen lassen und den Fahrtpreis am Ende mit einem guten Trinkgeld aufgerundet. Ein klassischer Fall von „Ich hätte schlimmeres erwartet“. Und wo sie ausstiegen, kamen gleich die nächsten Kunden. Touris, zu einem Hotel. Silvester halt.

PS:

Das „Besuchen“ ihres Kumpels fand ich im Wesentlichen eine verdammt geile Aktion, auch wenn ich teilweise blöd dazwischen stand. Ja, ihr Freund wird vermutlich nicht ohne Grund einsitzen. Das kann ich mir bei dem Haufen vorstellen. Aber wir haben uns als Gesellschaft aus guten Gründen vom altmodischen Rachegedanken bei der Bestrafung abgewandt und Gefängnisinsassen haben trotz ihrer Verbrechen eine menschenwürdige Behandlung verdient (die leider oft genug nicht existent ist). Dass Freunde „von draußen“ ihnen ein frohes Neues Jahr wünschen, ist meiner Meinung nach eine völlig legitime Aktion – auch wenn’s in dem Einzelfall für mich ein wenig chaotisch war.