Nicht als einziger mitgedacht

Manchmal gerät man als Taxifahrer mitten ins sehr aufregende Leben seiner Kundschaft und ist darauf nur wenig vorbereitet. In diesem Fall war ich zum Beispiel von einer netten Tour zum Potsdamer Platz zurück zum Ostbahnhof unterwegs, als ich rangewunken wurde. Wohin es gehen sollte?

„Kinderklinik, kennen Sie? Westend?“

Jein. Tatsächlich müsste das Klinikum Westend in meinem Ortskundekatalog vor bald 10 Jahren aufgetaucht sein, seitdem ist es in meinem Gehirn allenfalls würdevoll verblasst. Fluch und Segen einer 900km²-Stadt: Wir haben hier zwar alles, aber es gibt halt auch niemanden, der über alles einen Überblick hat. Außer Google natürlich.

Allein der Stadtteil war entfernt genug, um einfach blitzschnell losfahren zu können und unterwegs die wichtigsten Infos (wie z.B. von welcher Seite aus man reinfahren kann/soll/muss) unterwegs an Ampeln ausfindig zu machen.

Und mir war sehr  unwohl bei der Sache, denn die „kleine“ Patientin (vielleicht 11 Jahre) zeigte zunächst genau die Symptome, die in meiner Familie beinahe mal für ein spontanes Ableben gesorgt haben: Schlimme Bauchschmerzen, nicht nur einfach „ein Aua“, irgendwas außerhalb der Komfort-Zone. Und  ja, auch beim mir bekannten Fall wurde das als „Hysterie“ und „Übertreibung“ abgetan, am Ende war’s halt ein akuter Blinddarmdurchbruch und der Grat zwischen Leben und Tod war eine Frage von Stunden. Ich weiß, dass Ärzte zu oft mit unbegründeter Panik* zu tun haben, aber seit dieser Erfahrung bin ich auch der Meinung, dass eine schnelle Meldung nur halb so viel Schaden anrichtet, wie eine unterlassene. Dass Defizite bei der ärztlichen Versorgung existieren, ist halt eben nur eine Seite der Medaille und weder den Patienten noch den Ärzten anzulasten.

Ich war also bei der Sache auch auf 180 und am Ende sehr froh, dass das Klinikum Westend mit seinen beachtlichen Ausmaßen dennoch mal jemanden zu Gast hatte, der über die Welt nachgedacht hat und die nicht eben leichte Zufahrt zur Notaufnahme mit einer Markierung auf der Straße markiert hat. Eine durchgängige rote Linie nebst Wegweisern, ein Garant für die schnelle Ankunft. I like.

Ich würde nach wie vor gerne sagen, dass wir Taxifahrer das auch wissen können sollten, aber wir reden hier halt nicht von der einen Kurklinik im Landkreis, sondern von einem Krankenhaus in einer Metropole. Und wie es schon allgemein bei Stadtteilen der Fall ist: Die einen kennt man besser, die anderen eher weniger.

Am Ende der roten Linie war alles gut. Mutter und Tochter  haben sich bedankt und ich hatte eine weitere sehr erfolgreiche Fahrt abgeschlossen. Und mal nebenbei: Ich bin auch immer ein Freund von weniger „Schilderwald“, von weniger Regulierung. Aber manchmal merkt man dann doch, wie einem sowas den Arsch retten kann …

*Hier eine sehr interessante Erkenntnis der Mutter: Ein Arzt soll auf ihre Bedenken hin, hysterisch zu erscheinen, gesagt haben:
„Ich liebe hysterische Mütter! Ganz ehrlich! Das ist super! Die kommen nie zu spät!“

9 Kommentare bis “Nicht als einziger mitgedacht”

  1. Daarin sagt:

    Ich hoffe mal du warst nur sprichwörtlich auf 180.

  2. Nicht, daß ich Dir den Umsatz nicht gönne, aber wäre das nicht schon ein Fall für ein „rotes Taxi“ aka RTW gewesen?

  3. Wahlberliner sagt:

    Dann wünschen wir der kleinen Patientin einfach mal, dass sie schnell wieder gesund wird, vollkommen unbekannterweise.

  4. Ana sagt:

    Ich vermute, dass ein Taxi einen im Normalfall schneller zum Krankenhaus bringt, als ein Krankenwagen, der erst anreisen muss.
    .. Ob man sich bei dem überhaupt das Ziel aussuchen darf, weiß ich auch nicht ?

  5. Müller sagt:

    RTW kann man schon rufen, allerdings sind die Medics froh, wenn man – so es denn geht – ein Taxi nimmt, weil ein Herzinfarkt oder Verkehrsunfall hat die Option Taxi halt eher nicht und die Ressourcen sind begrenzt

  6. Aro sagt:

    Das Gelände des Krankenhauses Westend ist doch toll, oder? Ein paarmal im Zickzack, dann noch einen Berg hoch, danach scharf links. Ich liebe es wirklich. Und von dort zur Ausfahrt steil nach unten in einer Kurve, das hatte ich mal im Winter bei Glatteis. Aber nicht so schlimm, das Krankenhaus ist ja praktischerweise schon da 🙂

  7. Sash sagt:

    @Daarin:
    Vermutlich nicht. Ist halt stressig in so einem Moment.

    @buntklicker.de:
    Nee. Siehe die Kommentare von Ana und Müller. Also ja insofern als dass man das schon machen kann. Aber stell Dir mal vor, wir würden alle Fahrten ablehnen, weil jemand (noch dazu Kinder!) Schmerzen hat. Ich hab natürlich oben ein oberkrasses Beispiel angefügt, aber das ist halt auch ein bisschen so wie wegen der Unfallgefahr grundsätzlich das Auto zu meiden.

    @Wahlberliner:
    Ich bin guter Dinge.

    @Aro:
    Stimmt, es ist in der Tat hübsch. Und die Aktion bei Glatteis ist sicher lustig. Wobei ich da vermutlich etwas abgehärteter bin als die meisten Berliner. Ich hab ja schon mehrere Winter in Stuttgart Fahrdienst gemacht und bin schon mit Besatzung im Sprinter rückwärts den Hang runtergerutscht. Das macht mir inzwischen weniger Angst als eine Adresse nicht zu kennen. 😉

  8. Ich meinte nicht, daß Du die Fahrt ablehnen solltest. Um Gottes Willen! Nur daß die Mutter vielleicht gleich die 112 hätte anrufen sollen, statt nach einem Taxi Ausschau zu halten.

  9. Sash sagt:

    @buntklicker.de:
    Wie gesagt: Wäre sicher eine Option. Andererseits hab ich wie gesagt das krasse Beispiel angefügt und den meisten wird die Option nicht umgehend in den Sinn kommen. In der Tat glaube sogar ich mit meinem bescheidenen Wissen, dass das alles wesentlich harmloser war. Denn immerhin konnte die Patientin noch laufen, einsteigen und war bei vollem Bewusstsein und konnte deutlich sagen, dass ihr nicht übel sei etc. pp.
    Wie gesagt: Ich hab’s hier durch die erfahrungsbedingt krasseste Brille gesehen.

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