Virtuelle Umzüge

„Haha, Winker!“

Das dachte ich so bei mir. Eigentlich war es noch viel besser, denn ich stand an der Ampel. Und nicht etwa als einziges Taxi, sondern als zweites von zweien. Aber die Kundschaft fragte mich an. So kann’s gehen. 🙂

Genau genommen stand ich an der Kreuzung Köpenicker/Heinrich-Heine und hatte vor, zum Kater Holzig zu fahren. Da wäre es an dem Abend schnell gegangen, aber von der Straße weg ist ja immer besser. Und insgeheim hatte ich die Vermutung, sie wollten ohnehin vielleicht nur bis zum Kater. Dann wäre das immer noch eine Kurzstrecke ohne Mehraufwand gewesen.

„Wir würden gerne zum Kitkat-Club …“

„Äh …“

„…ist der in der Schönhauser Allee?“

WTF? Das Kitkat lag meines Erachtens nach genau auf der anderen Straßenseite. Oder sind die jetzt auch noch umgezogen? Bitte nicht! Allerdings waren meine Kunden ähnlich desorientiert, auch sie waren davon ausgegangen, dass es hier am Eck sei. Nun aber hatten sie irgendwo gesehen/gelesen, dass das jetzt in der Schönhauser sei. Hmm.
Einer von ihnen packte gleich sein Telefon aus und begann zu suchen:

„Das war doch hier … nee, warte mal. Ach, ich kann auch direkt auf der Seite und dann … Mensch, wo war das denn?“

Nicht, dass die Suche binnen zweier Minuten sonderlich akribisch und umfangreich war: es kam aber immer wieder das Gleiche dabei raus. Nämlich, dass das Kitkat hier in der Köpenicker liegt, bzw. manchmal wurde auch der Eingang über die Brückenstraße erwähnt. Ich wäre jetzt durchaus gerne mit den beiden zur Schönhauser gegondelt, aber der Stress dann … ich war so gesehen fast schon froh, als sie etwas irritiert meinten, sie würden dann doch lieber nochmal auf der anderen Straßenseite gucken.

Sicher, ich hätte mich auch ärgern können. Natürlich sind in der Zeit ein paar freie Taxen an mir vorbeigefahren und ich hab jetzt am Kater zwei bis fünf Minuten länger auf die nächste Tour gewartet. Und das alles nur, weil irgendwer mal eben Halbwissen verbreitet oder irgendwas falsch gelesen hat. Ein rein virtueller Umzug, der bloß in irgendeinem Kopf stattgefunden hatte.

Auf der anderen Seite (ich hatte das gerade eben erst in den Kommentaren): Natürlich hätte ich zu dem Zeitpunkt die Uhr schon anmachen können und mir diesen kleinen – aber existierenden – Aufwand bezahlen lassen. Aber genau wegen solcher Momente tue ich das eben nicht. Wenn ich mir jetzt die Diskussion vorstelle, warum ich fürs Nichtstun schon drei Euro kriege … oder (ziemlich sicher kurz darauf) ob es nicht viel mehr mein Fehler gewesen sei, weil ich es ja auch nicht gewusst hätte … der Stress hätte mich am Ende mehr Lebenszeit gekostet, die mir einfach mehr wert ist als einsfuffzich im Portemonnaie. Und man weiß ja nie: Nächstes Mal winken die in der Greifswalder und wollen zum Magnet – das vor inzwischen Ewigkeiten tatsächlich umgezogen ist – dann gleicht sich das wieder aus. 🙂

4 Kommentare bis “Virtuelle Umzüge”

  1. Wahlberliner sagt:

    Davon abgesehen wärst Du, wenn Du die Uhr gleich angemacht hättest, einer der Taxifahrer gewesen, der für ein schlechtes Bild der berliner Taxifahrer sorgt. Und das willst Du ja nie sein, schon deshalb hätte es sich verboten, die Uhr anzumachen – um die Branche zu schützen. Wäre zwar quantitativ nicht so schlimm, wie die Betrüger, die von Tegel nach Schöneberg 150€ haben wollen, aber qualitativ ähnlich mies.

  2. Sash sagt:

    @Wahlberliner:
    Ja, sowas hilft sicherlich.
    Aber ganz so einseitig würde ich es nicht sehen. Ich meine, es gibt nunmal gelegentlich Fahrten, womöglich sogar als Bestellung mit Anfahrt, die zu guter Letzt der Kunden wegen nicht zustandekommen. Und eigentlich sollte es durchaus selbstverständlich sein, dass man die auch bezahlt. Und wenn es sich stattdessen einbürgert, dass man sich halt mal für fünf Minuten ins Taxi setzen kann ohne zu zahlen, dann ist das auch nichts, was ich fördern will.
    Dieses Problem haben wir inzwischen ja bei den Festpreisen: Da werde ich regelmäßig beschimpft, einfach weil ich keine illegalen Rabatte anbieten will, aber für so manche damit halt schon als „überhebliches Arschloch“ gelte.

  3. Manu sagt:

    Ich würde ja solches als Aufwand unter „Kundenaquise“ verbuchen. Bei meinem (handwerksnahen) Beruf verrechnen wir ja auch nicht schon jede kleine Handreichung…

  4. Sash sagt:

    @Manu:
    Kann man machen, klar. Aber auch bei Handwerkern gibt’s Anfahrtspauschalen. Vielleicht nicht überall, aber doch manchmal. Genauso ist es mit Kostenvoranschlägen. Das sind auch konkrete Leistungen, die einem als Kunden im Grunde was bringen, obwohl sie aber die Hauptarbeit – die Reparatur – nicht beinhalten. Das lassen sich manche ja auch bezahlen.

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