Gerechtigkeit: zu nehmen je ein Tropfen zweimal stündlich.

Ich gehöre nun ja echt zu den Taxifahrern, die ihren Kollegen die Touren nicht neiden und auch sonst gerne mal fünfe grade sein lassen. Aber es ist immer wieder ein Ärgernis, überholt zu werden. Im Laufe der letzten Woche kam es dann, dass ich von Tempelhof aus in Richtung City gegurkt bin und mich auf dem T-Damm rotzfrech ein Kollege mit seiner E-Klasse stehengelassen hat. Zunächst bin ich hinterher, aber jenseits der 70 km/h ergreift dann bei mir meist die Vernuft die Oberhand über die Wut und ich lasse die Sau davonpreschen. Mir wegen einem Arschloch auch noch Punkte zu holen, würde mich wesentlich mehr fertig machen, als die Tatsache, dass es Arschlöcher gibt.

An der nächsten Ampel hatte ich ihn dann schon verloren, so what?

Und hinter der Ampel kam dann ein Winker angesprintet, der sich gerade noch rechtzeitig hat bemerkbar machen können. Im Grunde mehr als optimales Timing! Vielen Dank an den Kollegen und eine hoffentlich auftragsfreie Fahrt bis Frohnau!

Kaum dass ich den Kunden in der Köpenicker Straße in Kreuzberg abgesetzt habe, bin ich auch schon wieder an meinem Lieblingsbahnhof gelandet. Ich fuhr mit einem Kollegen im Schlepptau an der ganzen Schlange vorbei. Ich schlage beim Wenden gerne einen großen Haken, sodass ich etwas überrascht war, als der Kollege hinter mir plötzlich den Blinker setzte und sich anstellte. Aber gut, was soll’s? Ich hab ja auch nicht rechtzeitig geblinkt, woher sollte der Fahrer wissen, dass ich mich auch an den Stand stellen wollte?

Ich hab gewendet, mir mein Buch geschnappt und mir gar nichts weiter dabei gedacht. Wohl aber der Kollege!

Der kam umgehend aus dem Auto und bedeutete mir, ich solle doch bitte vorfahren. Ich sei zuerst dagewesen und er wolle sich keinesfalls vordrängeln. Das sei mein Platz in der Schlange, also bitte.

Hab ich gemacht. Und im Gegensatz zu vielen anderen hat es mich ein kleines Bisschen gefreut, dass wir gleichzeitig weggefahren sind und ich mitbekommen hab, dass seine Tour nach Schönefeld ging. Keine Frage, 30 € hätten sich auch auf meiner Uhr gut gemacht, aber erstens ist das nicht vorhersehbar gewesen und zum anderen hat es mich für knapp 20 € in Richtung Marzahn getragen, wo ich anschließend 10 Minuten Pause zu Hause machen konnte. War also auch für mich wirklich nicht schlecht 🙂

Und falls noch Fragen bezüglich des Überholens offen sind: Nein, ein Gesetz ist es nicht, dass sich freie Taxen nicht überholen dürfen! Es ist nichts weiter, als ein Ehrenkodex unter Taxifahrern – einer, der allerdings einen enormen praktischen Nutzen hat: Er verhindert, dass immer der schnellere Fahrer alle Kunden abgreift und begünstigt den Zufall – der sowieso im Gewerbe vorherrscht (man weiß ja nie, welcher Kunde wohin will!)  und auf lange Zeit ausgleichend wirkt. Damit verhindert diese ungeschriebene Regel übermäßige Raserei unter Taxifahrern und verteilt unsere Verdienstchancen so fair wie möglich.

Deswegen bin ich verdammt froh, wenn es auch einfach mal direkt zu positiven Effekten beim Einhalten und negativen beim Übertreten kommt. Obwohl der Kollege am T-Damm ja eher einen Blitzer verdient hätte…

9 Kommentare bis “Gerechtigkeit: zu nehmen je ein Tropfen zweimal stündlich.”

  1. Maik aus Wilhelmshaven sagt:

    Moin!

    Bei uns ist es im großen und ganzen auch so, das man am Stand drauf achtet, wer zuerst in den Bereich des Taxenstandes einfährt, und das man diesen Kollegen dann den Vorzug läßt. Manche halten sich nicht dran, und manche drängeln sich sogar extra vor. Habe es dann aber schon oft erlebt, das ich durch die Kunden eine gewisse „unfairness“ wieder ausgleicht.

    So hat sich bei mir ein Kollege zum Beispiel mal vorgedrängelt, und bestand darauf, erster am Stand zu sein. Der bekam dann eine fünf Euro-Tour, und war schon auf dem Rückweg zum Stand, als ich mit einem Soldaten zum Stützpunkt losfuhr. Da gab es für mich eine knapp 20 Euro-Tour.

    Da bei uns aber bis auf zwei Wagen alle anderen Funktaxen sind, ist es sowieso meistens der Fall, das einer von zweien, bei denen es „um die Plätze ging“, den Stand eh vorher für eine Funktour verläßt. Daher bin ich dabei immer recht relaxt 🙂

    So, nun darf ich zur Arbeit, heute mal wieder kleine Auswärtstour mit Wartezeit, da hat sich meine Schicht mal eben um 5 Stunden verschoben…

    Gruß von der Küste,
    Maik

  2. Sash sagt:

    @Maik aus Wilhelmshaven:
    Ich bin ja auch dafür, dass man da ein Auge drauf hat. Bei so einer schusseligen Situation wollte ich mich halt nicht groß aufregen – wo die Unterschiede von einem Platz sowieso zeitlich (meist!) ignorierbar sind. Viel Glück und gute Kasse!

  3. Mark sagt:

    (ich hatte grade schone einen Kommentar abgesendet, scheint von NoScript blockiert worden zu sein, anderenfalls bei Dopplung, einfach einen löschen ;))

    Hi,

    ich hatte mich am Neujahrstag, dem Sonntag also, nach Jahren mal wieder dazu entschieden, das Taxi zu nehmen. Und das Erlebnis damit passt hier einfach mal sowas von wie Ar… auf Eimer, das muss ich einfach mal zum „Besten“ geben…
    Meine Freundin und ich hatten gerade eine absolute Horrorfahrt hinter uns: 4h mehr als überfüllte Regionalzüge eng an eng mit gewaltbereiten Prolls und sich einkackenden Babys. Die letzten paar Meter in Berlin sind dann gewöhnlich mit dem Bus zu absolvieren. Dieser fuhr uns natürlich vor der Nase weg. Obwohl wir nur 10min zu warten hätten und im Besitz von BVG Dauertickets sind, hatten wir einfach keine Nerven mehr auf warten in Nieselregen, Kälte, Wind. Kurzerhand also die Hand rausgehalten.

    Es hielten gleich zwei Taxen, der hintere ein Kleinbus, wie deiner, denk ich mal, der vordere eine E-Klasse. Wir entschieden uns für Dekadenz und setzten uns in den Benz. Der hintere gab wie blöd Lichthupe und artikulierte uns, bei ihm einzusteigen. Als wir dem nicht nachkamen, stieg der Fahrer aus und machte unseren durchs Fahrerfenster an, was ihm denn bitte einfalle, ihn erst zu überholen und dann noch die Fahrgäste abzugreifen. Ich muss unserem zu mindest aus meiner Sicht zugute halten, dass ich ein solches Manöver nicht beobachtet hatte (dann wäre ich nämlich sicher in den Van gestiegen) und er auch gleich diplomatisch anbot, dass er uns haben könne. Irgendwie war das aber nichts und in kurzer Zeit standen beide auf der Straße und machten sich gegenseitig an, wer denn nun was verbrochen hatte und wer „uns haben“ könne.
    Das war uns dann doch zu doof, und wir entschieden uns, dass das einzige, was im Augenblick ein Recht hatte „uns zu haben“, das Bushalteschild war.

    Also mal im Ernst, korrigier mich wenns anders ist: Aber so was macht man doch auch in eurem Gewerbe definitiv nicht vor dem Kunden aus, oder? Egal, was jemand getan haben mochte oder auch nicht. Und dann schon gar nicht an solch einem Tag, wo sicher ist, dass die Kunden eh schon gestresst und unausgeschlafen sind…

    Normalerweise hätte das Erlebnis als lustige Anekdote abgehakt, doch nach dem Viehtransport der DB hatte ich mich einfach nur auf chilligere letzte Meter gefreut. Das hat dann aber einfach noch das Fass zum Überlaufen gebracht. Scheiß Reise. Echt.

    Gruß Mark

  4. Aro sagt:

    Es ist eigentlich nur schade, dass das Kollegenschweinchen vom T-Damm wohl nicht mitbekommen hat, dass Du hinter ihm ’nen Fahrgast bekommen hast.

  5. Sash sagt:

    @Mark:
    Ja, das ist definitiv beschissen gewesen von den Kollegen. Wie du am Artikel sicher erkannt hast, kann ich die Laune des hinteren Kollegen durchaus verstehen. Sich allerdings derart zu benehmen, ist allerdings nicht wirklich clever (wie man ja an eurer Reaktion sehen kann 🙂 )
    Es ist natürlich immer ein schmaler Grat zwischen berechtigter Beschwerde und unangemessenem Verhalten – aber dass der Kunde der leidtragende ist, muss ja nun wirklich nicht sein…

    @Aro:
    Ja, leider. Das hätte ich mir definitiv gewünscht 🙂

  6. Cliff McLane sagt:

    @Mark, offensichtlich scheinen’s Taxifahrer auch oft mit der „freien Taxiwahl“ nicht so ernst zu nehmen, sondern auf ihrem „Ehrenkodex“ zu bestehen. Ich kam mal humpelnd aus dem Gate des Flughafens Tegel und hatte einen schweren Gepäckrucksack auf dem Rücken und fand das NICHT SO TOLL als der eine Kollege meinte, ich solle das vorderste Taxi nehmen, gefühlte 20 Meilen weit weg. Damals kannte ich Sashs Blog noch nicht und mich vor allem mit den Fahrgastrechten nicht so gut aus, sonst hätte ich gesagt, „Maul, du fährst mich jetzt“ und wäre nicht nach knapp 8 Stunden Flug und mit einem schmerzhaften Muskelfaserriss im Oberschenkel nach vorne gehumpelt, wo sich zudem noch Omas mit ihren Rollatoren-Koffern um die ersten Fahrer in der Schlange kloppten. @Sash, wie ist das eigentlich heutzutage in Tegel, immer noch so „ehrenhaft“, humpelnde Leute an den tobenden Mob ganz vorne zu verweisen, oder doch lieber einladen und wegfahren? Was würdest du tun?

  7. Missac sagt:

    hehe Schadenfreude ist immer die schönste Freude. gestern hat mich auf der A10 auch so einer im Bonzenmercedes überholt mit Hamburger Kennzeichen. Tja der wusste anscheinend nicht dass man im Dreieck Spreeau und Schönefelder Kreuz lieber an bestimmten Stellen 120 statt 150 fährt. Den roten Blitz hab ich ihm so gegönnt!

  8. Sash sagt:

    @Cliff McLane:
    Ganz so einfach ist es aber just in Tegel nicht. Dort dürfen wirklich nur die Taxen an der Ladeleiste Fahrgäste aufnehmen. Und die ist vielleicht 30 Meter lang oder so. Das kann ziemlichen Ärger geben, wenn Kollegen weiter hinten in der Schlange laden. Da du offenbar ein ganzes Stück vom ersten weg warst, war das wohl sicher ärgerlich, aber ausnahmsweise korrekt.

    @Missac:
    Naja, ging mir ja nicht drum, dass man nicht überholen darf – ist ja weitestgehend erlaubt. Unter unbesetzten Taxen finde ich es eine Unsitte. Aber wenn es Drängler beim Blitzen erwischt, bin ich auch nicht kleinlich, was Schadenfreude angeht 😉

  9. Ursli sagt:

    Ich habe das auch schon oft erlebt. In vielen Fällen war mein Ärger aber unbegründet, denn: Bei vielen unserer Berliner „Kollegen“ besonders mit Migrationshintergrund und den „vier“ Waldner-Funkgesellschaften scheint das Prinzip des Ausschaltens der Fackel nicht richtig verstanden. Diese Typen überholen dich, um dann vor der Abholadresse die Fackel auszuschalten.

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