Wow! Tatsächlich Winker!
Schon die ersten zehn Minuten meiner Fahrt durch die Stadt haben mir gezeigt, dass das keine berauschende Schicht wird. Keine Leute auf der Straße, irgendwie nix los. Dabei ist das Wetter noch halbwegs gut gewesen.
Aber da waren ja sie: Die Winker!
Ein Haufen Jugendlicher, ziemlich aufgekratzt, aber entgegen erster Befürchtungen nicht mal unter Drogeneinfluß. Nee, wahrscheinlich waren sie einfach nur dumm. Im Grunde hätte ich das schon ahnen können, als sie ins Auto gekrabbelt sind und einen ihrer Kumpels durch die geschlossenen Scheiben beleidigt haben. Aber mein Gott! Kein Weltuntergang!
Ich hab sie einfach gefragt, ob sie einen fünften Sitz brauchen würden. Klar, cool, damit hatten sie nicht gerechnet. Aber der Kumpel war ja sowieso nur zum Spaß beleidigt worden, also ist er auch gerne mit reingekommen. Nach einer höchstens einminütigen Erklärung hat auch der dritte Töffel von der Rückbank begriffen, dass er noch mal raus muss, damit ich den Zusatzsitz ausklappen kann.
Das war wie immer schnell gemacht, und es fand sich auch ein halbwegs vernünftiger junger Mann, der eingesehen hat, dass es sinnvoll ist, als kleinster auf dem Sitz mit der wenigsten Beinfreiheit zu sitzen.
Als ich wieder vorne eingestiegen bin, hab ich mich gleich beliebt gemacht, in dem ich mich auf die Hand meines Beifahrers gesetzt habe. Mit Entschuldigungen hab ich mich allerdings nicht lange aufgehalten, weil a) seine Hand da nicht hingehört und ich b) dem Kerl erst einmal mein Deo entwenden durfte, damit er es seinen Kumpels nicht (weiter) ins Gesicht sprüht.
Dass die Fahrt zum Alex gehen würde, war mir hingegen recht und auch der Grund, weswegen ich gar nicht lange darüber nachgedacht habe, sie gleich zu beenden. Mit den Fünfen lege ich mich nicht in einer dunklen Gasse, sondern am größten Platz Berlins an. Wenn es nötig sein sollte…
Ich hab über Begleitschutz via Kollegen nachgedacht, aber meine Kundschaft war so herzerweichend blöd, dass ich ihnen einfach nicht mehr zugetraut hätte, als ohne zu zahlen abzuhauen. Das wäre sicher nicht schön gewesen, aber verkraftbar.
Ich hab das Taxameter angemacht, und wie zu erwarten war, war das natürlich eine Provokation sondersgleichen. Auf die beneidenswert unreflektierte Aussage
„Nee nee, mach mal Uhr später an!“
hab ich erst einmal die Zuschläge für den fünften Mann eingetippt. Das war relativ wirksam, denn mit sowas hatte keiner der fünf gerechnet. Während einer noch stammelte
„Du musst jetzt Kurzstrecke machen – und dann erst machst du Uhr normal an!“
(was von der Grundidee gar nicht geht, bzw. beim einfachen Laufenlassen den gleichen Preis bedeutet hätte)
fiel schon von hinten der nächste ein:
„Zuschläge? Was für Zuschläge?“
„Na für die fünfte Person.“
Gut, ich hatte es ausnahmsweise nicht erwähnt gehabt. Aber was macht es für einen Unterschied? Hätte ich „2 € pauschal“ gesagt, hätten sie 1,50 € verlangt. Nee nee, das klären wir später.
Der nächste Ampelstopp wurde von einem der Fünf als Aufforderung, zu versuchen, aufs Dach zu klettern, verstanden und wie sie es geschafft haben, binnen kürzester Zeit dreimal (teils sogar versehentlich) die Türe aufzumachen, das verschließt sich einem Menschen wie mir, der gelegentlich Auto fährt.
Zwei, drei mal hab ich um Ruhe gebeten, bis dann klar war, dass sie mit Musik in gewisser Weise ruhig zu stellen waren. Auch nicht schlecht. OK, zugegeben: Sie haben bezüglich Musikwünschen wie so ziemlich alle „obercoolen“ dem traurigen Klischee entsprochen und derb langweilige Chartkacke hören wollen. Witzig war das eigentlich nur in einem Moment, aber der war besonders feierlich. Nämlich als einer von der Rückbank die Ansage eines Moderators im Radio mit
„Fick disch, spiel Lied, Alta!“
kommentiert hat.
Nach etwa 35 Sekunden guter Laune ob der ach so tollen Musik hab ich die Entscheidung aber schon wieder bereut, weil mein Beifahrer nun so am rumflippen war, dass er mir beinahe den Innenspiegel runtergerissen hätte.
„Noch 500 Meter, dann haste Zeugen…“
hab ich so bei mir gedacht.
Am Alex haben sie sich auch kaum streiten müssen, wo sie aussteigen wollen und die letzte Richtungsansage kam etwa beim Überfahren der entsprechenden Ampel. Ich wusste glücklicherweise vorher, wo ich sie rauszulassen gedachte.
Während ich dann (natürlich mit längst geöffneter Beifahrertür) an den Straßenrand gefahren bin, hab ich drauf geachtet, meinen Geldbeutel in Sicherheit zu halten und schnell genug an der hinteren Tür zu sein. Selbst wenn sie abhauen sollten: Den Knilch im Kofferraum krieg ich!
Aber sie waren relativ human an dieser letzten Etappe der Tour. Es kam nur einmal die Frage, ob sie mich wirklich bezahlen müssten und einmal der Einwand, dass ich die 1,50 € Zuschlag nicht berechnen dürfe, weil ich sie da getäuscht hätte. Gleichzeitig hat aber einer schon mehr als einen Drittel des Fahrpreises rausgeholt und der einzige halbwegs Vernünftige (der hinten drin) hat die mit Zuschlag auf 9,50 € lautende Rechnung mit einem Zehner und „Stimmt so“ beglichen.
„Wow! Trinkgeld von der unterbelichtetsten Mannschaft seit langem. Das glaubt mir keiner!“
Bei der Abrechnung wahrscheinlich nicht mal mein Chef. Während ich nämlich am Auto alle Fenster wieder hochkurbeln durfte, hatte einer der Spaßvögel nichts besseres zu tun als zielsicher noch mal 50 Cent Zuschlag ins Taxameter zu hauen.
„Is schon’n cooler Job. Ich glaub, ich mach auch’n Taxischein!“
meinte einer zu Beginn der Fahrt. Wenn der je ein Kollege sein sollte, dann fahr ich mit ihm bei -20°C von Marzahn bis Steglitz. Und zwar nach dem Verzehr von einem Kilo Chili con Carne und mit dem dezent vorgetragenen Wunsch, ein Mixtape mit Heino und Cannibal Corpse auf Anschlag zu hören. „Für Kurzstrecke“ natürlich!
Nach der Tour hab ich erst mal eine halbe Stunde Pause zum Wagenreinigen gemacht und mich davon zu überzeugen versucht, dass damit der schlimmste Teil der Woche vorbei ist. Und wahrscheinlich habe ich damit Recht 😉