Es gibt eine Kleinigkeit, die uns Taxifahrer vom Rest der Bevölkerung unterscheidet. Zumindest vermute ich das, das ist eine rein subjektive Feststellung meinerseits:
Wir denken „in Karten“.
Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten werden wir sehr oft mit neuen Adressen konfrontiert, die wir anfahren müssen. Zudem müssen wir auf dem kürzesten Weg dorthin gelangen. Ohne eine Ortskundeprüfung und ein tickendes Taxameter im Rücken (oder vor sich) navigiert man meist von bekanntem Punkt zu bekanntem Punkt. Da kommen dann Routen wie diese hier heraus, einfach weil sie logisch und schnell sind. Mögliche Abkürzungen treten zurück beim Blick auf bekanntes Territorium, man fährt schlicht und ergreifend den einfachsten Weg.
Nun orientiere ich mich als Taxifahrer natürlich auch an bekannten Orten, keine Frage. Aber in meinen Gedanken taucht dennoch immer wieder der Stadtplan auf. Nicht immer detailliert genug, manchmal falsch oder ungenau – aber egal, was der Kunde für eine Ansage macht, denke ich darüber nach, wo das Objekt sich genau befindet, zu dem ich fahren soll. Das gleiche ich dann ab mit den mir bekannten Straßen – so wenige es im Einzelfall auch sein mögen – und überlege mir dann eine sinnige Route.
Und ich merke, dass viele das nicht tun.
Da hatte ich neulich eine Tour, bei der mir die Straße nur sehr grob etwas sagte. Die Kundin versprach, mich zu lotsen und ich sagte zu. Ihr selbst kam es bei diesem durchaus klar quaderförmigen Häuserblock/Straßenverlauf nicht in den Sinn, es komisch zu finden, mich zweimal links abbiegen zu lassen – anstelle von einmal links und dann rechts.
Auch wenn ich in Mathe ein Loser erster Güte bin, ist mir doch bewusst, dass diese Strecke NIEMALS die kürzeste sein kann (und nein, es existierten hier keine Abbiegeverbote oder Einbahnstraßen!).
Als mein geschätzter Ortskundelehrer in den heiligen Hallen meiner Chefs irgendwann mal einen kurzen Ausflug in die Geometrie unternommen hat, um zu zeigen, dass man beim Wechsel in eine nicht ganz parallel verlaufende Straße immer die Querstraße nimmt, die am kürzesten ist, dachte ich noch, er will mich verarschen. Tatsächlich aber ist vielen Menschen diese Denkweise fremd. Das oben verlinkte Beispiel mit dem Hermannplatz ist zweifelsohne ein Extrem, aber im Kleinen passiert es immer und immer wieder, dass Leute ihrer Intuition folgen, anstelle sich auf eine objektiv bessere Route zu stürzen. Wahrscheinlich ist es ein ähnlicher Mechanismus, der Leute dazu bringt, sich der Homöopathie zuzuwenden, wenngleich selbige objektiv sinnlos ist: Es ist ein Mangel an Fachkenntnis. Den werfe ich niemandem vor, schließlich haben wir Taxifahrer ja unsere Ausbildung gemacht, um auf dem Gebiet der Ortskenntnis gewissermaßen Koryphäen zu sein.
Befremdlich wird es aber dann, wenn Menschen ihr Halbwissen noch verteidigen.
Trotz allem Wissen über abzockende Kollegen und aller Achtung vor der Ortskunde meiner Kunden (die vor allem direkt in ihrem Wohngebiet beispielsweise meiner sicher überlegen ist):
Nehmt auch mal den Rat oder die Routenwahl von uns Taxifahrern an!
Ortskunde ist ein gar nicht so einfaches Fachgebiet und in der Regel wissen wir sehr wohl, was wir tun.
