Nächtliche Ausflüge

Das, was die Fahrt mit mir für viele meiner Fahrgäste ist, ist für mich ja der Besuch im normalen Mittagsleben. Zwölf Uhr ist in meiner Welt jetzt seit vier Jahren keine sonderlich normale Zeit mehr – so wie vermutlich fünf Uhr in der Frühe für viele meiner Leser. Klar, man wacht um die Uhrzeit mal zu früh auf, man bleibt beim Weggehen am Wochenende mal so lange wach – aber eigentlich …

Ich hab erst einmal mein Handydisplay auf 100% gestellt. Normalerweise switche ich zwischen 17% (fast immer) und 56% (tagsüber in der Wohnung), aber 100?
Doch es war eben 10.30 Uhr, als ich mich auf den Weg zum Haus des Rundfunks gemacht hab, das in Kombination mit Frühlingsanfang und noch nicht getautem Schnee blendet doch ziemlich. Auf meinem weiten Weg vom tiefsten Osten in den mittleren Westen Berlins hab ich zwar alle Bahnen bekommen und sie fuhren in ungewohnter Regelmäßigkeit – dafür hab ich es zu meiner Arbeitszeit aber auch noch nie mit Menschen zu tun gehabt, die ihre Kinder ablecken. Zumindest nicht in meiner Gegenwart.

Wenn ihr jetzt „OMFG!“ ruft, dann behaltet das im Hinterkopf, wenn ich mal wieder von Menschen schreibe, die ihren Penis mit Godzilla vergleichen. Denn es ist nunmal nicht so, dass so etwas die ganze Zeit passiert. Der Eigenbrutpfleger war aber bald wieder ausgestiegen und ich hab mein Ziel eigentlich störungsfrei erreicht. Und kaum, dass ich ausgestiegen war, ist mir einmal mehr bewusst geworden, was ich an meinem bescheidenen Stadtteil so mag: dass es dort nicht so aussieht wie an dieser apokalyptisch grauen Vorzeige-Ecke Berlins, zwischen ICC, Messe, Autobahn und Haus des Rundfunks. Dann echt lieber realsozialistische Stapelwohnungen …

Ein paar Kollegen standen etwas unmotiviert* am ZOB rum, ich hatte aber keinen von denen je gesehen. Was ja kein Wunder ist. Anderes Ende der Stadt, anderes Ende des Tages, anderer Job eben.

An der Pforte vermeldete man mir mit einem sonst nur Postbeamten eigenen Pflichterfüllungsstolz, dass ich namentlich bereits aktenkundig bin und gleich abgeholt werden würde. Prima! Im Foyer hab ich noch obenstehendes Foto aufgenommen, das hat mir designmäßig ja wenigstens ein bisschen zugesagt. In der Folge hatte ich das Gefühl, irgendwie wenigstens halbwegs souverän rüberzukommen, aufgeregt war ich dank meines letzten Radiobesuchs beim Deutschlandradio echt gar nicht mehr.

Die ganzen Mitarbeiter waren nett, alles lief professionell und der Moderator ist sogar echt ein sympathischer Mensch. Schade war nur, dass die Sendung sehr kurz war und die Anrufer fast durch die Bank Senioren waren, die als spannendste Geschichte ein verlorenes und zurückgebrachtes Portemonnaie zu bieten hatten. Da urteile ich aber vielleicht ein wenig zu sehr mit der Abenteuerarroganz eines Nachtschichtlers.

Was jedenfalls wirklich unglaublich war, waren all diese „der war Ausländer, aber sooo nett“-Kommentare. Ich hab mit Freude zur Kenntnis genommen, dass der Moderator jedes Mal seine Augen so weit verdreht hat, dass ich einmal fast erwartete, er würde die 360° schaffen und die Pupillen würden unten wieder auftauchen. Auf der anderen Seite war’s vielleicht für die Hörerschaft auch echt ein nötiger Hinweis, dass die nichtdeutschen Kollegen hier alles in allem natürlich auch eine prima Arbeit machen. Hätte zwar gehofft, darüber wären wir langsam hinaus, aber gut. -.-

Alles in allem war’s kurzweilig, hat auch durchaus Spaß gemacht. Aber wahrscheinlich werde ich dergleichen nicht mehr machen. Insgesamt war ich dreieinhalb Stunden unterwegs und das Ergebnis könnt ihr Euch hier in 25 Minuten anhören. Da bleib ich im Großen und Ganzen doch lieber beim Bloggen. 🙂

Aber das kommt auf die Sendung an. Beim Deutschlandradio war’s den Aufwand z.B. wesentlich mehr wert. Doch deswegen gucke ich ja auch mal rum – man kann ja ruhig alles mal ausprobieren.

*so unmotiviert, wie ich sicher am Ostbahnhof nachts um drei Uhr auch aussehe 😉

Kollegengespräche

Ich muss an dieser Stelle mal aufgreifen, was Aro gestern in seinem Blog thematisiert hat: die Gespräche am Taxistand, die Unterhaltungen mit den Kollegen. Mit Yok hatte ich das Thema auch schon mal, er war da „dank“ ein paar Jahren Erfahrung mehr gleich noch mal ernüchterter.

Ich leide da nämlich durchaus mit den beiden. Zugegeben, unter den Kollegen, mit denen ich mich zu unterhalten pflege, ist Fußball nicht das große Thema. Aber ermüdend ist es dennoch oft. Ich halte gerne die Fahne hoch für uns Kutscher, aber es ist nunmal auch traurige Realität, dass sich am Taxistand nicht unbedingt die geistige Elite trifft. Bei vielen geht das Interesse gar nicht über den Schichtumsatz raus und bei denen, die sich wirklich mal um aktuelle Themen scheren, merkt man viel zu oft schnell, dass sie ihre Bildung aus der Kommentarspalte von bild.de haben. Also ungefähr Grundschulabschluss mit Hauptschulempfehlung.

Natürlich sind da draußen auch andere unterwegs. Fast die gesamte Riege der Taxiblogger fällt aus diesem Raster – und natürlich auch noch einige mehr. Aber ja, man hat mitunter seine Schwierigkeiten, Kollegen zu finden, die nicht völlig offensichtlich rassistisch sind, BZ-Schlagzeilen nacherzählen oder eben Umsätze erfinden, weil sie glauben, mehr Geld würde sie zu was besserem machen. In diesem Gewerbe arbeiten eindeutig weniger clevere Menschen als eigentlich nötig.

Aber das ist, das muss man ehrlich sagen, auch der Tatsache geschuldet, dass wir so schlecht verdienen. Ebenso wie beispielsweise im telefonischen Support sind die Rahmenbedingungen so, dass mitunter Idioten die besten Chancen haben. Folglich kann man leider nicht auf schnelle Besserung hoffen. Und wenn wir ehrlich sind: Selbst die Kundschaft hilft da nur bedingt mit: Auf der einen Seite wird einem Trinkgeld gegeben, obwohl man angeblich betrogen hat (ich find den verdammten Text dazu zum Verlinken nicht mehr!), auf der anderen werden gute Fahrer gemieden, bloß weil sie „ausländisch“ aussehen.

Wie Aro auch bin ich jedenfalls froh, dass ich über andere Kanäle kommunizieren kann, das hilft wirklich! 🙂

Computerprobleme

„Chef 1 zeigt Chef 2 das Buch, das ich geschrieben habe, während ich die Computerprobleme im Büro löse. Preisfrage: Wer fährt in diesem Unternehmen Taxi?“

Das fand ich eine schöne Formulierung für eine Situation gestern bei meinen Chefs, wäre auch fast so bei Twitter gelandet. Ist sie nicht, weil ich zu beschäftigt war. Und später ist mir der Wortlaut nicht mehr eingefallen.

Inzwischen haben sie es ja doch geschafft, nicht mehr einfach meine Chefs zu sein. Mit der ganzen Homepage-Geschichte und dem Bloggen bin ich ja gerade schon geschäftlich irgendwie mittendrin im Unternehmen, vor allem aber sind wir menschlich schon lange auf Augenhöhe. So gesehen war es nicht unbedingt verwunderlich, dass sie mich angefragt hatten, als letzte Woche ein – auch für meine Verhältnisse – eher unorthodoxes „Computerproblem“ auftrat. Hatte viel mit Netzwerken und mir völlig fremder Hardware zu tun, ich will da auch gar nicht ins Detail gehen. Mir blieb am Telefon auch nur eine Antwort übrig:

„Ich hab zwar keine Ahnung davon, aber ich kann’s versuchen.“

Und so sah’s dann aus. 3 Stunden lang hab ich Kämpfe gefochten mit einem mir unbekannten Betriebssystem, schlecht strukturierten Bedienungsanleitungen, verschollenen Zugangsdaten und mir völlig unbekannten technischen Parametern. Als Lösungsansätze hatte ich logisches Denken, gepaart mit dem Glauben an „Trial and Error“ anzubieten, das war’s eigentlich schon. Hat glücklicherweise geklappt, nicht ganz ohne Beteiligung meines ganz privaten technischen Supports in Form von Ozie. 🙂

Neben der vorherrschenden Planlosigkeit hab ich aber wirklich hart an der Fehlerfindung gearbeitet und mir einmal mehr geschworen, derartige Freundschaftsdienste künftig nur noch in Raucherhaushalten anzubieten. Am Ende – einiges ist noch offen, die Lösung aber absehbar – war ich wirklich dankbar dafür, dass erstmal Feierabend angesagt war. Noch besser fand ich, dass ich gefragt wurde, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie mir den Gegenwert einer durchschnittlichen Schicht dafür auf die Lohnabrechnung diesen Monat packen würden.

In diesem Moment die Finanzen einsehen zu können, war so einfach auch nicht – also hab ich meine eigene bei Google hinterlegte Abrechnung zur Bestimmung der durchschnittlichen Schicht herangezogen. Organisiert sein kann ich ja. Zumindest online. 🙂

Da ich das ursprünglich tatsächlich als Freundschaftsdienst angesehen hatte, hab ich auch noch kurz zu meinen Ungunsten darauf aufmerksam gemacht, dass mein durchschnittlicher Umsatz nicht wirklich meinem durchschnittlichen Verdienst entspricht, das Spiel mit dem Andere-nicht-ausnutzen ist ja durchaus ein gegenseitiges. Nun hätte endgültig Schluss sein können an diesem eigentlich freien Tag und die meisten anderen raten in so einem Fall ja zur möglichst schnellen räumlichen Distanz zwischen Chef und Angestellten. Aber:

„Willste noch was essen? Ich lad Dich ein.“

Das war fast so gut wie die Frage nach Bezahlung. 🙂

Also folgte der ganzen Chose noch ein etwa einstündiger Aufenthalt beim Inder ums Eck, wo wir nebenbei auch noch ein paar schwierige Themen wie Rassismus im Taxigewerbe und dergleichen angesprochen haben.

Es passiert echt viel Scheiße da draußen im Gewerbe, im Niedriglohnsektor und selbst allgemein in der Arbeitswelt. Überall gibt’s Druck und Stress und alle rennen wir nur durch die Gegend um immer möglichst viel rauszuholen für uns selbst und die anderen werden dabei (gewollt oder einfach notwendigerweise) zur Seite geschubst. Das muss echt nicht sein!
Die Welt ist zwar nicht rosarot und zu meinem Leben gehört oft auch eine Menge (Selbst-)Ausbeutung, keine Frage. Um das tatsächlich loszuwerden, muss in dieser Gesellschaft ein bisschen mehr passieren. Wie man aber mit seinen Mitmenschen umgeht, hat man selbst in der Hand. Und ich umgebe mich gerne mit Leuten, die es wie meine Chefs halten.


PS: Auch wenn ihr inzwischen alle wisst, für wen ich arbeite: Das hier ist mitnichten Werbung. Ich möchte bloß mal ein Bisschen erzählen, wie es so abseits des Taxis gerade aussieht in meinem Job.

PPS: Hab nachgefragt: Der 1925 geht es soweit gut, nur die Teile müssen erst geliefert werden. Wahrscheinlich ist zu meiner Donnerstagsschicht alles schon geklärt. 🙂

Kaum brennt die Kippe …

schon kommt der Bus.

Ich will hier keine Werbung für Zigarettenmarken machen, aber diejenigen unter Euch, die in den Neunzigern schon offenen Auges durch dieses Land marschiert sind, werden sich wahrscheinlich an die Plakate erinnern. Und auch wenn man mal weg geht von den Drogen, man kennt das ja: Kaum hat man sich mal mit einer vermeintlich oder wirklich schlimmen Option abgefunden, ändert sich was. Ein Paradebeispiel für Selbsttäuschung, denn in Wahrheit passiert natürlich ähnlich oft einfach gar nix. Bestätigungsfehler oder Confirmation bias nennt man das in der Psychologie. Aber es macht halt Spaß, sich solche Zusammenhänge einzureden.

Und so bin ich im Nachhinein auch versucht, den gelungenen Abend von Henni und mir der Tatsache geschuldet zu sehen, dass wir uns über den versauten Abend aufgeregt hatten. Und so dolle war’s wirklich nicht. Es ist zwar bekannt, dass die Kuh hinten den Schwanz hebt in den Wochenendschichten, aber wir standen nun beide nach 4 Stunden an einem Freitagabend da und hatten allenfalls 35 € Umsatz in der Tasche. Wir haben beide schon darüber nachgedacht, die Flinte ins Korn zu werfen, uns nach Hause zu trollen. Aber jetzt standen wir schon eine Stunde am Bahnhof – die eine letzte Tour wollten wir dann wenigstens noch machen.

(Natürlich war uns klar, dass wir noch mindestens einen weiteren Anlauf irgendwo wagen würden, aber der Gedanke an einen schnellen Feierabend wirkt ja auch wieder motivierend.)

Plötzlich stand neben Henni ein recht kleiner Mann mit Brille, Hut und einem zwei Nummern zu groß wirkenden Trenchcoat.

„Sagen Sie, was würde es denn bis Eberswalde kosten?“

„Ma‘ nachdenken …“

meinte Henni in einer Coolness, die mir in solchen Situationen oft nicht gegeben ist.

„Also ich hab noch hundert. Wenn das noch für eine Cola und einen Döner reichen würde, dann wär’s schön …“

„Kriejen wir hin.“

Während der Fahrgast einstieg, feixte Henni mir zu, seine Schicht war schon mal wieder auf Vordermann gebracht. 90, vielleicht 95 € sind für eine Tour nach Eberswalde völlig ok. Kein total überteuerter, aber doch ein guter Preis. Irgendwo glaubte ich, eine Uhr die nullte Stunde ankündigen zu hören, dann war auch ich an der Reihe.

„Ich müsste einmal zum Zoo, also da in die Nähe, bisschen weiter. Kantstraße.“

„Komm’n se rin“

(„könn‘ se rausgucken“ hab ich mir noch gedacht.)

Naja, am Ende kamen fast 18 € dabei raus, war eine schweigsame aber angenehme Fahrt. Ich hab danach einen Blick auf’s Taxameter geworfen: Bäh, ich hatte mich bei den paar Kröten auch noch verrechnet: gerade mal 51 € bisher …
Und wenn ich jetzt ehrlich hätte abbrechen wollen, wäre auch noch ein Rückweg durch die halbe Stadt nötig gewesen. Arg weit bin ich mit dem Denken gar nicht gekommen, denn in der Budapester winkte es bereits. Hermannplatz, Neukölln, zu zwei verschiedenen Adressen. Waren auch schnelle 16,80 €. Eine Kurzstrecke in die Sonnenallee und ein paar Winker vom Kottbusser Damm aus später stand ich in Mitte an der Torstraße. Zwei lustige Japaner schälten sich aus den Sitzen, da stand plötzlich ein verlebt aussehender Typ neben mir, ledrige Haut, mit Falten, die man in der Größe sonst für gewöhnlich in zerknautschten Bettdecken findet.

„Bringst ma ins Bötzowviertel?“

Mit den Partygängern von der Warschauer zum Watergate hab ich es dann, ein Uhr dreißig war gerade durch, bereits auf meinen ersten Hunni in der Nacht geschafft. Henni hab ich in der Nacht nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er ja tatsächlich Feierabend gemacht. Sein Stundenschnitt dürfte aber deutlich besser ausgefallen sein als vorher. Ich hab mich, frisch motiviert, am Ende noch bis nach 6 Uhr auf der Straße rumgetrieben. So einen guten Lauf hatte ich freilich kein zweites Mal – aber unzufrieden war ich nicht.

Ja, natürlich, es ist wie ich oben geschrieben habe: das passiert selten. Viel zu selten. Und ich weiß das. Es fühlt sich trotzdem nach so einem Abend irgendwie sinnvoll an, an der Halte über den Umsatz zu meckern. Und wer weiß … 😉

Ehrlich, Kollege?

Das Schlimme am Taxifahren ist, dass es wahnsinnig oft mit Lügen zu tun hat. Der Kunde, den ich gestern erwähnt habe, ist ein klassisches Beispiel – aber natürlich nur eines von vielen. Dazu gehören ebenso die Millionäre am Taxistand und die Fahrer, die sich beim Funk Fahrten erschummeln, indem sie angeben, näher dran zu sein am Kunden, als sie es eigentlich sind. Und dann wieder Kunden, die „schon 20 Minuten!!!“ auf ein Taxi warten. Ganz abgesehen von denen, die jenseits der eigentlichen Geschäftsbeziehung lügen, was das Zeug hält

Ich mach’s kurz: Ich mag das nicht!

Und – wie in einem der verlinkten Artikel schon gesagt – natürlich sind wir alle mal unehrlich! Boah, voll schlimm! Auf die Frage „Wie seh‘ ich aus?“ hat noch jeder Gefragte mal gelogen, und ich brauch mir da auch keinen Heiligenschein aufsetzen, sowas kommt vor.

Aber eigentlich wollte ich das nur im Vorwort erwähnen. Denn: Ich weiß nicht, was es mit dem Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte auf sich hat. Eindrucksvoll genug, sie zu erwähnen, finde ich sie. Ich weiß allerdings nicht so recht, ob ich hoffen soll, dass sie wahr ist – oder eben nicht.

Mein Fahrgast schwankte bereits beträchtlich, artikulierte sich während der ersten Sätze eher lallend und ließ bei mir schon die ein oder andere Alarmglocke angehen. Da ich zahlendes Publikum aber nur ungerne vor die Tür setze, hab ich ihn mit dem üblichen Spruch bedacht:

„Nur damit wir uns einig sind: Zum Kotzen anhalten kostet 2 € für 5 Minuten! Ins Auto kotzen geht vielleicht schneller, kostet aber 200!“

Ich schaffe es offenbar immer noch, das mit genügend Sympathie rüberzubringen, denn auch er musste grinsen. Dann allerdings kam seine Geschichte:

„Ja, das weiß ich schon. Aber ich hoffe, Du hälst dann auch an. Ich hatte das wirklich mal – keine Sorge, heute geht’s mir gut! Aber als ich in Köln mal im Taxi saß, ist mir schlecht geworden. Jetzt nicht so gleich loskotzen und so. Mir war nicht gut und ich hab dem Fahrer gesagt, dass er anhalten solle – mir ginge es nicht gut. Da hat der einfach „Nein!“ gesagt. Ich so: „Bitte, mir geht’s echt nicht gut, ich glaub, ich muss kotzen!“ und er so: „Nee, da vorne, die Ampel krieg ich sonst nicht mehr!“. Ehrlich. Dann sind wir über die Ampel gebrettert, mit Mordsgeschwindigkeit noch dazu. Mir is‘ noch viel übler geworden und hab noch „Bitte, bitte, ich muss kotzen!“ gesagt. Er meinte nur: „Stell Dich mal nich‘ so an, in 5 Minuten sind wir doch da!“. Und dann hab ich ins Auto gekotzt. Echt jetzt. War mir ultrapeinlich und ich hab versucht, dass echt nix kaputtgeht. Einfach so, mehr auf mein Hemd, bisschen was auf Sitz und Fußmatte. Da hab ich dann – als er gesagt hat, dass das 50 € kostet – auch nur den Vogel gezeigt und ihn weggescheucht. Er is‘ dann auch weggefahren. Weißte, sowas versteh‘ ich dann nicht …“

Mir fiel – bei aller Wut auf die Leute, die im Taxi zu kotzen für selbstverständlich halten! – auch nix anderes ein als:

„Ich auch nicht. Wirklich nicht!“

Chefs und Überweisungen

Auch wenn ich sicher bin, dass nicht alles im Leben zwingend einen Sinn ergeben muss – dass ich Taxifahrer geworden bin und noch dazu bei meinen jetztigen Chefs gelandet, das hat seine Richtigkeit.

Wie die meisten wissen dürften, werde ich nach meinem Umsatz bezahlt, habe also keinen festen Lohn. Ich habe schon von ziemlich vielen Leuten gehört, dass sie sich das nicht vorstellen könnten, immer diese Unsicherheit und so …
Nun, das ist nicht weiter schlimm. Für mich zumindest. Eine wirklich große Unsicherheit gibt es nicht dabei. Letzten Endes ist es nur so, dass ich mir während des Monats überlege, wie viel ich arbeite. Läuft es gut, arbeite ich mal einen Tag weniger – läuft es schlecht, dann muss ich hier und da mal eine Stunde ranhängen oder euch anbetteln, dass ihr mehr über meinen Amazon-Link kauft. Oder beides 🙂

Am Ende sehe ich für mich vor allem den Vorteil, meinen Lohn selbst bestimmen zu können. Brauche ich gerade einen Fuffi mehr, dann ab auf die Straße! Freiheit bedeutet halt auch Eigenverantwortung, da liegt der Hase im Pfeffer.

Das wirkliche Drama dieser ganzen Unsicherheit spielt eigentlich im Chefbüro. Denn ausrechnen, wer jetzt wann wie viel Geld kriegt – das muss nicht ich. Diesbezüglich kann ich meine Chefs nur loben. Auch wenn ich mal im Einzelfall am sechsten des Monats erst Abrechnung mache, landet der Lohn pünktlich zum fünfzehnten (meist eher am zwölften oder dreizehnten) auf meinem Konto. Verspätungen und Irrtümer sind quasi inexistent. Und dass das bei rund 40 Fahrern Arbeit ist, glaube ich gerne und ich bin wirklich froh darum, dass ich den Papierkram nicht an der Backe habe.

Aber auch bei den Besten läuft mal was schief.

Als ich Mitte des Monats auf mein Konto gesehen habe, war ich geringfügig verdutzt. Dass ich für den Februar nur sehr wenig Geld kriegen würde, war mir bewusst. Immerhin war ich anderthalb Wochen krankgeschrieben und konnte auch sonst nicht gerade mit übermäßiger Arbeitslust punkten. Dass aber nur halb so viel wie erwartet auf dem Konto landet … ähm ja, so sehr hatte ich mich noch nie verrechnet. Also hab ich gestern mal angerufen. Ich vermutete, dass vielleicht das Krankengeld vergessen wurde oder so. Aber als ich Christian am Telefon hatte, stellte der fest, dass das gebucht wurde.

Hm. Das war kurios.

Wir gingen kurz die Posten durch, alles schien ok. Bis er meinte:

„Und dann hast Du 515 € Vorschuss genommen …“

Bitte was?

Dazu muss man sagen, dass dergleichen ständig passiert. Mir zumindest. Wenn ich Abrechnung mache und mein Key z.B. 2000 € Umsatz geloggt hat, dann hab ich schon mal was davon ausgegeben und gebe nur 1900 € ab. Das ist gar kein Problem, Christian speichert das ab und ich kriege dann 100 € weniger überwiesen als ich eigentlich kriegen würde. Das ist quasi die absolute Krönung finanzieller Flexibilität. Besser haben es nur noch die Kollegen, die ihren Anteil Pi mal Daumen gleich nach der Schicht einbehalten.

Vorschuss kommt also vor, absolut regelmäßig sogar. Aber 515 €?

Die Lösung war recht schnell gefunden: mein zweiter Key. Als ich noch kaum Geld mit dem Schreiben verdient habe, hatte ich mir ja einen zweiten Key erbeten – und ihn bekommen. Seit ich nur noch wenig fahre, wird der von mir nicht mehr wirklich genutzt, sondern liegt im Auto – wo ihn mein Tagfahrer gelegentlich in Gebrauch hat. Das lässt sich auch alles gut umbuchen, aber eben nur, wenn man es weiß und nicht irgendeine Info verloren geht. Und so war es in dem Fall: mein Tagfahrer hat auf dem Key, der offiziell mir zugeordnet ist, mal eben runde 500 € Umsatz gespeichert. Diese wurden bei der Abrechnung mir zugewiesen.
Ist natürlich erst einmal nett, da sieht der Monat in meiner Statistik doch gleich viel besser aus. Da ich aber natürlich rund 500 € weniger im Büro abgegeben hatte, wurde mir das am Ende vom Lohn abgezogen. Weil es für die Firma ja nun mal so aussah, als hätte ich dieses Geld zwar eingefahren, aber schon ausgegeben …

Das kann man ärgerlich finden, das ist es natürlich auch. Ich zitiere kurz Christian:

„Orrrr! Krätze!!!“

Aber wir haben da eben auch eine Firma, in der so ein bedauerlicher Fehler schnell geklärt werden kann. Cheffe erbat sich etwas Zeit und eine Stunde später kam der Anruf, dass das fehlende Geld bereits überwiesen ist. Alles also halb so wild. Eine Ausnahme, die ich in Anbetracht des Durcheinanders bei der Abrechnung verstehen kann.

Und wahrlich tausendmal besser als die Kirchengemeinde in Stuttgart, die damals meinen Sold für den Zivildienst zahlte: regelmäßig zwei Wochen zu spät und auch dann nur vollständig, wenn ich Glück hatte.

Nee nee, Fehler dürfen passieren! Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

First Light 2013

Bevor’s wieder dunkel wird, noch schnell der Hinweis: Heute morgen hab ich das erste Mal in diesem Jahr eine Schicht bei Sonnenschein beendet …

Alarm, Alarm! Rotes Bällchen auf 11 Uhr! Quelle: Sash

Nachtrag
Für alle, die mir nicht glauben, dass ich Haare auf den Händen hab: Es sind nicht viele, aber es gibt sie! 🙂