Wenn das Glück außer Puste ist…

Das übliche Glücksspiel Taxifahren zeigte sich in meiner Schicht von seiner launischen Seite. Für eine Wochentagsschicht in den Ferien war sie zunächst eher gut, was mit zwei etwas längeren Touren zusammenhängt. Danach war aber erst einmal die Luft raus. Obwohl ich das Matrix erst sehr spät angefahren habe, stand ich dort eine geschlagene Stunde bei mittelschlechter bis weglaufenswerter Musik.

Dafür war mein Fahrgast dann ein sehr sympathischer. Ein junger Mann, Däne, mit guter Laune und recht wenig Drogen intus. Wir haben uns auf Englisch sehr gut unterhalten können, und die Tour sollte mit rund 11 € auch nicht allzu schlecht sein. Der Wartezeit wegen hätte es ruhig länger sein dürfen, aber nachträglich kann ich nur sagen, dass es so genau richtig war 🙂

Er wollte zu einem Hostel, das ich kannte, das zu finden aber auch so kein Problem gewesen wäre. Direkt an der Stelle, an der ich abbiegen musste um zu wenden, standen 2 Typen auf der Straße. Ich hätte an dieser Stelle hupen können, aber ich habe es gelassen. Sie winkten wie blöde und ich hab mich ein wenig geärgert:

Wenn ich meinen Kunden hier, 200 Meter vor dem Hostel, rausschmeissen würde, hätte ich gleich eine Anschlussfahrt!

Auf der anderen Seite hab ich mich auch gefragt, wie schwierig dieses Konzept mit den beleuchteten Dachschildern eigentlich ist. Wenn das Licht aus ist, dann sind wir besetzt oder bestellt. Das kann man sich doch merken, oder?

Als ich an der nächsten Ampel, keine 50 Meter weiter, aufs zweite Linksabbiegen wartete, stand einer der beiden schon wieder fast neben mir. Jetzt sind die meinem Auto hinterhergerannt! Argh! Deppen! Die Ampel war grün, ich trete aufs Gas und bin sie los.
Die Verabschiedung von meinem Fahrgast dauert nicht lange, ein kleines Trinkgeld gibt es noch und von mir ein zwei Sätze zu den Möglichkeiten, sich noch was zu Essen zu organisieren in der Umgebung.

Da reisst plötzlich der Typ von eben die Türe auf und fängt an meinen Fahrgast auf… ja, dänisch schätze ich, zuzulabern. WTF? Er hätte ja auch sagen können, dass er die beiden kennt – dann hätte ich sie gleich eingeladen! Es stellte sich raus, dass sie sich eigentlich nur flüchtig kennen, und es dem anderen durchaus auch darum ging, ein Taxi zu bekommen.

Im Laufe des kurzen Gesprächs kam auch sein etwas moppeliger Begleiter am Auto an, und mir wurde erklärt, dass sie gerne in einen Puff gehen würden. Na das war mal eine wunderbare Überraschung! Noch dazu kannte ich in direkter Umgebung keinen Laden, an dem ich schon mal war. Als dann auch noch feststand, dass sie nicht zu einem Billigladen mit Flatrate oder 35 €-Tarif wollten, hab ich die Chance gesehen, sie zu einem Laden zu bringen, der mir die Anlieferung auch entlohnt…

Und was soll ich sagen? Es hat geklappt. Die Jungs haben mir vor lauter Dankbarkeit satte 5,00 € Trinkgeld in mein zittriges Händchen geschüttet, und der „freundschaftliche“ Handschlag mit dem Türsteher ließ dann noch einmal zufällig 90 € an meiner Handinnenseite kleben. Damit war mir dann auch egal, dass der Umsatz diese Nacht nicht so wahnsinnig gut war – genau genommen lag er unter den sonstigen Zuwendungen 😀

Genervt

Eigentlich bin ich ja wirklich ein ganz Netter. Vom ein oder anderen bösen Gedanken mal abgesehen versuche ich mich im Job meist vorbildlich zu verhalten. Klappt nicht immer, Fehler passieren. Soweit, so gut! Aber neulich war ich mal wirklich genervt.

Die Fahrgäste selbst waren eigentlich ganz in Ordnung, aber den letzten Nerv gekostet haben sie mich trotzdem. Und somit war mein Abschied nicht unbedingt erste Sahne, aber das ist jetzt auch vorbei.

Angehalten haben sie mich an der Ecke Grünberger/Wedekind. Ich hab mich auch standesgemäß gefreut, schließlich hab ich die Abkürzung Richtung Ostbahnhof nur genommen, weil vor mir auf der Warschauer ein ganzes Bataillon leerer Taxen unterwegs war. Die Gruppe war jedoch recht groß, und beim Überfliegen stellte ich fest, dass ich selbst mit ausgeklappten Sitzen nicht alle unterkriegen würde. 8 Leute etwa. Plus minus 2, sie sind ständig durcheinandergewuselt.

Es waren durchweg junge Männer, der Sprache nach Spanier. Zunächst hatten sie nur eine Frage: Wo das Berghain ist. Gut, das ist Luftlinie nur 200 Meter entfernt, der Fußweg ist etwas länger – aber dennoch schnell geklärt. Mein Gesprächspartner sprach problemlos englisch, und so war die Sache in zwei Minuten geklärt. Ob ich sie hinbringen könnte? Klar. Aber nicht alle.

Der erste ist schon eingestiegen, da kam der zweite an und fragte mich, wie man denn nun genau hinkommt. Ich hab ihm das auch erklärt, woraufhin er meinte, sie würden dann laufen. Dann kam der Dritte und hat gefragt, wie viel das kosten würde. Ich hatte gute Laune, einen guten Umsatz und hab gemeint, ich drücke eine Kurzstrecke rein, würden 4 € Festpreis sein.

Dann kam ein weiterer der Gruppe an – er konnte sogar perfekt deutsch – und fragte, wie man denn genau hinkommt. Dann fragte er nach dem Preis.

Nun kam der fünfte der Gruppe und wollte wissen, wie weit das Matrix weg wäre und ob man da auch hinlaufen könnte. Ich hab erklärt, wie weit das etwa weg wäre und eine grobe Richtung genannt. Dann sollte es zum Matrix gehen, zu Fuß. Der bisher in meinem Wagen sitzende Typ stieg aus, dafür stieg einer der anderen ein und fragte, was es zum Berghain kosten würde. Ich hab ihm die Frage beantwortet, und er meinte, sie sollten doch alle mit dem Taxi fahren.

Daraufhin setzten sich zwei weitere ins Auto und der Deutschsprachige kam zu mir und fragte, ob es gehen würde, dass ich sie nacheinander abhole, wenn es nicht so weit ist. Ich hab gesagt, dass das kein Problem wäre, es allerdings sein könnte, dass die Kurzstrecke nicht reicht, und es am Ende vielleicht einen Zehner kosten würde. Den Preis fand er gut, ja sogar „nicht der Rede wert“. Er wollte nur noch mit den anderen reden.

Von denen kam dann auch einer zum Wagen und forderte einen der Insassen auf, auszusteigen, weil er gerne mit der ersten Fuhre am Club sein wollte. Daraufhin stiegen zwei Leute aus, während einer von draussen zu mir kam und mich fragte, wie weit es denn etwa zu dem Club sei.

zu diesem Zeitpunkt stand ich dann seit etwa 10 Minuten blöd in der Friedrichshainer Prärie herum und wartete darauf, loszufahren.

Dann kam ein zweites Taxi.

Der Fahrer wurde vom Rest umringt und es sind ein paar Leute eingestiegen. Daraufhin ist der verbleibende Fahrgast bei mir wieder raus, um auch in das andere Auto zu kommen. Der, der sich stattdessen bei mir in den Wagen setzte, fragte mich, ob ich nicht doch zum Matrix fahren würde. Dann kam einer aus dem anderen Auto angesprintet, und wies den Kerl an, er solle doch besser mit den anderen fahren.

Der glückliche Kollege lud den Kerl ein und brauste davon.

Mein Sprachgenosse kam an und fragte mich, ob wir jetzt ins Berghain fahren würden.

In den folgenden 2 Minuten setzten sich die Leute im Wagen dreimal um, dann konnte ich los. Endlich. Aus irgendeinem Grund sind 3 Leute übrig geblieben. Hatte der Fahrer vorher doch nur 2 mitgenommen? Oder 3? Naja, egal. Die Fahrt dauerte ja nur eine runde Minute, ich wollte das fast viertelstündige Vorspiel gnädig vergessen. Am Ziel angekommen wurde mir auch ein Fünfer gegeben, sogar Trinkgeld also. Ende gut, alles gut?

So halb.

Hinter mir saßen zwei Quasselstrippen, die mich übers Berghain ausfragten, wobei ich all mein Wissen zusammenkramen musste. Als einer von ihnen ausgestiegen ist, kam der andere wieder rein und fragte mich, wo genau der Eingang sei. Ich hab ihn ihm gezeigt. Daraufhin wollte er wissen, wie weit es denn etwa zum Matrix sei, falls sie hier nicht reinkommen würden. Während ich mit ihm redete, stieg mein letzter Fahrgast aus, nicht allerdings ohne die Tür sperrangelweit offenstehen zu lassen. Das sah der eben erst ausgestiegene Quasselpartner als seine Chance an, als er einen Anruf bekam.

Er setzte sich in meinen Wagen und telefonierte. 3 oder 4 Minuten lang. Letztlich fragte er mich dann, ob ich vielleicht die verbliebenen Hansel doch noch aufgabeln könnte. Das fand der andere natürlich unsinnig und sie gerieten in einen lebhaften Disput darüber. Ausgetragen wurde er natürlich in meinem Auto. Einer von den anderen kam auch zum Wagen zurück und warf ein, dass man dann doch gleich zum Matrix fahren könne, hier sehe es so dunkel aus. Der Vierte aber weigerte sich und beharrte darauf, hier zu bleiben.

Ich stand inzwischen auch gute 10 Minuten am Berghain und durfte den Kollegen zusehen, wie sie einer nach dem anderen mit zahlender Kundschaft ihres Weges zogen.

Völlig unerwartet zog nun einer der Streithähne eine Münze hervor, gab sie mir und meinte:

„Here. This is another 2 €. Pick up the others, they will pay you the rest!“

Alles klar. Aber natürlich kann man auch darüber nochmal diskutieren. Haben sie dann auch gemacht. Schwer genervt bin ich eine runde halbe Stunde nach Erstkontakt mit den Vögeln endlich losgekommen und bin den anderen entgegengefahren. Ich hab einfach die Kurzstrecke weiterlaufen lassen.

Die anderen habe ich nicht gefunden.

Weiß Gott, ob die sich inzwischen ein anderes Taxi – womöglich zum Matrix? – genommen haben oder sich verlaufen hatten. Als das Taxameter das Ende der Kurzstrecke verkündet hat, hab ich es ausgemacht und bin zum Bahnhof gefahren.

Natürlich hätte ich den Jungs besser noch Bescheid gesagt, bzw. ihnen die zwei Euro zurückgegeben. Aber ich hatte wirklich keinen Bock, die nochmal eine Viertelstunde im Auto zu haben!

Sonstiges

Das Wochenende war umsatzmäßig das, was man gelegentlich über Fleisch sagt: Durchwachsen. Dafür waren meine Fahrgäste spendabel. Freiwillig und unfreiwillig. Das Trinkgeld ist überdurchschnittlich gut gewesen, was verschiedenen Kunden zu verdanken war. Beispielsweise den zwei Norwegern, die völlig happy und ein wenig knülle aus dem Matrix kamen.

Sie fänden Berlin großartig. Sie wären zwar nicht das erste Mal hier, aber es wäre das erste Mal, dass sie hier was trinken. Und da man hier nicht wie in Norwegen 4 € pro Bier bezahlt, sei das alles gleich doppelt super. Einziges Problem: Sie hatten sich nicht getraut, die Jacken abzugeben und wären deswegen jetzt etwas verschwitzt, weil sie im Club stundenlang in Daunenjacken getanzt hatten.

„And Norway is a cold country! We have good jackets!“

Lobenswerterweise haben sie mir dann ein richtiges Trinkgeld gegeben, mit dem ich auch in ihrem Heimatland ein Bier hätte trinken können 😉

So dürfte das immer laufen.

Und von der Sorte gab es einige in den letzten Tagen. Richtig gut wurde es dann, als ich am Freitag beim Auto säubern noch einen Zehner gefunden hab. Keine Ahnung, wer den da verloren hat, ich werde mir das Fundbüro dieses Mal sparen.

Und gestern hab ich dann beim Umklappen der hinteren Sitze ein Zwei-Euro-Stück an einer Stelle gefunden, an der es definitiv niemand hätte verlieren können. Wäre zu kompliziert, es zu beschreiben, aber ihr könnt es mir glauben!

Und dann waren da natürlich noch die üblichen paar Cent im Fußraum. Alles in allem recht nett. So kann es meinetwegen weitergehen 😀

Donald und das Gift

So, das Wochenende bietet erfahrungsgemäß wenig Zeit zum Bloggen – aber eine Fahrt vom Freitag muss ich dringend noch unter die Leute bringen. Ich hatte eine frühmorgendliche Ostbahnhof-Kurzstrecke für nicht ganz 6 € zur Warschauer Straße hinter mir. Da hab ich dann beschlossen, mal einen Blick in die Revaler zu werfen.

Das hätte ich mir vielleicht besser erspart. Wenn man morgens als Taxifahrer durch die Revaler Straße in Friedrichshain gurkt, dann kann man einiges erwarten. Eine bunte Mischung an Partygängern aus verschiedenen Clubs watschelt über die Straße, und insbesondere der Beleuchtung wegen ist es eine der Straßen, wo ich die erlaubten 50 km/h eigentlich nie ausreize.

Ich war also auf der Suche nach irgendeinem verstrahlten Pärchen, das heim nach Kreuzberg wollte. So in etwa stellte ich mir die Fahrt vor. Die Nacht war bis dato fantastisch gelaufen, dank etlicher Leute auf der Straße wollte ich gar keine lange Tour in einen Außenbezirk, sondern möglichst eine 10€-Tour, die mich nur 10 Minuten kostet, um dann gleich weiterzumachen, wo ich dann lande.

Statt feierwütiger Clubgänger erspähten meine Augen Donald Rumsfeld. Ich nehme zwar an, er war es nicht wirklich, aber er sah so aus. Von den Haaren über die Brille bis zum Körperbau sah er diesem nicht sehr sympathischen Amerikaner sehr ähnlich, er trug einen Trenchcoat und stand so bekloppt auf der Straße, dass ich es kaum beschreiben kann. Nicht nur, dass er mittig die Fahrbahn versperrte, er stand auch mit ausgebreiteten Armen, jedoch stark zu seiner Rechten geneigt, einfach recht reglos im Weg.

Zunächst wollte ich vorsichtig vorbeifahren, doch er versuchte mir den Weg zu versperren. Nicht, dass ich das sonderlich toll fand, aber ich hab dennoch mal das Fenster an der Beifahrerseite runtergelassen und abgewartet, was er zu sagen hatte. Und was er zu sagen hatte, hätte irritierender kaum sein können. Insbesondere in Kombination mit dem Wie!

Während er die Arme weiterhin ausgebreitet ließ, beugte er sich seitlich herunter und nuschelte aus einem Mundwinkel mit sonst fast starrem Gesicht:

„Brings‘ mich Krankenhaus? Gift!“

„Wie bitte?“

„Brings‘ du mich Krankenhaus. Gift!“

„Wie, Gift?“

„Jemand hat mich vergiftet!“

Na heilige Scheiße. Wat machste nu?

„Äh… welches Krankenhaus denn?“

„Is egal, bring mich nur ins Krankenhaus! Irgendeins!“

Etwas überfordert bin ich die Optionen durchgegangen. Notarzt wäre vielleicht nicht unsinnig gewesen, aber mir fielen auf Anhieb 3 Krankenhäuser in 10 Minuten Umkreis ein. Also bei optimistischer Auslegung der Verkehrsregeln. Ich hab mich für das Klinikum im Friedrichshain entschieden, weil es am günstigsten zu erreichen war, und ich da zudem schon mal an der Rettunsstelle war, und die nicht erst hätte suchen müssen.

Donald kraxelte ins Auto, ziemlich steif, die Arme nach wie vor mehr oder minder ausgebreitet. Ging aber erstaunlich gut. Sah halt völlig bekloppt aus. Ich war mir ziemlich sicher, dass er einfach betrunken ist und vielleicht einen Hexenschuß in Kombination mit Paranoia hat – also nix wirklich ernstes. Aber man weiss ja nie. Während den etwa 3 Minuten, die ich von der Revaler bis zur Mühsamstraße etwa gebraucht habe…

(Hier dürfen die Tagfahrer ein bisschen weinen)

…hab ich versucht, ein paar nähere Infos aus ihm herauszubekommen. Wo er war, wer ihn vergiftet hat, was ihm eigentlich fehlt. Die Antworten waren weitgehend wertlos. Vielleicht war er ja doch wenigstens Politiker. Er war was trinken. Wo, weiss er nicht, ebensowenig wer ihn vergiftet habe. Er könne sich nicht mehr bewegen. Ins Krankenhaus. Schnell!

Irgendwann meinte er dann noch, ihm sei schlecht. In meinem Kopf spukten Gedanken umher, wie es aussehen muss, wenn der Kerl mit erhobenen Armen messiasgleich neben der Straße beginnt, sich von seinem Essen zu verabschieden. Ich konnte den Gedanken allerdings bei weitem nicht ausreichend genießen.

Da sackte er plötzlich mit einem Stöhnen in sich zusammen und fragte, wo wir wären und wo wir hinfahren.

„Äh, wir sind auf der Petersburger. Ich biege jetzt da vorne an der Landsberger links ab und dann sind wir gleich am Krankenhaus.“

„Fahr mich mal zur S-Bahn!“

„Wie jetzt? Kein Krankenhaus?“

„Nee, lass mal. Geht schon wieder.“

„Geht schon wieder? Ich dachte, sie wurden vergiftet!“

„Ja, vielleicht. Aber geht schon wieder. Ich hab ja schon oft zu viel, aber sowas… wow!“

„Ja… wow…“

Ich hab ihn dann auf vermehrtes Drängen hin zum S-Bahnhof Landsberger Allee gebracht. Dort angekommen hatte ich 7,60 € auf der Uhr und der Kerl war eigentlich immer noch ziemlich verstrahlt. Aber wahrscheinlich waren es eben doch nur 3 Bier zu viel. Naja, vielleicht 4.

„Wat krissn?“

„7,60 €.“

„Ok.“

Er kramte in seinem Geldbeutel und förderte einen Fünfer zu Tage. Er begutachtete ihn und meinte:

„Zu wenig.“

Da war was Wahres dran. Er nestelte weiter in seinem heiligen Lederbeutel, öffnete das Kleingeldfach und sagte:

„Auch zu wenig.“

Dann sank er grinsend in sich zusammen. Da er erst einmal keine Anstalten machte, diesen Zustand zu ändern, fragte ich ihn, was nun sei. Plötzlich strahlte er übers ganze Gesicht, so als hätte er irgendwo im Hinterland geheime Massenvernichtungswaffen gefunden und verkündete:

„Haha! Jetz‘ kommt die Schummelkasse!“

Er öffnete das „Geheimfach“ an seinem Portemonnaie und sah mich mit herunterhängenden Mundwinkeln an:

„Auch leer…“

Na meine Fresse! Ist ja klar! Ich scheine die Bekloppten ja mal wieder anzuziehen. Eine Minute später war nicht nur meine Geduld zu Ende, sondern er hatte auch noch mehr oder minder glaubhaft versichert, dass auf der Bank nix zu holen sei. Also was tun?

Entweder ich hole die Cops, und in einer Dreiviertelstunde bin ich hier weg. Dann krieg ich irgendwann meine 2,50 € überwiesen und wir sind alle genervt. Oder…

„Na komm, hau ab!“

„Ehrlich?“

„Pass mal auf: Ich mach den Job, um Geld zu verdienen. Und wenn ich das von dir nicht krieg: Die da vorne am Hotel sehen aus, als könnten sie ein Taxi brauchen. Ich hab jetzt keinen Bock auf großen Stress, also haste mal Glück gehabt. Begeistert bin ich nicht, aber du versaust mir meinen Umsatz mehr, wenn wir jetzt um die Zwofuffzich einen Aufstand machen. Also hau ab!“

2,50 € für eine gute Geschichte. Nicht schön, normalerweise gibt es die umsonst. Aber entweder ich zapfe meine 27 € Trinkgeld für den Quatsch an oder ich lass mir die Kohle als Fehlfahrt gutschreiben. Ist ja kein Weltuntergang. Da ich nach der Tour aber noch mal zackige 50 € Umsatz in den letzten eineinviertel Stunden gemacht habe, sollte auch Cheffe mir diese Nachsicht verzeihen können 😉

In der Beweispflicht

Kunden sind gemeinhin ja ein gemischtes Völkchen. Ebenso wenig wie ich gerne mit Kollegen in einen Topf geworfen werden, die (das ist angeblich letztlich passiert) vom SO36 eine halbe Stunde Fahrt und 30 € bis zum Görlitzer Bahnhof brauchen, so wenig mögen es Kunden, über einen Kamm geschert zu werden.

Deswegen verkneife ich mir den ein oder anderen Kommentar gelegentlich. Zum Beispiel, wenn mir hohe Trinkgelder versprochen werden. Ich dachte bislang, es sei wirklich ein Naturgesetz, dass die Leute, die mir „ein ordentliches Trinkgeld“ während der Fahrt versprechen, allerhöchstens 2 € geben. Nicht, dass ich 2 € für ein schlechtes Trinkgeld halten würde, das gibt es in solchen Fällen aber auch nur dann, wenn ich vorher noch unentgeltlich irgendwo anhalte, einen miesen Typen im Auto behalte oder tonnenschwere Koffer einmal durchs Stadtgebiet trage.

Den Vogel abgeschossen hat damals der Dreisiebzich-Typ.

Aber gut. Man gewöhnt sich daran, dass man nach einer solchen Aussage kein großes Trinkgeld bekommt.

Jetzt hab ich derletzt aber ein Pärchen am Ostbahnhof eingeladen, das wegen ihres Hundes von den anderen Fahrern verschmäht worden ist. Ich hab da bisher nur positive Erfahrungen gemacht und auch sonst kein Problem mit Hunden, also nehme ich das in der Regel an. Die wenigsten Vierbeiner sind geeignet, darauf zu reiten, und die Kunden müssen auch irgendwie heim.

Auch dieses Mal sollte sich das als problemlos erweisen, der Hund war ruhig, sauber und sah noch dazu eigentlich ganz knuffig aus.

Irgendwann, kurz vor dem Fahrtziel in Treptow, hörte ich dann das vertraute und geliebte Rascheln und Klimpern im Portemonnaie. Dem vorangegangen war eine nette Unterhaltung, ich hoffte also das Beste.

„Was wird das jetzt?“

kam es aus der entgegengesetzten Ecke.

„Na, ich such nach Trinkgeld. Du hast gesagt, das Taxi zahlst du!“

„Ja, schon, aber weswegen…“

Daraufhin wendete sich die Dame mir zu und meinte:

„Ich arbeite in der Gastronomie. Ich weiss, wie wichtig das Trinkgeld ist. Mein Mann hat das nie so recht drauf gehabt. Inzwischen… naja. Ich hab ihm beigebracht, dass man 10% gibt, und jetzt gibt er meistens 20%, weil er zu faul ist, das auszurechnen. Deswegen übernehme ich das mit dem Trinkgeld jetzt!“

„Hey, ich kann schon alleine Trinkgeld geben. Und das werde ich auch tun.“

„Na, ich geb jedenfalls auch welches!“

Glücklicherweise war das eher ein Necken als ein Streit, mehr Vorspiel als Trennungsgrund. Ich hab – wegen oben genannten Erfahrungen – nicht damit gerechnet, ernstlich zu profitieren.

„So, dann wären wir auch schon da. Dann wären wir bei 10,40 €.“

Ein schöner Betrag für Trinkgeld, muss man ja auch zugeben 😉

„Machste… machste 15!“

kam es von ihm. Natürlich mit gespielt bösem Blick zu seiner Begleiterin.

„Wow, danke. Das sind aber auch mehr als 20%.“

„Ich weiss, aber wenn Madame meint, ich könne das nicht…“

„Und das hier ist von mir!“

sprang besagte Madame ins Gespräch ein und drückte mir noch einmal 2 € in die Hand.

„Ich kann hier ja nicht erst große Ankündigungen machen, und dann nix geben.“

Wo sind diese Kunden, wenn man mal dringend Geld braucht? Gestern hab ich in der ganzen Schicht nicht so viel Trinkgeld bekommen…

Flexibler

„Hier! Anwesend!“

rief ich über den Vorplatz des Ostbahnhofes. Kunden sind an meinen Wagen herangetreten, während ich mich mit Kollege Eddy unterhalten habe. Er stand ein paar Plätze vor mir, deswegen stand ich bei ihm und nicht er bei mir. Aber der Kunde hat die freie Fahrzeugwahl…

Ich bin kurz rübergesprungen, da kam er mir schon entgegen. Er war so um die 30, unterwegs mit seiner Freundin, beide zusammen in etwa das Unauffälligste, was ich in den letzten Wochen gesehen habe.

„Hi, ich wollte mal fragen: Kurzstrecke geht ja nicht, wenn wir hier stehen…“

„Das ist korrekt.“

„Wir müssten nur bis zur Revaler rüber, könnten wir da vielleicht einfach einen Fünfer machen?“

„Nein.“

Ich bin meist gar nicht so einsilbig bei dem Thema, aber er war sich seiner Sache so unsicher, da haben klare Ansagen am Besten funktioniert.

„Das kostet eher so 6 bis 7 €.“

hab ich versucht, ihm dennoch die Angst vor irgendwelchen Monsterbeträgen zu nehmen.

„Naja, dann ist egal. Wir steigen ein!“

Na also. Ist zwar keine lange Tour, aber ganz ehrlich: Mein Auto stand noch keine 3 Minuten am Bahnhof, da wäre es ja doppelt unverschämt, über die Länge der Strecke zu meckern. Unterwegs meinte er dann:

„Du könntest uns ja vielleicht bei 5 € rauslassen, dann laufen wir den Rest.“

„Das kann ich gerne machen, aber das wird dann nur knapp die Hälfte der Strecke sein, während es mit ein bis zwei Euro mehr bis vor die Türe geht.“

„Du bist sicher Angestellter.“

„Ja, so sieht es aus.“

„Ja sorry, ich will ja auch nicht, dass du deinen Chef bescheisst oder so.“

„Das freut mich, da hätten sie auch keine Chance.“

„Ja, so ist es halt. Ich dachte, ich frag mal. Andere sind da ja ein bisschen flexibler…“

Ich hab mir auf die Lippen beißen müssen für die restlichen 2 Minuten im Auto. Ich hätte ja einiges sagen können, aber ich hab gedacht: Friede sei mit den Unwissenden. Flexibler? Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, es zu umschreiben. Während ich mit einer Fahrt unter Tarif ja nur grob die Hälfte des entgangenen Geldes vermisse, würde mir als Selbstständiger die Kohle ja komplett fehlen.

Ich bin kein Unmensch und ich drücke gerne mal ein Auge zu, wenn es irgendwo angebracht erscheint. Aber wieso sollte ich auf Geld verzichten und das Vetrauen meiner Chefs untergraben, die mich diesbezüglich eben genau null kontrollieren? Die keine Sitzkontakte eingebaut haben, das Auto nicht via GPS verfolgen? Die es mir erlauben, Privatfahrten zu machen? Warum sollte ich das tun zu Gunsten irgend eines dahergelaufenen Kunden, einen der nicht einmal durch besondere Freundlichkeit auffällt oder irgendwie glaubhaft machen kann, dass es für ihn wichtig wäre?

Wir sind ja alle froh, wenn wir mal irgendwo was sparen können. Da nehme ich mich nicht aus, wirklich nicht. Aber ist es echt so, dass man bei einer Tour für 6 € im Taxi glaubt, da wäre viel Spiel nach unten?

Ich sehe schon, das wird so ein Artikel, bei dem es nachher so aussieht, ich würde wie viele Kollegen ständig über meinen Verdienst jammern 😉
Das wollte ich nun nicht – wenngleich der Januar gerade echt gemein zu mir ist…

Trinkgeld gab es für die Tour natürlich keinen Cent. Meinetwegen. Mir soll es ja recht sein, dass sie ein Taxi und nicht die S-Bahn (eine Station!) genommen haben.  6,00 € sind 6,00 €! Aber wären sie 400 Meter selbst gelaufen, hätten sie mit der Bahn 2,80 € gezahlt. Wären sie 100 Meter gelaufen und hätten auf einen Kollegen zum Ranwinken gewartet, hätten sie 4,00 € für die Kurzstrecke gezahlt. Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund war das zu viel Aufwand. Nicht, dass ich 2 € Aufpreis für 100 Meter für gerechtfertigt halte, aber in Anbetracht der Alternativen wüsste ich nicht, weswegen ich ihnen hätte entgegenkommen müssen.

Ich will nicht zu gehässig sein, aber ich hab nicht vor, meine Dienstleistung unter Wert zu verkaufen. Ich verdiene pro Wochenendschicht (und denkt dran: Das sind die guten!) irgendwas zwischen 70 und 100 € – wenn ich stur nach Tarif die kürzesten Strecken fahre und durchschnittliches Trinkgeld kriege – dafür, dass ich eben nicht in einen Club oder eine Kneipe gehe, dafür dass ich mich nicht betrinken kann, sondern den Betrunkenen meine Dienste anbiete, um sie sicher und bequem nach Hause zu bringen. Der Rest der eingenommenen Kohle geht fürs Arbeitsmaterial drauf, für die in manchen Fällen sogar sinnvoll eingesetzten Steuern und Abgaben – und dafür, dass meine Chefs die Organisation des Ganzen übernehmen (wofür ich mir dann wiederum kein Wochenende frei nehmen muss). Ist das wirklich so viel, dass man sich da noch beschweren muss, wenn man sowieso gleich tanzender- und saufenderweise sein Geld verprassen will?

Und das frage ich als Mensch, der monatlich Miete für ein Zimmer zahlt, damit meine Kumpels eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit haben. Als Mensch, der der Bettlerin vor meinem Supermarkt von der Kohle gelegentlich zwei oder drei Euro zusteckt. Als der, der privat schon so oft Leute auf eigene Kosten von A nach B gebracht hat und gar nicht mehr zählen kann, wie viele Leute er schon irgendwo mal zum Saufen eingeladen hat.

Gewiss, die ein oder andere Ausnahme würde mich nicht umbringen. Auch meinen Chef nicht. Aber was meint ihr, wie viele Leute meinen, sie seien eine Ausnahme wert? Jetzt hat Torsten erst wieder was geschrieben über die Studis, die meinen, ein Taxi müsse umsonst sein, wenn der Fahrer so oder so in die richtige Richtung fährt – was natürlich Blödsinn ist, weil der Tarif noch höher wäre, wenn wir noch mehr Leerfahrten hätten.
Und Mia ist auf eine der vielen Frauen getroffen, die der Meinung sind, Wartezeit zu berechnen, wäre Abzocke – was im Kern aufs gleiche rauslaufen würde.

Ganz im Ernst: Ich bringe euch gerne ohne Kohle von A nach B. Aber das klappt nur, wenn das drumherum anders ist. Es würde letztlich auch bedeuten, dass ich mich dafür aus eurem Kühlschrank ernähren müsste oder laut schnarchend auf eurem Sofa pennend den Tag verbringen.

Bis wir das mal gesamtgesellschaftlich geklärt haben, werde ich wohl nicht umhin kommen, ein paar Euro dafür zu nehmen und nicht ganz so flexibel zu sein…

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

+++Eil: Schotte gibt Trinkgeld+++

Berlin/gnit Augenzeugenberichten nach ist in der deutschen Hauptstafdt gestern Nacht etwas Besorgnis erregendes in einem Taxi vorgefallen. Ein Fahrgast, laut eigenen Angaben ein Schotte, gab dem Taxifahrer Trinkgeld. Sogar verhältnismäßig spendabel soll er sich gezeigt haben, weiß Taxifahrer Sascha B. zu berichten:

„Hätte ich ja auch nicht gedacht. Ich meine, er war ja ganz nett und im Gegenzug zu sonst bin ich auch mal fast anständig gefahren. Aber als er erzählt hat, er wäre Schotte… ganz ehrlich: Ich wollte ihn eigentlich gleich rausschmeißen.“

Eine ausnahmsweise nicht auf Rot geschaltete Ampel in Berlin-Friedrichshain verhinderte schlimmeres. Taxifahrer B. gab GNIT gegenüber zu verstehen, dass selbst er Kunden nicht der Nationalität wegen aus dem fahrenden Wagen stößt.

Am Ziel angekommen, nahm B. 10 € entgegen und kann sich bis jetzt nicht erklären, was genau vorgefallen ist:

„Ich meine, die Fahrt hat ja nur 7,80 € gekostet. War ja so oder so nicht so dolle. Dann meint der aber auch noch, ich soll das Geld behalten. Ich werde den Schein demnächst mal der Polizei zum Überprüfen geben, das muss ja Falschgeld sein oder so. Aber so sicher bin ich mir nicht, sieht aus wie Euro, obwohl der von den Schotten kommt. Echt komisch!“

Während der Berliner Senat nach dieser Meldung Mehreinnamen in Millionenhöhe einplant, sollte nicht zu voreilig davon ausgegangen werden, dass das Geld über ausschweifenden Konsum letztlich im Stadtsäckel landet. Taxifahrer B. seinerseits ist nämlich ein Schwabe.