Knappe Planung

Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein, was die Gebühr für nichtbare Zahlung in Berlin angeht. Ob sie auch für Kartenzahlung gelten muss, ob sie zu hoch oder unnötig ist, was auch immer. Trotz all der dazu anfallenden Diskussion hab ich aber bis gestern noch nie erlebt, dass jemand deswegen nicht Taxi fährt. Dass stattdessen Bargeld rausgekramt wird, ok. Dass die Leute sich ärgern, ok.

Aber dann stand sie gestern da und fragte, ob ich auch EC-Karten nehmen würde.

„Ja, klar.“

„Kostet das Gebühren?“

„Sind in Berlin immer noch die 1,50 €.“

„Hmm, ok, dann nicht. Sorry.“

Mich hätte jetzt eigentlich noch interessiert, ob der Restbetrag auf dem Konto auf 1,50 € Genauigkeit an den zu erwartenden Taxipreis reichte oder ob sie einfach prinzipiell Gegnerin der Gebühr war.

Was die Fahrt anging: Ich hätte sie gerne gemacht, hatte andererseits bereits 12* Sekunden später andere Kundschaft.

*nicht verifizierbare innergehirnliche Messung. 😉

Völlige Verplanung

Eine Sechsertruppe als Winker aufgabeln und mit ihnen eine 30€-Tour haben? Fuck, yeah! Aber wenn dann alle rumflippen, Festpreise erörtern wollen und bei der erstbesten Möglichkeit gleich mal das Taxameter ausschalten? Holy Fuck!

Um ehrlich zu sein: Abgesehen von der Fehlfahrt zu Beginn ist leidlich wenig passiert, wenn man mal blödes Gelaber von der Liste nimmt. Ich war zwar trotz der finanziellen Aussicht froh drum, sie doch nicht anschließend zu ihrem Hotelbesuch zum Club fahren zu dürfen/müssen, aber auch dankbar, die Tour gehabt zu haben. Nachtschichtstress, passiert halt auch mal.

Beim Bezahlen allerdings gingen sie ähnlich clever vor wie beim Versuch, meine Sympathie zu erwerben. Es fing an mit:

„Dann sind wir bei 31,10€.“

„Mach mal 35.“

„Oh, danke.“

„Hier sind schon mal sieben.“

Bei allem folgenden Hin und Her wurde ich gefragt, was noch fehlen würde, und ich hab versehentlich eine leicht zu meinen Gunsten ausfallende Zahl genannt. Es lag mir fern, jemanden zu bescheißen, aber am Ende hat mir das statt 1,90€ wesentlich eher berichtenswerte 6,90€ Trinkgeld gebracht.

Aber wenn selbst ich da nüchtern nicht mehr mitgekommen bin, wird es dem Jungesellenabschied von ein paar Touris sicher auch nix angehabt haben.

Sündenbock

Als ich nach dem Winken angehalten hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir mit der Fahrt einen Gefallen getan hatte. Vier Jungs, allesamt Brecher meiner Größe und ziemlich laut unterwegs.

„Mach mal Kurzstrecke, Digger!“

Während einer gleich angefangen hat, mir zu beschreiben, wie genau ich fahren soll, meinte ein anderer:

„Ey, mein Bruder is‘ auch Taxifahrer, weisste, Digger?“

Damit war alles ok. Im Ernst. Die größte Sorge bei einem Rudel Betrunkener ist, dass sie irgendwie Ärger machen, wegen Bullshit. Leute aber, die von Bruder, Vater, Tante oder Großcousine wissen, wie der Job so ist, sind  fast automatisch immer lieb. Die sehen in uns halt nicht einfach irgendeinen potenziellen Abzocker am Steuer, wie manch andere in angespitztem Zustand.

Der junge Mann holte dennoch verbal bedrohlich aus, brachte dann aber eine 1A-Pointe:

„Aber weisste, Digger, wenn ich mir anschau, wie so manche Taxifahrer heizen … weisste, die so glauben, dass ihnen die Straße gehört … wenn ich sowas seh, Digger, dann … dann würde ich am liebsten zu meinem Bruder fahren und ihn schlagen!“

😀

Das Ende vom Lied waren zwei Euro Trinkgeld auf eine Kurzstrecke und gute Laune. Und der Bruder hat diese Nacht vermutlich auch nix abbekommen. 😉

80€ für Bullshit-Service

Ich hab heute Nacht im tiefsten, naja, wenigstens im tiefen Osten, ein paar Inder aufgegabelt. Sie waren auf Europareise, sehr nett, etwas schüchtern, hatten aber  vor allem das Problem, dass ihr Hotel keinen 24h-Service geboten hat. Folglich standen sie auf der Straße. Sehr ärgerlich natürlich.

Sie fragten mich nach einem nahen Hotel, aber mir ist keines eingefallen. Also zumindest keines, das auch wirklich ganz sicher noch nachts um 2 Uhr Überraschungsgäste aufnimmt. Sie sagten mir dann in sehr verständlichem Englisch, dass ihnen jemand das XY-Hotel empfohlen habe.

Fuck, yeah! An das hatte ich nicht gedacht, aber natürlich: Ein großes Hotel, nur eine Kurzstrecke entfernt und sicher ausgestattet mit Personal für die Nachtschicht. Ich hab also proaktiv eine Kurzstrecke reingedrückt, die beiden Jungs dorthin gefahren und ihnen dann trotzdem angeboten, noch kurz mit reinzukommen, einfach um sicherzugehen, dass das jetzt klappt. Notfalls hätte ich sie natürlich gerne noch weiter in die City gefahren.

Natürlich hatte der Typ am Tresen zu dieser Zeit nicht mit Kundschaft gerechnet, ich male mir da keine Rosa-Einhorn-Welt aus. Aber als wir eintraten, schlurfte er eher missmutig zum Tresen, woraufhin ich einfach mal einwarf, dass die beiden gestrandet seien und nun nach einer Bleibe für die Nacht suchen würden.

„Jaja.“

Besser als „nein“, keine Frage. Da ich eigentlich ja extrem unbeteiligt war, fragte ich ihn, ob das dann alles ok wäre, woraufhin er schlechtgelaunt erwiderte:

„Naja, ersma guckn, ob die auch genug Geld haben!“

Zweifelsohne ein richtiger Einwand, den ich auch verstehen kann, aber ist den ein nettes „Warten Sie mal, aber ich bin guter Dinge!“ wirklich zuviel verlangt?

„Doppelzimmer?“

„We, äh, we need a room for two.“

„Doppelzimmer.“

OK, deutsche Hauptstadt, ein großes Hotel (wenn auch etwas abseits vom Schuss) und kein Englisch? Ehrlich? Verdammte Scheiße, mir als Taxifahrer ist es manchmal peinlich, nicht spanisch oder französisch zu sprechen! Aber halten wir uns damit nicht auf, ein „Sorry“ hätte ja gereicht. Aber nix da. Anzug, Halbglatze und ein zackig gesprochenes „Achtzig Euro!“, mehr war nicht drin. Erst auf Nachfrage:

„Ätih“

„Ah, thank you. That’s all? Nothing cheaper?“

Und da hat er dann aus großen Augen verständnislos in die Runde geblickt.

„Nein! Das ist, das ist, äh fix!“

„Fixed price, ok, sorry man.“

Im Ernst: Völlig ok, dass ein Doppelzimmer in Berlin mitten in der Nacht 80 € kostet! Aber kann man das vielleicht bitte in freundlich kriegen? Noch dazu, wenn man ohnehin schon ein anderes Hotel für gar nix bezahlt?

Ohne das jetzt explizit auf dieses Hotel bezogen zu haben, hab ich meine Fahrgäste mit folgendem Satz verabschiedet:

„I wish you a good night and I’m sorry for your first experiences in Berlin!“

Was will man sonst auch sagen?

Berliner Stilleben

Ich hätte es fotografieren sollen, aber das Handy hing noch im Auto. Aber ja, da stand ich nun und neben der geöffneten Fahrzeugtüre standen auf dem Bürgersteig in Friedrichshain eine leere Flasche Beck’s, ein nur noch viertelvolles Glas Rotwein und eine volle Babyflasche mit Milch. Und ich würde gleich Geld für die dazugehörige Fahrt kriegen.

Das allerdings wurde etwas verzögert, weil zunächst irgendeine Hippie-Gestalt die Bierflasche mitnehmen wollte und zudem irgendwas von den guten und bösen Kräften der Erde und des Himmels erzählen musste, während ich ihr das untersagte. Berlin eben.

Bald aber kam der Bräutigam wieder und wimmelte sie ab.

Ja, ehrlich.

Im Grunde war es eine zwar lukrative, aber unspektakuläre Fahrt: Ich wurde im äußersten Südosten der Stadt rangewunken und habe die Fahrgäste bis nach Friedrichshain bringen dürfen. Tatsächlich war es ein Brautpaar, das aufgrund nicht näher zu beschreibender Ereignisse vor allen anderen Gästen die Hochzeitsfeier verlassen musste, weil sonst ihr junges Baby nix zu trinken gehabt hätte. Und, ich zitiere die beiden mal:

„Ohne Flasche geht da gar nix!“

Eine unglückliche Verkettung von Umständen, die letztlich dazu führten, dass die beiden sowohl mit ihren Getränken als auch der Babynahrung mal schnell für 30 € den „schönsten Tag ihres Lebens“ beenden mussten. Ich hab Bonuspunkte durch besonnene und doch schnelle Fahrweise sammeln können und ebenso durch den Bericht von meiner Hochzeit, die ich – wie Insidern bekannt sein dürfte – auf dem Standesamt mit Restalkohol und bei der Feier mit Fieber durchgestanden habe.

Und am Ende haben die beiden eben alle Getränke auf den Gehweg gestellt, die Braut ist zur Sparkasse gewuselt und der Bräutigam gab kurz darauf bekannt, dass er mal kurz, also gegenüber, er müsse wirklich ganz ganz dringend …

Und ich durfte dann die freilaufenden Hippies abwehren. Was halt so passiert. 🙂

Kleinlich bei Umwegen, Teil 2

Ich hab ja vorgestern schon so ein Beispiel für einen unnötigen Umweg gebracht. Das war wie das heutige nicht wichtig oder schlimm oder irgendwie von Bedeutung. Ich erwähne das nicht einmal, weil ich nicht gerne mehr Geld verdiene oder weil ich die Fahrgäste bloßstellen will. Ich will nur darauf hinweisen, dass das, was gemeinhin Ortskunde genannt wird und eine der Hauptqualifikationen von mir und meinen Kollegen ist, einfach einen Wert hat.

Ebenso wie ein Maler sich sicher wundern würde, wie langsam und unsauber ich meinen Flur streiche, bleibt bei mir als Taxifahrer halt ein komisches Gefühl zurück, wenn eine Kundin diesen Weg ansagt:

Kürzeste Strecke, sieht man sofort! Quelle: osrm.at

Kürzeste Strecke, sieht man sofort! Quelle: osrm.at

In dem Fall hat die Kundin die Ecke Rhinstraße/Allee der Kosmonauten (die Ecke oben links) als Ziel angegeben, sich dann aber („hier noch kurz rechts!“) an die Ecke ADK/Marzahner Chaussee bringen lassen. Auch hier ist nicht einmal ein ganzer Euro flöten gegangen, alles kein Thema für ein Gerichtsverfahren, schon klar. Aber es nagt an einem, wenn man es besser weiß.

Und, nur mal nebenbei: Das passiert ja dann manchmal auch in handfesten Größenordnungen.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Ich, das Arschloch auf dem Fahrradweg

„Das is’n Fahrradweg, Du Arschloch!“

Hab ich neulich wieder gehört und der eloquente junge Mann hatte sogar recht. Der Sicherheit wegen werden immer mehr Fahrradwege, bzw. -Spuren direkt auf der Straße angelegt und ich begrüße das auch sehr. Man sieht sich wirklich besser. Wenn ich allerdings Kunden auslade, fahre ich auch auf diese Spur, „ganz“ rechts ran.

Liebe Radler, ich tue das nicht, weil ich denke, dass man Euch eher behindern sollte als die Autofahrer. Das ist mir egal, da hab ich keine Präferenzen. Da ich allerdings nicht dafür garantiern kann, dass meine (gerne mal angetrunkene) Kundschaft beim Türöffnen auf Euch achtet, versperre ich diesen Weg mit voller Absicht.

Sicher ist es nervig und gefährlich, um ein so haltendes Taxi herum zu fahren. Aber Ihr seid die, die gerade aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Ihr müsst schon dem Gesetz nach nüchtern und aufmerksam sein, meine Kundschaft nicht. Links ist die Kindersicherung drin, da springt keiner unerwartet raus, das Halten am äußersten rechten Rand bietet sich da einfach an.

Wir alle ärgern uns über unnötige Hindernisse, schon klar, ich auch. In dem Fall versuche ich aber eigentlich nur dafür zu sorgen, dass die berühmt-berüchtigte plötzlich geöffnete Tür –sicher der Radler-Horror schlechthin – nicht passieren kann. Ich mach’s also auch für Euch, also bitte weniger Beleidigungen!