Die Club-Kundschaft …

Ich  musste nicht einmal warten wie die gefühlt fünfhundert Leute in der Schlange vor dem Club. Taxis waren keine da, ich blinkte nur kurz rechts und nahm die erste Kundin auf, die mir bereits fröhlich entgegengehüpft kam.

Nach über acht Jahren wird man nur noch selten überrascht, die jedoch hat das schon mit dem Gesprächseinstieg geschafft, denn der dürfte einzigartig gewesen sein:

„Hey, guck mal: Avocados! Hihi.“

Und was soll ich sagen: Sie trug Leggings mit Avocado-Muster.

Ein weiteres Highlight war folgende Erkenntnis:

„Gott sei Dank hab ich so viel Glitzer im Gesicht. Sonst hätte ich übelst die Augenringe!“

Und beendet wurde das Ganze nach 10 Minuten mit dem Dank, ich sei „der beste Nachhause-Taxifahrer der Welt“.

Sowas nimmt man doch gerne mal mit. 🙂

Voll die Hilfe

Ganz unabhängig von Karten- oder App-Bezahlung: Wenn es um Bares geht, ist „das mit dem Wechselgeld“ eine Sache. Schön, wenn wir das mal hinter uns haben, aber man kann und sollte als Taxifahrer in Erwartung einer 150€-Schicht einfach keine 500€ Wechselgeld mit sich führen.

Und dann sie. Meine erste Tour an dem Abend. Eine nette junge Dame, leider war die Strecke halt kurz. Ist mir egal, passt schon.

„Dann wären wir bei 6,90€.“

„Oh, ich hab jetzt nur 50€, aber sie können gerne 7€ machen …“

Mal ganz im Ernst: WTF?

Ehrlich: Wenn die 10ct-Münzen unser Problem beim Wechselgeld wären, wären wir nicht nur Idioten, sondern zudem auch bei 99,90€-Fahrten aufgeschmissen, wenn uns jemand hundert Euro reicht. Darüber hinaus mag Trinkgeld eine Freiwilligkeit sein (und diese Fahne halte ich immer wieder hoch!), aber sich mit über alle Maßen unterdurchschnittlichem Trinkgeld  dafür entschuldigen, dass man die Wechselgeldkasse zu sehr in Anspruch nimmt … äh ja, WTF?

PS: Ja, es gibt Leute, die irrigerweise glauben, dass wir Taxifahrer zu wenige Münzen haben und nicht etwa zu wenige Scheine. Aber selbst  die runden dann eben auf den nächsten Schein auf. Nicht, dass ich das für nötig halten würde; aber es ist leider das Einzige, was dann Sinn macht.

 

Rinss …

Das war die Zielangabe:

„Rinss.“

„Sorry?“

„Rinsass rex.“

Na also, geht doch. Den Rest kriege ich als Taxifahrer auch so hin. Also rechts die Rhinstraße hoch. Da die Fahrt kurz blieb, haben sich allerdings weder Deutschniveau noch Promillespiegel des Fahrgastes verbessert, also blieb die Unterhaltung dünn. Immerhin schaffte er es trotzdem, mir bei einer Route von anderthalb Kilometern erfolgreich 500 Meter Umweg unterzujubeln und mir am Ende mit Händen und Füßen klarzumachen, dass er oben Geld holt, sein Portemonnaie als Pfand dalässt und wir am Ende wieder zurück zum Bahnhof fahren.

Da stand ich dann ein paar Minuten, die Uhr zählte nochmal zwei Euro weiter und dann kam der Fahrgast wieder runter und hatte inzwischen die nachvollziehbare Idee gehabt, dass er zu betrunken zum Weiterfeiern sei. War mit knapp 10 € für die Kürze der Strecke eine reichlich lukrative Tour.

Trinkgeld gab’s dann leider nur indirekt und wenig: Ihm fiel vom Wechselgeld eine 20-Cent-Münze runter und er hat (vermutlich richtig) geschlussfolgert, dass sein Zustand ihm ein Aufheben derselben nicht erlaubte.

Es gibt zweifelsohne interessantere Fahrten, aber ganz ohne Druffis geht so eine Nachtschicht dann ja auch nicht. 😉

Ach, SO knapp …

„Was schulde ich Ihnen?“

„Genau 10 Euro und 90 Cent.“

„Oh stimmt, den Zweier hab ich vorher ausgegeben. Ich müsste hier noch … oh nee, auch nicht … also ich hätte hier 10,30€.“

„Ich will nicht kleinlich sein, aber ich muss ja die 10,90€ bei meinem Chef …“

„Nein nein, ich hab’s ja nur …“

„Wenn Sie’s nur größer haben: Ich hab Wechselgeld. Ich würde jetzt gerne auch das mit der Kartenzahlung einwerfen, aber dann müsste ich noch die 1,50€ Zuschlag berechnen.“

„Ich hätte oben noch Geld, aber …“

„Ach so, kein Problem! Das passiert öfter mal. Wenn sie also kurz oben Geld holen wollen …“

„NEIN! Da müsste ich erst den Schlüssel holen!“

OK, dass es so schwierig werden würde, hab ich mir bis dato nicht ausgemalt.

Wie so oft wurde es aber auch gar nicht so schwierig. Sie hat den einen Fünfer in ihrem „Geheimfach“ noch gefunden. Ein bisschen weniger Panik hätte es also auch getan. 😉

Einmal für 17€ pinkeln

Sie ist am Sisyphos eingestiegen und wollte nach Mitte. Soweit normal. Sehr  schnell aber ging es nur um eines:

„I need to pee. I am literally in pain right now!“

Und ja: Ein Freund hatte ihr schon mitgeteilt, dass es am Sisyphos auch Toiletten für die Leute in der Schlange gibt. Nur war die Schlange leider zu lang, sie hatte sie schlicht noch nicht einmal in Aussicht gehabt. Da es ihr sichtlich schlecht hing, hab ich nach rund zwei Kilometern mal nachgefragt, ob wir nicht vielleicht doch einen Zwischenstop einlegen sollten, an irgendeiner Bar vielleicht.

„They might charge you 50 Cent or one Euro, but …“

„That’s ok! I just wanna pee!“

Also hab ich am nächstgelegenen Restaurant angehalten. Und während die dort angefangen haben aufzuräumen hat meine Kundin mal eben satte 3€ Wartezeit zum Pinkeln genutzt. Holla die Waldfee, DAS ist echt nicht mehr lustig!

Nach dem Wiedereinstieg beschloss sie dann, sich doch noch einmal in die Anderthalb-Stunden-Schlange am Sisyphos einzureihen. Mir kam das mehr als gelegen  und sie versicherte auch, dass es ihr das wert war. Aber 16,10€ Taxikosten plus Betrag X, den sie auf den Tresen gelegt hat … ich vermute mal, dass das einer der teuersten Toilettenbesuche ever war.

Einfach mal nett sein

Ich hatte nicht wirklich einen Grund zu klagen. Die Warterei am Ostbahnhof hat mir immerhin eine 20€-Tour in den Wedding beschert. Mit zwei wirklich netten Jungs, die sich am Ende dafür bedankten, dass es so eine nette Fahrt gewesen sei. Das Trinkgeld blieb zwar unterdurchschnittlich, aber man will ja wirklich nicht an den Details herumnörgeln.

Ich blieb gleich an der Ecke kurz stehen, um mir den Umsatz zu notieren, da klopfte es an meine Scheibe. Ein netter junger Mann fragte in gebrochenem Deutsch:

„Hallo? Hab ick je’and. Du fahre?“

„Äh, sicher.“

Zugegeben, meine Alarmglocken waren scharf geschaltet, denn in der Regel schaffen es die Fahrgäste ja selbst, ihre Anfrage zu formulieren. Und die junge Frau, die der Frager dann zum Taxi geleitete, wirkte auch ein wenig wackelig auf den Beinen. Kaum dass sie einstieg, war aber klar: Eher keine Kotzgefahr. Sie heulte wie ein Schloßhund und presste nur kurz eine grobe Richtungsangabe in der 25€-Region hervor. Für mich als Taxifahrer also erst einmal wow.

Andererseits hatte ich jetzt für mehr als 20 Minuten eine heulende Frau im Auto, das ist dem Menschen in mir dann doch auch etwas unangenehm.

Ich hab eine Weile warten müssen, dann aber irgendwann einen Punkt finden können, an dem ich ein „Alles in Ordnung bei ihnen?“ einwerfen konnte. Natürlich war nix in Ordnung. Aber ich konnte kurz und schnell das Eis brechen, indem ich sagte, dass ich ihr gerne ein Taschentuch anbieten würde, aber ausgerechnet heute keines dabei hätte.

(Was nicht gelogen war, denn ich hatte kurzfristig ein neues Auto bekommen. Details dazu gibt es die Tage mal, ich hab aber noch nicht einmal Fotos gemacht.)

Sie stammelte, dass sie so gerne eine rauchen würde und fragte, ob ich rauche. Da war ich ja nun gleich doppelt der Spielverderber mit meiner Aussage, ich hätte aufgehört. Sie meinte dann, dass sie ja „eigentlich“ auch aufgehört hätte, aber jetzt und hier … ob wir nicht zusammen eine rauchen könnten.

„Bitte lassen Sie mich da raus! Aber eine Ausnahme im Jahr genehmige ich mir im Hinblick auf die Taxiordnung. Wenn Sie also wollen, ich lasse ihnen das Fenster runter, rauchen Sie eine. Ich würde mir aber wünschen, Sie würden darauf achten, auch ordentlich aus dem Fenster zu aschen.“

Und schon konnte die unglücklichste Frau Berlins ausgerechnet in meinem Taxi für einen kleinen Moment gar nicht fassen, was für ein riesiges Glück sie hat. Obwohl das weder psychisch noch toxikologisch eine Meisterleistung war: Es hat ausgereicht, vorübergehend die Tränen versiegen zu lassen. 🙂

Der Rest war dann ein Bisschen Zuhören von meiner Seite aus. Einer Story, die um eine an diesem Abend beendete Beziehung und zu viel Rotwein kreiste. Es soll nicht abschätzig klingen, aber eine Überraschung war das da dann auch schon nicht mehr wirklich. Der Mensch in mir war schon einmal zufrieden und gegen Ende sollte es auch noch einmal was für den inneren Taxifahrer geben.

Als wir nämlich noch etwa zwei Minuten vom Ziel entfernt waren, standen etwa 22€ auf der Uhr. Sie kramte in ihrer Tasche und meinte:

„Ich möchte Ihnen schon mal, gleich vorweg, 50 € geben.“

„Danke, aber warten Sie doch bitte, bis …“

„Nein, nein! Ich meine ohne Rückgeld!“

„Oh. Äh, mal ganz im Ernst: Haben Sie sich das gut überlegt?“

„Ja, das passt so.“

Ich bin, deswegen hab ich’s so in die Überschrift gepackt, eigentlich nur einmal mehr einfach nett gewesen. Ich hab aber das Gefühl, dass das an diesem Abend für diese eine Kundin wirklich wichtig war.

Ich bin die Tage im Netz über so einen neunmalklugen Kalenderspruch gestolpert, der mir eigentlich zu kitschig war. Er besagte sinngemäß, dass man immer erst einmal nett sein sollte. Weil man, wenn man damit nicht weiterkommt, immer noch gemein sein könnte, ohne dass sich am Ergebnis was ändert; dass das aber umgekehrt sehr viel schwerer bis unmöglich wäre. Und nach der Fahrt ist mir das wieder eingefallen und ich hab mir überlegt, wie die Fahrt wohl ausgegangen wäre, wenn ich gleich zu Beginn zur Kundin gesagt hätte, sie solle mir mit dem Geschnodder ja nicht das Auto vollsauen. Ich schätze mal, dass es dann weniger als 110% Trinkgeld gewesen wären. 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Bescheuertster Ortskundefail ever!

„Hallo, wo darf’s hingehen?“

„Knorrpromenade.“

„Oh, welcher Stadtteil war das noch gleich?“

Und hier der nötige Einschub: Ja, es gibt in Berlin ausnahmsweise nur eine Knorrpromenade und die liegt sogar ziemlich unweit meiner Lieblingshalte am Ostbahnhof. Im Grunde kenne ich die, sogar inklusive Einbahnstraßenregelung. Da ich aber, wie ich immer gerne betone, auch als Taxifahrer nur mit Wasser koche, hab ich beim Stichwort „Promenade“ ein paar Kandidaten im Kopf, die nicht wirklich was miteinander zu tun haben. Und bevor man wegen eines kleinen Verhörers in einen komplett falschen Stadtteil startet, fragt man halt nochmal nach. Und die Antwort kam schnell:

„Torstraße, Schwedter Straße.“

OK, in der Ecke war mir das völlig fremd, also hatte ich da was verwechselt. Passiert. Irgendeine kleine Straße, die so ähnlich heißt, das ist wirklich Alltag. Immerhin wusste ich nun schon einmal, in welche Ecke es gehen sollte und bin losgefahren. Ich hab mir auf der Karte meines Trackers einen Wolf gezoomt, die Straße dort nicht gefunden und am Ende dann doch das Navi angeschmissen. Das aber leitete mich, obwohl inzwischen in die andere Richtung unterwegs, wie ich zunächst vermutet hatte, weiter nach Friedrichshain in den Boxhagener Kiez.

Obwohl ich bis dato dachte, der Kunde kenne sich aus, fragte ich mal eben schnell nach. Und ein Abgleich unseres Wissens ergab, dass natürlich das Navi und meine Intuition recht hatten. Der Fahrgast hatte noch vor dem Einstieg wohl etwas zu hektisch gegoogelt und war dank persönlichen Algorithmen für mich nicht mehr nachvollziehbar sehr schnell bei einer Firma gelandet, die zwar die Knorrpromenade im Namen führt, aber eben in der Schwedter Straße angesiedelt ist.

Das Ende vom Lied war fast schon langweilig und ist hier trotzdem erwähnenswert: Er hat das auf seine Kappe genommen und sich für die Weitergabe der falschen Infos entschuldigt. Und am Ende mittels Trinkgeld sogar den eigentlich höheren Betrag bis zu seiner Fantasieadresse gezahlt, den ich zunächst in den Raum geworfen hatte.

Natürlich war ich nicht gänzlich unschuldig, ich hätte meinem Wissen auch einfach vertrauen können. Aber ich glaube, dass es in einer großen Stadt mit etlichen doppelten Straßennamen auch nicht dumm ist, bei einer schnellen und deutlichen Ortsangabe erst einmal den Kunden zu vertrauen. Wie ich gerne sage: Vor der eigenen Haustüre kennen sich die Fahrgäste natürlich besser aus als ich. Dass ihr Ziel erst kürzlich falsch ergoogelt wurde, kann ich nicht immer erahnen.

In dem Fall war das Ergebnis wie gesagt super. Denn mal abgesehen vom Trinkgeld hatte ich am Ende einen Kunden, der trotz Umweg und damit höheren Kosten einfach nur nett und verständnisvoll war. Es ist ja nicht einmal so, dass ich in dem Fall nicht ein Auge zugedrückt hätte bezüglich des Preises, aber diese Variante ist einfach nur nice!