Bullshit!

Eine super relaxte Tour. In einer bescheidenen Nacht 2 Winker in Neukölln aufgegabelt und auf dem Weg gewesen, mal kurz 15 € auf die miserablen Einnahmen raufschlagen zu können.

Ein junges Pärchen, anspruchslos und nett. Irgendwie habe ich aber die Konversation, die ich mit ihm geführt habe, am Ende nicht mehr verstanden.

Kurz nach dem Start habe ich nachgefragt, ob die von mir angepeilte Route ok wäre, und es war alles sehr gechillt.

„Du bist der Taxifahrer, du machst das schon…“

Danke! Das ist doch mal eine Aussage! Anderthalb Kilometer vor dem Ziel fielen dann aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen folgende Sätze:

„Ja, ich meine, du fährst echt Bullshit!“

„Ähm… wieso das?“

Die Verwunderung war nicht gespielt. Meine Route schien mir sehr gut zu sein – vielleicht nicht bis auf den letzten Hinterhof perfekt, aber prüfungssicher. Mein Fahrstil war wie immer gesittet aber auch nicht durch die Nacht schleichend. Flott aber legal. Das Auto war technisch in Ordnung, es war einfach alles völlig ok. Also was wollte er?

„Ja, das ist einfach scheiße!“

„Und was habe ich mir darunter vorzustellen?“

„Hey, du bist der Taxifahrer, nicht ich!“

„Ja, aber wenn irgendwas so nicht in Ordnung ist, wie ich es mache…“

…und der Rest der Fahrt verlief dann schweigend. Also ich bin vielleicht nicht der Beste im Aufnehmen von Kritik, ich ärgere mich viel zu oft – auch wenn ich es nicht zeige – aber nach dem Gespräch hab ich mir wirklich gedacht, dass er mich mal kreuzweise kann. Dass er die exakt 15 € ohne Trinkgeld bezahlt hat, ist ok. Ich war letztlich froh, die beiden aus dem Auto zu haben.

Nehmen wir mein liebstes Vergleichsgewerbe und stellen uns die Frage: Wenn wer zum Bäcker geht und sagt „Wie sie Brot verkaufen, ist scheiße!“, was will er damit eigentlich sagen? Und warum mache ich mir eigentlich Gedanken darüber. Naja, irgendeinen Grund muss es wohl geben, sich zu ärgern… 🙁

Prima Anfang

Und ich unterhalte mich angesichts des Verkehrschaos auf der Mühlenstr. noch mit einem Kollegen darüber, dass wir jetzt bitte nicht eine Tour vom Ostbahnhof zur O2-World bekommen. Mein Kollege fuhr alsbald nach Hastenichgesehen und ich stand dann da als erster.

Meine Kunden waren total panisch und wollten keinesfalls den Konzertbeginn verpassen, wo sie doch nun sooo spät dran waren…

Ich hab die Fahrt natürlich nicht abgelehnt. Ich habe nur versucht, in den Raum zu werfen, dass es unter Umständen zu Fuß sogar schneller sein könnte, da man als Fußgänger doch wesentlich weniger dazu neigt, sich schon auf einer mehrspurigen Straße zu stauen. Aber um sicher zu gehen, wollten sie mit mir mit. So denn! Nach exakt 4,00 € auf der Uhr habe ich sie an der Einfahrt des Parkplatzes rausgelassen, weil sie davon ausgegangen sind, jetzt zu Fuß doch schneller zu sein. Als hätte ich es geahnt.

Aber gut, ich war nur 500 Meter von meinem Lieblingsbahnhof entfernt. Also ein neuer Versuch! Und siehe da, keine 5 Minuten und ein heilloses Durcheinander später hatte ich wieder eine Kundin im Auto. Ich gebe zu, es wäre jetzt ein netter Gag gewesen, wenn sie auch zur O2-World gemusst hätte. Aber die Realität hat noch was besseres auf Lager:

Das Radialsystem! Liegt Luftlinie sogar nur 300 Meter vom Bahnhof weg!

Dank ungünstiger Wendemöglichkeit bin ich hierbei aber sogar auf 4,60 € gekommen. Ab da habe ich dann einfach beschlossen, dass mich ein paar Leute ranwinken. Was soll ich sagen? 9 Stunden, 183,30 €… war also mal wieder nur der Auftakt komisch 🙂

Best Fail / Western Win

Zwei betrunkene Mädels aus dem Matrix. Zum Best Western Hotel am Spittelmarkt wollten sie. Und was macht Sash? Gurkt einfach mal drauf los und hat im Kopf das Novotel dort direkt ums Eck. Als ich gerade ranfahren wollte, fiel mir plötzlich ein, was sie gesagt hatten:

„Äh sorry? Did you say Best Western?“

Klar, natürlich hatte ich mich nicht verhört, sondern verfahren. Argh! Wo war das verdammte Hotel jetzt? Ach ja, Neue Grün… natürlich ein ziemlicher Umweg, den ich da jetzt fabrizieren müsste. Bin schließlich ressourcenschonend auf der grünen Welle am Ostbahnhof vorbeigeritten und nicht gleich mal hinten über die Köpenicker.

Hat mich geärgert. Also hab ich mich entschuldigt, das Taxameter bei 10,40 € ausgemacht, gesagt, dass wir bei 10 € sind und gehofft, dass ich mein Trinkgeld damit nicht überstrapaziere. Die beiden waren kein bisschen sauer und haben am Ende mit 12 € bezahlt. Puh, danke werte Kundschaft! 🙂

Wie so Wochentage mit zwei drei Matrixtouren sind, hatte ich später noch eine weitere Tour zum selben Hotel. Diesmal war ich ja schlauer. Ein Kollege hat den Rest der verbleibenden Feierwütigen mitgenommen und so kam es dann dazu, dass wir an der Oberbaumbrücke getrennte Wege fuhren. Ich über die Brücke zur Köpenicker, er geradeaus, einen anderen Weg nehmend.

Umgehend meldete sich meine Kundschaft und fragte, weswegen wir nun abbiegen und die anderen nicht.

„Compare the prices…“

habe ich ihnen gesagt, und damit war Ruhe im Karton. Wir sind tatsächlich kurz nach der anderen Taxe angekommen und meine Kundschaft ist gleich aus dem Wagen gesprungen und hat die andere Gruppe gefragt, was die Fahrt gekostet hat. Ich lag mit 9,40 € noch unter dem, was ich eigentlich erwartet hatte.

Dann plötzlich spontaner Jubel auf der Straße, nachts um drei Uhr. Freudestrahlende Grimasse eines jungen Mädchens mit erhobenem Daumen und der Bestätigung:

„You won!!!“

Man kann ja wenigstens versuchen, seine Fehler auszubügeln.

Was mich danach am meisten beschäftigt hat, war der Gedanke, dass sie sich mit meinen ersten Fahrgästen unterhalten und am Ende würden die nie darauf kommen, dass das der gleiche Fahrer war 😉

Christies

Ich kann nicht mehr bewerten, ob der junge Kerl wirklich schon blau angelaufen war. Das liegt zum einen daran, dass er tatsächlich blau war, als auch ein himmelblaues T-Shirt trug.

Ja, dies ist keine Geschichte aus dem Sommer! Der Kerl fragte mich tatsächlich am Ostbahnhof in einem himmelblauen T-Shirt bei 5 Grad unter Null, ob ich das Christies Hostel kenne. Wie zu erwarten friert er fürchterlich und sieht mich flehend an. Christies? Nie gehört! Ich frage bei einem Kollegen nach, der aber auch passen muss. Also befrage ich mein schlaues Buch. Nichts. Puh, das ist schlecht…

Ich frage ihn, ob er irgendeinen Anhaltspunkt hätte, wo das Hotel ist. Die ganze Konversation muss man sich übrigens auf Englisch mit einem echt derben Dialekt inkl. Lallen vorstellen. Also recht schwierig. Nach 3 Minuten weiss ich immerhin, dass man das Hostel mit einem wie auch immer gearteten Zug vom Alex aus erreicht. Prima, dann fallen schon mal ca 2,5% der Berliner Adressen weg 🙁

Aber es geht auch genauer. Es war nicht allzu weit und das Hostel liegt, und das muss ich im Original widergeben, „at a Place called ‚Platz‘ „

Wir suchen also ein Hostel das nirgends verzeichnet ist an einem Platz, den man vom Alexanderplatz mit S-Bahn, U-Bahn oder Zug erreicht. Ich hab ihm versucht zu erklären, dass „Platz“ keine ernstliche Ortsangabe ist und ihm ein paar Plätze aufgezählt, die ganz grob in der Innenstadt liegen.

So wirklich zusagen wollte ihm keiner, aber er fragte mich, ob ich ihn zum Potsdamer Platz bringen könnte. Klar kann ich, aber was passiert, wenn das Hostel da nicht ist?

Er meinte, er würde es sicher wiedererkennen und überhaupt und sowieso. Ihm war kalt. Also hab ich mich mit einem mehr als schlechten Gefühl und einem durchgefrorenen Australier auf den Weg zum Potsdamer Platz gemacht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, wie es am Potsdamer Platz aussieht, aber es wurde immer klarer, dass das nicht richtig ist. Wer keine Hochhäuser gesehen hat, wohnt auch nicht am Potsdamer Platz…

Ich hab ihn permanent bitten müssen, langsam und deutlich zu sprechen, weil ich sonst nichts, aber auch gar nichts verstanden habe. Irgendwann sprach er dann vom „Christl’s Hostel“ und vom „Christ Hostel“ Da hab ich ihm dann nochmal etwas schärfer klargemacht, dass ich schon genau wissen müsste, wie das Hostel heisst. Und plötzlich glaubte ich ein „St. Christoph“ zu hören…

„St. Christoph? Do you mean St. Christopher’s Hostel?“

„Uh, yeah! St. Christopher’s!“

„Ok, no Problem, I’ll bring you there…“

Also hab ich mal spontan auf der Leipziger Str. gewendet (hab ich schon mal geschrieben, dass ich gerne nachts arbeite?) und bin zum Alex hochgegurkt. Das St. Christopher’s ist mir nun durch die ganzen Matrix-Gäste mehr als bekannt, und von der Beschreibung her passt es auch: Eine U-Bahn-Station vom Alex entfernt am Rosa-Luxemburg-Platz. Ich möchte übrigens anmerken, dass ich ihm den Platz in weiser Vorausahnung auch genannt hatte.

So viel Freude wie zu dem Punkt, als ich gegenüber des Hostels hielt und fragte:

„Is it that one?“

kann man sich kaum vorstellen. Und er hat die 11,40 € ganz artig mit 17 € bezahlt und ist in sein hoffentlich warmes Bett entfleucht. Glücklicherweise! Denn was hätte ich mit einem Australier in einem himmelblauen T-Shirt bei Minusgraden anfangen sollen?

Schlüsselkinder

Dass die Samstagsschicht verdammt gut war, habe ich in den letzten beiden Einträgen bereits geschrieben und sogar Zahlen genannt. Nur unzureichend beschreibt es allerdings den Dusel der letzten Stunde der Schicht. Ich habe hochzufrieden nach dem Einfahren von rund 250 € beschlossen, ich nehme noch eine kurze Tour mit, um dann vielleicht über dem Silvesterumsatz zu liegen. Es war 6.30 Uhr, eine halbe Stunde lang hatte ich das Auto offiziell noch und ich habe es gerade gewaschen und getankt.

Am Ostbahnhof stieg mir dann nach wenigen Minuten tatsächlich eine Frau zu. Der Anfang war vielversprechend:

„Ist leider nicht wirklich weit…“

Na also, so wünsche ich mir das.

„Nach Köpenick in den…“

Nicht weit? Ich merke hier gerne noch mal an, dass die durchschnittliche Tour in Berlin zwischen 11 und 12 € bringt, und damit runde 5 km lang ist. Köpenick bedeutet runde 25 €…

Ich hab kurz überlegen müssen. Klar, alle Kollegen hätten sich gefreut, wenn ich ihnen die Tour geschenkt hätte, aber ich finde es eigentlich nicht nett, Kunden weiterzureichen, weil es einem nicht passt. Zudem hallte mir im Kopf, dass mein Tagfahrer mal gesagt hat, er fange Sonntags sowieso frühestens 8.30 Uhr an. Und naja… es war zwar kalt, aber er kommt  mit dem Auto zur Übergabe. Will heissen: Wenn er 10 Minuten warten muss, dann wird er mich deswegen auch nicht hassen. Also auf nach Köpenick!

Die Fahrt war unspektakulär und geprägt durch das Redebedürfnis meines Fahrgastes. Sie kam aus dem Skiurlaub und hatte einige nette Anekdoten zu erzählen, wie beispielsweise die, dass sie sich mal „versehentlich“ bei einem Mountainbike-Extreme-Race angemeldet hat, und das dann auch durchgezogen hat, weil sie „nun eh schon da war“. Ist jetzt aber eine stark vereinfachte Version…

Naja, schließlich machte ich mich wieder auf den Rückweg und hoffte, das Auto so gegen 7.20 Uhr abstellen zu können. An der langen Brücke dann: Winker. Ich hab mit mir gerungen, aber immerhin war die Fahrtrichtung stadteinwärts, also wie schlimm sollte es kommen?

„Nach Altglienicke, bzw. Schönefeld…“

OK, ich werde mich meinem Ziel also eher spiralförmig annähern. Zwei Partygänger auf dem Heimweg, beide eigentlich recht nüchtern. Das könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass sie bereits seit mindestens einer halben Stunde zu Fuß unterwegs waren und auf ein vorbeifahrendes Taxi gehofft haben. Auch diese Fahrt verlief ganz reibungslos und toll, allerdings kam die Wende ca. 200 Meter vor dem Ziel:

„Wie, du hast deinen Schlüssel nicht dabei?“

„Ja nee, im Ernst…“

Also durfte ich wenden, und die beiden wieder nach Köpenick fahren. Nix war es mit Spirale. Ich komme wohl einfach nicht mehr an. Schließlich wollten sie danach wieder nach Altglienicke…

Bemerkenswert übrigens folgendes Dialog-Kleinod:

„Och, das war jetzt aber auch wieder… ne, Häschen?“

„Wie, warum bin ich denn jetzt…?“

„Ey, na klar bist du Häschen!“

Unterwegs haben sie dann beschlossen, dass Häschen die Dame bereits wieder fahrtüchtig ist, und meine Dienste nur bis zu ihrem Auto (wo der Schlüssel sich so oder so befand) benötigt werden. Sonderlich wehgetan hat das auch nicht, obwohl ich mich natürlich gefreut hätte, die 300 € Umsatz zu knacken. Um die Fahrtüchtigkeit schien es ja auch nicht so schlecht bestellt zu sein, sodass ich nicht interveniert habe – was sowieso immer nach Geschäftemacherei aussieht.

Und wie bereits geschrieben habe ich dann nach 12 Stunden mit 297 € das Auto um 8 Uhr abgestellt. Mein Tagfahrer war noch nicht mal da, es gibt also nichts, was ich zu bereuen hätte 🙂

Das kratzt am Selbstbewusstsein

Die Kunden haben die freie Fahrzeugwahl. Das ist eine in meinen Augen sinnvolle Regelung in der Taxiordnung, die für eine gewisse Kundenfreundlichkeit garantiert. Schließlich kann man so spätestens nachdem sich der gewünschte Fahrer als Depp geoutet hat, ein anderes Taxi nehmen. Oder man kann sich für sein sauer verdientes Geld den Luxus einer Fahrt im Mercedes statt im Dacia gönnen, bzw. auch mal würdigen, wenn Fahrer ihr Auto gut in Schuss halten.

Gut, es gibt aus unserer Sicht auch Nachteile. Klar. Kunden wählen das Auto oft aus Unwissenheit oder vermeintlichem Wissen nach kuriosen Maßstäben. Und natürlich ist es nicht schön, wenn man wegen eines hässlichen Pickels auf der Stirn als erster in der Reihe ständig übergangen wird.

Aber im Großen und Ganzen ermutigt es uns Fahrer, den Kunden was zu bieten. Ob das nun ein ordentliches Auto, ein gepflegtes Erscheinungsbild unser selbst oder das Präparieren für bestimmte Klientel bedeutet: Unser Ding!

Neulich hatte ich allerdings den wirklich fiesen Fall, dass ich in einer schlechten Nacht mehrfach übergangen wurde. Das passiert öfter, aber so auffällig war es noch nie.

Ich bin gerade nach zwei Stunden erfolglosen Wartens vom Ostbahnhof weggefahren. Keine Züge mehr, zu viele Kollegen da und sowieso nichts los. Bitter. Nach ein paar Minuten Herumgurken vor diversen Kneipen habe ich mich ans Matrix gestellt. Vor mir 2 Mercedes. Nach ein paar Minuten fährt ein Kollege aus unserem Betrieb – auch mit einem Mercedes – hinter mir ran. Kurz darauf löst sich aus dem Club eine „große“ Traube Menschen und ich freue mich, da ich das einzige Großraumtaxi bin, und man damit durchaus recht gute Chancen vor dem Matrix hat, als erster wegzukommen. Pustekuchen!

Alle 3 Daimler sind besetzt weggefahren und ich stand weiter da. Aber gut, alles nicht so wild. Dass aber mein Kollege nach einer Viertelstunde wieder hinter mir landete, und das nächste Mal wieder vor mir weg war, DAS hat echt wehgetan 😉

Vielleicht liegt es ja doch am Dachschild…

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Was war das denn eben?

Das beschreibt ziemlich gut die Gedanken unmittelbar nach dem endgültigen Aussteigen meines ersten Fahrgastes während der vergangenen Schicht. Wenige Minuten nach dem Losfahren am Straßenrand bei der O²-World eingesammelt, stürzte die Absurdität betrunkener Gedankengänge wasserfallartig in mein Taxi.

Der Kunde dürfte in meinem Alter gewesen sein und begann, während er sich in den Beifahrersitz fallen lies, in einer mir unverständlichen Sprache draufloszureden, mischte das aber mit bekannten Worten und als ich ihn fragte, wo es denn hingehen sollte, entgegnete er mit großen Augen:

„Du bist Deutscher?“

„Ja, bin ich…“

Das ist eine Scheiß-Frage! Immer wieder. Es mag ja sein, dass ein Großteil der Taxifahrer in Berlin seine Wurzeln in irgend einem anderen Staat hat, es ist mir aber immer wieder unbegreiflich, wie sich manche Fahrgäste – natürlich ohne „was gegen Ausländer“ zu haben, darüber freuen können, dass sie bei mir im Auto sitzen. Solche Gespräche würge ich entschlossen und schnellstöglich ab und lasse nie auch nur den geringsten Zweifel daran, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die meisten nichtdeutschen Kollegen hervorragende Arbeit machen, und man die schwarzen Schafe leider nicht an der Nation festmachen könnte – und ich sowohl assige Deutsche als auch vorbildliche Türken als Kollegen kennengelernt habe. Lediglich beim Thema Sprachprobleme bin ich bereit zu akzeptieren, dass gewisse Standards erwartet werden können.

Aber gut, das sollte gestern gar kein Thema werden. Der Kerl laberte erst einmal weiter, und zwar etwa wie folgt:

„Ja, zum Cookies, also Friedrich-Charlotten, Äh Alexander-Dingsbums…“

„Cookies? Friedrichstr. Ecke Unter den Linden?“

(Diesen Absatz überlesen jetzt die zartbesaiteten Seelen unter meinen Lesern am besten)

„Ja genau. WOW! Perfekt!!! Aber erst müssen wir auf meinen, ich meine dieses assige Spanier-Arschloch, diesen Pisser – also das kranke Wichser-Opfer da vorne… also dieser Gehirnamputierte Schwachmat muss auch noch mit!“

(Hier weiterlesen! Er hat nur etwas umständlich ausgedrückt, dass sein bester Freund noch mitfahren will)

Ich folgte seinem Blick und meiner blieb an einer schwankenden Gestalt hängen, die gerade dabei war, beim Pinkeln möglichst der flüchtenden Laterne hinterherzueilen, um sie mit dem warmen Strahl aus seinem Gemächt zu beglücken. Relativ unspektakulär fiel er ins Auto, und wir waren recht bald auf dem Weg.

Nach rund hundert Metern wollten sie Kurzstrecke fahren und glaubten meinen Beteuerungen nicht, dass es mir weder möglich wäre, noch auf Kurzstrecke umzuschalten, noch dass es so oder so nicht reichen würde. Aber: Kein Problem.

Ab hier verabschiedeten sich die Sinne meines Beifahrers völlig, denn nun kam wirklich nur noch Gestammel aus seinem Mund, das bei seiner Entstehung Neuronen nur aus der Entfernung gesehen haben kann. Ich wurde auf absurd freundliche Art bezichtigt, kein Deutscher zu sein. Dazu wurde ich auf kroatisch und italienisch zugelabert, und alles was ich auf meine Nicht-Reaktionen oder gar auf Verneinungen zum Thema zu hören bekam, war ein kurzer Abriss über türkische Marktverkäufer und die Taktik des Sich-einer-Sprache-Verweigerns. Und dass ich Italiener bin. Logo.

Nach einem Kilometer „durfte“ ich dann kurz anhalten, damit er seinem Kumpel hinten „eins in die Fresse geben“ kann. Hier war der Punkt, an dem ich für einen kurzen Moment fast die Beherrschung verloren hätte. Wenn er seinen Kumpel ernstlich geschlagen hätte, wäre die Fahrt hier beendet gewesen. Punkt. Das sich mir nun im Fond bietende Bild hatte aber eher einen komischen Anstrich, zudem wurde mir bewusst, dass bei aller naiven Brutalität des Sprachgebrauchs wesentlich wahrscheinlicher war, dass die beiden binnen der nächsten 5 Minuten zu kopulieren beginnen, als dass sich ernstlich jemand Verletzungen zuzieht.

Also gute Miene zum bescheuerten Spiel: 10 € sind 10 €!

Die Weiterfahrt erfolgte noch bevor das Taxameter in den Wartezeitmodus geschaltet hat. Den folgenden knappen Kilometer versuchte er mir zu erklären, warum dieser Depp hinter ihm wichtiger als seine Freundin ist, obwohl er nicht schwul ist. Die Kernaussage lässt sich völlig unsinnig damit zusammenfassen, dass eben erst die Familie, dann der Schwachmat und zuletzt „ist mir egal“ kommt. Herzlichen Glückwunsch an die Lebensgefährtin mit dem komischen Namen!

Ach so, er hat mir als Rückgriff auf die Kurzstreckendebatte („Du willst keine Kurzstrecke machen, gib’s zu!“) auch noch einen Batzen Geld (geschätzte 500 bis 1000 €) unter die Nase gehalten, um zu zeigen:

„…dass wir solvent sind. Solvent! Verstehst du?“

Ich hatte eigentlich vor, über Unter den Linden zu fahren, aber am Molkenmarkt wurde ich höflichst gedrängt, doch links abzubiegen. Meinetwegen. Soweit ich weiss, schenkt sich das zumindest auf dem Taxameter einen dicken Nullinger, aber der Kunde – und ist er noch so doof – ist König! An der Ampel verbrachten wir dann rund eine Minute, was ausgiebig dazu benutzt wurde, einen anderen Autofahrer nach dem Weg zu fragen – was ich in Anbetracht der Tatsache, dass ich den Weg kenne, für ziemlich unverschämt halte. Schließlich kann man Routenvorschläge besser mit mir selbst klären, zudem lege ich es auch nicht darauf an, von anderen Autofahrern als Idiot betrachtet zu werden, der den Weg nicht kennt. Aber gut, das Duo war so verquer mit seinen Aussagen und verstieg sich bald darauf in italienische Beleidigungen des echt überfordert wirkenden sympathischen Verkehrsteilnehmers, dass wahrscheinlich alle Beteiligten froh waren, als die Ampel endlich grün wurde.

Dann folgte eine – für ihn offenbar kreischend komische – Abhandlung darüber, wie man den Namen Thomas als Schimpfwort gebrauchen kann.

Kurz nachdem ich von der Leipziger in die Friedrichstr. – ganz nach Geheiß der beiden Logikbomber im Gepäck – abgebogen war, stieg der „Spanier“ aus. Aber die Fahrt sollte damit noch nicht zu Ende sein.

Mein Beifahrer leitete mich an, zum Hintereingang des Cookies zu fahren.

„Hintereingang?“

„Ja, hat doch zwei Eingänge…“

OK, so gut kenne ich mich nun nicht aus – und man lernt ja gerne was neues kennen. Links in die Behrenstr., hinter dem Westin Grand rechts, nochmal rechts… und man steht in einer tiefgaragenartigen Lieferanteneinfahrt. Toller Zweiteingang. Er hat mich dann sogar nochmal zurücksetzen lassen, damit ich ihn ja nicht 5 Meter vom Eingang entfernt absetze.

„Das macht dann genau 11 €!“

„Warte mal… hab ich nicht!“

„Ich kann auch wechseln…“

Lieblos schmiss er einen Fuffi auf den Beifahrersitz. Einen Euro hatte er natürlich auch nicht, und so war ein Großteil meines Wechselgeldes mit der ersten Tour bereits weg. Und das ohne Trinkgeld – super!

Ich wende also in der Einfahrt, und bevor ich das vollbracht habe, steigt er auch wieder ein und meint:

„Bring mich mal zum Haupteingang!“

„Ey bitte, was soll das denn jetzt?“

„Ach komm, ich hab dir 13 € gegeben…“

„Nein, du hast mir 11 € gegeben – genau passend!“

„Ach so… warte: Ich geb dir 13! Bring mich mal zum Haupteingang!“

Das Taxameter war bereits aus, und da ich weder auf die 2 € verzichten wollte, noch Lust auf große Diskussionen mit diesem Dialoggenie hatte, hab ich ihn gegen die Aushändigung einer meiner beiden Wechselgeldmünzen also aus der Garage die 100 Meter ums Eck gefahren. Wenn’s hilft…

Ja, und dann stand ich da. Friedrichstr. Ecke Unter den Linden und fragte mich:

„Was war das denn eben?“