Was halt so passiert …

Ich stand mit einem Kollegen friedlich rauchend und schon seit viel zu langer Zeit am Ostbahnhof. Der Kollege musste einer Vorbestellung wegen bald weg, ich hoffte immer noch auf Kundschaft. Plötzlich hielt ein weiteres Taxi neben uns, eine E-Klasse älteren Baujahres. Die Scheibe der Beifahrertür surrte herunter und ich beugte mich zum Fenster herab. Ich erwartete, dass der Kollege nach einer Adresse in der Nähe fragt oder so. Zunächst sehe ich in die Augen einer lethargischen Kundin direkt an jenem Fenster. 30 Jahre vielleicht, klein und zierlich. Dann der Taxifahrer. Sicher schon 60, korpulent, mit Pollunder und einer Brille, die ungefähr seit 1965 nicht mehr in Mode sein konnte.

„Kollege …“

begann er das Gespräch:

„…ich weiß nicht mehr weiter. Ich fahre sie hier schon die ganze Zeit rum. Mal hierhin, mal dorthin und ich hab keine Ahnung, wo das Ganze enden soll. Geld hat sie nicht, aber inzwischen sind schon …“

Ich warf einen Blick aufs Taxameter und sah selbst die stolze Summe von 35,00 €. Ich musste an meine letzte Fehlfahrt denken, das war ja zufälligerweise auch eine Frau diesen Alters. Dank meiner Gesichtsblindheit hätte ich nicht einmal ausschließen können, dass es genau selbige war. Der Kollege war sichtlich verzweifelt und bat uns, doch wenigstens die Stellung zu halten, er würde jetzt die Polizei rufen. Auf Bitten meines Gesprächspartners (der ja gleich los musste) fuhr der offensichtlich geprellte Kollege vor mir an den Stand. Seine Kundin hatte zwar kurz eingeworfen, dass sie ja Geld holen könnten, aber Fluchttendenzen zeigte sie nicht. Leider auch keinen Anflug von Ideen, wo man ohne EC-Karte Geld holen könnte.

Nachdem es Zeit für die Vorbestellung war, ist der andere Kollege abgezischt und ich stand auf Position 1 und vor mir das seltsame Paar aus gleichgültiger Trulla und geprelltem Taxifahrer. Die Cops waren bald vor Ort und das Geschehen verlagerte sich schnell auf den Gehweg, wo die Beamten der Frau offenbar die ein oder andere unangenehme Frage stellten.

Was immer daraus auch werden sollte … viel konnte es nicht sein. Ich hab bei meinem oben verlinkten Superfang nicht ohne Grund auf die Kawallerie verzichtet, weil es den Aufwand oft nicht wert ist. So sehr es einen auch ärgert.

Dann kam Kundschaft. Fünf junge Leute. Sie gingen auf den Kollegen zu, der sie offenbar willkommen hieß, woraufhin sie einstiegen. Ich will ehrlich sein: In dem Moment hab ich mir gedacht:

„Was bist Du eigentlich für ein Kollegenschwein? Dass Du dich nach der Schlappe für eine Tour begeistern kannst, verstehe ich ja. Aber Du bist nicht erster an der Halte, das bin ich. Und ich warte hier seit verschissenen anderthalb Stunden!“

Zu meinem Glück war der Kollege aber auch nicht so skrupellos, vor den Augen der immer noch mit der Dame diskutierenden Ordnungshüter fünf Leute in seinen Daimler zu quetschen. Also kamen zwei davon zu mir. Gut, sie hätten eigentlich alle reingepasst, aber niemand hat danach gefragt. Ich bin gerne hilfsbereiter Dienstleister, aber für 1,50 € Zuschlag rede ich mir nicht ungeplant den Mund fusselig. Überhaupt wollte ich nach der ewigen Wartezeit vor allem weg von der Halte und wenn zwei junge Kerle das wollen, dann mache ich das halt.

So fuhr ich also dem Kollegen hinterher. Problemlos. Denn die Zieladresse in der Oranienburger war klar und der Kollege fuhr den kürzesten Weg. Gut, umsatzmäßig hat mich die Tour von 10,20 € auch nicht mehr retten können, aber das grandiose Finale war dann das Bezahlen:

„I have ten, do you have twenty?“

fragte einer der beiden den anderen. Na gut, sah es eben nicht nach Trinkgeld aus. Obwohl die Summe dafür prädestiniert schien. Dann folgte das übliche bedeutungsschwangere Klimpern des durchforsteten Portemonnaies und mir wurden ein paar Münzen in die Hand gedrückt. Nicht etwa 20 Cent in Rotgeld, sondern sage und schreibe 6 €.

Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, ob ich aus dem Verlauf des Abends irgendein Fazit ziehen könnte, aber mir ist echt keines eingefallen …

8 Kommentare bis “Was halt so passiert …”

  1. elder taxidriver sagt:

    Wilhelm Busch, hier zu Rate gezogen, würde wohl sagen: Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

  2. hartmut sagt:

    Ich hab erstmal garnicht so genau auf den Fahrpreis geschaut und die Frage als „Hast Du einen Zwanziger-SCHEIN“ verstanden … und das Endergebnis bestätigt mich auch irgendwie in dieser Theorie …

  3. /me sagt:

    Vor langer langer Weile waren wir mal länger unterwegs, und alle, auch ich, hatten Alkohol. Also holten wir uns ein Taxi. Um das halbwegs gerecht hinzukriegen, haben wir das Geld am Anfang eingesammelt, und ich war zu langsam. Als ich irgenwie 5 Mark oder sowas zusammen hatte, kam die Antwort, dass der voraussichtliche Fahrpreis schon dicke beisammen ist, und dass ich mein Geld behalten solle… Ich denke, sashs Kollege ist bei der Tour durchaus auf ein brauchbares Trinkgeld gekommen, und hat uns sicher für kopflose, besoffene aber gutartige Chaoten gehalten 😉

  4. Bernd sagt:

    Fazit? Zumindest für diese Fahrt: „In der Ruhe liegt die Kraft“.

    Lohnt sich selten, immer gleich auf Verdacht gefrustet zu sen. Oft kommt’s doch deutlich besser als gedacht – und wenn nicht, macht’s ein erhöhter Blutdruck in der Regel auch nicht besser.

  5. Senfgnu sagt:

    Das hat seinen Ursprung darin, dass man anderswo sein Trinkgeld in Restaurants auf dem Tisch hinterlässt, also auch erst nachträglich gibt. Hier ist das mittlerweile sehr unüblich geworden, zugegebenermaßen.

  6. Mic Ha sagt:

    „Die einen sind so, die anderen so.“ 😉

  7. Oldschool sagt:

    Vielleicht bin ich zu doof dafür, aber ich verstehe 2 Dinge nicht:

    1. die gute war so weit bei Bewusstsein, dass sie mitbekommen hat, dass der Kollege die Cops ruft, aber sie hatte keine Ahnung, wo sie die paar Euro herkriegen soll? Was hat sie sich gedacht, als sie eingestiegen ist?

    Aber vor allem:

    2. wofür hat der Kollege euch gebraucht? Wieso musste er sich dafür auf den ersten Platz der Halte stellen? Und wie könnte die Polizei mit ihm so schnell fertig sein, dass er dann sofort eine Tour abgekriegt hat…?

  8. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Das trifft es wohl ganz gut. 🙂

    @hartmut:
    Für mich, der ich den Preis kurz davor angesagt habe, war das im Gegenzug die einzig logische Annahme. Manches klappt schriftlich halt nicht so gut.

    @/me:
    Die Gedanken der Kollegen sind unergründlich. Aber es klingt plausibel. 🙂

    @Bernd:
    Das auf jeden Fall!

    @Senfgnu:
    Kann schon sein. Aber die Höhe ist schon beachtlich.

    @Mic Ha:
    Wohl wahr …

    @Oldschool:
    Zu 1. tippe ich auf Drogen. Die war zwar ansprechbar, aber enorm lethargisch. Das hat die gar nicht richtig mitbekommen.
    Zu 2.: Ich glaube, der Kollege hatte Angst, dass sie wegläuft und deswegen bis zum Eintreffen der Polizei so gehalten, dass wir vor der Tür standen. Die Polizei hat wahrscheinlich nur seine Personalien aufgenommen. Das war bei mir mit dem verwirrten Obdachlosen Hans Baecker (kannste ins Suchfeld eintippen, wenn Du die Story nicht kennst) auch schnell erledigt, als die Cops endlich da waren. Und 10 Minuten oder so hat das durchaus gedauert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: