In fremden Zungen (1)

Ein guter Anfang für eine Tour ist es, wenn ein Winker mit englischem Akzent am Moritzplatz folgendes verlangt:

„Nach Mitte!“

Das schließt immerhin 2 von 4 Richtungen aus. Die Frage nach der Straße beantwortet er mit:

„Zoostr.!“

Uff! Ich gebe ja immer wieder gern öffentlich zu, dass ich nicht alles in Berlin kenne, aber eine Zoostr. müsste doch drin sein. Aber würde die nicht eher Richtung Zoo liegen – also Charlottenburg und nicht Mitte?

„Wirklich Zoostr.?

„Ja, Zoostr. Ecke Gormänn!“

„OK! TORstr….“

Naja, Hauptsache angekommen!

Die sich selbst verlängernde Kurzstrecke

An einem Donnerstag runde 70% der Touren als Winker zu bekommen ist selten. Da kann man nach nur 4 Arbeitsstunden im Wochenendrhytmus  bei über 80 € auch mal auf übermütige Ideen kommen. In der Revaler Str. stürmten die nächsten auf mein Auto zu und wollten zum S-Bahnhof Treptower Park.

„Hm, da kann ich ja mal versuchen, Kurzstrecke zu machen.“

„Äh, ja. Boah, das wäre ja cool, wenn das reicht…“

„Versprechen kann ich nichts. Wenn’s vorher piept: Anhalten?“

„Äh… nee, jetzt noch durch den Regen wollen wir auch nicht.“

Schöne Geschichte! Das Ende der Fahrt war allerdings derart unglücklich, dass die beiden tatsächlich 7,00 € zahlen mussten. Das heisst, die Kurzstrecke war vorbei, und für die letzten 300 Meter haben sie damit 3 € extra bezahlt. Eine Art Worst-Case-Szenario für die Berechner von Teilstrecken 😉

Aber die beiden haben noch ein kleines Trinkgeld (sie nannten es T-Geld) gegeben, und ich war tatsächlich ziemlich zufrieden, nun bereits 90 € in der Tasche zu haben. Ich hab kurz die Tourdaten notiert und bin losgefahren. In dem Moment brüllt jemand aus Richtung des S-Bahnhofes und ich sehe eine winkende Gestalt. Also Bremse!

Als er näherkam, erkannte ich, dass es doch kein neuer Fahrgast war, sondern einer der alten, und er vermisste sein Handy. Ich habe es tatsächlich in der Seitentasche der Tür gefunden, und er war ziemlich glücklich darüber, dass wir das noch hingekriegt haben.

„Hey, ich danke dir auch! Ist ja immer mords der Aufwand mit dem Zurückbringen und so…“

Sie wollten mit der S-Bahn weiter, und so verzog er sich wieder zu seinem Kumpel. Ich – immer noch grinsend wie die leicht unglücklich beim Vergrößern deformierte Version eines Honigkuchenpferdes – hab das Auto an der nächsten Ecke gewendet und bin gen Matrix geschossen. Wollte gen Matrix schießen.

Am S-Bahnhof winkten drei Leute. Meine beiden und ein weiterer…

„Fährt keine Bahn mehr…“

meinte der eine gleich beim Einsteigen.

„Wir müssten dann doch nach Adlershof.“

Wow! So leid es mir für die Jungs getan hat, so sehr hab ich mich doch auch für mich und mein chronisch unterfüttertes Portemonnaie gefreut.

„Da haben wir dir ja doch noch ne ganz nette Tour verschafft, was?“

„Allerdings! Ihr werdet keine Beschwerden von mir hören!“

Die drei haben sich überwiegend selbst unterhalten, aber im Laufe der Zeit kristallisierte sich eine weitere Verdienstmöglichkeit heraus. Der dritte im Bunde wollte auch nur in Adlershof in den Nachtbus wechseln, eine Weile weiterfahren und dann eine Dreiviertelstunde (!) heimlaufen. Irgendwann fielen sie dann endlich, die warmherzigen Worte:

„Sag mal, was würde das denn von Adlershof nach Eichwalde kosten?“

Das alles war letztlich eine mehr als lockere Tour, die sogar noch einen fünfminütigen Stopp beim McDrive in Adlershof einschloss. Die Jungs waren allesamt super relaxt (der eine sogar aus hormonellen Gründen überzufrieden) und so kam es, dass das was ich als Kurzstrecke in Friedrichshain gestartet habe, irgendwo im tiefsten Schulzendorfer Wald geendet hat mit insgesamt 46,60 € auf der Uhr und – auch wenn es nicht viel ist für so eine Tour – 80 Cent Trinkgeld.

Möge der Neid in Form ätzender Säure aus den Arschlöchern der Kollegen rinnen, die gerne kurze Touren ablehnen…
(OK, das ist hart ausgedrückt, aber es war ein mir tief innewohnendes Bedürfniss!)

Taxifahren ist teuer…

Eine prinzipiell wahre Aussage. Ich schreibe mir ja auch den Bildschirm pixelig darüber, warum das so ist, und dass es auf der anderen Seite auch gar nicht so schlimm ist, wenn man mal genau nachrechnet. Naja, jedenfalls hatte ich Winker. Glücklicherweise, denn der Abend lief beschissen bis dato.

Zwei junge Leute, die nachts um 1:30 Uhr am schlesischen Tor stehen. Mit einer Kofferraumladung Gepäck. Ungewöhnlich, aber warum auch nicht?

Zur Bornholmer Straße wollten sie. Höhe S-Bahnhof etwa. Ich hab mich mit einem Grinsen daran erinnert, dass ich Ozie vor vielleicht 55 Stunden gesagt habe, dass ich die Straße da oben nun derart auswendig kenne, laufender-, sitzender- und liegenderweise, dass ich sie in näherer Zukunft nicht auch noch mit dem Auto abfahren müsste.

Ob das denn weit sei von hier, wollte mein Fahrgast wissen.

„Naja, ist schon ein ganzes Stückchen!“

hab ich geantwortet, denn gefühlt ist es ja schon einmal durch die halbe Stadt, fast 10 km und definitiv eine überdurchschnittliche Tour.

„Aber unter 100 €, oder?“

Dem Kunden hab ich ein freundliches Lachen entgegengebracht und ihm versichert, dass wir nicht einmal über 20 € kommen würden. Gedacht hab ich mir zwischenzeitlich allerdings auch:

„100 €? Meine ganze verdammte Schicht bleibt unter 100 €!“

War aber eine wirklich nette Fahrt, die ich nicht missen möchte.

Hab mir nebenbei überlegt, ob man es über den Berliner Ring vielleicht schaffen würde… 😉

„In die Lehmburger Straße bitte“

Aus der sagenumwobenen und viel geliebten Reihe

„Touren, auf die man gerne mal wartet“

bin ich froh, ihnen nach vergangenem Wochenende folgendes präsentieren zu können…

(Trommelwirbel!)

Vom Matrix zur Glühlampe!

Genießen sie zunächst die heitere Ansage „In die Lehmburger Straße bitte!“ und erheitern sie ihre Fahrgäste mit der Nachfrage, ob sie sich beim Namen sicher sind. Stellen sie fest, dass diese die Lehmbruckstraße meinen, weil sie in die Glühlampe möchten. Der Stadtplan Berlins lässt ihnen hier zwei bis drei großzügige Routen zur Auswahl, und es liegt ganz an ihnen, ob sie den NARVA-Turm lieber rechter oder linker Hand passieren wollen. Gleiten sie anschließend 35 wundervolle Sekunden mit ihrem Taxi durch die tiefschwarze Nacht der Oberbaum-City. Berlins abartigstes Kopfsteinpflaster macht die 3,80 € Umsatz dieser Tour zur schönsten Erinnerung, die sie in einer langweiligen Wochenendschicht sammeln können. Vergessen sie nicht das zeitige Einbiegen vor der Lokalität, denn der Weg ist tatsächlich nach 500 Metern bereits vorbei. Genießen sie Dank und Anerkennung und hoffen sie auf ein ordentliches Trinkgeld nach dieser Fahrt, die ihnen die Augen bezüglich ihrer Monatsfinanzen geöffnet hat.

OK, das war gemein 🙂

Die Fahrt war völlig in Ordnung. Ich hab gerade mal 6 oder 7 Minuten gewartet, die Leute waren tatsächlich nett und haben auch 1,20 € Trinkgeld gegeben. Aber es war wirklich die kürzeste Fahrt seit einem Jahr oder so, das musste ich irgendwie erwähnen…

Hot Red Face

Ich habe mich – insbesondere zu Beginn meiner Arbeit als Taxifahrer – schon öfter ein wenig „geärgert“, dass Kunden manchmal keine Adresse als Fahrtziel angeben können. Das liegt nicht nur daran, dass man in Berlin auch als Taxifahrer vielleicht nicht weiß, wo die Patrizierkneipe in Hinterwurstlingen liegt, sondern auch daran, dass ja nicht einmal der Name der Kneipe so stimmen muss und man mit der Angabe nie und nimmer auf Pattys Kneipe in Wursthausen kommt. Insbesondere da der Drang zum Adressen-Vergessen offenbar mit geringerer Sprachfähigkeit zunimmt. Und gerade in einer so großen Stadt wie Berlin kann ja auch mal eine Kleinigkeit wie ein vergessener Buchstabe 20 km Unterschied machen.

Aber gut, einer der raren Winker gestern Nacht war ein stark alkoholisierter Englisch sprechender Mann, der zwischen den schalldruckmäßig imposanten (Stufe Megafon) und geruchsmäßig gewöhnungsbedürftigen (irgendwas mit Ananas!) Schluckauf-Anfällen genau eine Ziel-„Adresse“ zu nennen wusste:

„Hot Red Face

What the Fuck???

Ich hatte wirklich keine Ahnung, worauf er rauswollte! Ich hab an irgendwelche Underground-Clubs gedacht, an indianische Restaurants, sogar daran, dass das gar keine Adresse sein könnte, und er mir nur Komplimente machen wollte…

Dass ich es nicht verstanden habe, hat ihn allerdings auch nicht wirklich zu einer Reaktion verleitet. Grinsen, sitzen, fertig. Hätte seinetwegen wahrscheinlich bis Mai so weitergehen können.

Ich habe mir die ganze Nacht Gedanken darüber gemacht, ob man diese Aufgabenstellung in ein Rätsel einbauen könnte, aber ich hätte keinen Tipp beisteuern können. Und ich will nicht behaupten, dass ich da irgendwie drauf gekommen wäre. Tatsächlich lag es nur an einer kleinen Ungenauigkeit bei der Aussprache und dem an und für sich löblichen Versuch, mir einen Tipp zu geben, wo wir hinmüssen. Er hat das dann nach ewigem Nachfragen mit einer SMS von einem Kumpel auf seinem zerschmetterten fragmentierten Handy aufgelöst:

„Hot“

hat hier ausnahmsweise nichts mit heiß oder scharf zu tun, sondern war der etwas unsauber ausgesprochene Name des Clubs: Horst.

Das hätte mir ja schon gereicht. Aber offenbar im Wissen um seine Aussprache musste er „Red Face“ noch erwähnen, was im Nachhinein – am Horst – schon wieder Sinn ergibt. Denn im Haus daneben, Kollegen werden es wissen…

"Red Face" bei Horst, Quelle: Sash

"Red Face" bei Horst, Quelle: Sash

Archäologie muss vom Aufgabengebiet knapp neben Taxifahren liegen…

„Wenn möglich, bitte wenden…“

Es wird offenbar dringend Zeit für brauchbare Fußgänger-Navis.

Ich komme gemütlich die Ebertstr. zum Brandenburger Tor hochgefahren. Rechts neben mir in den Ministergärten stehen die schwarzen Limousinen der Landesvertretungen im frühlingshaften Dunkel der Berliner Nacht, Sekunden später tauchen die Stelen des Holocaust-Denkmals auf. Plötzlich:

Wink! Wink!

Drei junge Mädels halten mich an und krabbeln leicht erschöpft ins Auto.

„Einmal Kurzstrecke zum Zoo bitte. Oder so nahe wie möglich in die Richtung.“

„Ähm, ich kann jetzt schon sagen, dass wir nicht ansatzweise zum Zoo kommen werden mit einer Kurzstrecke…“

Drei völlig bedröppelte Gesichter. Aber ich solle erst einmal losfahren. Sie fragen mich, ob ich nicht ein bisschen weiter als Kurzstrecke fahren könne, wenn es noch so weit sei. Ein bisschen mehr hätten sie ja auch noch, aber eben nicht viel. Ungern. Aber was ist eigentlich passiert?

„Wir haben uns wohl ein bisschen verlaufen.“

„Was heißt ein Bisschen? Wo müsst ihr denn genau hin?“

„Wie heißt das? Augsburger Str.? Nee nee, Nürnberger!“

Immerhin nicht ganz bis zum Zoo…

„Weisst du, wir sind wohl am großen Stern falsch abgebogen…“

Die waren schon am großen Stern? Ja, dann kann man von falsch abbiegen sprechen, wenn man Richtung Zoo will und am Brandenburger Tor landet 😀

Ich bin so mit ihnen die Tiergartenstraße entlang gefahren und hab mir gedacht, dass es nun kein Weltuntergang wäre, sie noch bis zur Nürnberger mitzunehmen. Sie waren ziemlich fertig, haben aber auch nicht irgendwie unverhältnismäßige Ansprüche gestellt oder mit billigen Ausreden gebettelt.

Das hab ich erst mal für mich behalten, denn ich mache das nicht mal eben so. Sie hatten jede Menge Zeit, sich dafür noch zu disqualifizieren. Kurz vor der Klingelhöferstr. piepste das Taxameter, ich machte es aus und konnte  mir einen Spruch nicht ganz verkneifen:

„Also, Kurzstrecke wäre hier zu Ende. Wenn ihr jetzt kurz einen Blick nach rechts werfen würdet, um zu sehen wo wir sind…“

3 Köpfe drehten sich und mit offenem Mund starrten sie auf die Siegessäule, die mehr oder minder der Ausgangspunkt ihrer Reise war. Ein bisschen Schadenfreude muss schon sein, wenn man ihnen einen Gefallen tut 😉

Ich hab sie dann den knappen verbliebenen Kilometer bis zur Nürnberger Ecke Augsburger gefahren und dafür immerhin noch 6 € und eine Menge Lob und Dank erhalten. Hab ihnen de facto rund 2 € erspart, bzw. sie 700 Meter länger mitgenommen als erlaubt.

Keine Regel ohne Ausnahme. Das ändert aber nichts daran, dass man das nicht immer und für jeden machen kann!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Zielangabe mal umgekehrt

Es ist nicht sonderlich selten, dass Fahrgäste beim Einsteigen nicht ihr Ziel nennen. Das heisst: Sie nennen erst einmal ein grobes Ziel und formulieren das dann entweder gleich näher aus oder lotsen mich von einem bekannten Zielpunkt aus weiter in irgendwelche kleinen Straßen.

Also sagen Leute z.B. oft, dass ich sie zum Frankfurter Tor fahren soll, und mit der Zeit rücken sie dann damit raus, dass sie eigentlich in den Weidenweg wollen. Oder ganz klassisch wird mit „Zoo“ so ziemlich alles umschrieben, was im Westteil der Stadt liegt.

Jetzt hatte ich es aber mal anders herum, was irgendwie ungewöhnlich war. Der Kunde wollte zur Hufelandstr. Das ist nicht weiter verwunderlich – das Bötzow-Viertel ist schon ganz gerne mal Fahrtziel. Auch wenn es bei einer Anfahrt vom Westen her nicht viel ausmacht, fragte ich pro forma dennoch nach, wohin in der Hufelandstr. er genau möchte. Die Antwort war dann etwas überraschend:

„Greifswalder.“

„Ecke Greifswalder?“

„Naja, eigentlich muss ich in die Greifswalder. Aber in die Nähe der Hufelandstr.“

Das ist jetzt nicht irgendwie schlimm oder toll – aber ein bisschen so, als ob ich im Zug eine Fahrkarte von Berlin nach Fellbach löse und bei der Nachfrage, wo ich genau aussteigen wolle, dem Schaffner gestehe, dass ich eigentlich nach Stuttgart möchte…

Es gibt nichts, was es nicht gibt.