Ach, Ortskenntnis!

Meine Ortskenntnis ist ja nun sicher nicht die beste. Nicht schlecht dafür, dass ich erst sechs Jahre in Berlin lebe, für einen Taxifahrer dank meiner geringen Arbeitszeiten und meinem routinierten Griff zum Navi aber wohl auch nicht besonders. Im Vergleich zu so manchen Kunden jedoch …

Aber gut, die Situation war folgende: Ich war soweit „satt“. Ich hatte das Geld zusammen, das ich eigentlich einfahren wollte; und das sorgt bei mir dann schnell für Lust auf Feierabend. Dem Glücksspiel Taxifahren aber zugetan, mache ich die Fackel meist nicht aus, sondern nehme dann noch die Leute mit, die mich ranwinken.

In jenem Moment habe ich mich bereits recht sicher gefühlt. Ich hatte das belebte Friedrichshain hinter mir gelassen und folgte nun der Möllendorffsstraße in Richtung Norden. Nicht, dass Winker hier so selten wären an einem Samstagmorgen um vier Uhr – aber wo wollen die Leute schon hin. Nach Lichtenberg, Weißensee, Hohenschönhausen – vielleicht auch ein Stück zurück nach Friedrichshain. Alles soweit ok für mich, der ich nach Marzahn musste (ich konnte das Auto mit heim nehmen). Kleinvieh im Osten. Im „schlimmsten Fall“ bis weit raus, nach Ahrensfelde oder Hellersdorf. Aber das wäre immer noch näher an Zuhause gewesen …

Und dann steigt mir ein Typ ins Auto und möchte zur Beusselstraße. Das ist geradewegs nach Westen. Kann man sich hier auf der Karte anschauen. War für meine Feierabendpläne zwar unschön, auf der anderen Seite waren es mal schnell 20 € ohne Wartezeit. So lange ich nicht übermüdet bin, freue ich mich da dann doch.

Mein Fahrgast war eigentlich ein ganz lieber Kerl, leicht angetüddelt, aber bei weitem nicht das Schlimmste, was einem um die Uhrzeit vors Auto laufen kann. Er beschwerte sich ein wenig, dass ich ihm einen Preis von über 20 € ansagte, am Ende jedoch mussten wir ohnehin noch einmal wenden, weil er in der Zwischenzeit vergessen hatte, dass er nur noch einen Zehner dabei hatte und noch zur Bank musste. Ging also auch nicht ums letzte Ersparte. Bemerkenswert war jedoch, wie sehr er darauf beharrte, dass 20 € (am Ende dann sogar 22) zu viel seien und er damit gerechnet hatte, weniger zu zahlen. Schließlich wäre er ja bereits eine halbe Stunde (laut späteren Aussagen auch 20 Minuten oder eine Stunde) gelaufen, bis ich als erstes Taxi endlich gehalten hätte …

„Wo waren Sie denn vorher?“

„Na, inner Kneipe.“

„Wo genau?“

„Na hier, inner … wie heißt die Straße? Die Warschauer!“

Ähm ja. Herzlichen Glückwunsch! Hier kann man sich mal anschauen, wie weit er in welche Richtung gelaufen war …

Da war ich jetzt nicht wirklich schuld daran, dass die Fahrt über 20 € gekostet hat. 🙂

Übertreiber

Kleiner Dialog von der Rückbank …

„Eines muss man Litauen lassen: Sie haben angeblich die älteste Sprache Europas.“

„Und ganz Europa spricht litauisch …“

„Nee, Quatsch. Aber Litauisch soll die unverfälschteste indogermanische Sprache sein.“

„Jetzt reicht’s aber mal hier. Indogermanische Sprache dich selbst!“

„Was denn?“

„Ich hab echt nix dagegen, dass Du die FAZ liest, aber ‚indogermanische Sprache‘ auf’m Heimweg vom Club ist echt mal einfach ein krasser Übertreiber!“

Alle einsteigen!

OK, so ganz ohne richtige Geschichte kann ich Euch ja nicht in die Woche starten lassen. Ich meine, es ist Montag, wer braucht da nicht etwas Ablenkung?

Leiten wir an dieser Stelle möglichst schlecht über zur kurzen Szene: Ablenkung brauchten die ungefähr 12 Leute auf der Oranienburger Straße in Mitte nicht mehr. Sie schienen alle schon gut dabei zu sein und störten sich kein bisschen daran, dass sie den Verkehr komplett lahmlegten, indem sie im engen Einbahnstraßenbereich kurz hinter dem Hackeschen Markt ein Taxi anhielten. Dann begannen sie zu erörtern, wer mitfährt, wer das nächste Taxi nimmt, usw. usf.
Durch die schleichende NewYorkisierung des Berliner Verkehrs sind nachts ja beinahe nur noch Taxen unterwegs. Hinter dem angehaltenen Fahrzeug stauten sich nur zwei Privatwagen und vier weitere Taxen. Das vierte war meines. Die Truppe von Feierwütigen begann sich nur sehr langsam zu verteilen, aber insbesondere die Taxifahrer warteten geduldig. Schließlich hätte ja für jeden noch eine Tour dabei herausspringen können. Taxi 1 wurde besetzt, der zweite Wagen auch. Zwei Autos vor mir öffnete einer der jungen Typen schon die Tür des dritten Wagens, da wurde es plötzlich laut unter den Protagonisten:

„Steig ein!“

„Spinnst Du?“

„Was denn? Jetzt steig ein!“

„Nein, Alter!“

„Warum nicht?“

Ja, warum nicht?

„Das ist kein Taxi, Alter!“

Tatsache. 🙂
Ich hab’s von meinem Standpunkt aus auch nicht gleich gesehen, aber es handelte sich tatsächlich um einen privaten PKW in silber. Im gelblichen Licht der Straßenlaternen nicht sehr verschieden zu den in Reihe stehenden hellelfenbeinfarbenen Droschken. Am Ende war das keine große Sache. Die Tour hat der Kollege zwischen mir und dem Pseudo-Taxi bekommen, und ich die nächsten Winker etwa 400 Meter weiter. Ich muss trotzdem ein wenig schmunzeln, wenn ich mir das ganze aus Sicht dieses Autofahrers vorstelle. Für mich ist das Alltag: „Da steht eine Horde betrunkener Jugendlicher, hoffentlich steigt einer davon ein!“. Ich schätze, diese Einstellung ist unter der Normalbevölkerung relativ unverbreitet. 😉

Sterniges

Es war nur eine kurze Fahrt, dennoch kann ich meine inoffiziell geführte Liste der Kundenschmeicheleien nun erweitern um die Aussage:

„Du bist ein Star!“

Oder nur Stern als solches, so ganz klargeworden ist mir das nicht aus dem englisch-deutsch-italienischen Kauderwelsch, das mein sichtlich angeschlagener Kunde so von sich gab. Und hey, für die Länderstatistik: 2 € Trinkgeld aus Italien! 🙂

(Keine) Verarsche

Ich hatte es heute am Stand noch mit einem Kollegen darüber: Wie viel man wohl so im Laufe der Zeit an Umsatz verliert durch die Leute, die nicht zahlen können/wollen, etc.
Statistisch erfasse ich solche Fehlfahrten gar nicht. Aber ich weiß, dass sie selten sind, weil ich jedes Mal darüber blogge und sie deswegen fast alle noch irgendwie im Kopf habe. Mein Score diesbezüglich liegt bei unter 100 € – und das, obwohl schon die erste Fahrt damals glatte 21 € ausgemacht hat. Allzu häufig ist das also zumindest bei mir nicht – und ich bin schon der Deppchef, der die ganzen Chaoten einsammelt, die sonst kein Fahrer mitnehmen will …

Und dann springt mir in Prenzlauer Berg ein wirklich ziemlich junger und ziemlich betrunkener Kerl vors Auto. Er fragt mich, was es zum S-Bahnhof Hohenschönhausen kosten würde.

„So etwa 15 €. Ich will mich nicht auf zwei Euro hin oder her festlegen, aber es werden sicher keine 25 und andersrum reicht ein Zehner sicher auch nicht.“

„Allet klar. Machen wa!“

Ja, denkste! Eine Minute später meinte er:

„Mach doch ma’n Fünfer und dit Ding da aus!“

„Und was hab ich davon?“

„Na, is doch ejal!“

„Nö. Isses nicht.“

Ich war wie immer viel zu nett und hab das Gespräch gesucht. Ich hab gesagt, dass ich ja verstehen könnte, dass das teuer sei, aber ich eben auch nur wenig verdienen würde und es dann einfach nicht mehr lustig finde, wenn jeder dritte versucht, mich auch dabei noch nach unten zu handeln. Da hat er geknickt zugestimmt und gemeint, er könne das gut verstehen. Das klappt erstaunlich oft und ich bin mir sogar sicher, dass er nicht unbedingt gelogen hat. Wer versteht sowas schon nicht? Aber der Alkohol, die dadurch um sich greifende Vergesslichkeit, eine Prise Egozentrik – und zack, schon wird die Fahrt zur nervigsten der ganzen Woche. (Ich bin mit der Woche noch nicht ganz durch, aber die Wette gehe ich ein!)

Nach seinem ersten Schub hab ich mich gleich versichert, ob er genug Geld dabei hätte. Hatte er nicht, er wollte es bei sich holen. Nichts, was mich bei so einem Gesprächseinstieg erfreut, aber er bot mir großzügig Ausweis und Handy als Pfand an.

Nichtsdestotrotz ging es 5 Minuten später wieder los:

„Mach doch das Taxameter aus!“

„Nein! Und ich hab schon erklärt, wieso.“

„Is‘ doch Scheiße. Machen wir’n Zehner, dit is doch ok!“

„Nein, isses nicht! Ich hab Dir gesagt, dass es um die 15 € werden. Da fange ich jetzt keine Spielchen an!“

„Ach komm, das macht doch keinen Unterschied …“

„Haste Recht, also bleibt’s bei den 15 €.“

„Hä?“

„Ja, hast doch selbst gesagt: Macht keinen Unterschied. Und ich will 15 € haben. Im Ernst: 10 reichen nicht.“

„Sicher reichen 10! Schon hundertmal gefahren die Strecke.“

„Junge, wir sind bei 9,20 € und erst in Weißensee …“

„Ja und? Fahr zu mir, ich geh hoch und hol Dir den Zehner. Mehr hab ich ja eh nicht.“

Irgendwann ist auch mal gut. Ich hab den Blinker gesetzt und an einer kleinen dunklen Nebenstraße angehalten. Er schien nicht sonderlich begeistert zu sein:

„HÄÄÄ? Was’n jetzt?“

„Du steigst jetzt hier aus!“

„Aber … ich hab doch kein Geld …“

„Das hab ich verstanden. Verpiss Dich gefälligst!“

„Ey Alter, so wollte ich das aber nicht!“

„Ach, auf einmal?“

„Ey, ich verarsch‘ Dich doch nicht. Ich zahl ja den Zehner!“

„Wenn Du einen Zehner zahlen willst, steigst Du hier aus. Ende!“

„Aber ich kann doch gar nicht bezah…“

„Junge, verzieh Dich einfach! Jetzt kann ich hier noch wenden und wieder in die Stadt zurück. Da finde ich dann Leute, die mich auch bezahlen.“

„Aber, Alter, Du checkst dit nich: Ich verarsch‘ Dir nicht! Ich bezahl‘ Dir!“

„Nein. DU checkst es nicht: 10 € statt 15 SIND Verarsche. Also hau ab und schönen Heimweg noch!“

Da stand er dann reichlich bedröppelt rum und moserte:

„Ey, ohne Witz: SO wollte ich das nicht, echt jetzt!“

„Ach, Du denkst, ICH wollte das?“

Das Ende vom Lied? Ich hab 9,80 € Fehlfahrt zu verbuchen. Die kickt mein Chef aus dem System und ist damit technisch quasi nie passiert. Der Depp hatte noch gut 4 Kilometer heimwärts zu wanken. Entweder er hat es gepackt oder noch einen Kollegen gefunden. Der Preis dürfte von dort aus auch noch etwa einen Zehner betragen haben. Optionslos war er also nicht. Keine Frage, dass ich ihm den Fußweg eher gönne. 😉

Und ich? Hab gewendet und noch vor seinen Augen Winker aufgenommen. Total lustige Tour für 12,20 € plus Trinkgeld nach Mitte. Und von da an lief es wie am Schnürchen weiter. Selbst mein Kilometerschnitt ist heute bombig gewesen, ganze 1,20 €. Ich schlag mir doch mit so einem Vollhonk nicht für ein paar Euro fünfzig die Nacht weiter um die Ohren, wenn es Leute gibt, die meine Arbeit honorieren und mit denen ich zudem Spaß haben kann.

Wenn schon klugscheißen …

dann richtig!

Mitten in Gesundbrunnen hatte ich eine ziemlich lustige Truppe eingesammelt. Hauptsächlich aufgefallen sind sie dadurch, dass sie versuchten, mich zu einem Rennen gegen einen Kollegen anzustacheln. In dessen Taxi fuhr ein anderer Teil ihrer feuchtfröhlichen Runde. Nun, so viel Spaß wir auch hatten, das Spiel habe ich dann nicht grenzenlos mitgespielt. Zumal die einzige Begründung blieb, dass die anderen Fans eines anderen Fußballclubs seien …

Auch ansonsten hatten sie es sowas von raus. Zum Beispiel haben sie mich (und der andere Teil der Truppe den Kollegen) so praktisch an einer Stelle der Bornholmer Straße rausgewunken, dass wir noch ein ganzes Stückchen gegen die eigentliche Fahrtrichtug fahren mussten, bevor wir durch Wenden ihrem Ziel – dem Wedding – entgegenschießen konnten. Die Kommunikation an sich gerissen hat eine junge Frau der Marke „So bin ich gar nicht“:

„Herr Taxifahrer, ich weiß, des sieht jetzt voll komisch aus so, weil ich hier jetzt einfach drauf losrede, als hätte ich irgendwie voll den Laberflash und Sie denken jetzt sicher, was ist denn mit der los, die ist doch nicht mehr ganz richtig in der Birne, die hat doch ’nen Schatten, wie kann man um die Uhrzeit bloß so viel reden? Ich weiß ja auch nicht, vielleicht haben Sie ja gerade erst angefangen zu arbeiten und dann stress‘ ich Sie von der Rückbank bestimmt voll, so wie ich sie jetzt zutexte und des tut mir auch voll leid, aber ich kann mir des – also dass ich so viel rede jetzt, nicht dass ich auf der Rückbank sitze, das liegt ja daran, dass die Jungs hier mich mitgenommen haben, die wundern sich bestimmt auch. Wo war ich? Genau: ich kann mir des auch nicht erklären, weil eigentlich hab ich gar nicht so viel getrunken und ich bin nicht so! Ehrlich! Ich rede gar nicht viel, ich bin eher so ein – wie sagt man – schüchterner Mensch. Ich kann des gar nicht ab, wenn mich irgendjemand fremdes einfach so am frühen Morgen zuschwallt. Sie denken ja bestimmt: Alter, was ist die dicht? Haha, bin ich gar nicht! Wir haben ja nur da hier die zwei Cocktails und ich würde da auch nie so viel reden, des ist gar nicht meine Art. Ich mein – hallo!  – wer bin ich denn? Ich kenn Sie ja gar nicht und dann laber und laber und laber ich, also so einen Job könnte ich ja nicht machen. Soll jetzt nicht heißen, dass ich Taxifahrer blöd find, Sie haben ja sicher ihre Gründe und des ist ja sicher auch ganz toll, aber – alter Schwede, was red‘ ich denn für einen Quatsch!? So bin ich nicht. Ehrlich. […]“

Na, äh … klar. 🙂

Das Taxameter zählte lustig vor sich hin und irgendwas gefiel ihr daran nicht. So wie ich das mitbekommen hatte, wurde sie zwar zu der Fahrt eingeladen, aber das macht ja nix. Wird der ein oder andere Kollege sicher bestätigen können: Manche sagen halt gerne „aus Prinzip“ was. Aber das war ok, einen kleinen Einblick in ihren Zustand hatte sie mir ja bereits gegeben. Da war der Hebel im Hirn bei schnell auf „altersmilde*“ gekippt. Einfach reden lassen und nicken …

Dann hat sie jedoch bei den Vergleichen einen klitzekleinen Fehler gemacht – und ich liebe es ja, wenn ich so die Stimmung im Auto drehen kann. Das kann Euch der Typ mit dem Godzilla-Penis sicher bestätigen. Naja, sie griff zum naheliegendsten Vergleich und meinte:

„Weil wenn ich die Bahn nehmen würde, dann könnt‘ ich mit 2,60 € bis Flughafen Schönefeld fahren …“

Ich hab mein ernstes Gesicht aufgesetzt und gemeint:

„Aber nicht legal.“

„Doch!“

„Nein, das ist absolut unmöglich, was Sie da sagen.“

Mir ist ja klar, worauf sie hinaus wollte: Natürlich kann man in ganz Berlin für 2,60 € mit der Bahn umherfahren. Und natürlich ist das damit viel günstiger als ein Taxi. Dafür muss man sich halt die Bahn mit quasselnden Betrunkenen teilen. Oh, wait …
Sie hätte mit ihrer Aussage auch vor wenigen Jahren noch komplett richtig gelegen. Aber nun tauschte ich verschwörerische Blicke mit ihrem Freund auf dem Beifahrersitz aus, der mitbekommen hatte, was ich meinte. Und er hat es dann auch laut ausgesprochen:

„Äh, Schatzi … der Flughafen Schönefeld liegt inzwischen in Tarifgebiet C …“

Womit es dann 3,20 € wären. Haha!**

Klugscheißen ist schon in Ordnung, aber man muss halt damit leben, dass ich das Spiel dann mitspiele. 🙂

* Hey, im Gegensatz zu ihr war ich wirklich alt!
** Von unserem Standpunkt aus hätte sie genaugenommen Tarifgebiet A mit der Ringbahn umfahren können. Dann wären aber immer noch 2,90 € für eine BC-Karte angefallen.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Eile, wo keine sein sollte …

Vorbestellungen. Das sind alle Fahrten, wie ich sie mit Euch gelegentlich ausmache … die sind im Alltagstrubel manchmal schwierig. Also nicht die Fahrten an sich. Ganz im Ernst: Ich freue mich total, dass ich inzwischen so viele Touren mit Lesern hab, denn es ist ist z.B. schon mal eine große Sache, wenn man als Taxifahrer weiß, wann man unkomplizierte Fahrgäste hat. Denkt also nicht, ich wüsste das nicht zu schätzen!

Nun war es am Samstag so, dass ich mal wieder Jo am Telefon hatte. Der rief mich an und fragte an, ob ich eine Stunde später am Lichtpark sein könnte. Ich hab mal vorsichtig zugesagt, aber angedeutet, dass ich vielleicht später komme. Die Stunden davor waren das reinste Silvester, so guten Umsatz hatte ich lange nicht mehr. Für 9 Touren und fast 100 € Umsatz hab ich gerade mal 2:20 Stunden gebraucht. Entsprechend kam ich halt auch nicht einmal für eine Kippe aus dem Wagen, bzw. befürchtete, im nächsten Moment nach Hannover oder so abgewunken zu werden. In der Nacht schien zu diesem Zeitpunkt aus Taxifahrersicht irgendwie alles möglich zu sein. Und ja, da stört so eine Vorbestellung den Flow etwas.

Aber gut, ich bin ungehindert zum Ostbahnhof gekommen, wo ich endlich meine Nikotinsucht befriedigen konnte. Hätte ich mir was wünschen können, hätte ich jetzt eine Tour nach Pankow oder Marzahn bevorzugt: Irgendwas, wo man nachts schnell Land gewinnen kann, aber natürlich mit möglichst maximalem Umsatz. Dass dies die letzte Tour vor der Bestellung sein würde, war klar, deswegen wünschte ich mir, zu der guten Zeit alles rauszuholen, was geht.

War natürlich Fehlanzeige. Eine Fahrt zum A&O-Hostel in der Köpenicker. Eigentlich das einzige Fahrtziel (neben ein paar Privatgebäuden und dem Magdalena), das den Anspruch erheben konnte, noch zwischen Ostbahnhof und Lichtpark zu liegen. 4,80 €. Hmm …

Jetzt hatte ich wie zuvor immer noch eine halbe Stunde Zeit. Na super! Was tun?

Ich hab mich fürs Magdalena entschieden. Dort stand nur ein einziger Kollege, da hatte ich die Hoffnung, schnell noch eine Tour zu bekommen. Was keine schlechte Einschätzung war: Kaum dass ich mich angestellt hatte, stieg mir eine junge Frau ein. Bei mir, nicht bei dem Kollegen vor mir. Ich hatte für einen Moment die Vermutung, es läge am Auto. Der Kollege nämlich fuhr einen Mercedes W124, also mit beinahe garantiertem Mindestalter von 20 Jahren. Tatsächlich war meine Kundin wohl vor allem zu strack, um überhaupt zu bemerken, dass zwei Autos vor dem Club standen.

Das allerdings fiel mir erst später an dem Telefonat auf, das sie führte. Sie sagte mir mit recht klarer Aussprache den Wismarplatz an – immerhin eine der Adressen in Berlin, die nur einmal existieren. Und zwar recht nahe, im Boxhagener Kiez. Nochmal 7 oder 8 € mehr und garantiert pünktlich zurück! Yeah! Herrlich, wenn mal alles läuft wie geplant.

Während der Fahrt hatte ich dann ein wenig Sorge, dass sie sich den Abend in Form aller Getränke nochmal durch den Kopf gehen lässt. In Kurven purzelte sie fast auf meinen Sitz rüber und am Handy führte sie minutenlang ein Gespräch, das ich in einem einzelnen Satz wiedergeben könnte:

„Ey, wenn ihr nicht gleich heimkommt, penne ich schon, weil ich müde bin.“

Das war’s. In der Praxis lief das eher so ab:

„Yo, kommse?“

„Steif! Da penn ich schon.“

„Wann kommse?“

„Nee, bin müde, ich penn gleich.“

„Kommse noch?“

„Echt? Das‘ aber zu spät.“

„Willse nich‘ noch … aber wenn, dann gleich. Bin müde.“

„Wann wärse dann da? Oh nee, da penn ich sicher schon.“

„Kann meine Augen kaum aufhalten, aber was is‘? Kommse noch?“

Ich meine: Immerhin war sie schnell beim Reden, die Fahrt hat ja keine 6 Minuten gedauert …

Am Ziel angekommen freute ich mich: Hach! Noch knapp 20 Minuten, um zum Lichtpark zu fahren, sprich: bei gemütlicher Fahrweise allerhöchstens 10 Minuten Wartezeit. Und immerhin würde es für eine Kippe reichen.

Das inzwischen wirklich übertrieben zerstört wirkende Etwas sah mich aus großen Augen an und meinte:

„Duhu, des‘ jetz‘ kacke und des tut mir auch voll leid und so, aber ich hab wohl kein Geld mehr bei …“

Na holla die Waldfee! Da wurde die Zeit plötzlich wieder eng. Ich hatte keinen Kartenleser, sie kein Geld zu Hause, also was nun? Ich war schon dabei, ihr desillusioniert meine Daten aufzuschreiben und ihre zu verlangen (den Gedanken, sie mit Beschimpfungen vor die Tür zu setzen hatte ich glücklicherweise verdrängt), als die eigentlich ja immer erste Option mir wie Schuppen von den Augen fiel: Bankautomat!

Ich hab sie darüber aufgeklärt, dass ich mir das Wenden, Rumfahren und Warten aber bezahlen lassen würde. Mehr als verdient in dem Fall, ganz ehrlich. Der Automat war zwar keine 50 Meter entfernt, aber in solchen Fälle halte ich DIREKT davor. Ich will mir nämlich besser nicht ausmalen, wie es aussieht, wenn ich betrunkenen Mädels hinterherrennen muss. Nachher wirft mein Hemd noch Falten, die mich dick aussehen lassen …

Ich, total im Stress und ständig auf die Uhr schauend, verpeilte das alles natürlich. Statt das Taxameter wieder zu starten, drückte ich erst einmal auf die Zuschlagstaste (tue ich beides verhältnismäßig selten, da sitzt der Automatismus auch nach über 4 Jahren noch nicht so richtig). Ups. Scheiß Hektik, ehrlich!

Ich hab den Gedanken beiseite gedrängt und es einfach mal so stehen lassen. Dafür hab ich die Uhr vor dem Automaten gestoppt. Ob ihr dortiger Aufenthalt – ich hab Blut und Wasser geschwitzt, ob ihr drei Anläufe für die PIN reichen – jetzt 40 oder 60 Cent gekostet hätte, werde ich nie erfahren. Entweder hat sie 10 Cent zu viel oder 10 zu wenig bezahlt. Hat mich da ganz ehrlich auch nicht mehr gejuckt. Und ich denke, bei solchen Beträgen muss man nicht kleinlich sein. Da komme ich Fahrgästen bisweilen gröber entgegen, ganz ehrlich.

Aber was will man sagen: Es ging alles gut aus. Mit 50 Cent Trinkgeld hat sie zwar nicht gerade Branchenrekorde gebrochen, aber im Grunde konnte ich froh sein. Es gab noch einen Euro oben drauf und rechtzeitig am Lichtpark war ich auch.

Und, was war? Logo: Bestellvirtuose Jo kam mit 10 Minuten Verspätung raus … 🙂