Gute Nacht, Walter!

Mit etwas Übertreibung hätte es man ja fast schon einen Unfall nennen können, wie mir der Typ gegen’s Auto gelaufen ist. Ich war vorsichtig am Wenden in einer engen Straße, als er sich gegen die Karosserie der 72 klatschen ließ, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Gewagtes Vorgehen! Aber im Grunde freute ich mich über eine weitere Tour. Der nur noch teilweise zurechnungsfähige junge Mann war in Begleitung seiner Frau und – ein bisschen überraschender – seiner Eltern.

Die angeheiterte Stimmung mündete in so manche kuriosen Dialog, z.B. als der Hauptdarsteller dieser Seifenoper  seinem Vater auf dessen Einwand hin, dass sie nun ja doch ein bisschen viel getrunken hätten, eloquent antwortete:

„Das isses doch aber, worum’s im Leben überhaupt geht. Scheiße bauen. So richtig Scheiße bauen, dass Du dann am nächsten Morgen aufwachst und sagst: Scheiße, hab ich eine Scheiße gebaut. Das isses!“

Nun ja, jeder braucht Ziele.

Ein wenig Zeit der ansonsten durchschnittlichen Tour ging für die Frage drauf, ob sie die letzte Runde im Restaurant überhaupt bezahlt hätten und wie provinziell Berlin gegenüber einiger internationaler Städte so sei. Der junge Mann, die Buddel Astra weiterhin in der Hand haltend, bekundete Interesse an New York und Los Angeles und verkündete, dass er sich dort zu wohnen sehr gut vorstellen könne. Es entspann sich eine etwas wirre Form eines Disputes darüber, ob Deutsche oder Amerikaner oberflächlicher seien. Daraufhin driftete die Debatte ab und unser Held führte „Breaking Bad“ ins Feld, um die Fernsehkultur der Amis zu loben. Was schwer fruchten konnte, da seine Eltern die Serie nicht kannten.

„Is‘ das so’n bisschen so wie Denver-Clan?“

Unterdrückte Lachtränen bei mir, Zwischenstopp, Ausstieg der Eltern.

Auf dem verbleibenden Kilometer zum letztendlichen Ziel meinte mein Fang dann, ich hätte ihn ja argumentativ ruhig ein bisschen mehr unterstützen können. Wie sehr denn noch? Ich hatte im Beisein seiner Eltern schon bestätigt, dass ich die Serie kennen würde und sie hervorragend finde. Obwohl ich es eigentlich dabei belassen habe, war ich fortan wohl sowas wie Bruder im Geiste. Während die Frau das Zahlen übernahm, prostete er mir angedeutet zu und meinte:

„Gute Nacht, im Namen Walter Whites!“

Kannste Dir nicht ausdenken, sowas. 🙂

Taschenkontrolle

So. Die Weihnachtsfeier ist überstanden, der nur eher mittelprächtige Tag danach auch. Dass ich gestern nichts geschrieben hab, hatte damit eigentlich nichts zu tun, das war eher ein bisschen Grundverpeilung meinerseits. Dabei sind mir durchaus ein paar Dinge noch erinnerlich. Ein lustiges Beispiel für alltägliche Konfliktsituationen zum Beispiel.

Meine Fahrgäste waren ein paar fast noch jugendliche Holländer. Vielleicht auf Studienfahrt oder so. Sie waren zu fünft, hatten alle ein bisschen was getrunken und waren dadurch ein ziemlich durcheinandergackernder Haufen. Aber ganz nett eigentlich.

Nun muss ich mal ein bislang eher unerwähntes Detail meines Autos erklären: Die Armlehne. Wie schon die 1925 hat auch die 72 eine Armlehne für den Fahrer. Die ist seitlich am Fahrersitz montiert und lässt sich bei Nichtbenutzung (und ich benutze sie nicht, da sie mich beim Schalten stören würde) nach hinten klappen. Dann steht sie parallel zur Rückenlehne und gefällt mir dort als Raumteiler auch ganz gut, weil sie als kleinen Nebeneffekt Blicke und Zugriffe auf die Mittelkonsole von hinten erschwert. Und auch wenn ich da seit dem Diebstahl von Handy und Kamera nichts wertvolles mehr liegen habe, ist es doch schön, dass nicht jeder gleich meine Trinkflasche begrabbelt.
Bei der 72 nun ist diese Rückenlehne mit einem „Geheimfach“ ausgestattet. Schöne Idee, bei Benutzung der Lehne sogar ziemlich sicher und schwer zu finden. In hochgeklapptem Zustand allerdings ist es eher den Fahrgästen hinten als mir zugänglich. Und gerade wenn es mal eng wird im Auto, stoßen die Leute schon mal mit Knien gegen diese Lehne beim Einstieg. Und das muss auch jetzt bei den Holländern der Fall gewesen sein, denn das Fach sprang auf.

In unserem Fall liegen darin ein paar Kugelschreiber, die meisten wahrscheinlich leer. Kein großer Verlust also im Zweifelsfall. Aber nachdem ich mit den Jungs für eine kurze Tour zum Alex gestartet bin, nestelten sie immer noch daran herum und irgendwann kramte einer sogar eine Taschenlampe raus. Unterhalten haben sie sich nach wie vor auf holländisch, so dass ich auch kaum irgendwas verstanden habe. Ich hab ihnen ein bisschen Zeit gegeben, aber irgendwann fand ich es dann doch ziemlich frech, so dass ich mich umgedreht hab und die Jungs fragte:

„Hey guys, should I search your pockets?“

„Äh … what?“

„I said: SHOULD I SEARCH YOUR POCKETS?“

“ … no?“

„So why are YOU searching MY pockets?“

Da war schnell Ruhe im Karton und unangenehm ertappt gefühlt haben sie sich auch. Dabei hatten sie eigentlich sogar ein gute Erklärung:

„It is open and we wanted it to close.“

Ich hab mich entsprechend auch entschuldigt. Vor allem, weil ich sie wirklich ziemlich rüde angegangen war. Ist zwar nicht die schlechteste Taktik, wenn man sich bei 5 angetrunkenen Kerlen Gehör und vorsichtshalber Respekt verschaffen will, aber übers Ziel rausschießen und den unfreundlichen Fahrer markieren, wenn eigentlich gar nix wildes passiert ist, wollte ich auch nicht. Dafür ging es etwas ruhiger zu in den verbleibenden fünf Minuten, die Stimmung brauchte ein bisschen, um sich wieder zu erholen. Immerhin geschah dann am Alex etwas, das ich so auch nicht wirklich erwartet hatte:

Nachdem ich den Jungs, insbesondere dem in der letzten Reihe, beim Aussteigen geholfen hab, kam der große Kerl von hinten links zu mir, bezahlte, rundete großzügig auf und entschuldigte sich nochmal:

„I’m really sorry. This was our fault. It’s your car and we really had nothing to search for there. I can understand your reaction and I hope it is ok for you now.“

Wow! Man könnte gerade meinen, in meinem zugegeben so schon recht schnuckeligen Paralleluniversum fangen jetzt auch noch die Fahrgäste an, Anti-Aggressions-Kurse o.ä. zu besuchen. 😉

PS: An dem Fach war am Ende auch nichts kaputt. Die Jungs hätten einfach ein bisschen beherzter zuklappen müssen, dann wäre das Ding auch wieder eingerastet …

Gute Miene zum bösen Spiel

Als ich gerade an einer Ampel zum Stehen kam, öffnete er die Türe. „Also doch kotzen!“, dachte ich bei mir, während mein Fahrgast sich sehr unelegant aus dem Auto hangelte und beinahe auf die Straße gefallen wäre.

„Du musst kotzen? Soll ich rechts ranfahren?“

„Alles ok!“

Er taumelte ungelenken Schrittes davon, wobei das Ziel unklar war. Eine völlig verwaiste Straße in Tempelhof, außer einem Parkhaus kaum Spuren von Zivilisation zu erkennen. Ich stellte das Auto mit eingeschaltetem Warnblinker vollkommen illegal auf den Gehweg und stieg aus, meinen Fang betrachtend.

„Wo willst’n hin?“

„Verpiss Dich!“

„Na na, ich dachte, es soll nach Hause gehen!?“

„Leck mich, hau ab!“

„Du hast noch nicht mal bezahlt!“

In manchen Momenten werde ich von stoischer Gelassenheit übermannt. Ein betrunkener Fahrgast, der mich beschimpft und offensichtlich ohne zu zahlen abhauen will, gehört eigentlich nicht in die Liste der Situationen, in denen man sich gut fühlt als Taxifahrer. Aber der Typ war so blau, der war weder in der Lage, sich mit mir anzulegen, noch konnte er ernsthaft weglaufen. Und Geld hatte er auch genug dabei.
Die letzte Fehlfahrt war zwar erst 24 Stunden her, aber bei dem Knilch wollte ich nicht aufgeben. Er saß ja nicht grundlos im Taxi. Gut 10 Minuten zuvor wurde er von einem besorgten Freund ins Auto gesetzt, der mich anflehte, ich möge den Kerl doch bitte heil nach Hause bringen. Er steckte selbigem einen Fünfziger zu und ermahnte mich, ich solle ihm ja das Rückgeld geben. Für den offensichtlich desolaten Zustand des Fahrgastes war mir die Strecke von fast zehn Kilometern zwar eigentlich zu lang, aber was tut man nicht alles! Fürs Geld – und in solchen Fällen nicht zuletzt auch um zu helfen.

Ich setzte mich nun ins Auto, wendete und fuhr meinem Fahrgast hinterher, der inzwischen in einer Mauernische mehr oder weniger erfolgreich versuchte zu pinkeln. Warum er eben so sauer geworden war, war mir unbegreiflich, da er sich den ganzen bisherigen Fahrtverlauf ausschließlich bei mir dafür bedankte, heimgebracht zu werden. Und ich hoffte auf einen erneuten Stimmungsumschwung. Ich hielt provokativ direkt neben ihm, stieg aus, zündete mir eine Zigarette an und starrte ihn an. Das handhabe ich so nicht wirklich regelmäßig, wenn ich Leute irgendwo pinkeln sehe, aber es hat in dem Fall seine Wirkung nicht verfehlt. Er kam irgendwann unsicher aus seiner Nische hervor und fragte schüchtern, ob ich ihn heimbringen würde. Na also!

„Du bringst mich echt nach Hause?“

fragte er noch einmal, als er bereits im Auto saß. Ich antwortete ganz locker, als ob nichts gewesen sei:

„Ja klar. Die Bla-Keks-Straße 7 in Britz, dafür bin ich doch hier.“

Die blonde Locke, die ihm ins Gesicht hing, als er mich ungläubig anstarrte, ließ ihn etwas verwegen aussehen. Tatsächlich war ein Schönling aus dem Bilderbuch, dessen Look allerdings unter der fraglos zu langen Nacht bereits etwas gelitten hatte. Es war völlig klar, dass er sich einfach nicht mehr wirklich erinnerte, dass wir das mit der Adresse noch im Beisein seines Kumpels geklärt hatten. Diese kleine Straße in einem Wohngebiet hatte mir am Anfang auch nichts gesagt, es war das Navi, das uns bis hierher gebracht hatte und uns auch weiterbringen sollte. Für meinen Kunden war es aber offenbar eines der größten Mysterien der Menschheitsgeschichte, dass ein Taxifahrer ihn vom Pinkeln abholt und seine Adresse kennt. Hihi.

Zunächst murmelte er etwa eine Minute lang, dass er nicht wisse, was er glauben soll, dann revanchierte er sich für mein Anstarren. Und das tat er gut. Minutenlang. Ich hab nach einer Weile ernsthaft in Erwägung gezogen, dass er mich anbaggern wollte. Im Grunde war es in dieser Situation aber nicht schlecht, denn so lange er sich aufs Starren konzentrierte, schlief er nicht ein oder machte irgendwelche Dummheiten. Entsprechend schnell legten wir den zweiten Teil der Strecke zurück. Ich parkte das Auto in seiner schmalen Straße ein paar Meter entfernt in einer Einfahrt und überraschte ihn mit meiner hellseherischen Gabe ein zweites Mal, als ich ihm erzählte, er hätte 50 € in der Hosentasche. Obwohl die Fahrt trinkgeldlos blieb, kam dann zuletzt doch noch die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Mit zerknüllten 30 € Wechselgeld in der Hand schwankte mein Fahrgast an der geöffneten Türe umher, lehnte sich ins Auto, kippte fast hinein und sagte dann:

„Des‘ jetz‘ echt mal nett von Dir. Danke, echt jetz‘. Und sorry, dass ich jetz‘ so’n Arschloch war, sorry, ok?“

Wenn ich ihn mal wieder nüchtern treffe, dann erkläre ich ihm, dass das Taxameter ja auch weiterläuft, wenn er gerade schmollend und pinkelnd in einer Ecke steht. 😉

Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“

Der Nachfüllknopf

Der Kunde hätte alleine auch nicht mehr wirklich auf der Straße rumlaufen dürfen. Können, naja, gerade so noch. Das Alter würde ich auf maximal 16 schätzen, Promille eher so einskomma. Find ich auch nicht so prickelnd, die Medienberichte über die versoffene Jugend scheinen auch bei mir langsam anzuschlagen. Allerdings muss ich auch mal sagen: Als ob ich mit 16 nicht auch nachts mit Freunden um die Häuser gezogen wäre! Man macht solchen Blödsinn halt und in den meisten Fällen geht es ja auch gut. Man ist manchmal halt ein wenig auf wohlwollende Menschen um sich herum angewiesen, und warum sollte ich als Taxifahrer das nicht auch mal für einen Fremden sein.

Immerhin hatte ich mit dem Jungen keine weiteren Probleme. Er sah nicht nach Kotzen aus, außerdem hat er sich auf den Beifahrersitz gesetzt. Da hab ich im Zweifelsfall ziemlich viel Einfluss auf das Geschehen. Die Beifahrertüre kann ich von mir aus öffnen und den Hänfling hätte ich auch mit Gewalt aus dem Auto schubsen können, sobald er zu sprudeln anfängt. Darüber hinaus war er eigentlich nett, hatte gute Laune und immerhin nix an meinem ausgerechneten Fahrpreis von rund 15 € zu meckern.

Während der Fahrt ist er ein bisschen hibbelig geworden und hat gemeint, er müsse dieses und jenes antatschen, was in seiner Reichweite war, was darin gipfelte, dass ich ihm den Quittungsblock wieder entwenden musste, weil er meinte, er müsse sowas auch unbedingt haben und ich hätte ja sicher noch weitere. Da wusste ich dann wieder, wieso ich so viele pädagogische Seminare in meinem Leben besucht hatte …

Dann aber galt sein Interesse dem Auto und er stellte schnell fest, dass der Tank an diesem Morgen bereits ziemlich leergefahren war. Das ist nicht unbedingt ein Problem, denn ich weiß ja, wo in der Stadt ich tanken kann und zudem …
Da ist mir dann doch ein alter Gag eingefallen, den ich schon mal gebracht hatte. Und der hier würde sicher darauf reinfallen!

„Ja, ist schon ziemlich leer. Aber ist ja ein Erdgas-Auto.“

„Und?“

„Na, da kann ich ja nochmal ein bisschen Luft nachtanken und mit geringerer Dichte weiterfahren.“

„Hä?“

„Ja. Siehste den Knopf mit der Zapfsäule drauf? Damit kann ich Luft in den Tank pumpen. Dadurch wird das Gemisch zwar etwas niederenergetischer, aber es bringt deutlich was. Das Auto verbraucht dann halt etwas mehr, aber der Tank ist erst einmal wieder voll.“

Das ist natürlich vollkommener Bullshit. 🙂
Der besagte Knopf ist dazu da, zwischen Benzin- und Gastank zu wechseln. Und da ich natürlich nie auf Reserve fahre, wenn der andere Tank auch leer ist, war der Benzintank fast voll. Mein Fahrgast sah mich mit großen Augen an, woraufhin ich sagte:

„Probier’s. Ist eh langsam an der Zeit. Drück auf den Knopf!“

Er drückte und nach dem charakteristischen kleinen Ruck, der dabei durchs Auto geht, kletterte die Tankanzeige wie von Zauberhand auf Dreiviertelvoll.

„Krasse Scheiße! Ich wusste nicht, dass …“

„Das’n neues Patent von Opel. Wird derzeit versuchsweise nur in Taxen eingesetzt, das weiß kaum jemand.“

„Krass, Alter!“

„Ja, hat was.“

😀

Also falls Euch dieses Gerücht auf meine Seite gebracht hat: Es war nur ein Joke! Und ich hatte meinen Spaß damit. Ein Kollege am Stand hat geheult vor Lachen, als ich ihm das erzählt habe. Ich bin sonst ja echt niemand, der die Leute verarscht. Aber wenn es einem so leicht gemacht wird, wird man halt mal schwach. 😉

Der bin dann wohl ich …

„Komm her! Hier, Taxi!“

„Nee, den will ich nicht!“

„Aber …“

„Ich will den da!“

Sprach’s und zeigte im Rahmen einer leicht kreisenden Handbewegung auf mich, der ich hinter dem Kollegen auf Position 2 stand. Ich hab’s mal als Kompliment genommen. Und so lange es nur ums Taxifahren geht …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wozu frage ich eigentlich?

Ja, wie ist das so mit den Gesprächsinhalten? Ernst nehmen – oder eher nicht?

„Wohin soll’s gehen?“

„Zum Schlesi.“

„Direkt zum schlesischen Tor, oder danach noch in eine Nebenstraße?“

„Nee, direkt zum Schlesi. Also ein bisschen weiter bis zum McDonald’s.*“

Hauptsache widersprochen, was? 😉

Funfact am Rande: Als wir gerade am Schlesischen Tor waren, fragte er, ob ich ihn nicht doch hier gleich rauslassen könnte. Hab für einen Moment überlegt zu sagen:

„Klar, kein Problem. Also ein bisschen weiter hinten, am McDonald’s.“

😉

*Der McDonald’s ist rund 300 Meter entfernt an der Ecke Skalitzer/Wrangelstraße