Lehrgeld

„Den Zwanni fürs Taxi hab ich immer einstecken. Ich fahr doch nicht selber, wenn ich getrunken hab!“

Das klang schon fast zu vorbildlich, was mein Fahrgast da vorbrachte. Und meine (nicht geäußerte) Skepsis war nicht unangebracht. Denn: Nein, so war er wohl nicht immer. Irgendwann mal ist er unter Alkoholeinfluss von den Cops gestoppt worden, nachdem er eine rote Ampel überfahren hatte – was natürlich nicht schön endete.
Zur Last gelegt wurde ihm offenbar nur die Alkoholfahrt, angefochten hat er es natürlich trotzdem. Was ungeachtet dessen, wie schlimm man die Verfehlung findet, durchaus legitim ist. Vor Gericht, so erzählte er mir, kam es dann natürlich zu einem Widersehen mit dem Beamten, der ihn aufgegriffen hatte. Die Menschenkenntnis des besagten Polizisten scheint bilderbuchmäßig gewesen zu sein, denn mein Kunde berichtete mir, dass er letztlich mit einer Geldstrafe davon kam, was vor allem daran lag, dass der Rotlichtverstoß selbst bei der Gerichtsverhandlung nicht erwähnt wurde – was der Staatsbedienstete nach dem Verfahren damit begründet haben soll, dass er überzeugt gewesen wäre, die Lektion wäre angekommen und der Verlust des Führerscheins wäre nicht angemessen gewesen.

Ich bin kein Freund übermäßiger Gnade beim Fahren unter Drogeneinfluss – aber in dem Fall scheint es die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Ich habe selten einen netteren und überzeugteren Taxifahrgast kennengelernt und habe mich ernstlich für ihn freuen können.

Der harte Achtzehnte

Dass das mitgeschleifte Elend noch ein Mensch war, war schwer zu erkennen. Ich schätze, dass selbst eingefleischte Mediziner dem an den Taxistand geschleiften Kerl keine allzu hohe Überlebenschance mehr attestiert hätten. Aber als Taxifahrer hat man halt auch so seine Erfahrungen …

Ich hab die Tour kein Bisschen gerne angenommen. Der von zwei Helfern angeschleifte Typ war wirklich völlig sturzbesoffen. Konnte nicht alleine stehen, die Augen öffnen oder sich koordiniert bewegen. Weit mehr als ein Drink zu viel. Aber was willste machen? Haben nicht auch Leute, die sich beim Alkohol verschätzt haben, ein Anrecht darauf, heimgebracht zu werden?

Für die drei Kollegen vor mir war klar: nein!

Auch ich haderte mit dem Gedanken der Ablehnung, aber eine zweite abgelehnte Tour in nur 5 Jahren hätte mir meine Statistik dann doch arg versaut. Weit mehr ausschlaggebend war dann aber der leider nicht immer anwesende gute Freund des Opfers, der augenscheinlich nüchtern, anbei verständnisvoll und liebenswert versichert hat, dass das schon klappen würde und das alles ja zudem nicht so geplant war.

Ich will den unbotmäßigen Alkoholkonsum nicht schönreden, aber zumindest in der Rolle jenes Freundes war ich auch schon und zudem bin ich Fahrer des öffentlichen Personennahverkehrs und hab auch meine Ehre. Wenn da wer in Not ist und mich anfragt, dann will ich den auch sicher zu Hause wissen, wenn ich gemütlich Feierabend mache!

Das Fahrtziel lag natürlich nicht direkt ums Eck, sondern gut 7 km entfernt. Insofern half es leider nur bedingt, dass das Spiel 3 km lang problemlos gut ging. Ich hatte meine Ansprache gehalten, dass es hässlich wird, wenn er ins Auto kotzt – und etwa 4 Sekunden vor seinem Versuch aus dem Fenster zu kotzen habe ich auch gesagt, dass er alles tun sollte, bloß nicht versuchen, aus dem Fenster zu kotzen. Nun ja.

Da sprudelte der Fahrgast also vor sich hin, der gute Freund war entsetzt und ich entsprechend unbegeistert. Der junge Mann hat sich sichtbar Mühe gegeben, aber das half natürlich wenig. Zwischen innen und außen liegt die Scheibe und was da reinläuft …

„Scheiße! Und was kostet jetzt so eine Reinigung in dem Fall?“

fragte mich der gute Freund mit Brille und Kurzhaarfrisur.

„Hier, nimm‘ das Papier!“

hab ich geantwortet. Denn was „das in so einem Fall“ kostet, kann keiner sagen. Wenn ich es alleine putzen muss und nichts allzu dramatisches passiert, dann kostet das 200 €. Ein netter Kollege hat aber vor Gericht auch schon mal 1.600 € erstritten. Da ging es zwar auch um kompliziertere Probleme (Lüftung, Radio etc.), dennoch sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn einem im Taxi schlecht wird. Anhalten ist IMMER die bessere Option! Und jeder Taxifahrer mit Verstand kommt der Bitte auch nach.
In dem Fall aber waren wir schnell. Während unser Opfer auf dem Gehsteig kotzend umhertorkelte, haben sein Freund und ich umgehend die Scheibe in Angriff genommen und das Schlimmste verhindert. Und scheißegal, ob mich die Kollegen deswegen für bekloppt halten: in so einem Fall kostet das bei mir das, was auf der Uhr steht.

5 Minuten Putzen waren ausreichend, danach war das Auto wieder sauber und wohlriechend. So lange das so ist: Wayne?

Nun war die Frage, wie es weitergehen sollte. Das Geld der Fahrgäste war knapp, mein Vertrauen hinüber – und bei der Problematik, wie der Kerl heimkommt, waren wir nicht wirklich weiter. Also ja, 3 Kilometer, aber das hilft auch nicht viel, wenn der Kunde nur mit Mühe und Not 5 Meter bis zur nächsten Hauswand schafft.

Ich hab im Auto noch eine Tüte gefunden, die unsere gemeinsame Entscheidung dann beeinflusst hat. Der Kotzer selbst schwor, sie sich immer vors Gesicht zu halten – und der Freund schwor, das zu überwachen. Das hat die nächsten 3 Kilometer nicht unstressig gemacht, da dem Kerl immer noch schlecht war – aber ich hatte Hoffnung.

Und einmal mehr: ohne den begleitenden Freund hätte ich die Tour abgebrochen. Der nämlich wusste nicht nur, diese Überwachung ernsthaft durchzuführen, er war auch über alle Maßen dankbar und hat zudem wohlwollend meine Arbeit wie auch meinen Einsatz kommentiert. Es war ihm peinlich, ganz offensichtlich. Aber er konnte seinen Kumpel ja nicht hängenlassen. Und das verstehe ich durchaus.

Nach weiteren 3 km kam es aber trotzdem zu einem erneuten Stopp. Unser Spezialkandidat hatte nicht nur in die Tüte gereihert, sondern seinen Auftrag, selbige vor den Mund zu halten, auch dahingehend übererfüllt, als er auch nur durch selbige atmete. Dass er folglich noch mehr kotzte und zudem einen Ausweg suchte, kann ich eigentloch gut verstehen. Ich fuhr also abermals rechts ran und der Spezialkunde setzte sich ins Gebüsch. Ehrlich. Er saß in der Hocke da und reiherte weiter in die Tüte. Warum auch immer er sie auch dort so wichtig nahm …

„Der 18. Geburtstag ist echt der mieseste von allen!“

brachte er zwischendurch raus, dann plätscherte es wieder ins geduldige Plastik. Ach je, der wird sich wundern, wenn er noch älter wird.

Da wir nur noch rund einen Kilometer vom Ziel entfernt waren, stellte sich die Frage, ob ich überhaupt weiterfahren sollte. Zumal die Finanzen der Fahrgäste langsam knapp wurden. Zuletzt habe ich aber auch das noch gemacht. Der erleichterte Freund überzog mich mit Dankesworten und schüttete den Restinhalt seines Portemonnaies in meines. Was am Ende auch kaum mehr als 2 € Trinkgeld waren, ich aber in Anbetracht der Lage zu schätzen wusste. Für mich war die Aktion damit zu Ende und es ist nicht mehr mein Problem, wie es weiterging. Reichlich Wasser vor dem Einschlafen und eine Aspirin habe ich vorher schon empfohlen. Hoffen wir das Beste.

Wie die Kollegen hätte ich die Jungs nicht mitnehmen müssen. Und ich hab mir unterwegs oft genug gewünscht, ich hätte es nicht getan. Jetzt aber bin ich froh darüber, es doch gemacht zu haben. Obwohl ich die 12 €, die ich damit verdient habe, sicher ein paar Minuten später leichter hätte verdienen können. Und da geht es nicht darum, der Arsch vom Dienst zu sein; ehrlich nicht. Manchmal ist es auch einfach schön, jemandem geholfen zu haben mit der Arbeit, die man (mehr oder weniger) sowieso erbracht hätte.

„Diese Straße … 47!“

Es gibt so Fahrten, die einen ganz eigenen Typus begründen. Derer gibt es fraglich viele verschiedene. Und sicher hat jeder Fahrer so seine eigenen Schubladen, in die er die Fahrten ggf. steckt. Ich hab da beispielsweise die „Rentner vom Bahnhof in einen Außenbezirk“-Fahrten als eigene Kategorie. Die sind überwiegend stressfrei und nicht selten ertragreich beim Trinkgeld. Zusätzlich gibt’s oft interessante Infos aus der Berliner Geschichte.
Oder die „Berghain zu einer Schwulenbar nach Schöneberg“-Touren: ebenso stressfrei, meist sogar langweilig, dafür viel Englisch.

Worauf ich jetzt eigentlich raus will, sind die fast schon hobbymäßigen „Null Aufwand und damit gutes Geld“-Fahrten. Schätze, diese Sortierung nehmen andere Kollegen auch gelegentlich vor. Das sind die Fahrten, die man kriegt, wenn man sowieso in die Richtung unterwegs ist – oder etwa eine Kurzstrecke mit nur ein paar Metern Umweg serviert bekommt. Am Sonntagmorgen hatte ich z.B. meinen Umsatz beisammen, als ich einen Kunden am Adlon abgeliefert hatte. Auf dem Heimweg stieg mir an der Französischen Straße ein Winker zu und wollte zum nh Hotel „Alexanderplatz“. Das lag (abgesehen von 5 Metern Umweg in die Hotelvorfahrt) komplett auf dem Weg, den ich sowieso fahren wollte und hat mir schnell einen Zehner Umsatz gebracht, auf den ich an anderen Tagen eine Stunde warte.

Nun aber zu den zwei Trunkenbolden.

Ich war auch hier auf dem Weg nach Hause. Vor der Schicht. Ich darf das Taxi privat nutzen, also tue ich es gelegentlich. In dem Fall wollte ich zu Hause meine bessere Hälfte abholen und mit ihr zusammen zwei Sendungen aus der Packstation holen. So halten wir das öfter, gerade bei schwereren Paketen. Wann immer ich nach Hause fahre, entscheide ich je nach Laune, wann ich die Fackel ausmache. Mal will ich davor gar keine Kundschaft, mal schalte ich sie erst aus, wenn ich fast da bin. Dieses Mal habe ich sie angelassen und bekam ungelogen 100 Meter vor der Haustür – beim wunderbaren Döner, der in unserem Viertel sowohl das nächtliche Essen als auch die Rund-um-die-Uhr-Versorgung der ortsansässigen Alkoholiker gewährleistet – Winker. Zwei stark schwankende Gesellen, um 21 Uhr bereits voller als die halbe folgende Nachtschichtkundschaft zusammen.

Ihr Deutsch war mittelprächtig, wahrscheinlich waren es Russen. Der eine auf dem Beifahrersitz wies mit ausladender Geste Richtung Westen und sagte:

„Diese Straße!“

Was halb Berlin hätte bedeuten können.

„47.“

Aha. Er meinte also genau diese Straße, in der wir uns befanden …

„Ach so, also Marzahner Promenade?“

„Ja. 47.“

Gut, die 47 liegt natürlich in die andere Richtung – aber für derartige Ortskenntnis hat man ja uns Taxifahrer. Und nachdem ich gewendet hatte, konnten sie mir die richtige Einfahrt auch zeigen. (Nee, ist nicht so einfach bei uns mit dem Straßenverlauf …)

Ich hatte gnädig eine Kurzstrecke eingetippt und sie nach einer Minute Fahrt mit einem zusätzlichen Euro Trinkgeld auch bezahlt bekommen. Würde ich alle drei Minuten 2,80 € (Bruttolohn-Anteil von 4 € + Trinkgeld) verdienen, wäre ich mehr als nur zufrieden. 🙂

Kurioser Nebeneffekt dieser Fahrt: Ozie hatte dieses Mal meinen Tracker im Blick, um zu wissen, wann ich komme – und sich entsprechend gewundert, dass ich quasi direkt vor der Tür nochmal umgedreht habe. Aber wenn ich mir meinen Blog so durchlese, glaube ich eh, dass der Job per se etwa kurios ist …

Letzte Tour in Reinform

Gut, eigentlich hatte ich vor Jahren schon mal eine „Feierabendtour wie aus dem Lehrbuch„. Die heute kann aber durchaus mithalten.

Ich war mehr oder weniger satt. Mir fehlte noch ein Zehner zum Wunschumsatz und ich hatte vor, in einer Dreiviertelstunde Feierabend zu machen, aber es war mir recht egal. Ich hatte mich nochmal an den Bahnhof gestellt, weil dort nur ein Taxi stand. Hätte ich gewusst, was für ein gruseliger Kollege darin saß, wäre ich geflüchtet. Aber gut, so hatte ich drei Minuten Smalltalk from Hell. Dann kam er endlich weg und ich kurz darauf.

Heute lag mein Abstellplatz ein bisschen weiter weg als sonst, denn da das neue Getriebe für die 72 erst spät geliefert wurde, hatte ich wieder mal einen Ersatzwagen. Die 2223, die ich beim letzten Getriebeschaden auch schon mal hatte. Dank der wirklich grotesken Fehlentwicklung des Navis werde ich sie wohl nie endgültig lieb gewinnen – aber für die meisten Fahrten braucht man ja sowieso keines. Die 2223 hab ich jedenfalls an der Firma holen müssen, bei der letzten Tour wäre es mir also recht gewesen, wäre es etwas in den Südosten gegangen.

Kam natürlich anders: Steglitz. Zumindest mal ein um 120° abweichender Kurs.

Eine Dreierbesatzung aus einem vollkommen abgefüllten Schluck(auf)specht auf dem Beifahrersitz, seiner stark genervten Freundin hinten rechts und einem Tiefschläfer hinten links. Aber hey – immerhin eine Tour, bei der ich übers Ziel hinausschießen würde!

Schlucki von nebenan versuchte die ganze Zeit das zu tun, was er am wenigsten konnte: reden. Das war soweit ganz lustig, zumindest für mich. Seine Freundin sah das etwas anders und verweigerte ihm auch den Wunsch „an jeder fucking McDonald’s-Filiale unterwegs“ anzuhalten. Schnell nach Hause, dann is‘ gut!
Da ich ihre Straße nur so vom Hörensagen aus Zeiten der Ortskundeprüfung im Kopf hatte, fragte ich sie nach einem Anhaltspunkt und bekam im Gegenzug eine ausführliche Routenbeschreibung, die die beiden Kunden-Echtheitssiegel „so würde ich fahren“ und „3 km Umweg“ trug. Ich nehme geschenktes Geld zwar gerne an, hab dann aber doch abgekürzt und ein ehrliches Danke dafür erhalten. Ist ja auch mal was! 🙂

An diesem Punkt meldete das Murmeltier hinter mir, dass es mal eben eine kurze Pause wünschen würde.

„Wieso? Ist Dir schlecht?“

„Ja.“

Dieses Mal war es glücklicherweise kein Problem, dass der Kotzkandidat (wie gefühlt immer) an der Türe mit der Kindersicherung saß. Alle verließen in geordneter Formation ruhig das Taxi. Auch ich, denn ich ging gleich an die Heckklappe, um dem Auswurfaspiranten ein wenig Küchenrolle zum Abwischen zu reichen. Dass ich noch Bonbons gegen den Geschmack dabeihätte, ließ ich ihn auch wissen und setzte mich wieder ins Auto. Sollten die Jungs ruhig alleine durch Hicksen und Kotzen die Schöneberger Nacht bereichern.

Die sie begleitende Dame saß inzwischen hinter mir und staunte:

„Wow, Sie sind gut ausgerüstet!“

„Naja, eigentlich hab ich das Papier ja, um das Auto sauberzuhalten.“

Da es sonst nichts zu tun gab, erzählte sie mir auch, weswegen sie eigentlich so sauer war. Nicht wegen dem Schluckauf – um Gottes Willen! Nein, die beiden hätten sie angerufen, woraufhin sie bereit zum feiern für 30 € mit dem Taxi angereist war. Schon das Treffen war schwierig, weil die beiden ihre Handys nicht bedienen konnten und am Ende waren die Jungs schon voll wie zwei Eimer als die Freundin ankam. Keine Chance mehr, feiern zu gehen. Als ob das nicht reicht, ist der Schlaf-und-Kotz-Kumpel wohl auch noch für anderthalb Stunden unaufweckbar weggetreten, die sie stoisch ertragen hat, bis sie alle dann – mit mir – den Heimweg antraten. Eine Stunde nervige Hinfahrt, anderthalb Stunden den Kumpel wachklopfen und jetzt auf dem Rückweg auch noch ein Stopp zum Reihern. Ich konnte ihre Stimmung irgendwie nachvollziehen. Arg viel sinnloser kann man seine Zeit ja kaum verschwenden.

Mich hat das an diese Jungs hier erinnert.

Im weiteren Verlauf war die Tour an sich problemlos, nur wird sich ein Mensch aus Steglitz morgen wohl von seiner Freundin anhören dürfen, weswegen sie auf ihn sauer ist. Bis dahin wird es ihm selbstverständlich wie all meinen Fahrgästen, die ich unter widrigen Umständen nach Hause verfrachtet habe, gut gehen. Die letzten Worte, die ich von ihm vernahm, waren:

„Und jetzt, Schatz, jetzt mache ich mir alle Fischstäbchen, die wir noch zu Hause haben!“

Dieses „Normal“

„Wie ist das denn so normal?“

„Normal stell‘ ich mir das ganz locker vor.“

„Ist das normal für Sie?“

Normalität ist etwas seltsames, wenn man sie im Taxi zu ergründen sucht. Insbesondere in einer Berliner Nachtschicht. Natürlich ist Taxifahren in vielen Belangen ein normaler Job. In manchen Dingen ist die Normalität da halt etwas stapazierbarer als jetzt vielleicht die eines Fließbandarbeiters.

Und die Frage wird immer wieder gestellt. Angefangen von den Leuten, die gerade irgend was „total verrücktes“ machen und selbstverständlich absolut NICHT normal sein wollen; bis hin zu jenen, die sich versichern wollen, dass ihre Tour jetzt aber hoffentlich nicht zu sehr aus dem Raster fällt. Ob das jetzt die Länge der Fahrt, die Uhrzeit, die Themen der Gespräche oder das Fahrtziel angeht – überall die Angst oder Hoffnung, normal zu sein.
Aber auch im Gewerbe, beim Bloggen – selbst jetzt bei der unseligen Uber-Diskussion – überall wird erzählt, wie was jetzt „normalerweise“ ist. Und keine Frage: ich verwende den Begriff auch oft. Ist ja normal. 😉

Meistens ist das ja egal, weil es nur ein dahergesagtes Wort für häufig ist. Traurig finde ich halt, wenn sich eine Rentnerin fürchtet, mir die Schicht zu verderben, weil ich sie vom Ostbahnhof mit einem Stapel Gepäck bis nach Mahlsdorf bringen muss. Das passiert zwar viel zu selten, ist aber abgesehen vom überdurchschnittlichen Verdienst eine ganz normale Fahrt für mich. Ebenso wie um 5 Uhr morgens zwei verknallte Kerle vom Berghain zu Tom’s Bar zu fahren eine ganz normale Fahrt ist. Die Auslöser für diesen Eintrag waren zwei Jungs, Anfang dreißig, hackedicht aber lieb. Wegen eines Junggesellenabschieds in Berlin und auf dem Weg in ihr Hotel. Für mich völlig normal, hätte ich den beiden aber nicht sagen dürfen. Für sie war es nämlich der geilste Abend der letzten Jahre.

Trinkgeld ist von 0,00 bis vielleicht 5,00 € völlig normal. Was aber – und da kommen wir der Sache näher – nicht heißt, dass es deswegen uneingeschränkt selbstverständlich ist. Oder für mich kein Grund, mich zu freuen.

Ich glaube, im Dienstleistungsbereich geht die Spanne des „Normalen“ im Vergleich zu vielen anderen Jobs bis weit vom Durchschnittswert weg. Weil Dienstleister eben auf sehr unterschiedliche Kundschaft stoßen und zumindest im Taxi beispielsweise auch unsere Arbeitsweise stark ändern können. Mag die Durchschnittsfahrt im Gewerbe 12 € bringen, wird ein Flughafenfahrer noch Touren für 40 € völlig normal finden, während mein Tagfahrer vielleicht nicht mehr ganz so normal findet, was sich betrunkene Mädels auf dem Heimweg über ihre Freunde erzählen. Ich selbst bekomme schon Probleme, wenn Kunden mich fragen, wie lange ich normal arbeite.

Ich habe einen Facebooktroll, der mich seit Monaten fragt, wie viel man „normal“ im Taxi verdient, wann man „normal“ arbeitet, was einem „normal“ erlaubt ist und nebenbei natürlich, warum ich ihm darauf nach dreimaligem Klarstellen, warum das schwierig ist, nicht mehr antworte.

Deswegen sind die meisten Jobblogs meiner Meinung nach Dienstleistungsblogs. Weil unser „Normal“ manchmal weit in den „Skurril-Bereich“ der Leser reinragt.

Das Ganze hat aber eine weitere Dimension. Nämlich die, dass es genau das ist, was uns Dienstleistern den Job so schwer macht und unsere eigentliche Qualifikation sein sollte: dass wir Dinge irgendwie „normal“ handhaben können, obwohl viele Menschen da draußen das nicht finden. Ich weiß – und bin stolz drauf – dass mich als Dienstleister auszeichnet, dass ich mit betrunkenen Jugendlichen, knausrigen Oberlehrern, wehleidigen Rentnern und streitenden Pärchen umgehen kann. Ohne immer nur das Schlechte zu sehen, ohne die Leute für Dinge verantwortlich zu machen, für die sie nichts können. Und letzten Endes auch ohne daran selbst kaputtzugehen.

Auch das ist ein Grund – und der Hinweis muss immer und immer wieder sein – warum ich mich hier so in diesen an sich lächerlichen Kampf mit Uber stürze, obwohl ich selbst immer öfter lachen muss, wenn ich den Namen höre. Im Taxi- und Mietwagen-, aber auch in jedem anderen Dienstleistungsgewerbe hat man zu kämpfen. Damit, dass nicht alles normal und geregelt ist. Diese Firma – oder zumindest ihr Diplomatiegenie an der Spitze – stuft, was ich und viele Kollegen machen, als überflüssig ein. Weil das ja auch ohne Regeln hobbymäßig für noch weniger Geld erledigt werden könnte. Wie immer an den meist schwammigen und anzweifelbaren Aussagen aus dem Hause Uber ist auch daran zumindest mal so viel richtig, dass man es schlecht als komplett falsch verwerfen kann. Abends an seiner Lieblingsbar die Stammkunden einsacken und heimfahren kann jeder. Seinen Lebensunterhalt mit dem Heimbringen derer zu bestreiten, die in Läden rumliegen, die aus Gründen niemandes Stammkneipen sind, kann halt nicht jeder. Genauso wie beispielsweise nicht jeder in der Lage ist, mir meine Wut über einen unnötigen Internetausfall durch Pfusch an der Hotline zu nehmen und das Problem sachlich und schnell zu lösen.

Normal in der Personenbeförderung jeder Art ist es, auch mal auf Fahrten warten zu müssen. Oder unliebsame, weil schwierige Fahrten für wenig Geld zu machen. Nicht nur, dass niemand einem die nervigen Kunden ewig vom Hals halten kann. Nein, am Ende brauchen wir die auch noch, um unser Geld zusammenzukriegen. Die Belohnung sind dann Fahrten wie diese:

Winker am Mariannenplatz (halbwegs normal). Sechs Leute, die zufällig ein Großraumtaxi angetroffen haben (schon eher glücklich). Meine dritte Winkertour in Folge (Wahnsinn!).
Die Größe der Passagiere passte perfekt zu den komplizierten Platzverhältnissen (sehr selten!) und nach etwas Eisbrechen gelang uns eine flüssige Konversation (normal) in englisch (ebenso normal).
Die Familie kam aus Israel (normal), war allerdings hier, weil die Mutter in der letzten Sitzreihe hier in Berlin geboren war (in der Kombination eher selten) und sie nun mal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln und entfernte Verwandte besuchen wollten. Die eine Hälfte der Leute war still (normal), der Vater war nach allen vorbereitenden Gesprächen ein geradezu anstrengender Berlin-Enthusiast, der bei jedem Haus wissen wollte, was da drin ist und dauernd schwer zu beantwortende Fragen stellte wie „Wo kann man hier abends noch weggehen?“ (grenzwertig normal). Am Ende kamen wir auf gute 15,80 € Umsatz (normal), alle waren bester Laune (normal), aber die Mutter gab mir keinen Cent Trinkgeld (bei so einer Tour eher selten). Während mich der Vater beim Zusammenklappen der Zusatz-Sitze weiter mit Fragen löcherte (nicht mehr wirklich normal), kam einer der Söhne an und steckte mir die 4,20 € Wechselgeld zu, bei der die Mutter sich offenbar nicht getraut hatte, sie mir zu geben (normal. Quatsch, war so unerwartet natürlich extrem geil!).

Was lernen wir daraus? Nur weil das Wort „normal“ gefühlte hundert Mal in einem Blogeintrag vorkommt, muss der noch lange nicht normal sein. 😉

Wenn ich etwas wirklich gut unter Kontrolle hab, dann ist es meine Cholerik. Die hab ich so gut im Griff, dass die meisten Menschen, die ich kenne, abstreiten würden, dass ich Choleriker bin. Das natürlich nicht grundlos. Ich bin groß und stark und wenn ich ausraste, dann wird’s halt schnell teuer. Einer meiner ehemaligen Schulkameraden hat wohl noch heute eine Bleistiftspitze von mir im Bein stecken – und als das geschah, war ich in der dritten Klasse …

Wie gesagt: sowas passiert mir heute nicht mehr. Ich muss mich da auch nicht mehr groß zusammenreißen, ich nehme einfach viel mehr Dinge hin seitdem. Inzwischen kann man mich gefahrlos im Mensch-ärgere-dich-nicht besiegen und es schert mich nicht. Und im Job erst! Leute, die mich schneiden? Pffft … Leute, die ins Auto kotzen? Ja mei, wenn sie wenigstens nett waren …

Aber heute Nacht war ich kurz davor, einfach spontan einem Fahrgast von hinten den Schädel zu spalten. Notfalls mit meinem Haustürschlüssel.

Ich hab’s nicht gemacht, denn zum einen brauche ich meinen Schlüssel noch, zum anderen schien’s mir ein schlechtes Bild abzugeben für einen kundenfreundlichen Taxifahrer. Und wie gesagt: ich halte Lynchjustitz inzwischen als Reaktion auf manche Kleinigkeiten nicht mehr für die richtige Wahl.

Dass die Fahrt nicht die leichteste an diesem Abend werden sollte, war schnell klar. Vier verstrahlte Jugendliche mit McDonald’s-Tüten in den Händen, alle angetrunken. Aber ich will nicht unfair sein. Zwei von denen schienen schwer in Ordnung zu sein, keiner hat auch nur nach einem Preis gefragt, auch schon mal was. Die Ermittlung der Zieladresse erfolgte erst unterwegs, aber sie war davor hinreichend genau. Eine Tour nach Charlottenburg, vom Ostbahnhof aus immerhin ein Zwanni Umsatz.

Nun isses halt manchmal anstrengend. Dorf-Jugendliche aus Niedersachsen, die beim Wort Puff kichern müssen, aber voll ganz im Ernst nachher in einen gehen werden. Oder zumindest mal bis zum Schaufenster, in dem Alter reicht das ja schon, um sich die Hosen nass zu machen.

Auch wenn einer inzwischen krähte, dass er bloß 15 € bezahlen wollte, war das harmlos. Das selbe hatte er nämlich bei 5 € auf der Uhr auch über einen Zehner gesagt. Und tat es folglich bei 15 € wieder und wollte nun höchstens einen Zwanni bezahlen. Drauf geschissen. Dann fragte mich der eher schweigsame Typ auf dem Beifahrersitz, ob er vielleicht einen Happen essen könne. Obwohl einer von hinten gleich schrie:

„Nee, Du Depp! Nicht im Taxi! Vollpfosten!“,

hab ich einen auf „korrekter Typ“ gemacht, der ich laut Aussage des jungen Mannes hinter mir war (der, der immer nur 5 € mehr als bisher zahlen wollte):

„Eigentlich kein Problem. BigMäc wäre scheiße, soll ja sauber bleiben. Aber …“

„Cheeseburger?“

„Na klar, kein Thema.“

„Aber Alter, Dir is‘ schon klar, dass ich keine Gurken mag. Die nehm‘ ich runter und kleb‘ sie dir unter’n Sitz …“

Wieder der Kerl hinter mir. Die meiste Zeit lachten wir dann aber wieder, wie er versuchte, seiner Freundin im Hotel die Adresse zu entlocken, zu der sie jetzt fahren müssten. Um ganz ehrlich zu sein: die Jungs hatten mehr Humor als ich erwartet hatte und im Grunde verlief die Fahrt eigentlich vergleichsweise nett. Wobei anzumerken sei, dass mir bewusst war, dass nur arg ambitionierte Gesellen es schaffen können, nach 20 Minuten aus dem Matrix zu fliegen – was ihnen angeblich zuvor gelungen war. Nach kurzer Diskussion hielten dann wir mittig zwischen Hotel und Puff und ich bekam die 19,60 € Fahrtpreis großzügig mit einem Zwanziger bezahlt. Naja, immerhin. Und während die Jungs dann in Richtung Hotel (!) verschwanden, fand ich … tatsächlich eine Gurkenscheibe am Sitz hinter mir.

Kein großes Ding. Ich hatte gerade ein Tuch zum Abwischen in der Hand und das war eine Arbeit von vielleicht zweieinhalb Sekunden. Wahrlich ein Abgrund, in den ich sehenden Auges renne, wenn ich das Essen im Auto erlaube. Ähnliches hatte ich hier und da schon ohne es im Blog zu erwähnen. Nicht oft, aber  sicher schon zwei- oder dreimal.

Nein, was mich wirklich kochen lassen hat, war natürlich die Dreistigkeit. Denn ich denke, wir sind uns einig, dass purer Zufall eine mäßig glaubwürdige Option ist, wenn jemand androht, eine Gurkenscheibe an den Sitz zu pappen und am Ende eine Gurkenscheibe am Sitz pappt.

Ich schreibe im Internet. Ich bin durchaus gewöhnt daran, dass Leute mich für einen Idioten halten. Das passiert. Wahrscheinlich haben das jetzt einige Kollegen gelesen, die mich für blöd und unerfahren halten, weil ich die Jungs habe essen lassen. Andere vielleicht sogar, weil ich sie mitgenommen habe. Oder überhaupt am Ostbahnhof gestanden bin. Sei es drum, ich halte ja auch nicht alle Menschen da draußen für Reinkarnationen Einsteins.

Aber so ein Vollhonk, der sich was darauf einbildet, absichtlich meine Arbeit zu behindern, indem er an einer Stelle, an der ich ihn weder überwachen kann noch will, mein Auto zu verschmutzen – und sich für diese dümmlich-destruktive Meisterleistung vermutlich auf sich selbst einen runterholt – der hat schon außerordentliches Glück, dass ich ein paar Jahre Erfahrung damit habe, meinen Ruhepuls nicht für Gurkenscheiben zu überschreiten.

Entsprechend hab ich mich beherrscht. Und mir hilft der Gedanke, dass der Kerl in den nun folgenden 3 Tagen in Berlin eventuell an streitsüchtige Kollegen oder gewinnorientierte Prostituierte gerät. Oder dass ihn wahlweise der Blitz beim Scheißen trifft, den ich umgehend für ihn geordert habe.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Witze

Es gibt ja eine Menge Witze, die einem als Dienstleister immer wieder begegnen. Nun ist das mit Witzen so eine Sache … wenn man sie ständig hört, werden sie leicht unwitzig. Und es müssen nicht mal die wirklich schlechten „Witze“ wie „Wir sind ja nur hier, um Sie zu überfallen!“ sein. Der ist glücklicherweise nicht überragend häufig. Was hingegen eine gewisse Breitenwirkung gerade nachts entwickelt hat, ist der Klassiker, bei der Frage nach dem Fahrtziel einfach „nach Hause“ anzugeben. Je nach Kundschaft grinse ich kurz alibimäßig oder spiele auch mal mit und frage bierernst:

„Zu Ihnen oder zu mir?“

Oft allerdings weise ich aber auch darauf hin, dass ich das schon hundertmal gehört habe. Fragt ruhig mal Euren Supermarktkassierer nach der Frage:

„Da ist kein Preisaufkleber drauf, dann kostet das nix, oder? Haha!“

Meist merkt man den Kunden auch an, dass sie „ihren“ Spruch längst nicht so lustig finden, wie sie vorgeben. Einige bringen das sicher bei jeder Taxifahrt, da ist das dann ausschließlich als Eisbrecher geeignet und im Grunde noch unsinniger als es mancher Taxi-Smalltalk ohnehin ist.

Jetzt aber hatte ich einen … da konnte ich nicht anders als zu lachen. Obwohl der Typ nur „nach Hause“ gesagt hat. Der Grund war folgender: ich fand ihn schon optisch einfach lustig. Ein Kerl um die 50, mit Schnauzbart und gnubbeliger Nase darüber. Eine riesige Brille verschluckte fast den kompletten Rest des Gesichtes und auf dem Kopf thronte ein Filzhut. Modisch und wettertechnisch up to date trug er ein Kurzarmhemd und eine bis zum Bauchnabel hochgezogene kurze braune Stoffhose, die ihm somit nicht einmal bis zum Knie reichte. Anbei hatte er eine Aktentasche, die er an sich presste. Vermutlich, weil eine teure Krawatte darin lag, die dem Outfit noch den letzten Schliff verpasst hätte.

Der Typ hätte in einem Lodenmantel vor 40 Jahren als Filmstar Karriere machen können: als Agent in einem Louis-de-Funès-Film oder als Spanner in einem deutschen Softsexstreifen. Und so saß er dann da, kniff die durch die Brille grotesk verzerrten Augen zusammen und sagte: „Nach Hause.“ … und fängt an zu kichern, wie Siebtklässler, wenn ihnen die Französischlehrerin erklärt, dass „Mouchi“ der beliebteste Katzenname in Frankreich ist.*

Vielleicht war er ein wenig zurückgeblieben, vielleicht hatte er das erste Mal in seinem Leben an einem Glas Bier genippt. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hat der für meine Verhältnisse ältere Mann so dermaßen naiv und unschuldig über seinen ach so tollen Scherz gelacht, dass ich mitlachen musste.

Und was soll’s? Lachen schadet ja bekanntlich auch nie. 😀

*eine wahre Geschichte aus meinem Französischunterricht, die noch getoppt wurde vom nächsten Tag, als uns besagte Lehrerin eröffnete, sie habe unseres Lachens wegen Rat beim Rektor eingeholt (!) und sei nun informiert darüber, dass es sich bei Muschi um „eine Wort aus die Bordell ‚andölt“, dass wir nicht kennen könnten. 😀