Was Fahrgäste vorgeben zu sein …

Das war seit langem die außergewöhnlichste Fahrt. Eine Winkertour in den frühen Morgenstunden, die ich nur bekommen habe, weil bei einem Kollegen in die E-Klasse ein Möbelstück nicht reingepasst hatte. Na also, wozu fahre ich schließlich genau dieses Auto!?

Zunächt hatte ich noch gedacht, sie hätten das gute Stück direkt von der letzten Kneipe geklaut, aber im Gespräch fiel sehr schnell das Wort Flohmarkt. Die beiden hatten gut einen im Tee, ein Pärchen rund um mein Alter, er eher etwas jünger, sie etwas älter. Eigentlich nix besonderes.

Nach dem Taxifahrer-Kunden-Smalltalk redeten die beiden munter untereinander. Ich hab mich nicht mehr eingemischt, ist ja nicht meine Sache. Als er dann aber sagte, dass er ja immerhin 300 € die Stunde für sie zahle – und sie das mit „Na das wär‘ ja ein Traumlohn!“ beiseite wischte – war ich etwas verwundert. Aber egal, ob sie nun wirklich Prostituierte oder das alles nur ein Necken war … alles im grünen Bereich.

Irgendwann fing er dann aber an, über ihren Zuhälter zu reden:

„Ich kenn doch den Paul, brauchste mir nix erzählen …“

Und sie konterte:

„Ach, Paul! Paul ist egal. Paul ist nur für Probleme da. Der hat gar nix zu sagen. Mit Matze müssteste reden, wenn’s ums Geld geht!“

„Na, dann ruf ich den doch mal an …“

„Matze? Den kennste nicht.“

„Natürlich.“

„Niemals. Der ist für Kunden nicht erreichbar.“

„Ohne Witz! Ich ruf‘ den jetzt an!“

„Jaja, schon klar. Na, dann mach mal …“

Bis dahin hab ich das noch für eine Neckerei gehalten. Dann hat er telefoniert:

„Hi Matze, Tom hier. Du, ich bin gerade mit Leila unterwegs, eine von deinen Frauen, kennste, ne? Ja, Leila. Ja nee, wir fahren gerade zu ihr. Was denn? Darf man nicht mal mehr Spaß haben? Nee, im Ernst, ist das ok? Ah, ok, verstehe. Freundschaftspreis, ja? Danke, Alter! Ja, sag ich ihr, geile Sache!“

Um ehrlich zu sein, das klang dann doch ziemlich nach Fake-Anruf. Aber schließlich bat sie darum, noch eben mit ihm sprechen zu können – und das hörte sich ungefähr so an:

„Matze? Ja. Ja. Ja. Was? Ey, nee! Nicht dein Ernst. Ja, nee passt schon. Wir sehen uns dann.“

Und während sie auflegte, kam dann noch mittelleise folgendes hinterher:

„Freundschaftspreis!? Du Arschloch!“

Die Fahrt dauerte noch an. Ich wunderte mich so langsam wirklich über die Umstände der Protagonisten. Am Ende rief Tom nochmal Matze an, was aber kaum sinnvolle Infos ergab, da Tom breit war wie sonstnochwas und ich Matze nicht hören konnte. Und Leila schmollte.

Beim Bezahlen bat Tom dann Leila, mir aus seinem Geldbeutel einen Zwanni zu geben; die Fahrt plus gutem Trinkgeld also.

Hä? Wieso hatte sie jetzt sein Portemonnaie?

Da meinte Leila dann:

„Ach, Sie als Taxifahrer kriegen sicher noch komischeres als unsere Gespräche mit, oder?“

Ich flüchtete mich in die nächstgelegene Ausredengasse:

„Vielleicht. Ich hab ehrlich gesagt nicht wirklich zugehört.“

Bis dahin hatte ich noch nicht ernsthaft beschlossen, die Fahrt zu verbloggen. Ich hab mich in einem Pärchen verschätzt, ach herrje, sowas passiert dann doch öfter mal. Dann aber meinte Leila enttäuscht:

„Was? Dabei haben wir uns so eine Mühe gegeben! Und Sie beachten unser Hörspiel gar nicht!?“

PS 1:
WTF?

PS 2:
Doch „Leila“, ich hab zugehört. Ich wollte bei der Nachfrage nur niemanden in Verlegenheit bringen.

PS 3:
Auch wenn ich das jetzt verfremdet habe: Wir Taxifahrer haben keine Schweigepflicht! Die beiden wussten das wohl – aber ich erwähne das an dieser Stelle nicht ohne Grund! 😉

Fahrgäste, die gierig und fies sind.

„Kriegst auch einen Euro Trinkgeld. Oder wären Dir zwei lieber?“

„Das ist jetzt fies.“

„Was ist daran fies?“

„Na komm‘, wenn ich mich jetzt für zwei entscheide, dann klingt das, als wäre ich gierig …“

„Nur keine Sorge. Also ich … ich arbeite für die Pharmaindustrie, ja?“

„OK?“

„Und mein Medikament kostet 2.800 €. Für eine Injektion. Und da machst Du dir Sorgen, wegen einem Euro gierig zu wirken?“

„OK, dann hätte ich gerne zwei.“

„Na also.“

Der eine Euro mehr hat sich im Übrigen als 50-Cent-Münze herausgestellt. Aber das war dem Alkohol geschuldet, da bin ich mir sicher.

PS: Es ging im Übrigen um eine Kurzstrecke. Da ist mehr als der eine Euro schon eher selten. Obwohl ich in den letzten Tagen mehrfach das Vergnügen hatte.

Wenn Fahrgäste mal RICHTIG Panik kriegen

Die drei betrunkenen Briten waren eigentlich guter Laune, aber plötzlich tippte mir der Beifahrer hektisch auf die Schulter und meinte, dass wir Probleme mit dem Auto hätten und nestelte panisch an seinem Sicherheitsgurt. Ich hab die Welt nicht mehr verstanden und folgte seinem angsterfüllten Blick auf die Mittelkonsole und musste mich beherrschen, nicht laut loszulachen.

Der Zufall war einfach zu genial. Ich muss da kurz ein wenig ausholen …

Ich höre gelegentlich zur Entspannung Musik im Auto und das tue ich manchmal auch, indem ich mich aus meiner CD-Sammlung zu Hause bediene und ganze Alben mitnehme. Da die Anzeige gerne mal Fragen aufwirft, sehe ich inzwischen aber zu, dass ich wenn Kunden einsteigen nicht nur wie immer die Musik leise mache, sondern auch auf Radio als Quelle switche. Das hatte ich dieses Mal vergessen. Die CD hatte CD-Text, und dabei zeigt das Radio nur selbigen, keine Titelnummer oder ablaufende Zeit an. Das lautlos vor sich hindudelnde Album war die gute alte Americana von The Offspring und wir waren bei Titel 10 angekommen. Die Angst des Fahrgastes lässt sich somit ganz gut nachvollziehen:

In der Tat eine, ähm, missverständliche "Warnmeldung". :) Bild später nachgestellt, Quelle: Sash

In der Tat eine, ähm, missverständliche „Warnmeldung“.
Bild später nachgestellt, Quelle: Sash

Ich überlege gerade, ob ich mir einen Sampler mit fehlinterpretierbaren Titeln zulegen sollte … Vorschläge für Lieder? 😀

„Iist für soo gaajile Kurvää!“

OK, Trinkgeld fürs Heizen hat sicher jeder Taxifahrer schon mal bekommen. Die Kundschaft hat es oft eilig und ein paar von denen, die hohe Tips versprechen, halten sich dann ja doch daran. Nicht viele, aber immerhin.

Hier aber war die Sache ganz anders gelagert.

Die Spaßigkeit der Truppe begann schon mit der Taxiwahl. Ich stand mit zwei Kollegen zusammen am Ostbahnhof und eigentlich hat sich keiner von uns davon irgendwas versprochen. Es war unter der Woche, schon nach drei Uhr; ich hab mich selbst nur in Position zwei eingereiht, weil ich mit dem Kollegen quatschen wollte. Und Nummer drei gehörte dann ebenso zu den üblichen Verdächtigen, ein Kollege aus meiner Firma noch dazu.
Während wir so quatschten, kamen die Kunden. Sie blieben vor meinem Auto stehen und einer der Vier fragte in die Runde:

„Ähm, wir würden gerne den hier nehmen …“

Ich antwortete eloquent:

„Das ist überhaupt kein Problem, und ich freue mich besonders, denn das ist meiner.“

Ich warf dem Kollegen einen gespielt mitleidigen Blick zu, denn er hatte, als er die Kunden als solche ausgemacht hatte, bereits gesagt:

„Ha, jetzt komm‘ ich weg und mach meinen Hunderter voll!“

Und ich hatte den Hunni schon in der Kasse. Auch die Autowahl war fast etwas seltsam, denn jener Kollege vor mir fuhr einen gepflegten Passat, der hinter mir bereits die neuere Zafira-Variante, den Tourer. Aber nein, sie wollten meine alte Gurke. Glaubt es oder nicht: Mich schockt das nicht mehr, die Wege der Fahrgäste sind unergründlich.

Die vier Leute entpuppten sich als drei Nicht-Muttersprachler mit starkem russischen Akzent nebst einem vermutlich deutschen Mitreisenden. Der hielt mir auch schnell eine Dose unter die Nase und fragte:

„Willste ein paar Nüsse?“

„Nee, danke. Aber: Sehr nett!“

Einer der anderen drei lotste mich nur drei Häuserblocks weiter und machte dann den Witz, dass da alle aussteigen würden. Was ich betont cool abtat und ihm erklärte, dass daran eigentlich nix witzig sei und ich selbstverständlich auch kurze Strecken fahren würde. Er stieg dann aus, nicht ohne mir noch schnell die Abkürzungen zu nennen, die ich fortan zu fahren hätte. Denn natürlich mussten die anderen noch ein ganzes Stückchen weiter.

„Und? Party vorbei für heute?“,

fragte ich meinen Beifahrer, der nicht nur das beste Deutsch sprach, sondern auch der nüchternste zu sein schien.

„Na … aber sicher! HALLOHO, ich hab Erdnüsse dabei! Wie würdest Du das einschätzen? Wie oft passiert sowas bitte!?“

„Hmm, da haste Recht.“

Und so war es auch. Den Fressflash nach dem Kiffen oder Saufen kenne ich auch. Aber die meisten Taxifahrgäste fahren noch mit dem letzten Bier heim – alles spätere ist zumindest bei mir eher selten. Wobei das auch daran liegen könnte, dass ich einer der wenigen bin, der die Leute mit Bierflasche auch noch mitnimmt.

Mir wurde nun eine Straße genannt, die mir wirklich gar nichts sagte, aber mir wurde erklärt, dass es bis fast nach Ahrensfelde gehen würde. Ja, geile Scheiße! Nicht nur eine Tour locker über 20 €, sondern vor allem auch noch in meinen Heimatbezirk – direkt zu der Zeit, zu der ich Feierabend machen wollte!

Und während wir auch darüber so quatschten, wies mich die Dame hinten links zurecht, dass ich auf die Märkische abbiegen müsse. Ohne das böse zu meinen. Ich hab mit einem Grinsen geantwortet, dass ich das wisse. Ich hätte meine Lücken im Stadtplan, aber:

„Hier ums Eck wohne ich, hier kenne ich mich aus, keine Sorge!“

Ich weiß nicht, was mich in dem Moment geritten hat. Mit Kunden an Bord fahre ich immer sehr bedächtig, mit betrunkenen noch dazu. Aber gerade da, in der Kurve von der Landsberger auf die Märkische, einer 300°-Schleife, war mir nach Spaß mit der lockeren Besatzung. Ich kenne die Kurve, ich fahre sie zu jedem zweiten Feierabend, meist allerdings mit leerem Auto. Aber ich kenne auch das Auto mit Beladung und hab die Kurve entsprechend in „Höchstgeschwindigkeit“ genommen, was in dem Fall etwa 50 km/h sind. Ist ja nur ein Opel Zafira. Ich nahm wie immer die Sperrflächen mit und schoss astrein, mit dem linken Reifen nur leicht die Spurbegrenzung touchierend und reifenquietschend auf die Märkische Allee auf. Und während ich noch dachte, dass das jetzt vielleicht doch ein wenig zu herb war, um es mit Fahrgästen zu tun, jubilierte es hinter mir plötzlich laut:

„Sooo gaajil! Bin iich noch nie gefahren diese Kurvää soo gaajil! Kriegst Du Eextra von mjir!“

Die gute Frau war höchst verzückt, ich konnte es selbst nicht verstehen. Aber hey, ich hatte offenbar alles richtig gemacht. 😀

Das angesprochene Trinkgeld war nicht wirklich üppig. Sie hat die 23,40 € auf 25 € aufgerundet. Aber sie hat es explizit nochmal erwähnt:

„Kriiegst Du für Kurvää! War so guut, bijn ich voll gaajil!“

Ich weiß nicht, ob sie DAS so sagen wollte – aber es wäre immerhin eine Erklärung für all das. Ich jedenfalls schreibe mir jetzt „geiles Kurvenfahren“ auf meine Referenzliste. 😉

Headhunter-Hinterlassenschaften

Ich muss eben noch mal auf die Headhunterin aus dem letzten Eintrag zurückkommen. Die Fahrt war wie gesagt nett, das Trinkgeld ok und ich war sowieso ein bisschen erfreut über die tolle Vorlage für einen Blogartikel.

Etwas weniger erfreut war ich eine Minute später, an der nächsten Ampel, als ich mal wieder wie so oft spontan nach hinten in den Fahrgastraum geschielt habe, ob da noch alles in Ordnung ist. Manchmal mache ich das, während die Kunden aussteigen, manchmal denke ich erst später dran.

Und „in Ordnung“ war hier nicht das Wort der Wahl. Auf der Fußmatte vor dem Sitz, auf dem eben noch die junge Frau saß, war eine Pfütze, in deren Mitte sich Früchte stapelten. WTF?

Ich hab die Fackel ausgemacht und bin mal eben zur nächsten Tanke gegurkt. Hatte mir die Heldin echt ins Auto gekotzt?

Nein. So talentiert, das zu überspielen, war nicht einmal sie. Allerdings hatte sie offenbar einen Cocktail mit ins Auto geschmuggelt und verschüttet – und ich hab’s nicht bemerkt. Gut, es waren zwei Kilometer Leerfahrt und 50 Cent für den Kärcher an der Tankstelle. Für einen Fünfer extra hätten wir da gerne gemeinsam drüber lachen können. Aber so dämpft es die Freude über eine so nette Fahrt dann doch ziemlich. Betrunken schön und gut, aber das muss doch echt nicht sein! 🙁

Ich bin qualifiziert. Für Betrunkene.

Es war eine mehr als nur heitere Fahrt. Auch wenn ungefähr jeder zweite Satz „Entschuldigung, ich bin … wie sagt man heute? … rotzevoll!“ oder ähnlich lautete. Sie gehörte definitiv zu den mittelschweren Fällen in der Nacht, ich hatte zumindest mal keine größeren Sorgen bei ihr. Sie hat mich über meinen Job ausgefragt, damit nebenbei auch über das hier: Schreiben, Bloggen usw.

Dass ich ein Buch geschrieben habe, hat sie erschreckend euphorisch aufgefasst, das Googeln danach gelang allerdings auch nicht mehr so wirklich. Naja, sowas kann an einem Wochenende schon mal passieren. Sie wäre ja, erzählte sie, Headhunter. Sie vermittle gute Leute an Unternehmen. Und da sie mich spontan sympathisch fand, hatte sie offenbar eine dieser unsagbar überzeugenden Betrunkenenideen, nämlich mich zu vermitteln. In einen besseren Job. Das freilich erwähnte sie nicht einmal, da hat sich viel alleine in ihrem Kopf abgespielt. Alleine bei zwei Fragen wurde ich involviert:

Ob ich a) überhaupt einen Job wolle und b) eigentlich auch Softwareentwicklung könne.

Immerhin war ihr nach der Verneinung beider Fragen auch bewusst, dass das vielleicht schwierig werden könnte. Aber hey, ich nehme das mal als Kompliment! 😀

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Voll geile Ideen, die völlig normal sind

Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Der Alkohol mal wieder. Aber ich bin ja nicht so.

„Ey, ich hab voll die geile Idee!“

„Was denn?“

„Na: Du brings‘ mich heim!“

„Was ist daran geil, das mache ich ständig?“

„Na, ick wohn‘ ja nicht hier.“

„Und?“

„Ick bezahl‘ Dir!“

„Das will ich doch hoffen. Aber wo soll’s denn hingehen?“

„Errätst Du nie!“

„Das glaube ich. Also wohin?“

„Lichtenberg.“

„Und was ist daran so besonders geil?“

„Na, na, also von hier aus, hör‘ ma!“

„Ja?“

„Also immerhin, ne?“

„…“

„Dit is WEIT WECH!“

„Wir, ähm, sind schon in Lichtenberg.“

„Oh, na dann will ick nix jesacht ha’m. Marie-Curie-Allee.“

Aber um ehrlich zu sein: Dass jemand eine Tour um die 8 € mit mehr als 4 € Trinkgeld garniert, ist dann tatsächlich, ähm, ziemlich geil. 😉