Dringende Dates

Am Ostbahnhof nach ein paar Minuten einen Kunden kriegen, der wirklich zum völlig anderen Ende der Stadt will, ist ja schon mal schön. Der Nebenaspekt war leider:

„Machen Sie bitte so schnell wie möglich!“

Ich hab den potenziellen Zeithorizont abgefragt und „in time“ war keine Option. Das hinzugezogene Navi (Einkaufszentren in Spandau sind nicht wirklich mein Steckenpferd, ich geb’s ja zu!) vermeldete satte 20 Kilometer Anfahrt und die gewünschte Ankunftszeit lag nur 20 Minuten entfernt. Durch die im gesamten politischen Berlin stark vernachlässigten Autobahnpläne zwischen dem Ostbahnhof und Spandau sind 60 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit einfach immer utopisch, da kann man noch so guten Willen zeigen als aufgeschlossener und kundenorientierter Taxifahrer.

Nun muss ich aber gestehen, dass mein Fahrgast es zwar eilig hatte, mich aber keinesfalls irgendwie zu Regelverstößen angestachelt hat. Er war nett und lachte notgedrungen aber ehrlich über meine Anmerkungen zum stockenden Verkehrsfluss. Ich auf der anderen Seite hab an den Stellen, an denen es mir persönlich machbar erschien, durchaus erkennen lassen, dass im Falle eines Falles die StVO ohne Dehnungsstreifen nicht das wäre, was sie heute ist.

Warum das alles? Ich hatte lange keine Ahnung. Jemanden abholen. OK. Mit der Zeit wurde dann immer mehr bekannt. Es ging um eine Sie, sie hatte jetzt Feierabend, sie erwartete ihn eigentlich nicht und könnte einfach weg sein, wenn wir zu spät kämen. So ganz geschäftlich klang das jedenfalls nicht. 😉

Ich hatte seit Beginn der Fahrt gesagt, dass wir mindestens 10 Minuten zu spät kommen würden, später hab ich ihn dann darin bekräftigt, sie wenigstens zu erreichen zu versuchen.

Und dann wurde ich Zeuge eines Telefongesprächs, bei dem er in der Verwaltung eines Einkaufscenters anrief und bat, in Laden XY doch die Zeitarbeiterin aus Land ABC, deren Nachnamen er leider nicht so genau wisse, zu informieren, er würde sie abholen. Also so frisch in der Mache erlebt man Beziehungen dann ja auch selten. 😀

Ich habe die nur 10 Minuten Verspätung am Ende eingehalten. Trotz teilweise beschissenster Ampelphasen. Was für ein Opfer ich der StVO dafür beizeiten bringen werde, muss ich mal sehen. Ein unfreiwilliges habe ich wohl nicht zu vermelden, so gesehen ist alles absolut bestens gelaufen.

Stressig war’s trotzdem, ich halte mich ja aus dem Hektik-Business nicht ohne Grund gerne raus. Also hab ich mich nach der Tour erst einmal auf die hinterste Ecke des großflächigen Parkplatzes verzogen, mich über mehr als 35 € Umsatz gefreut und eine geraucht. Ich hatte dank der Tour binnen anderthalb Stunden einen Fuffi Umsatz gehabt, man muss ja auch mal wertschätzen, was man kriegt.

Nennt mich ruhig kitschig, aber wirklich zufrieden war ich erst, als ich die Rückfahrt in die Zivilisation angetreten habe und dabei kurz nach dem Start noch weit draußen in der Westberliner Prärie ein Pärchen überholt habe, das gemütlich palavernd den Weg entlanggeschlendert ist: Sie in großen Gesten erzählend, mein Fahrgast andächtig lauschend.

Der Zweck heiligt keinesfalls immer die Mittel. Aber wenn’s mal passt, lasse ich mir die Freude daran auch nicht nehmen!

Der normale Stress

Eigentlich lasse ich mich ja aus Prinzip nicht stressen. Deswegen mache ich diesen Job ja. Ich muss nicht mehr Straßenbahnen hinterherrennen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, ich bringe die feiernden Leute gemütlich nach Hause, während sie ohnehin in einer anderen Dimension schweben und die Straßen sind frei.

Aber:

Das ist natürlich auch nur der Optimalzustand. Irgendeinen Stress gibt es immer mal. Hier Hektik, dort ein aufdringlicher anderer Verkehrsteilnehmer und nicht zuletzt auch manchmal Kundschaft mit Sonderwünschen oder Auswurfanstalten. Aber im Normalfall verteilt sich das alles auf zig Schichten.

Heute hatte ich so eine „Glückssträhne“, die ihresgleichen gesucht hat. Der eine Winker fischt mich an einer vielbefahrenen Kreuzung ab und hat es eilig, obwohl ich ihmzuliebe auf dem Fußgängerüberweg angehalten hatte und nun eine 270°-Drehung ohne die Gefährdung anderer zu praktizieren hatte. Die nächsten erwischten mich in einer einspurigen Straße ungefähr 10 Sekunden vor dem Ums-Eck-Schießen eines Feuerwehrlöschzuges und gaben als Ziel allen ernstes irgendeine „Da-wo-Onkel-Paul-mal-besoffen-hingeschifft-hat-Straße“ an. Auf meine zackige Nachfrage sagten sie dann, dass das direkt an der Ecke der „Da-hat-sich-im-Jahr-1853-mal-wer-laut-geäußert-Allee“ liegt.

„OK, dann so: Welcher Stadtteil denn überhaupt?“

„Ach so. Na hier ums Eck!“

-.-

Die dritten hatten es ganz eilig und mussten zu genau dem Flughafen, der mir ein legales Wenden erst nach anderthalb Kilometern erlaubt hätte. Bei Feierabendverkehr mitten in der Nacht. Was halt so passiert.

Natürlich: Hat alles geklappt, haben wir hingekriegt, inklusive kürzestem Weg, Freundlichkeit und nur marginaler Beeinträchtigung der Berliner Rettungsdienste. Muss ja. Irgendwie.

An dieser Stelle einmal mehr ein herzliches Danke an all die Kollegen, die den Job tagsüber machen und das sicher zehnmal öfter haben als ich. Ich will nicht tauschen, ehrlich nicht!

Montag, Hitze, Brille, Werkstatt!

Mein Montag, also der Donnerstag, war nicht so wirklich mein Tag. Ich fühlte mich nur so halbwegs arbeitstauglich und als dann auch noch Cheffe anrief, dass das Auto in der Werkstatt sei, war das für mich gelaufen.

Und wurde es ja so ein klitzekleines bisschen scheißheiß. Das alleine hätte mir den Freitag nicht unbedingt versaut, aber in Kombination mit einem Typen aus Calau, der mich dreimal während meines Schlafes anrief und am Ende doch falsch verbunden war und der Inaussichtstellung meines Chefs, dass ich für die kommenden drei Schichten drei unterschiedliche Autos immer je an der Firma abholen müsse, weil die 2223 leider nicht fertig würde … sagen wir es so: Ich habe mit einem längeren Urlaub geliebäugelt.

Naja, wo ich aber nun schon früh wach war, konnte ich wenigstens gleich meine Brille abholen. Die war nämlich erstaunlich früh fertig geworden und je früher desto besser, sagt man ja. Das ging eigentlich auch recht flott und problemlos, aber kaum, dass ich sie mir zu Hause zweimal testweise aufgezogen hatte, rief Cheffe schon wieder an und meinte, dass mein liebstes Auto doch noch fertig geworden wäre und ich es selbstverständlich nutzen dürfe. Kleiner Haken: Ich musste es binnen 40 Minuten zur Werkstatt schaffen.

Und obwohl ich mich zu diesem Punkt zunächst noch vollständig bekleiden musste, hab ich das am Ende noch gepackt. Inklusive einem Kilometer Laufschritt bei irgendwas um die 32°C.

Nur, dass ich danach nochmal würde duschen müssen, lag auf der Hand.

Aber ja, das Fazit ist: Die 2223 schnurrt wieder, inklusive neuer Bremsen und kompletter Durchsicht – und ich konnte schon mal ein bisschen üben, mit der Brille zu fahren. Und da ich Euch diesbezüglich (so ihr mir nicht eh auf Twitter folgt) ein Foto schulde, sei das hier auch gleich mit eingefügt:

Glasdackel, Quelle: Ozie

Glasdackel, Quelle: Ozie

Ich hab das gute Stück heute gleich mal ein paar Stunden getragen. Müsste ich natürlich nicht, noch gilt mein P-Schein ja bis Oktober, aber als kompletter Neuzugang im Hinterglasland denke ich, dass ein wenig Eingewöhnung vor der Tragepflicht keine dumme Idee ist. Schon alleine, weil ich damit ja noch einen Sehtest machen muss.

Was ich nach ein paar Stunden feststelle: Immerhin keine Kopfschmerzen! Was mich, obwohl ich nach dem Ablegen einen deutlichen Kontrast merke, vermuten lässt, dass es wirklich nicht sooo eine gravierende Augen-Verschlechterung war. Tatsächlich habe ich während der halben Schicht, in der ich die Brille (Sie braucht noch einen Namen!) zum Fahren (fast) immer aufhatte, feststgestellt: Das Bisschen Plus an Sehschärfe macht eindeutig noch nicht das gefühlt eingeschränkte Sichtfeld und die ständige Wahrnehmung des Rahmens an dessen Rand wett. Ich fühle mich derzeit im Gegensatz zum eigentlichen Nutzen ziemlich eingeschränkt und viel unsicherer. Aber ich weiß von allen Brillenträgern, dass das Gehirn den Rahmen ach etwas Eingewöhnung recht schnell ausblenden kann, durch die Sache muss ich jetzt halt durch, es ist nur komisch, zunächst sozusagen eine Verschlechterung zu bemerken.

Ist also alles ein wenig spannend und durcheinander gerade. Das sieht man im Übrigen auch an meinem Bart. Der ist gerade auch in so einer Art Selbstfindungsphase, also nicht wundern! 🙂

Ich, das Arschloch auf dem Fahrradweg

„Das is’n Fahrradweg, Du Arschloch!“

Hab ich neulich wieder gehört und der eloquente junge Mann hatte sogar recht. Der Sicherheit wegen werden immer mehr Fahrradwege, bzw. -Spuren direkt auf der Straße angelegt und ich begrüße das auch sehr. Man sieht sich wirklich besser. Wenn ich allerdings Kunden auslade, fahre ich auch auf diese Spur, „ganz“ rechts ran.

Liebe Radler, ich tue das nicht, weil ich denke, dass man Euch eher behindern sollte als die Autofahrer. Das ist mir egal, da hab ich keine Präferenzen. Da ich allerdings nicht dafür garantiern kann, dass meine (gerne mal angetrunkene) Kundschaft beim Türöffnen auf Euch achtet, versperre ich diesen Weg mit voller Absicht.

Sicher ist es nervig und gefährlich, um ein so haltendes Taxi herum zu fahren. Aber Ihr seid die, die gerade aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Ihr müsst schon dem Gesetz nach nüchtern und aufmerksam sein, meine Kundschaft nicht. Links ist die Kindersicherung drin, da springt keiner unerwartet raus, das Halten am äußersten rechten Rand bietet sich da einfach an.

Wir alle ärgern uns über unnötige Hindernisse, schon klar, ich auch. In dem Fall versuche ich aber eigentlich nur dafür zu sorgen, dass die berühmt-berüchtigte plötzlich geöffnete Tür –sicher der Radler-Horror schlechthin – nicht passieren kann. Ich mach’s also auch für Euch, also bitte weniger Beleidigungen!

Knapp vorbei …

Und als ich so gechillt mit dem Mahlsdorfer Rentnerpaar die Frankfurter Allee auf der linken Spur gen Osten gleite, zieht vor mir plötzlich ohne zu blinken einer aus einer stehenden Schlange an einer Linksabbiegerspur nach rechts auf meine.

BÄM!

Beziehungsweise: Nein, zum Glück nicht!

Ich hab trotz nur einer Hand am Steuer  mal eben den Elchtest light absolviert, meine Fahrgäste hätten für Sekundenbruchteile gute Protagonisten für ein Harlem-Shake-Video sein können und dann war alles gut. Denn es fuhr keiner rechts von mir und der rechts hinter mir war glücklicherweise nicht schneller als ich. Weswegen ich die seltsame Vermutung hab, dass es in diesem Fall von Vorteil war, dass ich etwas über den erlaubten 50 km/h gefahren bin.

War trotzdem scheiße knapp und mir ist mal wieder bewusst geworden, wie oft ich die Strecke sonst eher im Brain-Resetting-Modus fahre. Das hätte sich dann auch wieder für ein paar Wochen oder Monate erledigt.

Also Obacht da draußen: Am Ende braucht’s immer einen, der dann doch aufpasst!

PS: Und wie ärgerlich das abseits von Blechschaden und vergeigter Schicht gewesen wäre! Haben meine Chefs doch erst kürzlich eine aktuelle Liste im Hauptquartier aufgehängt, auf der ich soo schlecht nicht dastehe:

Endlich ein Ranking, bei dem ich punkten kann! Quelle: Sash

Endlich ein Ranking, bei dem ich punkten kann! Quelle: Sash

Und bevor irgendjemand auf die Idee kommt: Nein, auch wenn das Ding sicher eine psychologische Wirkung haben soll: Das ist kein Mobbing-Werkzeug und außer mir interessiert’s vermutlich sowieso keinen Kollegen. Alle weiteren Verschwörungstheorien beantworte ich in den Kommentaren. 😉

Das wachsame Auge des Gesetzes

Ich stand gerade bei einem Kollegen am Auto, als ich merkte, dass zwei zufällig vorbeilaufende Polizisten Interesse an meinem Taxi hatten. Ich hab meinerseits signalisiert, dass ich der Fahrer des Autos bin, da baffte mich der eine Beamte nach einem weiteren kurzen Blick in den Wagen aggressiv an:

„KÖNNTE ICH GLEICH AUSBAUEN HIER!“

Bitte was?

Und genau das hab ich dann auch gefragt.

„ICH SAG, KÖNNTE ICH GLEICH HIER AUSBAUEN, DEINEN RADARWARNER!“

Da er jedoch äußerst eindrucksvoll passiv-aggressiv davongewatschelt ist, konnte ich Schnuffi nicht mehr erklären, dass ein wachsames Auge auch nur so viel wert ist wie der Sachverstand dahinter. Sein „Radarwarner“ war nämlich im schlimmsten Fall die Dashcam, bei der zwar die Gerichte hier und da auch anzweifeln, ob das rechtens ist, aber bei weitem keine Einstimmigkeit wie bei Radarwarnern herrscht. Vielleicht hat er aber auch den Transponder für die Flughafenzufahrt oder gar die Doppelsteckdose auf dem Armaturenbrett gemeint.

Oder es hat einfach die Uniform im Schritt gekniffen, was weiß ich schon?

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Hektische Zustiege

tl;dr: Manchmal verhalten wir Taxifahrer uns auch nur komisch, weil Menschen – und damit unsere Kunden komisch sind. Deal with it!

Ich weiß ja, dass wir Taxifahrer manchmal nerven. Stehen dumm auf der Straße rum, heizen und wechseln aprupt die Richtung. Dass es auch bei uns Idioten gibt: Klar. Ich bin durch meinen Alltag inzwischen aber immer versöhnlicher mit dem Verhalten von Kollegen geworden. Nicht einmal wegen übertriebener Solidarität, sondern weil ich tagein tagaus merke, wie schnell man in so Situationen kommen kann, ohne dass man der letzte Arsch auf der Straße sein will. Da rennt einem hier ein Kunde fast vor’s Auto und dort wird aus einem angesagten Rechts plötzlich ein Links. Und der Milisekunden-Überlegungsvorgang, ob man der Verkehrssicherheit oder den Kunden den größeren Dienst in einer kompliziert abzuschätzenden Situation erweisen will, liefert gelegentlich einfach mal ziemlich willkürliche Zufallsentscheidungen. Im Grunde bin ich sogar jedes Mal froh, dass ich nicht stattdessen einer völlig abwegige Übersprungshandlung verfalle.

So ein plötzlich auftretender Kunde kann im Einzelfall für uns der sprichwörtliche Ball aus der Fahrschule sein, der zwischen zwei Autos hervorrollt. Während man aber bei der Fahrschule irgendwann gelernt hat: Vollbremsung ist immer gut – im Notfall ohne Rücksicht auf Verluste; kann es in diesem Fall aber auch der Lotteriegewinn sein, den man einsackt, wenn man drüberfährt. (Natürlich im umgekehrten Sinne: An Kunden vorbeifahren zugunsten eines vermiedenen Unfalls)

Es ist vielleicht schwer, das Nicht-Taxifahrern begreiflich zu machen, aber es ist wirklich ein völlig anderes Verkehrsverständnis nötig, wenn man sein Geld mit dem Transport von Leuten verdient, die allenthalben unmittelbar am Straßenrand spawnen können. Ich bin überzeugt: ein guter Fahrer denkt zuerst an den fließenden Verkehr. Aber das klingt wirklich verdammt locker, wenn man normalerweise nur 0/1 zwischen Vor-sich-hinömmeln und Todesgefahr unterscheidet. Wir können es nicht vermeiden, mal stehenzubleiben, wo wir stören. Oder mal langsamer zu fahren, weil wir was suchen. Und ebenso wie es selbstverständlich zur Professionalität gehört, niemanden zu gefährden, gehört es auch dazu, mal eben noch schnell das Linksabbiegen zu managen, obwohl wir schon rechts geblinkt haben, weil ein Kunde keine Ahnung hat, der sonst erforderliche Umweg aber sein Budget überfordern (oder unser Trinkgeld schmälern 😉 ) würde.

Das ist kein Entweder-oder mehr. Natürlich halte ich auf der rechten Spur – ich muss aber abwägen, ob der hinter mir (ohne Vollbremsung natürlich!) die Möglichkeit hat, abzubremsen, anzuhalten, vorbeizuziehen, etc..
Und das Schwierigste an der ganzen Chose ist: Es hängt immer auch von den Kunden ab. Und die fahren oft nicht einmal Auto oder haben ein herzerweichendes Unwissen über den Verkehr im Großen und Ganzen und ihre Situation gerade im Speziellen. Sie winken einen in einer Kurve ran, im einzigen einspurigen Bereich der Straße. Sie wollen an Bushaltestellen aussteigen, würden gerne in 25 Minuten von Berlin nach München und bemerken auf der rechten von vier Spuren, dass sie jetzt lieber links abbiegen würden. Und das immer spontan, immer an einer anderen Ecke. Mir geht’s nicht um das Rechtfertigen von Idiotie, ich möchte nur um etwas Toleranz für Fehler bitten.

Ich hatte kürzlich einen (glücklicherweise weitgehend harmlosen) Fall, in dem mich sicher einige für einen Idioten gehalten haben, der für Geld alles macht. Ich stand auf der mittleren von drei Spuren an einer Ampelkreuzung und es war rot. Als ich angehalten hatte, war keine Kundschaft in Sicht. Meine Spur führte geradeaus, ebenso wie die rechts neben mir. Da man von jener jedoch auch rechts abbiegen konnte und sich schon zwei Abbieger dort versammelt hatten, wählte ich die Mittelspur. Ich war auf einer meiner Routinerouten auf Kundensuche, ich hatte den Blick meist auf den rechten Fahrbahnrand gerichtet und die nächsten 5 Kilometer Wegstrecke inklusive aller Spurwechsel komplett abgespeichert. Nach der Kreuzung wäre ich nach rechts gewechselt, dort aber nur bis zur nächsten Kreuzung verblieben. Fortan wäre wegen viel Fahrradverkehr die mittlere der (dann drei Geradeaus-) Spuren meine gewesen. Der Blick immer im Dreitakt: Vorne-Mittelspiegel-rechter Seitenspiegel. Bei einem Kunden wäre ich zu jeder Sekunde immer im Bilde, wer gerade wo und wie schnell hinter mir fährt. Fänden die meisten Autofahrer wohl superstressig, ist aber mein Alltag, wenn ich „total gechillt“ und „mit Musik auf Anschlag“ „ohne Arbeit“ durch Berlin cruise.

Noch stand ich aber ja an der Ampel. Die Hand war schon fast soweit, rechts zu blinken, da die neben mir abbiegen wollten und ich dann die rechte Spur zu nehmen gedachte. Im Rückspiegel hatte ich den BMW hinter mir fixiert, in dem mindestens zwei Typen um die 20 saßen, die vorher schon leicht verhaltensauffällig waren und bei denen ich befürchtete, sie würden ebenfalls schnell die Lücke nutzen wollen, um rechts an mir vorbeizuziehen, sobald die Ampel grün werden würde und ich 5 Meter Weg zurückgelegt hätte. Es würde gleich grün werden, mein Fuß zuckte schon am Kupplungspedal.

Dann klopfte es 10 Zentimeter links von meinem Ohr an die Scheibe.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das jetzt, nach sieben Jahren im Taxi, selbstverständlich kein bisschen mehr erschreckt. Eine junge Frau begann mit Handzeichen den Wunsch zu signalisieren, dass sie gerne einsteigen würde. In dem Moment schaltete die Ampel auf grün und der im BMW hinter mir lies die Hand leicht über der Hupe kreisen. Für den Fall, ich sollte auch nur einen Fehler machen. Ich gab ihr ein in meiner Vorstellung super eilig wirkendes Zeichen, dass sie sich beeilen solle, wahrscheinlich hab ich aber geistig umnachtet irgendeinen Werwolf-Balztanz aufgeführt. Jedenfalls hab ich anschließend festgestellt, dass ich zeitgleich das Taxameter angeschaltet hatte.
Sie stieg trotzdem ein und fragte zögerlich:

„Können Sie hier wenden?“

Blick nach links, nebenher den Blinker gesetzt, Blick in den linken Außenspiegel. Ein Auto. Noch ca. 30 Meter, fährt aber höchstens 30. Könnte hochbeschleunigen wegen der Ampel, aber ich blinke schon. Ätsch. und rüber. Es sind zwei bis drei Sekunden vergangen und meine Kundin hat mir die Adresse genannt. Ich schaffe es bei gelb über die Ampel und der hinter mir versucht es auch noch. Ich bin kurz davor, Straßenbahnschienen zu überqueren, ohne nachgesehen zu haben, ob eine Bahn kommt. M-Linie, fährt auch nachts. Alle 30 Minuten nur, aber der Statistik nach an allen Unfällen mit Straßenbahnen um die Zeit beteiligt, kreuzgefährlich also. In meinem Kopf ist aber nur Matsch, weil ich weiß, dass die Straße der Kundin in der Nähe liegt und ich schon mal überlege, ob ich bereits die nächste wieder abbiegen müsste, ob sie vielleicht gar eine Kurzstrecke haben will und – das mit der Straßenbahn ist eh zu spätz jetzt, Glück auf! – wenigstens den Fußgängerüberweg auf der anderen Seite abchecke. In dem Moment wirft die Kundin ein:

„Halt!“

Doch eine Bahn? Während ich nach links blicke, trifft mein Fuß die Bremse und sorgt für ziemliches Unbehagen des Fahrers hinter mir, der ohnehin schneller als ich noch die Kurve kriegen wollte, die ich mit meinem Heck noch zum Teil blockiere.

Er weicht aus, während ich erkenne, dass da gar keine Bahn kommt. Meine Kundin hat die Hektik der Situation noch nicht einmal wahrgenommen und führt das Gespräch unbeirrt fort:

„Bevor wir losfahren, wollte ich noch schnell fragen: Nehmen Sie auch Kreditkarte?“

Sicher: Eine lebenswichtige Sofort-Frage. Man stelle sich vor, wir hätten uns anschließend um 4,10 € statt um 3,90 € kabbeln müssen!

Ich hoffe, es kam beim Lesen wenigstens ein bisschen so actiongeladen rüber, wie ich’s beim Schreiben empfunden hab. Im Auto selbst waren dass allenfalls eine verschwindend geringe Menge Adrenalin, gerade genug, um vielleicht zwei Schweißtropfen zu bilden. Es ist halt doch vor allem Alltag. Wie der restliche Verkehr auch – der sich natürlich ähnlich blumig umschreiben lassen würde, wenn ich euch nicht einseitig manipulierend davon überzeugen wollte, dass ich hier mal voll den abgefahrenen Superscheiß abziehe. 😉

Langer Rede kurzer Sinn: Ich weiß, wie tief der Impuls zu hupen sitzen kann, wenn einem mal wieder jemand den Tag versaut, weil er fährt, als hätte er im Schädelinneren eine halbe Dose Chappi. Aber die anderen Verkehrsteilnehmer haben’s auch nicht immer leicht, haben ihre eigenen Sorgen und Nöte – selbst wir Taxifahrer. Manche brauchen den Stinkefinger und die Hupe vielleicht, aber ich glaube, dass es im Grunde auch eine Prise Metal auf Anschlag tut. Ohne die anderen, die gerade WIRKLICH im Stress sind, mit Maßregelungen zu nerven.

§1 StVO und Fehlertoleranz: 23 Zeichen für eine bessere Welt!

PS: Laut WordPress hat der Text 1337 Worte. Was ja wohl zeigt, dass ich weiß, wovon ich rede. 😉