Neujahr, 1:50 Uhr

„Ein Glück, dass ich sie hier gefunden hab!“

Wie wahr. Ich sollte diesen Satz noch öfter hören in dieser Nacht, und wann wenn nicht in der Silvesternacht ist er gerechtfertigt? Taxen sind Mangelware, Kunden ausnahmsweise nicht.

Er müsse nur ums Eck, zu einer Apotheke.

Wow! An Silvester ein Notfall – noch dazu einer, der nichts mit weggesprengten Händen, Verbrennungen, Alkoholvergiftungen oder Depressionen zu tun hat. Also gut. Auf ums Eck, für Wärmepflaster und Schmerzmittel!

Der Hinweg dauerte tatsächlich nur runde 4 Minuten, mein Fahrgast beteuerte, er wäre eigentlich davon ausgegangen, er müsse sowieso die ganze Strecke laufen. Mir war das nur recht. Die kurzen Touren sind an Silvester das A und O. Der Umsatz pro Kilometer ist höher, man ist schneller wieder frei für die nächsten 3,20 € Einstiegspreis, bei Fahrgästen an jeder Ecke sind lange Touren gar nicht so toll. Wenn ich über Silvester meckern wollte, würde ich sagen: Natürlich kriegt man aber ausgerechnet in dieser Nacht die langen Touren. Ist aber ehrlich so.

Ich setzte meinen Fahrgast vor der Apotheke ab, und wartete wie mir geheißen wurde. Ich war nun noch keine Stunde unterwegs, hatte bereits knapp 40 € Umsatz gemacht, aber eine Pause brauchte ich noch nicht wirklich. Doch wer will meckern an diesem Tag?

Gleich zu Beginn verscheuchte ich potenzielle Neukunden, obwohl es rein vom Geld her klasse gewesen wäre, nicht die sonst gerne gesehenen 25€/Std. an Wartezeittarif kassieren zu können, sondern gleich mit neuer Kundschaft über die gar nicht so glatten Straßen davonzubrezeln.

Eine wunderschöne Situation übrigens, um die Kunden mit dem Tarif zu versöhnen, die sonst gerne den Spruch „Sei doch froh, wenn du wenigstens nen Fünfer verdienst!“ bringen, um ihre 7€-Tour etwas billiger zu bekommen.

Dann stand ich an der Ecke, völlig verkehrswidrig, und wartete auf meinen Kunden. Ich versuchte, eine Zigarette zu rauchen, aber mein dämliches Feuerzeug hatte den Dienst quittiert. Na klasse! Als ob ich Lust und Zeit hätte, nachher an einer Tanke zu halten! Mein halbseitig auf einem Schneehügel auf im Parkverbot, Kreuzungsbereich und wahrscheinlich auch vor einer Feuerwehrzufahrt stehendes Gefährt blinkte monoton im Warn-Modus, als sich nahezu lautlos im Vergleich zum langsam verhallenden Getöse des Feuerwerks ein Passat der Gesetzeshüter nähert.

Ich hab meine Zigaretten-Anzünd-Versuche eingestellt und gehofft, mein Kunde käme gleich wieder. Die Uhr stand bei etwa 6,40 €, nichts was Ärger wert gewesen wäre.

Die Polizei rollt auf mich zu, stellt sich quer auf die Straße, behindert nun ihrerseits allen möglichen Verkehr an der T-Kreuzung und das Fenster gleitet (wesentlich lautloser als das an meinem Taxi) in die Versenkung. Der junge Ordnungshüter hat einen fragenden Blick aufgesetzt, ich befürchte, nach dem Zweck meines ungebührlichen Verhaltens gefragt zu werden, schiele nervös zu meinem Kunden, der auf der anderen Straßenseite gerade zum dritten Mal von der Apothekerin verlassen wird.

„Entschuldigen sie…“

Ach nee, ich kann nicht anders. Der Rest der Straße ist gesprengt! Sie stehen selbst verkehrswidrig! Der Kunde wollte es so! Verhaften sie ihn! Lassen sie mich in Frieden! Ich hab einen Platten! Ich muss weg! Da hinten, ein Mörder!
Keine Chance, jetzt darf ich an Silvester 15 € abdrücken für meine Kundenfreundlichkeit. Nee, eher 25, wegen gemeingefährlichen Parkens (wäre ja berechtigt, ich gebe es zu!) oder ich gehe in den Knast wegen Terrorgefahr.

„Entschuldigen sie…“

Andere Taktik, Pokerface, ich weiss von nix!

„Entschuldigen sie, könnten sie uns sagen, wo die Dringendstraße 1 ist?“

Nicht im Ernst.

Dummerweise hab ich es ihnen nicht sagen können, weil der Straßenverlauf dort tatsächlich ein wenig blöd ist. Ein bisschen peinlich, wenn man bedenkt, dass das Büro meines Chefs keine 50 Hausnummern weiter ist, aber ich war mir nicht sicher. Allerdings hab ich ihnen meine Vermutung mitgeteilt, die sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat. Die beiden Beamten hatten allerdings wenig davon, sie kamen mir 3 Minuten später an selber Stelle abermals entgegen.

Ich brauch irgendwoher ein Feuerzeug, jetzt brauch ich eine Kippe!

Aber mein Kunde war schon wieder da.

„Haben die nach dem Weg gefragt, oder was?“

„Ja, Gott sei dank!“

Bei 9,20 € bekam ich liebenswerte 2,80 € Trinkgeld, und hoffte, möglichst bald ein Feuerzeug auftreiben zu können.

Abgefahrene Regelauslegung

Also ich kenne das ja: Man schnappt sich als Taxifahrer Kunden so schnell und einfach es nur geht. Und man überlässt sie ungern den Kollegen. So sehr man sich vielleicht bei Freunden mit ihnen freut, letztlich hätte man die Touren immer gerne selber, schließlich bedeutet jeder einzelne Kunde mehr ein höheres Einkommen.

Auf der anderen Seite hält man sich an die Regeln. Man klaut keine Touren und man überholt Kollegen nicht. Die Einhaltung der StVO in rudimentärer Form sollte ebenso als gegeben gelten. Insofern hat der Kollege neulich in Weissensee eigentlich alles richtig gemacht. Ein bisschen zum Staunen gebracht hat er mich allerdings schon.

Ich kam gerade, es war am Wochenende in den frühen Morgenstunden, die Rennbahnstr. vom Pasedagplatz in Richtung Berliner Allee angefahren. Am Straßenrand gegenüber steht ein Kollege, bei dem gerade Kunden das Fahrzeug verlassen. Viel dabei gedacht habe ich mir nicht. Als die Kunden ausgestiegen sind, hat er plötzlich wie blöde rückwärts beschleunigt.

Während ich mit 45 bis 50 gemütlich die Straße langgefahren bin, rast mir auf der Gegenfahrbahn der Kollege mit etwa 60 Sachen im Rückwärtsgang davon. Das ist irgendwie dann selbst für Berliner Verkehrsverhältnisse ein eigenartiges Bild. Zunächst blieb mir seine Motivation unklar, nach etwa 200 Metern oder so hab ich dann allerdings auch gesehen, dass am Straßenrand auf seiner Seite Kunden stehen, die er sich dann gekrallt hat.

Jetzt muss ich dazu aber schon sagen, dass es eine ziemlich abgedrehte Reaktion war. Klar, wahrscheinlich hat er den Kunden vorher schon zurückgewunken und sich innerlich schon ausgemalt, wohin sie wollen und wie viel Geld am Ende für ihn übrig bleibt. Ob man jetzt deswegen beweisen muss, dass man im Zweifelsfall für ein paar Euronen wie ein Bekloppter fährt, wage ich zu bezweifeln.

Und ich als direkte Konkurrenz muss in diesem Fall auch mal klarstellen, dass man gelegentlich einfach mal potenzielle Kunden sieht, die man dann leider nicht im Auto sitzen hat. Das ist ein normaler Vorgang, und schon aufgrund des Blutdruckes sollte man sich in dem Job irgendwann mal damit abfinden.

Wirklich lustig macht die Geschichte dann allerdings der letzte kleine Fakt – der dem Kollegen natürlich nicht bekannt war: Meine Zeit an dem Morgen war um. Ich musste schleunigst in den äußersten Süden des Bezirks und hatte mal sowas von Null Interesse an einer weiteren Tour Richtung Heinersdorf oder gar noch weiter weg…

Und zum Thema Kartenzahlung…

Falls da draussen tatsächlich jemand hier liest, nicht aber im law blog, verlinke ich noch mal kurz, was Udo Vetter dort gestern geschrieben hat:

Taxifahrer müssen keine Karten akzeptieren

Bei der Kartenzahlung kann man geteilter Meinung sein. Was ich mich jedoch frage: Was für zwei Menschen müssen an einem Flughafen am Taxistand aneinandergeraten, damit diese Frage vor Gericht landet? Peinlich, ehrlich!

Nachtrag:

Peter hat mir noch einen Link dazu gesendet.

Hugo und Elvira

Ich hatte mich ja nicht dumm angestellt. Also ich stand nicht in zweiter Reihe, wie man es donnerstags vor dem Matrix in der Rotherstraße meistens tut, sondern parkte direkt hinter der Kreuzung vor den anderen parkenden Autos. Die 2 Kollegen, die alsbald mit mir warteten, standen dann natürlich in zweiter Reihe, da sonst nichts frei war.

Dann kamen Hugo und Elvira. Wie sie wirklich heißen, weiss ich nicht, und ich würde es auch nicht schreiben, wenn ich es wüsste. Die Polizei.

Sie kamen mir gleich etwas langsam vor, wie sie sich dem unbekannten Phänomen Taxi näherten, aber ich hab abgewartet. Mich haben sie kritisch beäugt und sind zum ersten Kollegen hinter mir gefahren und haben kurz gehalten.

Dann sind sie zum Kollegen hinter dem Kollegen hinter mir gefahren und haben auch da kurz gehalten. Daraufhin haben die Kollegen den Motor gestartet. Super Sache mal wieder!

Im Auto muss es zu diesem Zeitpunkt zwischen Hugo und Elvira wahrscheinlich eine mächtige Diskussion gegeben haben. 2 Taxifahrer haben sie schon verscheucht. Aber soweit sie sich erinnern konnten, war da ja noch ein dritter. Aber der stand ja gar nicht in der zweiten Reihe. Die Überlegungen zu dieser ungeheuer wichtigen Problematik müssen etwa 30 Sekunden gedauert haben, denn erst auf Höhe der Naglerstr. wendeten sie schließlich.

Das war dann der Zeitpunkt, zu dem meine Kollegen wirklich davongefahren sind. Ich war mir zwar ziemlich sicher, was passieren würde, aber ich hab die Szenerie mal nicht voreilig verlassen. Sagen müssen sie schon was.

Ich hab angestrengt gelangweilt geradeaus zum Ausgang der Narva-Lounge geblickt, als sich die silberblaue Schnauze des Touran neben mein Taxi geschoben hat. Huch, was haben die mich überrascht.

Dann haben wir ziemlich cool nonverbale Konversation betrieben und uns auf ein Herunterlassen der Scheiben verständigt. Als wir das erledigt hatten, verkündete Hugo (wie ich vermute nicht ohne Stolz auf die eigene Gewitztheit) knapp und nüchtern:

„Sie stehen im Kreuzungsbereich.“

„Hmm, stimmt wohl ein Bisschen.“

hab ich geantwortet. Danach hab ich den Kreuzungsbereich selbstverständlich geräumt, um den unzähligen schweren Sattelschleppern Platz zu machen, die sich Nachts durch die Oberbaum City schlängeln müssen. Ich musste dann halt ein wenig Sprit verheizen, während ich im Kreis gefahren bin, und die Club-Besucher mussten etwas länger zum Taxi laufen. Kein Problem eigentlich, die beschäftigen sich erfahrungsgemäß irgendwie selbst unterwegs. Und dann haben auch Hugo und Elvira wieder was zu tun…

Die Sache mit der Zeit

Hier zeigt sich mal wieder, dass ich nicht schreiben sollte, wenn nicht wirklich Lust drauf habe. Der gestrige Eintrag Best Zeit war ehrlich gesagt ziemlich mies und vor allem unverständlich. Ist mir kurz vor dem Schlafengehen leider ein bisschen entgangen.

Was ich eigentlich feststellen wollte, war, dass die Zeit zwischen 19 und 22 Uhr zumindest hier in Berlin die ist, bei der man am schnellsten durch die Stadt fahren darf. Berlin hat inzwischen wahnsinnig viele 30er-Zonen, die nur zu bestimmten Uhrzeiten gelten. Und zwar fast immer entweder von 7 bis 19 Uhr oder von 22 bis 6 Uhr. Manche gelten noch kürzer, aber zwischen 19 und 22 Uhr gilt soweit ich es gesehen habe, keine dieser Einschränkungen. Das trifft zwar auch auf die Zeit zwischen 6 und 7 Uhr zu, aber ich denke, dass der Berufsverkehr die Vorteile dann außer an Sams- und Sonntagen locker wieder wegfrisst.

Und natürlich ist das Fahren spät nachts um 3 wesentlich gechillter. Man muss allerdings auch viel mehr aufpassen, wenn man dabei nicht auf Punktesuche gehen will… 😉

Für sie dat selbe!

„Nein, einmal Nummer 63 extra scharf und eine große Cola bitte.“

Das wäre sicher die beste Antwort gewesen, die ich hätte geben können. Wahrscheinlich würde ich dann aber jetzt nicht so gut gelaunt bloggen.

„Für sie dat selbe!“

hat leider nicht mein geschätzter Freund beim Stammdöner oder der Kellner bei der letzten Betriebsweihnachtsfeier zu mir gesagt, sondern ein offensichtlich im Dienst befindlicher Teil der Staatsgewalt.

„Für sie dat selbe!“

war also offensichtlich eine Belehrung, eine Feststellung, eine Frage oder irgendwas, was ich scheinbar ernst nehmen sollte, denn ein freundlicher Plausch unter Nachtschichtlern war es nicht. Die einzige nähere Information zum Sachverhalt lautete wortwörtlich:

„Mann, mich kotzt das hier langsam an!“

Danach sind sie weitergefahren.

OK, es ist natürlich nicht so, dass ich nicht wüsste, worum es geht. Wenngleich die oben stehenden Aussagen tatsächlich alles war, was ich von der Polizei heute Nacht gesagt bekommen habe. Es geht um das Problem mit dem Halten der Taxen vor dem Matrix.

In dem Fall würde ich aber – trotz aller Bekenntnisse zur StVO in den letzten Tagen – lieber von einem Problem der Gesetzeslage oder einem Problem mit missgelaunten Polizisten reden. Denn eigentlich gibt es kein Problem.

Wie vor fast jeder Veranstaltung in dieser von mehr als 3 Millionen Menschen bevölkerten Stadt stehen vor dem Matrix nachts Taxen. Mal mehr, mal weniger, mal in der Rotherstr., mal am Warschauer Platz. Immer jedoch in zweiter Reihe. Das ist zweifelsohne nicht legal, im Grunde aber völlig egal. Im Gegensatz zu vielen anderen Plätzen in der Stadt ist diese Ecke, die Oberbaum City, eigentlich kein Nachtschwärmerviertel. Ja, das Matrix liegt dort, ansonsten findet sich auf dieser Seite der Warschauer Str. kaum eine geöffnete Lokalität, die großes Publikum anzieht. Das Haus B, eine Schwulendisco und das Billard-House kann man noch dazu zählen, aber unter der Woche ist das ein Geschäftsviertel, das mit nur wenigen Anwohnern nachts nahezu entvölkert ist. Bis auf die Clubgäste und die Taxifahrer.

Die Straßen, von denen wir reden, sind recht breite Tempo-30-Zonen mit Kopfsteinpflaster, an ruhigen Tagen stehen nur vereinzelt Autos am Straßenrand. Um es für Unbedarfte mal ganz deutlich zu sagen: Was in dem Eck Berlins auf der Straße los ist, interessiert kein Schwein!

Und im Normalfall auch nicht die Berufsgruppe, deren Angehörige von manchen gerne mal als solche bezeichnet werden.

In anderthalb Jahren regelmäßiger Matrixbesuche ist bisher noch in jeder Nacht mindestens ein Streifenwagen oder eine Wanne an mir vorbeigefahren. Mal stand ich alleine da, mal im Kreise von 20 Kollegen. Und in 90% der Fälle nicht gesetzeskonform. Bisher bin ich dreimal angesprochen, bzw. weggeschickt worden. Heute schon inklusive!

Mir ist natürlich klar, dass die Polizei durchaus wichtigere Aufgaben hat, ich glaube dennoch auch, dass es kein Zufall ist. Ich behaupte nämlich weiterhin, dass wir der Polizei vor Ort eine Menge Arbeit ersparen, indem wir massenhaft alkoholisierte Jugendliche direkt vor dem Club einsammeln, und sie dadurch gar nicht erst auf die Idee kommen, bei einem spontanen Ausflug ihre Umgebung auf verschiedenste Art umzugestalten.

Dazu kommt, dass die Verkehrsbehinderung zumindest unter der Woche nicht existent ist. Am Wochenende wird es durchaus mal eng um den Club selbst, aber als Taxifahrer sind wir ja doch sehr zuverlässig an unseren Fahrzeugen anzutreffen, sodass sowohl für ein- und ausparkende Clubgänger, als auch für Rettungs- und sonstige Einsatzfahrzeuge stets umgehend der Platz, so er denn benötigt wird, freigemacht wird. Irgendwelche unschönen Einzelfälle mag es sicher schon gegeben haben, ich habe aber jedenfalls noch keinen mitbekommen.

Nur gelegentlich kommt eine (wahrscheinlich ist es immer die gleiche) Streifenwagenbesatzung vorbei und beschwört Weltuntergang und Sittenverfall ob der anarchistischen Zustände.

Ich bin natürlich im Unrecht, werde aber sicher noch das ein oder andere Mal dort zu finden sein. Auch in der zweiten Reihe. Bis es dazu irgendwelche Änderungen gibt (Man könnte ja beispielsweise eine Taxihalte dort einrichten) muss ich wohl weiterhin mal kurz wegfahren oder einfach „Jo, alles klar!“ antworten, wenn mal wieder ein Auto neben meinem Fenster hält, und der Fahrer zu mir sagt:

„Für sie dat selbe!“

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Etwas übertrieben

Gehen wir mal davon aus, es gibt irgendwo im Norden Berlins – vielleicht auch schon jenseits der Stadtgrenze – eine Art Landstraße, bei der eine ärgerliche Baustelle das Tempo von 70 auf schleichende 50 km/h begrenzt.

Auf dieser Straße sind nun unterwegs: Vorneweg der Sash als Taxifahrer nach einer guten Tour mit leuchtender Dachfackel mit exakt 50 km/h. Dahinter der Fahrer eines weißen Kleinbusses, der etwas genervt von der Geschwindigkeitsbegrenzung relativ dicht auf Sash auffährt. Etwa 20 Meter dahinter reiht sich ein 40-Tonner ein, der die lustige Truppe auf ihrem Weg nach Berlin auf etwa 60 bis 70 Meter verlängert. Eine spaßige, in der Geschwindigkeit leicht begrenzte Polonaise gen Hauptstadt.

Es ist düstere Nacht, der Straßenverlauf ist nicht gerade besonders kurvig – aber durch den umgebenden Wald sind die vorhandenen Kurven nicht einzusehen.

Ist es da nicht vielleicht etwas übertrieben, wenn ein Kollege – ebenfalls leer – hinter dem LKW ausschert und ordentlich Stoff gibt, um die gesamte Truppe auf einmal zu überholen? So dass es gerade noch reicht vor der nächsten uneinsehbaren Kurve? Ganz davon abgesehen, dass der Sash als freies Taxi wenigstens des Ehrenkodex wegen nicht überholt werden sollte…

OK, das ist alles nicht übertrieben schlimm. Also ja, es ist ungeduldig, lebensmüde und unkollegial, aber soweit Alltag.

Stellt euch die Situation vor. Den fragenden Blick des LKW-Lenkers. Die Wut des Kleinbusfahrers, der gerne als erster überholt hätte. Meinen Unmut, weil ich bremsen musste, damit er vor der Kurve reinkommt – obwohl ich besseres zu tun hatte, als diesen Spinner auch noch vor mich zu lassen.

Na, Situation vor Augen?

Dann stellt euch jetzt mal – natürlich rein hypothetisch!!! – vor, dass auch der Sash kein Heiliger ist, und die Kolonne mit knapp über 70 km/h angeführt hat, selbst also rund 20 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit…

Ich bin ja kein Kind von Traurigkeit, und ich gerate nicht so schnell in Panik, auch wenn sich Leute bekloppt verhalten und es eine Reaktion von mir erfordert. Aber manchmal ist man auf der Straße echt von Vollidioten umgeben. Aber wahrscheinlich fahre ich einfach zu langsam. Ich bin neulich auch bei 55 km/h in der Mühlenstr. rechts über den Radweg überholt worden…