Wo ich nicht hinwill

„Und? Sie haben jetzt Feierabend?“

„Hör mir uff! Noch 9 Monate und 24 Tage, dann bin ich durch mit dem Dreck, und zwar endgültig!“

Die Fahrt hatte eigentlich unterhaltsam begonnen. Ein Bahnmitarbeiter, mit Gutschein unterwegs zu einem Betriebsgelände.

„Ach kiek an, nehm‘ ick den lustijen Onkel mit’n Opel!“,

hatte er das Gespräch begonnen. Aber so lustig ging’s nicht weiter. Was nicht alles Scheiße ist. Der Job, na klar! Aber nicht etwa wegen einer stressigen Schicht oder so, sondern so als ganzes:

„Dit hat ja nüscht mehr mit Eisenbahn zu tun, nur noch Chaos überall!“

Ich bin ja gern dabei, wenn’s um Bahn-Bashing oder wie kurz danach um das Verfluchen der Regierung geht. Aber das traurige war: Der Typ war einfach nur noch frustriert und hatte vor allem resigniert. Dass man die Tage bis zur Rente runterzählt, das kenne ich von meinem Vater. Aber bei dem weiß ich auch, dass er einfach froh ist, das mit der Arbeit weg zu haben und dann Zeit für ein paar mehr schöne Dinge haben wird. Der Typ von der Bahn war durch mit der Welt. Der will nicht nur mit dem Arbeiten fertig sein, der zieht in 10 Monaten die Gardinen zu und verlässt das Haus nicht mehr, da würde ich drauf wetten.

Und an den Punkt möchte ich echt nicht kommen. Kann schon sein, dass auch mir das Taxifahren irgendwann mal zum Hals raushängt. Wenn’s ganz dumm läuft sogar das Schreiben. Aber ich hoffe echt, dass mir dann halt was anderes einfällt.

PS: In letzter Zeit haben einige Leute mal wieder was für GNIT gespendet. Ich danke allen, ich weiß das sehr sehr zu schätzen!

Betrunkene Versprechen

Das Pärchen hatte mehr als nur einen im Tee. Beide waren sie sturzbesoffen. Er ein korpulenter Mitvierziger im Anzug mit dunkelstmöglicher Hautfarbe, sie eine reichlich mitgenommen wirkende Blondine im selben Alter mit komplett derangierter Frisur. Sie wollten zum Potsdamer Platz, aber nicht irgendwie! Er bestimmte:

„Ich zeige Dir die Weg meine Freund, ich fahre auch, aber fahre ich die große Busse! Berlin, Amsterdam, Paris!“

Eine unglaubliche Frohnatur, stets lachend und mir einen Weg zeigend, den ich für ziemlich bescheuert hielt. Damit lag ich falsch, was aber daran lag, dass es nicht wirklich direkt zum Potsdamer Platz ging, sondern ein ganzes Stück weiter in den Süden.

Was ich neben dem Warten auf Anweisungen so mitbekam, war interessant. So sonderlich gut zu kennen schienen sie sich beide nicht. Immerhin sorgte seine Aussage, er sei Busfahrer, für Staunen, das man mit zweieinhalb Promille einfach nicht mehr so gut spielen kann, wie es von ihr vorgetragen wurde. Obwohl die gemeinsame Nacht der beiden schon ziemlich in trockenen Tüchern zu sein schien, erwähnte er nochmal wie beiläufig, dass er sie selbstverständlich auch mal mitnehmen könnte. Nach Paris, London, Rom. Kostenlos natürlich, sein Hotelzimmer bekäme er schließlich gestellt.

Nun ist das natürlich toll. Mit dem Gedanken, Reisebusse zu fahren, hab ich schon etwas vor meiner Taxikarriere auch geträumt. Ich halte es für machbar, seine Freizeit als Fahrer in den tollen Städten Europas auch ein wenig zu genießen. Die Option, jemanden kostenlos mitzunehmen, werden einem aber vermutlich nur wenige Unternehmen bieten. Und mit Begleitung bis morgens um halb drei besoffen durch Paris schlendern wird vermutlich schon aus Zeitnot, spätestens aber wegen dieser 0,0-Promille-Geschichte schwierig, die keinen Unterschied zwischen Rest- und sonstigem Alkoholpegel macht.

Das alles wäre auch keine große Erwähnung wert, ich preise meinen Beruf betrunken sicher auch mehr an als nüchtern. Nein, wirklich hart war ihre Reaktion. Sie hat sich beim lautstarken Versuch, sich zwischen augenblicklichem Orgasmus und Heulen vor Glück zu entscheiden, für so eine Art winselnde Schockstarre entschieden. Das war ganz ohne jeden Zweifel einer der schönsten Momente in ihrem ganzen Leben: Als ein besoffener Busfahrer ihr im Taxi versprochen hat, er würde sie mit nach Paris nehmen.

Glück ist was, was wirklich mal in kleinen unscheinbaren Momenten dahergaloppiert kommt. Eine Umarmung zum richtigen Zeitpunkt, ein paar schöne Worte, die richtige Melodie zur richtigen Zeit. Und vielleicht auch das berühmte eine Bier über den Durst, das die Situation dann vollends traumgleich macht. Und ich missgönne das der werten Kundin kein Bisschen.

Ich hab nur starke Zweifel, ob die Wirklichkeit mit all dem wird mithalten können, was in diesem einen Moment in der Luft lag.

Aro über rote Ampeln

Ich möchte hier mal ganz explizit Werbung für meinen geschätzten Blogger- und Taxikollegen Aro von berlinstreet.de machen, der heute mit einem interessanten Artikel über rote Ampeln aufwartet: Rot ist relativ.

Ich spiele ja gerne mal den Verfechter der StVO, aber ich muss dem Kollegen doch zustimmen, dass man auch mal einen anderen Blick auf die Sache werfen sollte. Vielleicht ist ja eben nicht alles schlecht, was nicht „ordentlich deutsch“ abläuft. Zumal – und das ist zweifelsohne das Wichtige am großen Ganzen! – auch Aro sich für das ausspricht, was ich für das oberste Gebot halte (und immerhin auch §1 der StVO auszudrücken versucht): Dass es im Verkehr eben nicht nur um Egoismus und den Kampf gegen andere geht, sondern um ein friedliches und letztlich sicheres Miteinander.

Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, genau diesbezüglich nach Frankreich oder Italien zu sehen, umso mehr freut mich, dass der Kollege da mal wieder mehr Offenheit bewiesen hat.

Danke Aro, war sehr interessant!

Samstagnacht. Eine Zusammenfassung.

Und dann sitzt kurz vor Schichtende ein verstrahlter Typ mit einer viertelvollen 8-Liter-Wodkaflasche mit Zapfhahn neben einem auf dem Beifahrersitz und fragt unschuldig und mit russischem Akzent:

„Brauchsu Einsprietzung?“

Oder das Hawaii Europas …

„Wir würden gerne in die Scharnweberstraße.“

„Die in …“

„Die in Reinickendorf. Kennste? Reinickendorf, das Miami Preussens?“

Was willste darauf sagen? Vermutlich das klassische „Ja, aber …“ 😉

Das Köpfetauschspiel

Trotz dieses Blogs hier hab ich es mir nicht zur hauptamtlichen Aufgabe gemacht, den Fahrgästen zu lauschen. Man kriegt natürlich hier und da was mit, aber mich interessiert es meist nicht genug, um dem Gesprächsverlauf zu folgen. In dem Fall jedoch war es anders. Denn die Fahrgäste spielten nach ihrem Clubaufenthalt eine Art Spiel. Einer formulierte immer eine Frage, und alle mussten dann ehrlich darauf antworten.

Ja ja, ich hätte auch gedacht, dass das auf Fragen des Sexuallebens herauslaufen würde, aber die Jungs und Mädels hatten wesentlich abgefahrenere Sachen am Start:

„Wenn Du das Gesicht von jemandem aus unserer Gruppe haben könntest anstelle deines eigenen: Welches würdest Du wählen und warum?“

Und obwohl ich mit den Namen nix anfangen konnte, war es doch irgendwie „interessant“. 0.o

Zunächst dachte ich, dass es am Ende auch eine Hörspiel-Auflösung geben würde. Aber nein, das war wohl wirklich just for fun.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Sommertrinkgeld 2

Diesmal war’s etwas spartanischer:

"Wasser? Im Wasser vögeln die Fische!" Quelle: Sash

„Wasser? Im Wasser vögeln die Fische!“ Quelle: Sash

Auch die „Überreichung“ fiel ruhiger aus. Mit müder Stimme nuschelte mein Fahrgast:

„Ich lass‘ ne Flasche Wasser da. Ist noch zu, schmeckt auf jeden Fall.“

Man muss es ja auch nicht übertreiben mit netten Worten. 🙂

PS: Ich hab das polnische Apfelbier aus dem letzten Eintrag eben probiert. Und bei aller Skepsis gegenüber Bier-Mischgetränken: Holy Shit, was ist das für ein geiles Gesöff!? Zugegeben: Ein bisschen arg süß ist es, aber dank des Bieres eben auch herb. Schmeckt also wie irgendwas in Richtung „saure Apfelringe“. Die 4,5 Umdrehungen merkt man dem Zeug nicht an, ganz ehrlich. Ziemlich Alkopop-mäßig. Aber LECKER!

Das mit dem Alkoholgehalt überprüfe ich gerne auch, falls mir mal wer eine Palette des Zeugs zukommen lässt. Ich twittere dann auch den Abend live, versprochen. 🙂

Für heute ist es mit dem einen aber auch gut, schließlich geht’s heute Abend wieder auf die Straße!