Wo ich nicht hinwill

„Und? Sie haben jetzt Feierabend?“

„Hör mir uff! Noch 9 Monate und 24 Tage, dann bin ich durch mit dem Dreck, und zwar endgültig!“

Die Fahrt hatte eigentlich unterhaltsam begonnen. Ein Bahnmitarbeiter, mit Gutschein unterwegs zu einem Betriebsgelände.

„Ach kiek an, nehm‘ ick den lustijen Onkel mit’n Opel!“,

hatte er das Gespräch begonnen. Aber so lustig ging’s nicht weiter. Was nicht alles Scheiße ist. Der Job, na klar! Aber nicht etwa wegen einer stressigen Schicht oder so, sondern so als ganzes:

„Dit hat ja nüscht mehr mit Eisenbahn zu tun, nur noch Chaos überall!“

Ich bin ja gern dabei, wenn’s um Bahn-Bashing oder wie kurz danach um das Verfluchen der Regierung geht. Aber das traurige war: Der Typ war einfach nur noch frustriert und hatte vor allem resigniert. Dass man die Tage bis zur Rente runterzählt, das kenne ich von meinem Vater. Aber bei dem weiß ich auch, dass er einfach froh ist, das mit der Arbeit weg zu haben und dann Zeit für ein paar mehr schöne Dinge haben wird. Der Typ von der Bahn war durch mit der Welt. Der will nicht nur mit dem Arbeiten fertig sein, der zieht in 10 Monaten die Gardinen zu und verlässt das Haus nicht mehr, da würde ich drauf wetten.

Und an den Punkt möchte ich echt nicht kommen. Kann schon sein, dass auch mir das Taxifahren irgendwann mal zum Hals raushängt. Wenn’s ganz dumm läuft sogar das Schreiben. Aber ich hoffe echt, dass mir dann halt was anderes einfällt.

PS: In letzter Zeit haben einige Leute mal wieder was für GNIT gespendet. Ich danke allen, ich weiß das sehr sehr zu schätzen!

8 Kommentare bis “Wo ich nicht hinwill”

  1. Hans Olo sagt:

    Es tut mir leid, dass sagen zu müssen, aber bei deinem niedrig entlohnten Arbeitsverhältnis (Du schreibst ja ab und zu mal von deinen finanziellen Problemen) wirst du auch noch lange als Rentner arbeiten müssen, wenn du einigermaßen über die Runden kommen willst und nicht noch anderweitig für den Ruhestand vorsorgst.

  2. Wahlberliner sagt:

    Bevor Du in Rente gehst, wird es bereits keine Taxis mehr geben, da das die ersten Fahrzeuge sein werden, die durch autonom fahrende ersetzt werden. Ist einfach billiger…. :-/

  3. Sash sagt:

    @Hans Olo:
    Das ist mir schon bewusst. Vorsorgen kann man nur mit Geld, das man hat – und was das für die Rente bedeutet, wird einem ja einmal jährlich mitgeteilt. Allerdings ist ja genau mein zweites Standbein, das Schreiben, etwas, das die wenigsten altersbedingt aufgeben müssen. Und ein bisschen Pokern ist immer dabei.

    @Wahlberliner:
    Wie ich immer sage: Mit der Prognose einer bestimmten Zeit wäre ich immer vorsichtig. Ansonsten werde ich halt sehen müssen, was ich mache. Auch da bin ich nicht der einzige. Mir fällt da schon was ein, wenn’s soweit ist. Dieses System „Den Job mach ich von der Ausbildung bis zur Rente“ wie bei meinen Eltern ist eh nie meines gewesen.

  4. Wahlberliner sagt:

    @Sash: Dieses System „von der Ausbildung bis zur Rente“ ist sowieso etwas, was nur im 20. Jahrhunder funktioniert hat. Heute ist das vollkommen illusorisch….zumindest bei, ich würde schätzen, 80% der Arbeitnehmer….

  5. Andy sagt:

    Immerhin hat er nicht die Schuld an all dem Unheil auf Ausländer oder Flüchtlinge geschoben. Von daher besteht Hoffnung das er sich aus dieser Verbitterung nochmal erhebt und einen schönen Lebensabend verbringt.

    Als ich das mit den abgezählten Tagen und Monaten las dachte ich BTW erst an Bundeswehr…

  6. Sash sagt:

    @Wahlberliner:
    Ja, schon wahr.

    @Andy:
    Diesbezüglich hab ich nur nicht alles erzählt. Nein nein, er sammelt z.B. auch Flaschen, weil andere das Geld so sorglos auf die Straße schmeißen und seine Meinung darf er ja auch nicht mehr sagen, weil er dann ja gleich abgestempelt werden würde … 🙁

  7. Der Banker sagt:

    Ich kann ihn bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen: die nunmehr privatisierten, ehemaligen Staatsunternehmen haben sich ganz schön verändert (egal was ihre Kunden nöhlen).
    Nun wird man mit zunehmendem Alter bisweilen aber recht unflexibel, insbesondere, wenn man immer seinen sicheren Job bei immer demselben Arbeitgeber hatte. Bei dem Mann war wohl die erste Hälfte bis zwei Drittel alles prima und danach gings rund. Da kommt man ggf. einfach nicht mehr mit…

  8. Sash sagt:

    @Der Banker:
    Das glaube ich gerne. Und wie gesagt: Mir tut das einfach nur leid.

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