Zueinander gefunden

Die Kundschaft ist ja nach wie vor unberechenbar. Manch mies gelaunte Misanthropen wollen vom Flughafen nur einen Kilometer weiter und am anderen Ende der Skala stehen Kunden wie mein Winker letztes Wochenende.

Ich hätte ihn beinahe übersehen, als er mich im dunkelsten Schatten des Boxhagener Platzes direkt an der Grünberger Straße heranwinken wollte. Ein gut gelaunter Mitdreißiger, wie so viele in letzter Zeit auf dem Rückweg vom Feiern, dass sich auf dem Rückweg von der Weihnachtsfeier noch ergeben hat. Ohne die Miene zu verziehen meinte er:

„Ich würde gerne nach Kleinmachnow.“

Das sind so die Momente, wo man gerne nochmal einen Schluck Tee in den Mund nehmen würde, einfach um ihn prustend an die Scheibe zu spucken. Runde 40 Euro, einfach mal eben so. Noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem kaum was los war in der Stadt. Nochmal zur Erinnerung: Die durchschnittliche Tour in Berlin liegt eher so um die 11 Euro…

Er hat mir eine Route vorgeschlagen, mit der ich eigentlich nicht so ganz glücklich war: Skalitzer, dann den T-Damm runter und auf die Autobahn. Man spart einiges an Weg, wenn man gleich über Schöneberg fährt und nur die letzten Kilometer Autobahn bis nach Steglitz nimmt. Und es ist quasi genauso schnell. Zumindestens nachts um ein Uhr.

Aber er versicherte mir, dass die Route so in Ordnung sei und dann folgte auch gleich ein erstaunlich häufiger Satz:

„Wissen se, ich bin ja damals, ’91 auch in Berlin Taxi gefahren…“

Ich bin zwar überzeugt davon, dass viele sich solchen Schwachsinn nur ausdenken, um Bonuspunkte bei uns Fahrern zu sammeln. Bei ihm entsprach es offensichtlich der Wahrheit, denn obwohl er eine etwas längere Route gewählt hat, haben wir uns anschließend ziemlich ausführlich über den Job unterhalten. Für immer mit der Fahrt verbinden werde ich das Autobahnkreuz Schöneberg, denn dort meinte er, als ich nach Steglitz abbiegen wollte:

„Fahrn ’se mal besser gradeaus. Dann nehmen wir die Avus, dann dauert das nicht so lange…“

Das ist ein Umweg, der sich in ganzzahligen Kilometern messen lässt und neben der an sich schon angenehmen Fahrt meinen Umsatz sicher nochmal einen Fünfer hochgeschraubt hat an diesem Abend. Seinen Erzählungen nach war es bereits die dritte Taxifahrt über 30 Euro an dem Abend, unschwer zu erkennen, dass er inzwischen einen lukrativeren Brötchenerwerb hatte 😉

Am Ziel angelangt wollte er eine Quittung und rundete die 49 € auf 53 auf. Dann stockte er und meinte:

„Ach nee, machen wir 54, hab ich gerade passend da…“

Diese für mich als Fahrer vorbildliche Tour endete mit gegenseitigem Dank, von seiner Seite in die selten schönen folgenden Worte eingekleidet:

„Ich freue mich, dass wir zueinander gefunden haben.“

DAS konnte ich nur sehr ehrlich erwidern.

9 Kommentare bis “Zueinander gefunden”

  1. Dom sagt:

    Ehemaliger Taxifahrer und will ’ne Quittung? Das klingt für mich so: „Ich weiß, dass das länger und teurer wird, aber mein Chef zahlt die Spesen und ich weiß, wie man sich über so ’ne Tour freut. Hau rein, Kollege!“

  2. highwayfloh sagt:

    @Sash:

    Ich werde mal das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und beim „Lüder“ ein paar Pizzen ordern, die Du dann zu mir nach Bayern zustelltst … (aber bitte noch warm!) 😉

  3. Ja, so findet man gerne zueinander.

  4. lejupp sagt:

    Ein Mitdreissiger der ’91 Taxi gefahren ist? Skandal! Kinderarbeit im Berliner Taxigewerbe…

  5. Hehe,
    zueinander gefunden 😉 Wie gut, dass er dich da gefunden hat.

  6. Und vielleicht wäre das ja 91 noch die richtige Tour gewesen. Ich weiß nicht, was sich seitdem alles im Straßenwesen von Berlin getan hat …

  7. Aro sagt:

    @endong
    Ne, das wäre auch 1991 ein riesiger Umweg gewesen. Aber als Ex-Taxler weiß er das ja 🙂

  8. Sash sagt:

    @lejupp:
    Du hast Recht, er müsste älter gewesen sein. Hab ich nicht aufgepasst. Hatte sich jedenfalls gut gehalten 🙂

  9. […] mal, dass da nix ist und bei den Weihnachtsfeierfahrgästen hoffe ich auf … hmm, zum Beispiel solche Kandidaten. Oder das hier wäre auch was. Vielleicht auch so eine Tour … ich werde jedenfalls berichten, ist […]

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