Swabian Döner

Ich hab mich ja inzwischen in Berlin nicht nur eingelebt, sondern bin sogar schon ganz gut, was die Tarnung angeht. Auch wenn Profis zweifelsohne noch eine süddeutsche Sprachmelodie erkennen können und ich öfter mal „des“ statt „das“ sage, bin ich für die meisten Leute aus meiner alten Heimat nicht gleich zu erkennen.

So hatte ich gleich 6 Leute aus Stuttgart im Auto und die hatten keine Ahnung. Grundsätzlich nicht – aber eben auch in Bezug auf meine Herkunft. Passenderweise wollten sie zum Relaxa Hotel, denn dieses trägt den netten Beinamen „Stuttgarter Hof“. Die Jungs waren im Grunde weitgehend pflegeleicht, aber dem Alter entsprechend (unter 20, wenn nicht minderjährig) haben sie sich vor allem in amüsiertem Tonfall über das Rotlichtgewerbe informiert.

Als sie mich gefragt haben, ob es hier sowas wie ein Rotlicht-Viertel gibt, hab ich (schon, weil es tatsächlich nur wenige Ecken gibt, die man tatsächlich so bezeichnen könnte) erwähnt, dass zumindest am Stuttgarter Platz gleich ein paar Bordelle stünden. Allgemeines Gelächter, haha. Dann kam wieder mal eine dieser Fragen, die mich zwar längst nicht mehr fassungslos hinterlassen, die aber trotzdem irgendwie bekloppt sind:

„Und? Wie is da so? Sind die Mädels scharf? Eigene Erfahrungen?“

Also mal abgesehen davon, dass ich wildfremden Menschen nach 5 Minuten nicht gleich erzählen würde, wo mein Lieblingspuff steht, ist es schon kurios, dass man als Taxifahrer irgendwie automatisch über solche Dinge Bescheid wissen soll. Nach abermaligem Gelächter folgte dann ein Themenwechsel, der niedergeschrieben noch viel kranker ist, als er im Auto gewirkt hat:

„Und wo gibt’s jetzt eigentlich die Billig-Döner für 50 Cent?“

„Ähm, also 50 Cent halte ich für ein Gerücht. Eröffnungsangebote für einen Euro gibt es mal, ansonsten zahlt man hier eher so 2,00 bis 2,50 €. Aber eigentlich sind wir aus der Ecke mit den billigen Dönern gerade rausgefahren.“

Das war nicht ganz unwahr, da wir uns gerade über den Moritzplatz aus der belebten Ecke Kreuzbergs verzogen.

„Boah! 2 € ! In Stuttgart zahlt man mindestens 3,50 €!“

„4,50 €! Ützel-Brützel kostet 4,50 €!“

Überraschen konnten sie mich damit schlecht, ich kenne die Stuttgarter Preise ja durchaus. Nun hab ich also mal geschaut, ob sie merken, dass ich mich auskenne…

„Wenn wir von teurem Döner reden: Gibt es eigentlich den Pinar noch? Am Rotebühlplatz?“

Und die Jungs waren so fieberhaft am Überlegen, dass sie gar nicht mitbekommen haben, dass es ziemlich absurd ist, dass der Taxifahrer die Adresse eines Stuttgarter Dönerladens kennt 🙂
Aber irgendwann hatten sie es dann:

„Wieso, warst du schon mal in Stuttgart?“

„Ja, so etwa 27 Jahre lang. Leid, i koas eich au a weng oifacher mache. I komm selber von dahanne!“

Großes Erstaunen, bla, lach, freu!

„Ich hätte da nochmal ’ne Frage wegen den Nutten.“

kam aus der hinteren Reihe. Da hab ich die Chance genutzt und den Lacher des Abends gelandet:

„Ich nehme jetzt die nächsten 15 Minuten Diskussion mal vorweg: Nein, ich kenn mich auch in Stuttgart nicht mit den Prostituierten aus!“

Ab da war dann spätestens gute Laune. OK, einer von denen hat keine Luft mehr gekriegt, aber als sie ausgestiegen sind, war er noch nicht blau angelaufen. Mission erfüllt und echt schwäbische 40 Cent Trinkgeld bekommen 😉

25 Kommentare bis “Swabian Döner”

  1. MsTaxi sagt:

    Die hen di ja net aranza welle, die Xälzbäre warn nur neigierich *gg*

    …Schwäbisch schreiben ist noch schwieriger als Schwäbisch schwätze, find ich 🙂

  2. Landsmann sagt:

    Geb’s awwer ned alles uf oimal aus!

  3. Da ich ja nicht mehr wildfremd bin, wo steht denn jetzt dein Lieblingspuff? 😀

  4. anonym sagt:

    Das ist ja natürlich für einen recht schön, wenn man die Leute mit seiner Herkunft überraschen kann. Aber mal ganz ehrlich: Es ist ja nun kein großes Kunststück, grob ein Vierteljahrhundert irgendwo zu leben und sich dann dort auszukennen. Viel überraschender ist es, wenn man eine Stadt, in der man noch nie gelebt hat, trotzdem so gut kennt, daß man die Einheimischen damit verblüffen kann.

    Was Schwaben betrifft, so kenne ich ein paar. Es ist interessant, wie die Leute, wenn sie woanders leben, ihren Dialekt verlieren oder eben auch nicht. Bei manchen ist nichts zu merken, bei anderen sehr wohl oder wenigstens etwas. Wobei ich finde – ganz egal, aus welcher Ecke Deutschlands die Leute nun jeweils sind -, daß es günstiger ist für alle Beteiligten, daß man, wenn man dauerhaft in der „Fremde“ lebt, seinen ursprünglichen Dialekt „abwirft“, wenigstens weit(est)gehend. (Gut, das kann ich leicht sagen, ich bin halt aus Berlin.) Denn irgendwie ist es doch immer irritierend, wenn jemand stark bayrisch oder schwäbisch oder sächsisch spricht, obwohl er sich schon seit Jahren nicht mehr in seinem Stammland aufhält. Es gibt aber durchaus Leute, denen das offenbar völlig egal ist. Wenn man noch ein kleines bißchen vom ursprünglichen Dialekt bemerkt, finde ich das dagegen nicht weiter schlimm.

  5. Alf sagt:

    Hachja, Berliner Dönerpreise. Vor ~8 Jahren ging es mit der Schulklasse nach Berlin. Direkt vor der Jugendherberge gabs den Döner für 1€ und 1,5€ (wobei ich heute nicht mehr weiss worin der Unterschied lag). Für uns Dorfkinder natürlich wie Weihnachten auch wenn uns damals schon klar war, dass man nicht wissen will, was drinn ist. Es haben aber alle überlebt 😉

  6. anonym sagt:

    @ Alf
    Das Problem ist nur: Auch bei höherpreisigen Angeboten haben Sie letztlich keine Ahnung von den Inhaltsstoffen.

  7. sandra sagt:

    @anonym: damit haste wohl recht! 😉

  8. MannimMond sagt:

    Eine mir gut befreundete Lebensmittelchemikerin, die bei der Lebensmittelüberwachung arbeitet, gab mir mal den Ratschlag, niemals einen Döner zu kaufen, der unter 3 Euro kostet. Es habe ihrer Meinung nach Gründe, warum der Döner so preiswert wäre. Das wären vor allen Dingen hygienische Gründe und Gründe zwecks der Zusammensetzung des Dönerspießes an und für sich (die Bandbreite geht anscheinend von hochwertigem Fleisch bis hin zu gecutterten Schlachtabfällen).
    Ich habe den Tipp bisher befolgt.

  9. matthias sagt:

    im doener fuer 5 euro kann muell drin sein. im doener fuer 2 euro ist immer muell drin, geht wirtschaftlich nicht anders.

  10. Sash sagt:

    @MsTaxi:
    Schwäbisch schreiben ist ein Unding. Schon wegen der ganzen nasalen Laute ist das kaum möglich 🙁

    @Landsmann:
    I woiß ned, ob i’s mr verhebe koa…

    @Der Maskierte:
    Ganz oben auf der Liste 😉

    @anonym:
    Sicher ist das beeindruckender, Einheimische zu überraschen. Soll mir ja auch das ein oder andere Mal geglückt sein 🙂
    Dialekte sind meines Erachtens nach durchaus eine spannende Geschichte und ich finde es ok, wenn man den Leuten anmerkt, wo sie herkommen. Arrogant wird es halt dann, wenn man ein Verstehen blind voraussetzt.

    @MannimMond:
    Ist aber gar nicht so leicht, hier Döner für über 3 € zu finden 😀
    Ich halte nicht viel von so pauschalen Aussagen. Sicher sollte man sich umsehen, aber ich will ehrlich sein: Wenn ich einen Döner kaufe, erwarte ich kein Filet. Wenn man jetzt mal davon ausgeht, dass das Zeug nicht auf dem Fußboden zusammengekehrt wird, dann verstehe ich auch die Panik vor „Schlachtabfällen“ nicht. Sicher gibt es auch ungesundes Zeug, aber das Argument, dass es sonst in die Tonne gekloppt wird, finde ich ein Pro-Argument, es auch noch zu verbrauchen.

  11. bertil sagt:

    PIZZA!

  12. Sash sagt:

    @bertil:
    Social Networking ist cool 😀

  13. ednong sagt:

    Hach,
    da hab ich s ja als Hannoveraner mit dem Dialekt einfach 😉

    40 Cent Trinkgeld bei 6 Leuten – nicht mal 7 Cent/Person. Man, man, diese Schwaben immer …

  14. Sash sagt:

    @ednong:
    Ohne eigenen Dialekt fällt dafür das verstehen der anderen schwerer, oder?
    Aber ja: Das Trinkgeld war sehr stilecht…

  15. Daniel sagt:

    Und ich hoffe ja schwer, dass Du dich inzwischen über Leistungen und Preise der Freiberuflerinnen ausreichend informiert hast, um der nächsten Gruppe detailliertere Auskunft geben zu können 🙂

    Wobei… behaupten böse Zungen nicht, der schwäbische Orgasmus hörte sich so an: „G’heeret die Mebel elle Dir?“ *duckundweg*

  16. ednong sagt:

    @Sash
    Hm, denkst du, dass du als Schwabe Platt verstehen würdest? Ich bin der Meinung, wenn man ein wenig Sprachgefühl besitzt und langsam gesprochen wird (und ggf. vorher mal was in dem Dialekt gelesen hat), versteht man so einiges. Nur die Badener, die haben damals eindeutig zu schnell für mich gesprochen. Viel zu schnell. Dann bleibt’s halt beim „ja ja“ 😉

  17. Sash sagt:

    @Daniel:
    Es ist ja nicht so, dass ich nicht durchaus das ein oder andere gehört habe. Aber bei Fragen nach der Gesundheit der Damen oder nach Erfahrungsberichten muss ich dann leider wirklich passen.

    @ednong:
    Nein, richtiges Platt ist mir zweifelsohne zu fremd. Aber es ist ja doch so, dass man als Dialektsprecher eben sowohl die Hochsprache (aus der Schule, dem Fernsehen, vom Schreiben her) kennt und gleichzeitig eine Form der Abwandlung davon. Als gebürtiger Schwabe habe ich z.B. wirklich wenige Probleme mit Dialekten von Saarländisch über Hessisch und Bayrisch bis Sächsisch. Das entsprechende Fachvokabular fehlt mir zweifelsohne meist, aber die Aussprache vieler Worte stellt mich eigentlich nie vor Probleme – was meiner Freundin zum Beginn in meiner Heimat durchaus passiert ist.
    Aber das sollte natürlich auch nicht heissen, dass man das nicht lernen kann. Das wichtigste ist natürlich das Sprachgefühl, das ist unbestritten. Aber solange man sich auch hochsprachlich artikulieren kann, denke ich wirklich, dass ein Dialekt ein Vorteil sein kann (so komisch er sich vielleicht auch anhört 😉 ).

  18. @Sash

    Vorsicht mit dem Saarländischen. 😉 Es gibt die rheinfränkische und die moselfränkische Ausprägung, wobei die moselfränkische wieder eine ganz fiese Unterart hat, die fast nur diejenigen verstehen, die sie auch sprechen. Das ist die Urbevölkerung im Bereich Perl-Orscholz-Mettlach.

  19. @bertil: Gefällt mir! 😀

  20. Sash sagt:

    @Der Maskierte:
    Ich will ja keine Doktorarbeit darüber schreiben, es ging ja nur ums Verständnis. Einzelne Ureinwohner verstehe ich auch auf der schwäbischen Alb beim besten Willen nicht…

  21. @Sash

    Wie? Du willst über die Dialekte meiner wunderschönen Heimat keine Doktorarbeit schreiben? Nichtmal eine guttenbergen? Schäm dich! 😀

  22. Sash sagt:

    @Der Maskierte:
    Na gut.
    *schäm*

    Ok so?

  23. Zero the Hero sagt:

    Was im Döner drin ist: egal. Hauptsache gut durcherhitzt.
    Im Assibroiler (aka Bockwurst aka Currywurst) sind ja auch alle sonst nicht verkäuflichen Schweineteile drin;)

  24. Vivien sagt:

    Pinar kenn sogar ich als Hamburgerin 😉 Sehr lecker dort!

  25. Tjeika sagt:

    Ach, der Ützel Brützel ist ne Kette? Ich kenne nur den hier in Renningen… Und der Döner dort ist grottig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: