Betrunken ist keine Ausrede (1)

Viele meiner Kunden stehen unter Drogeneinfluss. Das ist, wie ich öfter erwähne, auch völlig in Ordnung für mich. Drogen (und damit meine ich auch Alkohol) sind in dieser Gesellschaft einer der verbreitetsten Gründe, ein Taxi zu nehmen. Und vom Prinzip her heißt das erst einmal, dass diese Leute Hilfe brauchen – nämlich ein Transportmittel.

Ob darüber hinaus noch was nötig ist, liegt – wenn kein akuter Notfall vorliegt – nicht in meinem Ermessen. Ich kann nur dafür sorgen, dass die Leute nach Hause kommen. Sicher und bequem. Dafür verlange ich Geld – allerdings nach einem gesetzlich geregelten Tarif – und ich denke, dass das eine faire Geschäftsbeziehung für alle Seiten ist.

Am Samstag morgen winkte mich kurz vor dem Ostbahnhof ein junger Mann heran. Er war stark alkoholisiert, hatte aber ein Grinsen auf den Lippen und wirkte nicht grundsätzlich unsympathisch. Ich bin von der Mühlenstr. rechts in die Str. der Pariser Kommune eingebogen und hab den Fahrgast aufgenommen. Das sollte ich noch für einen Fehler halten.

Der erste Ansatz eines Gespräches sah etwa so aus:

„Guten Abend!“

„Gssn aaa. Bssms NN!! Hassaa nn glb!“

„Entschuldigung, ich verstehe sie nicht so wirklich…“

„Mssn bei mn Frau!“

Aha, zur Frau also. Soll noch einer behaupten, man lerne nicht, auch Besoffene zu verstehen. Aber wo ist die Frau? Er ruderte mit den Armen grob in Richtung der Kreuzung Stralauer Platz / Andreasstr., was ich mir noch einmal bestätigen lies. Also wendete ich und wappnete mich zum Rechtsabbiegen auf den Stralauer Platz.

„Mssn da be Kussecke! Bmm!“

„Kurzstrecke? Kein Problem.“

Super. Es wird sowieso schwierig (hoffentlich ist die Frau nüchterner!), also beschwere ich mich mal nicht, dass die Fahrt nur kurz dauert.

Nun, ganz so kurz wurde es dann doch nicht. Nach einigen halbunverständlichen Gesten und Worten ohne Vokale standen wir vor dem Yaam! und er musste telefonieren. Was nun folgte, war irgendwie der Höhepunkt der Aktion: Woher ein Telefon nehmen? Fragen wir doch den Taxifahrer…

Grenzwertig!

Zum einen ist mein Handy ziemlich kaputt. Zum anderen: Hey, das ist auch noch mein Geld. Ganz davon abgesehen, dass wir mit einer Kurzstrecke auf dem Taxameter rumstanden – was so nicht vorgesehen ist im Tarif. Aber die Entscheidung dafür, ihn telefonieren zu lassen, sollte sich als nicht allzu schlecht herausstellen. Gefällt habe ich sie vor allem, weil der Kerl das Pfeifen wahrscheinlich gar nicht merkt, weil er offensichtlich nicht einmal in seiner Unterhose Geld finden konnte und weil ich so oder so 120 Freiminuten in alle Netze habe, die ich zusätzlich zu meiner Flat ins eigene Netz nie ausnutze.

Wie man sich ausmalen kann, war der gute Mann mit der Eingabe der Telefonnummer allerdings ziemlich überfordert. Also hab ich das auch noch für ihn übernehmen dürfen…

Und wie erwartet ist niemand rangegangen. Aber offensichtlich ist das alles kein Problem, der junge Mann sagte nämlich:

„Hssn a Drr de Gnn!“

Da hatte ich auch keine Ahnung, was er wollte, aber er gestikulierte, wir sollten weiterfahren. Gut, meinetwegen. Nach zwei weiteren Malen wenden, versuchen seinen Ausführungen zu lauschen und der puren Verzweiflung in mir standen wir dann an der Ecke Schlesische Str. / Falckensteinstr. Da müsste ich rein, sagten seine Hände zwischen den Phasen, in denen er die Augen schloss und ich blickte wütend und hilflos in die Falckensteinstr., die derzeit in diese Richtung gesperrt ist…

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie es dazu gekommen ist, dass er aussteigen wollte, aber letztlich kamen wir tatsächlich an den Punkt, an dem er beschlossen hat, in die Straße reinzulaufen. Was mir in Ermangelung eines Pfandes, bzw. in Ermangelung einer Aussicht darauf, dass er – das Geld seiner Frau erst einmal in der Hand – damit zu mir kommen würde, weil er wahrscheinlich im Stehen einschlafen würde – nicht so recht gefallen wollte.

Wollte ich also meine rund 7,60 € haben, müsste ich wohl hinterher. Verdammt!

Etwas umständlich und vorsichtig bin ich gegen jede Verkehrsregel rückwärts in die Falckenstein rein, aber es war natürlich zu spät. Der Kerl war im Dunkel der Nacht in irgendeine Ecke verschwunden und wahrscheinlich umgehend umgefallen. Fuck!

Mein Umsatz war so oder so mies und es ärgerte mich maßlos, dass dieser Trottel jetzt weg war!

Ohne Hoffnung hab ich mich kurz hingestellt, eine Zigarette lang gewartet und dann das Taxameter ausgemacht. Die 8,40 € hole ich mir wieder. Versprochen! Zunächst aber musste ich die letzte Stunde noch zum Geldverdienen nutzen…

(Fortsetzung folgt)

2 Kommentare bis “Betrunken ist keine Ausrede (1)”

  1. ednong sagt:

    Boooaaah, jetzt halten die Cliffhanger auch hier Einzug — schlimm! 😉

  2. Sash sagt:

    @ednong:
    Ja, ich weiss, dass das fies ist 😉

    In diesem einen Fall muss ich zu meiner Verteidigung aber sagen, dass es zu aktuell ist, um mehr zu schreiben…

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